Er verliert keine und keinen

Johannes 17, 9 – 19

9 Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein. 10 Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht.

            Hat Jesus bis hierhin seinen Weg, seinen Gehorsam ins Wort gefasst, so wechselt jetzt das Thema seines Betens immer mehr in Richtung „Fürbitte“. Gerade weil er nicht vergeblich an ihnen gehandelt hat, weil sie seinen Ruf gehört haben, weil sie ihn erkannt (17,7) haben, gerade darum bittet er für sie. Sie sind ja nicht nur seine Jüngerinnen und Jünger. Sie sind schon immer Gottes geliebte Leute, die Seinen (1,11) Weil sie ihn aufnahmen sind sie wirklich mitten in der Welt die Seinen. Und ihr Glauben lässt die Herrlichkeit Jesu aufleuchten.

            Der Glanz Gottes, die Herrlichkeit Jesu zeigt sich nicht auf dem Gesicht von Engel-Wesen, sondern in der Existenz von Menschen. Von Menschen, die Fehler haben und Fehler machen, die langsam zum Verstehen sind und manchmal schnell zum Zorn, die angefochten sind und ihre Haut zu retten suchen. Und doch: Ich bin in ihnen verherrlicht. Von diesem Wort Jesu lebt der Satz, den Christen Sonntag für Sonntag sprechen: Ich glaube die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…..

11 Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.

            Diese seine Leute soll der Vater bewahren. Erhalten in seinem Namen. Ihnen zur Treue helfen im Gegenwind der Welt. Es ist gut, sich zu erinnern: Das sind Bitten unmittelbar vor der Nacht, in der er verraten wird. Vor der Flucht der Jünger. Am Tag vor der Kreuzigung. Vor dem völligen Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen. Die Jünger werden nicht einfach tapfer weiter machen, die Sache Jesu nicht fahren lassen. „Die Kirche schafft, erhält, trägt, schützt, heilt sich nicht selbst.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991; S.245) Sie lebt von der Fürbitte des Sohnes vor dem Vater, so wie sie hier in diesem Gebet beginnt und in der Zeit niemals endet.

12 Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.

            Noch einmal wird es spürbar, wie sehr der Verrat des Judas schmerzt, auch Jesus schmerzt. Er ist nicht kühl einkalkuliert als Heilsnotwendigkeit. Wohl wahr: Sein Tun dient dazu, damit die Schrift erfüllt werde. Aber das ändert nichts daran: Er ist ein Verlust. Judas fehlt. Unersetzlich. Dieses Gebet überspringt den Schmerz Gottes nicht.

            Aber auch: ich habe keinen von ihnen verloren. Das ist der Blick Jesu auf sein Werk: Ich habe sie alle bewahrt. Dazu die Worte eines großen Bischofs: „Sein himmlischer Vater hat ihm alle Seelen, nicht bloß die Getauften ans Herz gelegt, alle, die Heidenwelt, Israel, das ganze, arme, abgestandene Christenleben, diese verzerrte Nachfolge, diesen Kirchentod und diese Kirchenlauheit, die Satten, die Sicheren, die im Bekenntnis Erstarrten, die Wortgläubigen, die Mundbekenner, die bequemen Märtyrer, die Salon-Christen. Er hat sie ihm alle anbefohlen, alle – und er verliert keinen, keinen.“ (Hermann Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S.82)

            Auch darin gilt: damit die Schrift erfüllt würde. Johannes hat nicht vergessen, was er als Wort Jesu aufgeschrieben hat: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (3,16) Es geht Jesus – und damit Gott – wirklich um alle. „Alle, alle, alle!“ wie es bei Heinrich Schütz in einer seiner Motetten heißt.

13 Nun aber komme ich zu dir und rede dies in der Welt, damit meine Freude in ihnen vollkommen sei.

            Und doch: Es gibt einen Weg über den Schmerz hinaus. Das Ziel des Betens Jesu ist die vollkommene Freude. Auch hier werden wieder frühere Worte aufgegriffen, so wie dieses ganze Gebet immer wieder zurückgreift auf früher schon einmal Gesagtes. „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“ (15,11) War das Wort zuerst ein Ruf in die Freude an die Jünger, so ist es jetzt eine Bitte, die den Vater sucht. Er mag es schenken, dass sich die Freude Jesu in seinen Jüngern erfüllt.

            In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.            Cyriakus Schneegass 1598, EG 398

14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

            Es ist ein schreiender Gegensatz: die Jünger bergen sich in die Worte Jesu und diese Worte bringen ihnen gleichzeitig den Hass der Welt ein. Sie haben einen Halt in seinem Wort und dieser Halt macht sie der Welt fremd. Es ist das Wort Jesu, das sie der Welt entfremdet. Nicht irgendwelche sonderbaren und leicht antiquierten Riten. Nicht eine Sprache, die von gestern ist. Das Wort, aus dem sie leben trennt sie von der Welt. Wer aus den Kräften der Welt lebt, das Machtspiel mitspielt, die Werte der Welt verinnerlicht – der erfährt keine Feindschaft. Wer aber sich an das ihm gegebene Wort bindet, der gerät in Widerspruch und Widerstreit.

            „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“(Apostelgeschichte 5,29) Mit solchen Worten macht sich keiner Freunde, klingt das doch sehr nach begrenzter Loyalität und nach dem Vorbehalt, im Zweifelsfall aus der Reihe zu tanzen. „Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“(1. Korinther 1, 25) Wer so etwas sagt, stellt die Herrschaft der autonomen menschlichen Vernunft radikal in Frage. Freunde unter den Weisen der Welt macht man sich damit nicht.

            Und, um nur einen Laster-Katalog zu zitieren: „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.“ (Galater 5, 19-21) Ist es nicht so: Das ist Alltagsmoral auf allen Ebenen, nicht nur zur Zeit des Paulus. Wer ernsthaft behauptet, dass unser Tun vor Gott gegen uns sprechen könnte und nicht gleichgültig ist – so wie die Liebe ja auch nicht gleichgültig ist – der muss sich heute schon Fragen gefallen lassen, an was für einen Gott er denn glaubt und ob Gott wirklich so engstirnig und antiquiert moralisch sein könnte, wie er tut.

            Das alles gilt es, als Widerspruch der Welt, als ihre Distanz, als ihr überlegenes Kopfschütteln auszuhalten. Ich scheue mich, diese gegenwärtige Erfahrung Hass zu nennen, weiß aber, dass es auch heute Gegenden in der Welt gibt, in denen aus der Fremdheit der Christen in der Welt blanker Hass wird, der blutige Opfer fordert.

15 Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. 16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

            Das dürfen wir nie vergessen, nie überspringen: Der Ort der Gemeinde Jesu ist die Welt. Kosmos, κόσμος. Das Johannes-Evangelium hat keine negative Sicht von der Welt, ist sie doch die Schöpfung Gottes. Auch wenn sie sich dem Gesandten Gottes verweigert, ihn nicht aufnimmt, der in sein Eigentum kommt (1,11). Diese Welt bleibt sein Eigentum!

            Die Gemeinde Jesu soll und darf darum nicht in einer heiligen Sonderwelt leben wollen. Sie soll sich der Welt nicht verweigern, sondern in ihr leben. Aber sie soll sich der Welt auch nicht gleichstellen. Das meint wohl die so missverständliche Formel von der „Entweltlichung“ Benedikts XVI. Sich nicht dem Regelwerk der Welt unterwerfen. Sich nicht der eigenen Freiheit berauben durch Anpassungen und Existenzängste.

            Eine Zwischenbemerkung: Klöster und Communitäten sind der Versuch, das als Gemeinschaft in Lebenspraxis umzusetzen. Sie sind nie Flucht vor der Welt, sondern Einübung in ein gemeinschaftlich-widerständiges Leben.

            Was Jesus für die Gemeinde erbittet, ist Bewahrung. Bewahrung und Bewährung. Das hängt ja so eng zusammen. Bewahrung vor dem Bösen ist nicht der Schutz vor allem Unheil. Es ist die Bewahrung davor, sich irgendwann doch enttäuscht abzuwenden und abzusagen, sich zu ergeben in den Lauf der Welt und resigniert zu sagen: Das mit dem Glauben war nur ein schöner Traum. Bewahrung ist die Kraft, auch in allem Unheil festzuhalten am Glauben, sich zu bergen in der Liebe Gottes, seine Zuversicht nicht zu verlieren, dass Gott am Ende doch mit uns an sein Ziel kommt.

            So wie Gott mit Jesus durch Kreuz und Auferstehung an sein Ziel kommt, so wird er auch mit uns an sein Ziel kommen. Warum? Nicht, weil wir so tapfer glauben, sondern weil wir durch den Glauben Anteil an seinem Sein gewinnen. Christsein ist mehr als eine irgendwie geartete religiöse Überzeugung zu haben. Es ist eine neue Existenz, ein Leben auf neuem Grund. In der Welt, aber nicht von der Welt, eingewurzelt, „eingeleibt“ in Jesus Christus. Oder, wie Paulus es sagt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,18)

            Nebenbei: In dieser Bitte bewahre vor dem Bösen klingt das Vaterunser an, das im Johannes-Evangelium ja nicht wörtlich vorkommt. Aber Anklänge gibt es doch, wie auch in der anderen Bitte: „Erhalte sie in deinem Namen.“ (17,11) und in dem ständigen Suchen Jesu nach der Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters.

17 Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. 18 Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.

            So, als in Jesus gegründete Gemeinde, die an ihm bleibt, steht sie der Welt gegenüber. Dass das so bleibt und nicht nur eine Augenblickserscheinung ist, darauf zielt die Bitte: Heilige sie in der Wahrheit. Es geht um die Beständigkeit des Glaubens, Um das Bleiben in der Wahrheit. Das Bleiben am Wort. Mit dem Heiligen wird die Gemeinde zum Gegenüber zum Profanen, zur Welt. Sie ist abgegrenzt, auch ausgegrenzt, aber nicht eingeigelt. Sie ist „Kontrastgesellschaft“(N.Lohfink). Nicht, weil sie aus sich selbst heraus so anders wäre, sondern weil sie einen anderen Lebensgrund hat, Jesus.

            Und sie hat, so gegründet, eine Aufgabe in der Welt. Sie setzt die Sendung des Sohnes fort. „Die Existenz der Gläubigen in der Welt ist nach johanneischem Verständnis durch die Sendung bestimmt. Die Mission ist der Beruf der johanneisch verstandenen Jünger schlechthin.“ (S. Schulz, Das Evangelium. nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975; S.217) Das ist die Bringschuld, die die Kirche in der Welt hat: Sie soll Zeuge sein in der Spur des Gesandten, Zeuge für die Liebe, die bis zum Äußersten geht.(13,1)

 19 Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.

            Der Bitte Jesu um die Heiligung der Gemeinde korrespondiert sein: Ich heilige mich selbst für sie. Aus dem Zusammenhang heraus muss man wohl lesen: Ich gebe mich für sie. Ich opfere mich für sie. Hier taucht, was sonst selten genug im Johannes-Evangelium steht, υπέρ auf: für. Wir kennen das Wort aus den Abendmahlsworten: Für euch. „Jesus, der Heilige Gottes (6,69) erweist seine Heiligkeit darin, dass er sich für die Seinen opfert.“ (R. Bultmann Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 391) Indem Jesus sich selbst gibt, stellt er seine Gemeinde hinein in seinen Lebensvollzug, seine Wahrheit. In sein Eins-sein mit dem Vater.

Höher als alle Vernunft
stärker als alle Kraft
tiefer als alle Angst
reicht Deine Liebe
Jesus

Und ich berge mich in sie
ohne sie zu begreifen
Ich suche sie
ohne ihr jemals entsprechen zu können
Ich spüre sie und bin doch zugleich so weit weg
sie zu fassen
Es ist Deine Liebe
die mir den Himmel öffnet
mir die Angst vor dem ewigen Gott nimmt
mich sorglos werden lässt über mein Leben
ob es denn reichen wird
um vor Dir zu bestehen

Es ist Deine Liebe
die keinen verloren gibt
mich auch nicht.
Dafür danke ich Dir. Amen