An jenem Tag

Johannes 16, 25 – 33

25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.

            Das meint nicht nur die Worte dieses Abends. Es meint die ganze Verkündigung Jesu. Sie war den Jüngern oft genug „Bilderrede“, „Rätselrede“, beides ist eine mögliche Übersetzung von παροιμίαι, einem Wort, das sonst außer bei Johannes nur noch einmal im Neuen Testament gebraucht wird, und da bedeutet es Sprichwort (2. Petrus 2,22) Hier geht es darum, dass die Worte Jesu den Jüngern verborgen sind in ihrer tieferen Wahrheit. Sie sind so oft an den äußeren Worten hängen geblieben.

            Jetzt aber kommt die Zeit, in der alles klar wird, durchsichtig, transparent. Die Wirklichkeit des Vaters leuchtet auf. Jesus redet frei heraus. Da steht mit παρρησία – Parraesia -das Wort, das oftmals für die freimütige Verkündigung der Jünger gebraucht werden wird. Der Freimut der Jünger entzündet sich an diesem freimütigen Reden Jesu.

26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

            Wieder: an jenem Tage. Wenn das Fragen zu Ende gekommen ist, fängt das Bitten im Namen Jesu an. Das könnte ja zusammen hängen. Wenn es keine Fragen mehr gibt, wenn alles klar ist, dann ist auch er in seiner Herrlichkeit „klar“. Und es nimmt dem Vater keine Ehre, wenn wir ihn bitten. Und alles, was wir ihn bitten, kommt auch zugleich beim Vater an. Jesus muss nicht unser Postbote bei Gott sein. Was ihm gesagt ist, ist dem Vater gesagt.

            Die Begründung Jesu verweist einmal mehr auf den inneren Kreislauf der Liebe: Weil die Jünger Jesus lieben, den der Vater liebt, liebt der Vater die Jünger. Und sie sehen, was die Welt nicht sehen konnte: Dass Jesus vom Vater gekommen ist und dass er zum Vater geht. Das ist so etwas wie ein urchristliches Grundbekenntnis, diesmal Jesus selbst in den Mund gelegt. Aber die Gemeinde glaubt ja, dass sie nichts von Jesus glaubt, bekennt, was nicht auf ihn selbst, seine Worte und sein Tun, zurückgeht.

            Noch einmal: Ihr werdet bitten in meinem Namen. Es zieht sich durch die letzten Worte Jesu hin: „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn.“(14,13), einen Vers später (14,14) wortgleich wiederholt. Und unmittelbar vor dem obigen Vers: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ (16,23) Was so oft zur Sprache kommt, signalisiert besondere Bedeutung.

           Ich versuche es, so zu sagen: Das ist das Neue im Glauben der Jüngerinnen und Jünger, im Glauben der Christen. Der Schritt über das erlernte Beten in der jüdischen Tradition hinaus. Der Name Jesus wird zum Gebetsruf. Sie beten nicht nur wie er, in seiner Spur, angeleitet durch ihn. Sie beten in seinem Namen. Sie rufen ihn an, betend, bittend, klagend, hoffend. Er wird zur Adresse, in der sie sich an Gott wenden. Nicht mehr nur der unaussprechliche Name des Hochgelobten. Jetzt gibt es diesen Namen: Jesus, Jeschua. Gott hilft.

            Ich hänge immer noch an der Formulierung: an jenem Tage. Es gibt die Neigung unter Exegeten, Johannes die Orientierung in die Zukunft abzusprechen. „Präsentische Eschatologie“ nennt sich das. Jeder Augenblick ist ewigkeits-durchdrängt, deshalb braucht es keine zukünftige Ewigkeit. Im Hier und Jetzt entscheidet sich alles.

            Wahr ist, dass Johannes auf die Bilder der kommenden Zukunft verzichtet: Kein Weltenbrand, kein kommendes Jerusalem, kein sichtbares Reich Gottes, in glühenden Farben beschrieben. Wahr ist aber auch, dass Johannes, gewissermaßen in die Unscheinbarkeit verpackt, die Zukunft anspricht: „noch eine kleine Weile“ (13,33; 16,16; u. a.), „an jenem Tage“(16,23; 16,26), „dann“. Vielleicht redet er deshalb so zurückhaltend von der Zukunft, weil es um ihn herum von Zukunftsschilderungen nur so wimmelt, jüdischen, christlichen, wohl auch heidnischen. In einer Welt, die den Weltuntergang lebhaft beschreibt, ist Zurückhaltung geboten, damit die eigene Sicht nicht verwechselbar wird mit dem, „was man so sieht“.

29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. 30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.

            Wie schön: Jetzt haben wir verstanden. Endlich Klartext. Jetzt ist unser Bild von Dir klar. Eindeutig. Muss man die Jünger nicht dafür loben? Und sie wiederholen ja nur, was Jesus selbst eben gesagt hat. Ich bin vom Vater ausgegangen – du bist von Gott ausgegangen. Da kann man doch gar nichts falsch machen.

            Es gibt auch heute eine Neigung, einfach biblische Worte aneinander zu reihen. Nicht nur in Lobpreis-Liedern. Da stimmt doch dann alles. Wer „biblisch“ redet, ist auf der sicheren Seite.

31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? 32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst.

            Warum muss der Herr Jesus da so kritisch reagieren? Sein Fragen liegt auf einer Linie mit anderen Zurückweisungen. So, wenn er den Jüngern sagt: „Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.“(13,33) Wenn er Petrus sagt: „Du willst dein Leben für mich lassen?“(13,38) Immer, wenn die Jünger meinen: Jetzt haben wir es, dann holt sie Jesus aus der Selbst-Sicherheit heraus. Es gibt keine Selbst-Sicherheit des Glaubens. Es gibt die Gewissheit, die sich an ihn hängt und sich von ihm halten lässt. Mehr nicht.

            Es gibt keinen Glauben, den man hat, wie man einen Führerschein hat. Es gibt den Glauben immer nur als Bewährung im Jetzt. „Es wird sich in Kürze zeigen, durch welche Anfechtungen ihr Glauben hindurch muss, in welchen Bedrängnissen er wird standhalten und sich bewähren müssen.“ (G. Voigt,Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991 S.240) Das schließt ihr Scheitern mit ein.

            Über den Abend vor Golgatha hinaus gilt: „Die historische Situation der Jünger beim Todes Jesu repräsentiert die sich stets wiederholende Situation der Glaubenden. Immer wieder scheint die Welt zu siegen und immer wieder wird der Glaubende wankend und sucht seine Zuflucht im Heimischen und lässt Jesus allein.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957; S.456) Das alles sieht Jesus kommen und sagt es ohne Bitterkeit. Er sagt es seinen Jüngern und Jüngerinnen zu allen Zeiten, um sie zu bewahren, auch davor zu bewahren, dass sie sich ihre Flucht nicht vergeben können und für immer gefangen bleiben, jede und jeder in der je eigenen Einsamkeit.

Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.

            Und wenn sie ihn allein lassen, wird er doch nicht allein sein. Der Vater ist bei mir. Es liegen Welten zwischen diesem Satz und dem Aufschrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen.“(Markus 15,34)

            In Citta della Pieve in der Nähe von Perugia bin ich erstmals auf ein Kreuzigungsbild gestoßen, das nicht den einsamen Jesus am Kreuz zeigt. Um ihn herum sind die Engel Gottes. Klagend, aber doch da. Die Menschen sind weg, aber die Engel Gottes sind nah. Jesus stirbt nicht in einen leeren Himmel hinein, auch nicht in einer gottlosen Welt. Er stirbt, hängend zwischen Himmel und Erde, erhöht. Und der Vater ist bei ihm. Nicht erst an Ostern. Schon im Tod am Karfreitag.

33 Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

            Von sich weg weist Jesus auf die Jünger. Es geht ihm immer um sie. Damit ihr in mir Frieden habt – darum redet er so zu ihnen. Seelsorge im Angesicht der Angst. Seelsorge im Dunkel der Nacht. Solche Seelsorge muss nichts schön reden. Die Welt ist ein Ort voller Angst – nicht nur für die Jünger. Aber auch für sie. Obwohl sie geborgen sind in seine Liebe, werden sie Angst erfahren. Die Welt wird ihnen Angst machen – mit ihrer Feindschaft, ihrem Hass, mit ihrer Feststellung: Ihr seid weltfremd.

            Es ist das Wesen der Jüngerschaft, dass sie gelebt wird in einer Welt, die Angst macht, die sich feindselig erweist. „In der Welt wird der Glaube immer bedrängt sein.“ (S. Schulz, Das Evangelium. nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975.; S.208) Das haben wir in der westlichen Welt lange Zeit nicht wahr haben wollen, die wir an die Deckungsgleichheit von Bürgergemeinde und Christengemeinde geglaubt haben. Allmählich zerreißt dieses Bild und stellt sich als Illusion heraus. Und immer noch wehren sich unsere Landeskirchen dagegen und suchen Anerkennung, wo ihnen längst die kalte Schulter gezeigt wird.

            Es wird den Abschied aus diesem Bild brauchen, bis wir es wieder erfahren: Der Friede Jesu geht tiefer. Er gilt in der friedlosen Welt. Er trägt und hüllt in eine Geborgenheit ein, die nicht von der Welt ist. Es gibt ein getrostes Leben in der Welt, das sich aus anderen Wurzeln nährt als aus der Freundschaft mit der Welt. Aus dem Sieg Jesu. Aus der Gegenwart des Trösters, des Beistandes, des Parakleten, der uns das Bild des Siegers vor Augen malt.

         Schweigen müssen nun die Feinde vor dem Sieg auf Golgatha
         Die begnadigte Gemeinde sagt11 zu Jesu Wegen Ja.
        Ja, wir danken Deinen Schmerzen. Ja, wir preisen Deine Treu
       Ja, wir dienen Dir von Herzen. Ja, Du machst einst alles neu.
                          Friedrich von Bodelschwingh 1937, EG 93

Herr Jesus
alle Treueschwüre fallen mir schwer
Ich habe Angst
dass ich sie nicht einlösen werde
dass ich weglaufe
mich in Sicherheit bringe

Du aber hast die Treue gehalten
die Liebe durchgehalten
als wir alle von ferne standen
Du hast den Schmerz getragen
den Hass gespürt
die Kälte des Todes
Das Dunkel hat Dich umhüllt

Und im Dunkel ist der Vater bei Dir. Amen