Alle Fragen: aufgehoben in ihm

Johannes 16, 16 – 24

16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? 18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.

            Wenn jemand wie Johannes so umständlich wird in seinem Sagen, ist das kein Zeichen dafür, das er ein bisschen senil ist, sondern dann hat das Bedeutung. Warum ist es so wichtig mit der kleinen Weile, dass sie gleich fünfmal in diesen wenigen Sätzen zur Sprache kommt? Μικρόν steht da – klein. „Über ein Kleines“ hieß es in der alten Luther-Übersetzung. „In Kürze“ könnte man auch sagen.

            Als Erstes legt sich natürlich das Geschehen der Passion nahe. Jesus wird seinen Jüngern genommen werden. Sie werden ihn nicht mehr sehen. Er wird verschwinden im Haufen der Häscher. Und wenn sie ihn wieder sehen werden, dass ist es zum Erschrecken – schändlich zugerichtet, verunstaltet durch die Folter. Dann wird er hochgezogen am Kreuz, „erhöht“ und nach dem Sterben ins Grab gelegt. Auch da werden sie ihn nicht mehr sehen. Sie werden ihn suchen im Grab – aber das Grab wird leer sein. Vergebliches Suchen.

            Aber dann, wenn sie mit ihrem Suchen am Ende sind, werden sie ihn wieder sehen. Wie er in ihre Mitte tritt. Wie er ihnen neu begegnet. Wie er sie neu ruft, ihnen den Geist gibt, sie sendet. Auch das wird ja in Kürze sein, nach einer kleinen Weile.

            Es ist kein Wunder, dass die Jünger das nicht verstehen. Da wird ihnen angesagt, was ihr Verstehen und ihre Erfahrung übersteigt. Und doch ist es so wichtig, dass dieser Hinweis gleich fünfmal erfolgt.

19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?

            Es gehört für mich zu den wunderbaren Zügen des Johannes-Evangelium, dass dieses Evangelium mit seiner hochfliegenden Denke so bodennah ist und Jesus so liebevoll zeigt. Er wendet sich den Jüngern, die nicht verstehen können, erneut zu. Er greift ihr Fragen auf. Er macht sie nicht fertig: Wann endlich seid ihr so weit, dass ihr begreift? Es ist gut, an einen Jesus glauben zu dürfen, der nicht erwartet, dass wir auf Anhieb verstehen, begreifen, durchschauen. Wir dürfen Fragende sein – über die lange Zeit unseres Lebens hin. Mag sein, die Ereignisse eilen, unser Verstehen muss nicht mit dem Tempo der Ereignisse Schritt halten können.

20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.

            Jesus bereitet seine Jünger vor: Ihr werdet einer Welt gegenüber stehen, die sagt: Endlich ist er weg. Ihr werdet einer Welt gegenüber stehen, die sich an eurem Schmerz und eurer Traurigkeit weidet. Ihr werdet einer Welt gegenüber stehen, die meine Kreuzigung als ihren Sieg feiert und eure Tränen lächerlich findet. Ihr werdet keine Antworten haben auf die hämischen Fragen: Wo ist denn nun euer Gott? Warum hat er ihn hängen lassen? Warum wohl? Und während die Welt feiert, werdet ihr trauern, weinen und klagen.

            Etwas anderes dürft ihr nicht erwarten. Wenn ihr damit rechnet, dass sie euren Schmerz anerkennen, dass sie Respekt vor eurer Trauer haben, dass sie deshalb ihre Feste verschieben, leiser feiern, dass sie aus Respekt vor Eurem Glauben nicht tanzen – dann täuscht ihr euch über den Triumph der Welt. Es ist eine Illusion, dass sie euch respektieren. Die Welt kennt keinen Respekt vor der Trauer um einen gekreuzigten Menschensohn.

            Aber die Welt wird nicht das letzte Wort haben. Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Es ist Erinnerung an Jesu frühere Worte „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“(15,11) Das hat Jesus ihnen immer wieder als Ziel vor Augen gehalten, dass sie eingehen sollen in seine Freude, teilhaben an seiner Freude. Er ruft sie in die Freude, die bleibt, die nicht vergeht.

21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

            Es ist wahr: Jetzt leiden sie. Aber mit dem Bild von der gebärenden Frau wird dieser Schmerz als endlich gekennzeichnet – und als fruchtbar. Er bringt neues Leben hervor. Er ist eine vorübergehende Erscheinung, ein notwendiger Durchgang.

            Dabei ist es schon wichtig: Mit diesen Worten ist keine Legitimation aller Schmerzen ausgesagt, Es gibt unfruchtbaren Schmerz. Es gibt Schmerz, an dem es keinen Sinn zu finden gibt. Und erst recht ist es mit diesen Worten nicht erlaubt, anderen Schmerzen zuzumuten, sie ihnen regelrecht aufzureden.

            Der Schmerz der Geburt wird ertragen um des neuen Lebens willen. Nicht deshalb, weil Schmerzen einfach zum Leben dazu gehören. Auch nicht, weil sie die tiefe Abhängigkeit von Gott ans Licht bringen. Nur um des neuen Lebens willen.

22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

            Jetzt, in der Stunde der Passion, erfahren sie Traurigkeit ohne Ende. Sie verstehen es ja noch nicht. Aber dann, wenn sie wieder vor ihm stehen, dann wird sich die Trauer wandeln. Johannes schreibt sein Evangelium wohl 50, 60 Jahre nach dem Geschehen in Jerusalem. Und doch ist immer noch etwas zu spüren davon, wie dieses Geschehen den Jüngern und Jüngerinnen den Boden unter den Füßen wegzieht. Aber es ist eben auch schon sichtbar: Da ist die große Wende geschehen, die die Trauer in Freude gewandelt hat. Und diese Freude des Ostertages reicht bis in die Ewigkeit. Sie darf und kann ihnen niemand nehmen.

            Auch wenn das Stichwort Freude nicht fällt – genau davon spricht auch Paulus: „“Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,38-39)

23 An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.

               Das ist einer der Sätze, die ich liebe, auf die ich zu-lebe. Noch eine kleine Weile, dann wird die Zeit der Fragen zu Ende sein. Bis dahin gehören die Fragen zum Leben. Solche, die mir zu schaffen machen. Solche, die mich schmerzen. Solche, denen ich auf die Spur kommen möchte. Aber es kommt der Tag, da sind alle Fragen überholt. Nicht überflüssig, aber überholt. Weil ich ihn sehen werde, wie er ist. Ihn schauen, von Angesicht zu Angesicht. Den, an den ich glaube, der mich hält, unsichtbar, unbegreiflich sanft. Dann, erst dann, wird alles gut sein.

 „Noch eine kleine Weile, dann ist’s gewonnen.
Dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen.
Dann werd’ ich laben mich an Lebensbächen
und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.“              Grabinschrift S. Kierkegaard

             Es ist gut, auf diesen Tag warten zu dürfen. Er wird kommen. Und mit ihm die Freude. „Das ist das Wesen der Freude, das in ihr alles Fragen verstummt und alles „selbstverständlich“ ist.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S.449) Darauf leben wir schon heute zu.

            Vielleicht muss und darf man diesen Ausdruck noch eine kleine Weile auf diesem Hintergrund noch einmal anders lesen. Bis dahin gibt es nur die Erfahrung des Glaubens, hier, jetzt. Aber nie als Besitz. Nie als die gedehnte Zeit. Wir können die Erfahrungen des Glaubens nicht über den Augenblick hinaus festhalten. „Und möcht‘ zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön.“ (Goethe, Faust) ist schon im Faust als die große Versuchung, die den Tod in sich trägt, gekennzeichnet. Ein Glaube, der mehr will als den Augenblick, als die Gegenwart, verliert sich selbst. Genau das geht im Glauben nicht. Es gibt ihn immer nur in der Form des Μικρόν.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. 24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.

            Kein neues Thema, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint. Durch das doppelte αμήν αμήν wird es unterstrichen: Jesus, der ihnen Anteil an seiner Freude gibt, der nimmt sie auch in sein Beten hinein und darin dürfen sie gewiss werden. Hatte er ihnen mit dem doppelten Wahrlich, wahrlich die „Schadenfreude der Welt“ (16,20) und die eigene Traurigkeit angesagt, so sagt er ihnen jetzt mit den gleichen Worten die Erhörung allen Betens zu. Mehr noch: Darin, in diesem Erhört-werden, werden sie erfahren, wie ihr Freude vollkommen ist. Nichts wird mehr fehlen. Freude in Fülle.

„Nada te turbe nada te espante; quien a Dio tiene nada le falta.
Nada te turbe, nada te espante; sólo Dios basta.“

Lass dich nichts ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber
Gott allein bleibt derselbe. Wer Gott hat der hat alles. Gott allein genügt.
Theresa von Avila (nach Taize)

Herr Jesus
wie oft habe ich es gehört
Wer zuletzt lacht…
Wie oft habe ich es gehört
Wir haben nichts zu lachen

Du aber öffnest uns die Zukunft und zeigst uns
Dann wird unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Rühmen sein
wenn wir Dich sehen in Deiner Herrlichkeit
die Wunden Deiner Liebe und es spüren
Alles ist gut
In Dir
Bei Dir. Amen