Schicksalsgemeinschaft mit Jesus

Johannes 15, 18 – 16,4

18 Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

            Das mag ein Wechsel sein. Ist das Wesen der Jüngerschaft Liebe, so ist das Wesen der Welt Hass – Hass auch auf die Jünger. Ihnen widerfährt, was Jesus widerfahren ist: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11) Dabei ist die Welt durchaus liebesfähig – sie liebt, was ist wie sie selbst. Aber sie liebt dieses Fremde, diesen Fremden und mit ihm diese Fremden nicht. Das wird ja später sogar eine Benennung der Christen: „An die auserwählten Fremdlinge“ (1.Petrus 1,1) Dass sie zu Christus gehören, das macht die Christen weltfremd, entfremdet sie der Welt. Das ist aber, so gewendet, nicht gleichzusetzen mit lebensuntüchtig oder gar lebensuntauglich. Nur: Sie sind von anderer Art.

20 Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.

            Schicksalsgemeinschaft. Eintreten in die Jüngerschaft verbindet auch in der Weise mit Jesus, dass den Jüngern widerfährt, was er erleidet. Das hat sich in den ersten Jahrhunderten der Christenheit ja an vielen buchstäblich erfüllt. Sie haben Verfolgung erlitten. Sie sind dahin gegeben worden in den Tod – um Jesu willen.

            Dies hat Jesus ja zuvor schon gesagt. Das Wort aus der Fußwaschung (13,16) wird hier aufgegriffen, aber verändert. Dort ist es Einweisung in die Lebenspraxis der Hingabe: Wenn der Herr dient, wie viel mehr die Jünger. Hier ist es die Voraussage: Ihr werdet erfahren, was auch ich erfahren habe. Seid also nicht erstaunt, dass euch das geschieht. „Aus Wesensverbundenheit folgt Schicksalsgemeinschaft“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957; S.424) Einem Christentum, dass in der Steigerung der äußeren Lebensqualität seinen Wahrheitserweis sieht, redet Johannes jedenfalls nicht das Wort.

            Aber umgekehrt gilt auch: Wo das Wort Jesu aufgenommen worden ist, wo es gehalten wird, da finden auch die Jünger Gehör, da werden auch sie aufgenommen. Eines der schönsten Beispiele ist Lydia, die erste Christin in Europa. „Der tat der Herr das Herz auf… Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns“(Apostelgeschichte 16,14.15) Es ist die Erfahrung der ersten Gemeinde: Wo es zum Hören des Wortes Jesu in den Worten der Boten kommt, da entsteht ein anderes Hören auch auf die Worte der Boten.

21 Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

            „Der Grund für diesen Hass wird aufgedeckt: Es ist die völlige Unkenntnis Gottes, des Vaters des Gesandten.“(S. Schulz, Das Evangelium. nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975.; S.201) Weil sie Jesus nicht als den Gesandten erkennen, kennen sie auch Gott nicht. Das sind Sätze, die an frühere Worte Jesu erinnern: „Der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben. Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen,; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.“(6,37.38) Man muss es sich wohl ehrlicherweise eingestehen: Mit Johannes ist eine Verständigung über einen „allgemeinen Gottesglauben“ – „wir glauben doch alle an einen Gott“ – nicht zu haben. Bei ihm ist die Erkenntnis Gottes streng an den Glauben an den Sohn Jesus gebunden.

22 Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, um ihre Sünde zu entschuldigen. 23 Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater. 24 Hätte ich nicht die Werke getan unter ihnen, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie es gesehen, und doch hassen sie mich und meinen Vater.

           Erst mit dem Auftreten Jesu wird Blindheit als Sünde unentschuldbar. Wer ihn vor Augen hat, der hat keine Ausrede mehr. Er hat ja in ihm das Bild des Vaters vor Augen. Wer seine Werke sieht, der sieht ja Zeichen, die auf den Vater hinweisen. „Die Welt müsste sich gegen Jesus Christus nicht sperren, aber sie tut es… Jesu Wort fordert nicht nur Antwort, es eröffnet auch die Chance zu neuem Leben. Wer es nicht hören und annehmen will, dem ist nicht zu helfen.“ (G. Voigt, aaO.; S. 234)

25 Aber es muss das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetz geschrieben steht: »Sie hassen mich ohne Grund« (Psalm 69,5).

            Bleibt wieder der Hinweis, dass das längst zuvor gesehen ist, angesagt in ihrem Gesetz. Hier darf ich wohl die Auseinandersetzung mit der Synagoge hören, in die die Gemeinde des Johannes geraten ist. Es ist nicht mehr das Gesetz, schon gar nicht unser Gebot (15,12). Es ist ihr Gesetz. Umso schlimmer. Das Wort, auf das sie sich berufen, stellt sich gegen sie.

            Es ist eine Argumentation, die auf einer Linie liegt mit früheren Worten Jesu: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“(6, 39.40) Das sind harte Anklagen, vielleicht in ihrer Schärfe verständlich aus der Situation der Konfrontation zwischen jüdischer Muttergemeinde und christlicher „Tochter“. Uns bleibt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsanspruch dieser Worte durch solche Hinweise aber nicht erspart.

26 Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

            Mir will es wie eine Antwort erscheinen auf die Fremdheit von der Welt, auf den Hass der Welt: Der Tröster wird kommen. Das ist das Versprechen Jesu. In eine Welt, die sich von ihm absondert, sendet er mit dem Vater, durch den Vater den Geist. Tröster und Beistand, Fürsprecher und Rückenwind. Der das Zeugnis vorsagt, so dass es die Jünger nachsagen. Der vorspricht, damit sie nachsprechen.

          Diese Doppelung ist kein Zufall. Sie ist sachlich begründet. Der Geist redet durch das Zeugnis der Jünger und er befähigt zum Zeugnis. Das Zeugnis des Geists dispensiert nicht von der Verantwortung für das eigene Reden, sondern es setzt es regelrecht in Bewegung. Und gibt ihm Kraft. Vollmacht.

            Das ist das Versprechen Jesu an die Jünger. Sie sind seine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Kommentare heben gerne darauf ab, dass dieses Zeugnis mehr ist als „ein historischer Bericht von dem, was war“(R. Bultmann, aaO.;, S. 427) Mir dagegen fällt Lukas ein, der erzählt, was für die Nachwahl des Judas-Ersatzes wichtig ist: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein und aus gegangen ist, von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ (Apostelgeschichte 1,21-22) Dafür stehen die Zeugen Jesu, dass sie von seinem Weg erzählen, dass sie ihn bezeugen als den, der den Weg Gottes gegangen ist und den Gott nicht in den Toten gelassen hat. Das ist gewiss mehr als nur ein historischer Bericht. Aber es nimmt zugleich ernst, dass da auch ein Weg erzählt wird, der irdische Spuren hinterlassen hat.

            Eine letzte Beobachtung, die den deutschen Text korrigiert. Wörtlich steht da: Ihr seid von Anfang an bei mir. Ohne gewesen. Präsenz. Nicht Vergangenheit. Das Zeugnis lebt von dem gegenwärtigen Herrn. Es ist nie nur Erinnerung. Es ist auch Erinnerung, aber eben Erinnerung an die Gegenwart. Schlicht gesagt: Weil Jesus lebt, reden die Christen von ihm. Weil sie ihn erfahren, gegenwärtig im eigenen Leben, können sie nicht von ihm schweigen. Und der Geist schenkt den Mut zu solchem Reden.

16, 1 Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt.

            Es ist oft so: Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, kann ich mich darauf einstellen. Darum bereitet Jesus seine Jünger vor, damit ihr nicht Ärgernis an mir nehmt. So kann man das griechische Wort σκανδαλισθη̃τε auch übersetzen. Das gleiche Wort steht in der Antwort Jesu an den Täufer Johannes: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11, 6) Davor will Jesus die Jünger bewahren, dass sie sich abwenden von ihm, um sich ihrerseits die Abwendung der Menschen im Umfeld zu ersparen – und damit die „Seligkeit“ verspielen, die Verbindung zu ihm.

2 Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.

            Ausblick nach vorne oder Blick in die Gegenwart, in der Johannes sein Evangelium schreibt? Die Gemeinde des Johannes erlebt wohl diesen Prozess, dass sie in der Synagoge keine Heimat mehr findet, dass sie ausgeschlossen und ausgestoßen ist. „Seit etwa 90 (n. Chr.) wandte die Synagoge den „großen Bann“ an, den völligen Ausschluss aus der synagogalen Gemeinde; das traf die Judenchristen hart.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991; S.232)

               Damit verloren sie ja auch den Schutz, den der jüdische Glaube als „religio licita“, als „erlaubte Religion“ im römischen Reich hatte. Sie waren Sektierer, auf allen Seiten unerwünscht und misstrauisch beäugt. Und von diesem Misstrauen ist es ein winziger Schritt zur Verfolgung, die das Leben kosten kann. Zur Zeit des Kaiser Domitian (81 – 96) gibt es in Kleinasien Christenverfolgungen, die blutig enden, im Zirkus, mit der Hinrichtung.

               Dabei haben die Verfolger ein gutes Gewissen, glauben sie sich doch nicht nur im Recht, sondern als solche, die den Willen Gottes erfüllen. Hinrichtung als Gottesdienst. Vernichtung der Ungläubigen als Gottesdienst. Die Selbstmordanschläge irgendwelcher Islamisten heutzutage haben hier schreckliche Vorläufer. Solche Untaten „um Gottes willen“ sind nicht auf eine Religion beschränkt. Immer, wenn Religion gewalttätig wird, glaubt, den Willen Gottes mit Gewalt durchsetzen zu dürfen oder gar zu müssen, dann drohen solche Blutbäder.

           „Im Namen Gottes zu töten – das ist die wohl größte Tragik des religiösen Menschen und seine gefährlichste und grausamste Wahnidee, die wie ein Schatten alle Phasen der Menschheits- und auch Kirchengeschichte begleitet hat!“ (S. Schulz, aaO.;S. 202) Es braucht geistliche Klarheit, um hier zu widerstehen. Sie hat in der Geschichte der Kirchen zu oft gefehlt.

3 Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen.

            Jesus aber lässt keinen Zweifel. Wer so handelt, kennt weder mich noch den Vater. Wer so handelt, kann sich nicht auf den Gott berufen, der die Welt so sehr liebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für sie gibt (3,16). Wer so handelt, ist blind für die Liebe Gottes, die Menschen sucht.

            Es ist gut, dass hier nicht steht: die Juden. Oder: die Römer. Oder… Wo immer Menschen andere töten um des Glaubens willen, haben sie den Vater aus den Augen verloren. Das gilt für Kreuzzüge, Ketzerverbrennungen, Hexenprozesse, Selbstmordanschläge. Auch wenn es Prediger gegeben hat, die das alles „um des Kreuzes und um Christi willen“ forciert haben – es ist eine große Gottesblindheit, die sich da austobt.

4 Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich’s euch gesagt habe.

            Das sind Worte zur Vorbereitung. So sind sie wohl auch gelesen worden. So sollen sie über alle Zeiten hinweg gelesen werden. Jesus hat seiner Gemeinde nie einen irdischen Rosengarten versprochen. Er hat nicht verschwiegen, dass der Weg mit ihm ein Weg im Gegenwind ist. Er hat sie immer vorbereitet. In den synoptischen Evangelien nimmt diese Vorbereitung auf den Widerspruch der Umwelt oft breiten Raum ein. Es ist ja die Wirklichkeit der ersten Gemeinde bis ins 3. Jahrhundert hinein, dass sie Repressalien ausgesetzt ist, dass das Einstehen für den Glauben das Leben kosten kann.

Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

            Fast hört es sich wie eine Entschuldigung an. Aber es ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung. Jesus hat die Jünger nicht unter falschen Versprechungen auf den Weg des Glaubens gelockt. Nur so viel: Solange er leibhaftig, sichtbar unter ihnen ist, solange ist „Hochzeit“ (Markus 2,19) Für diese Zeit braucht es die Warnungen nicht. Für die Zeit ohne den sichtbaren Herren in der Mitte aber ist die Vorbereitung not-wendig.

Herr Jesus
in unserem Land erfahren wir keinen Hass um Deinetwillen
Allenfalls Achselzucken
Gleichgültigkeit
Abwinken

Aber das erfahren wir auch
dass Deine Maßstäbe in Konflikte führen mit den Maßstäben
die sonst so angelegt werden
wenn es um den Wert des Lebens geht
um das Recht
den eigenen Tod zu bestimmen
wenn es um die Macht geht und ob wir alles dürfen
was wir können

So sind wir der Welt doch ein wenig fremd und müssen lernen
vor dieser Fremdheit nicht zu erschrecken
weil sie aus der Nähe zu Dir erwächst. Amen