Christi Freunde – zur Freude bestimmt

Johannes 15, 9 – 17

9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!

            Es ist ein Kreislauf der Liebe – vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu den Jüngern, von den Jüngern zu den anderen Jüngern. Die Liebe zu den Schwestern und Brüdern nimmt Gott nichts, so wie die Liebe zum Sohn dem Vater nichts nimmt. Wer einen Gegensatz zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen konstruiert, der hat nichts von Johannes verstanden. Aber wohl auch nichts von Jesus, wie ihn die anderen Evangelisten bezeugen. „O-Ton“ Jesus: „Du sollst den Herren, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37-39) Wie arm ist eine Liebe zu Gott, die den Menschen vergisst. Und wie bedroht ist die Liebe zu den Menschen, die sich nicht aus der Liebe Gottes nährt.

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.

            Wie schon wiederholt (13,34) wird die Liebe inhaltlich bestimmt. Sie zeigt sich im Halten der Gebote, der Weisungen Jesu. Wer sich an seinem Wort orientiert und ihm folgt, der liebt ihn. Sie ist also nicht, wie wir neuzeitlich denken, durch das Gefühl bestimmt, sie baut nicht auf der Emotion auf. Lieben und Liebe ist bei Johannes vor allem anderen Tätigkeit. Wer den anderen dient, wer sie aufhebt aus ihrer Schuld, wer ihnen eine Lebensperspektive öffnet – das ist der, der sie liebt. Nicht Liebesschwüre – Liebestaten.

           Darin folgen die Jünger dem Beispiel Jesu. Jesus hat auf dem Weg seines Lebens nichts gesucht als den Willen, das Gebot des Vaters. Darum wartet er, bis seine Stunde da ist. Darum handelt er erst, wenn er sich „rückversichert“ hat, aus dem Gebet heraus (11,42). In diesen Gehorsam, der ihn als den Sohn kennzeichnet, zieht er seine Jünger, und die Christen, hinein. Diesen Gehorsam aus Liebe meint auch das schöne Wort „Gottvertrauen“.

            In dieser Haltung gilt es zu bleiben, beständig zu werden, einzuwurzeln. Es geht nicht darum, aus einer Augenblickregung heraus auch einmal etwas Gutes zu tun. Das ist schön und nicht verboten. Das darf auch keiner abwerten. Jede Tat der Liebe steht für sich. Aber es geht dennoch um mehr. Das Wort Jesu will, dass das Handeln des Lebens von der Güte Gottes – so umschreibe ich für mich gerne auch αγάπη, die Liebe – ganz durchdrungen und bestimmt wird.  

11 Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.

            Das ist das Ziel: die vollkommene Freude. Freude, die nicht mehr vergeht. Freude, die sich nicht angesichts der Schmerzen und des Leides verflüchtigt. Freude, auf die kein Schatten mehr fällt. Es ist die Freude Jesu, die die erfüllte Freude der Jünger sucht. Darf man es auch umgekehrt sagen: Die Freude Jesu ist erst dann vollkommen, wenn die Jünger, die Christenheit in diese Freude mit einstimmt – mit Herzen, Mund und Händen? So wäre also – was für ein Gedanke – die Freude im Himmel nicht vollkommen ohne unsere Freude! Und auch unserer Freude fehlt „die Hälfte“, wenn sie nicht offen ist für die Freude im Himmel.

            Im Lukas-Evangelium wird das so wunderbar deutlich. „So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Lukas 15,10) Und wie wirbt der Vater (!) im Gleichnis um die Mitfreude seines Sohnes: „Du solltest aber fröhlich sein und guten Mutes, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.“ (Lukas 15,32) Von solchen Worten aus ist es nur ein kleiner sachgemäßer Schritt zu dem jubelnden:

        Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus tritt, herein.                Denen die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.                                                                                 Johann Franck 1653; EG 396

            Was ist da in der Theologie-Geschichte nur passiert, dass wir aus diesem, die Freude suchenden und Freude schenkenden Gott, einen buchhalterischen Kontrolleur und Aufrechner guter und böser Taten gemacht haben, einen Miesepeter, der den Seinen das Leben nicht gönnt? Hätte man das Johannes-Evangelium sorgfältig gelesen, diese Worte Jesu als Mitte des Heils angesehen – wie viel fröhlicher, freudiger könnte es in unseren Kirchen zugehen. Stattdessen herrscht so oft ein „heiliger Ernst“, der die Luft zum Atmen und die Lust zum Leben nehmen will.

12 Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. 13 Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.

             Das alles wird nicht als harte Forderung vor die Jünger gestellt. Es ist das Wort Jesu an Freunde. Das ist ein Wechsel, der voller Bedeutung ist. Nicht mehr nur Jünger, μαθηταί, nicht mehr Knechte, δούλοι, sondern Freunde, φίλοι. Er ist seinen Leuten im Geschenk der Freundschaft verbunden. Freundschaft ist frei, sie kennt keinen Zwang, allenfalls innere Nötigung eben durch die Freundschaft.

            Warum, so schiebe ich als Frage ein, ist Freunde keine Selbstbezeichnung der Christen geworden? Wir sind Freunde Gottes – das klingt doch gut. Und ist es doch so, dass Gott mit Mose „redete wie ein Mann mit seinem Freund“.(2. Mose 33,11) Abraham wird „Freund Gottes“(Jesaja 41,8) genannt. Es mag sein, dass die junge Christenheit deshalb vor dieser Selbstbezeichnung zurück geschreckt ist, weil sie andernorts gängig war: im Bereich von Gnostikern, Mandäern und Manichäern. Um sich hier abzugrenzen und nicht mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden, haben die Christen diese Bezeichnung eher gemieden.

               Wenn ihr tut meint keine Bedingungen, die zu erfüllen sind, damit Jesus die Freunde akzeptiert. Es sind vielmehr Ermutigungen, Ermächtigungen, diese Freundschaft nun tatsächlich in der geschenkten Freiheit zu leben. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ (Galater 5,1) .Das sind Sätze, die ganz nahe bei diesem tut, was ich euch gebiete, sind.

            Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Das ist ein Satz über die Liebe Christi, die bis zum Äußersten (13,1) geht, bis an Kreuz. Es ist ein Satz, der seine Hingabe, aus der wir leben, benennt.

            Ich finde diesen Satz geradezu schandbar missbraucht auf den Kriegerdenkmälern unserer Zeit, für die Gefallenen der Weltkriege. Diese Gefallenen sind auf schändliche Weise durch Befehl in den Tod gegangen. Sie haben – manche wenigstens – im guten Glauben, oder was sie dafür hielten, gekämpft. Aber sie sind Kanonenfutter geworden, von skrupellosen Befehlshabern in die Schlacht geworfen und dem Tod preisgegeben. Es grenzt an Gotteslästerung, diese Befehlshaber des Todes auf eine Stufe zu stellen mit dem Gott, der in seinem Sohn das Leid der Welt auf seine Schultern nimmt. Da ist kein freiwilliges Hingeben des eigenen Lebens, da ist nur Befehlsnotstand und Verbrechen durch erzwungenen Gehorsam.

15 Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.

            Die Freundschaft Jesu wird nicht formal bestimmt, sondern inhaltlich. Sie ist dadurch charakterisiert, dass die Freunde wissen. Jesus hat sie mit seinen Worten hinein genommen in seinen Weg. Er hat ihnen gesagt, was Gott will. Er hat ihnen den Willen des Vaters kundgetan. Da steht nicht offenbart, aber es ist nahe dran: Er hat sie wissen lassen, was er, Jesus, vom Vater gehört hat. Jesus hat kein himmlisches Wissen als Herrschaftswissen für sich behalten. Er hat seinen Jüngern „in die Gedanken und Pläne Gottes Einblick gewährt“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991; S.231) Nur so kann ja auch ihr Gehorsam frei sein und nicht der Gehorsam von Knechten, die Befehle ohne Begründung befolgen müssen

16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.

               Diese Freundschaft ist nicht durch gegenseitige Wahl zustande gekommen. Sie beruht auch nicht auf wechselseitiger Anziehungskraft. Freunde sind die Jünger, weil Jesus sie erwählt hat. „Er rief zu sich, welche er wollte und sie gingen zu ihm.“ (Markus 3,13) Es ist sein Ruf, nicht die Entscheidung der Jünger.

            Das gilt nicht nur für die Zwölf oder die Zweiundsiebzig, das gilt über sie hinaus für die ganze Christenheit. Der Ruf Jesu, seine Wahl geht allem voraus, was wir antworten und entscheiden. „Das Christsein verdankt man dem erwählenden Herrn.“ (G. Voigt, aaO.; S. 231) Damit ist aller Überheblichkeit des Glaubenden die Spitze gebrochen. Es ist nicht unser Verdienst, dass wir glauben können. Wir haben einen Ruf gehört, indem wir gerufen, erwählt worden sind. Ohne diesen Ruf, ohne diese Wahl wäre es nichts mit unserem Glauben. Auch so lässt sich der Satz Jesu lesen: Ohne mich könnt ihr nichts tun.

17 Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.

            Eine Zusammenfassung? Ich sage eher: Unterstreichung. Eine, die auf die Gemeinde zielt, über den Abend des Verrates hinaus. Eine Unterstreichung, die umso nötiger ist, weil die geschwisterliche Liebe ja nur in der Weise gelebt werden kann, dass sie praktiziert wird. Einer für den anderen einsteht. Eine die andere aufrichtet. Eine den anderen tröstet. Einer die andere stärkt. Einer dem anderen gibt, was seine Not wenden kann. Liebe lässt sich nicht in Glaubenssätze fassen. Sie wird gelebt oder es gibt sie nicht.

Jesus,
Du nennst uns Deine Freunde
Du siehst uns an als Leute
deren Leben Dir wichtig ist
Du traust uns zu
dass wir leben wie Du
lieben wie Du
lachen wie Du
leiden wie Du

Jesus
Du nennst uns Deine Freunde.
Du siehst uns an als Leute
deren Freude Dir wichtig ist
Du willst
dass Deine Freude unser Herz erfüllt
die Freude an Gott
die Freude an allen Geschöpfen Gottes
die Freude an den Weisungen Gottes.
die Freude aneinander

Jesus
Du nennst uns Deine Freunde
Du siehst uns an als Leute
deren Handeln Dir wichtig ist
Du traust uns zu
dass wir Gottes Willen tun
dass unser Handeln fruchtbar ist
und Menschen den Himmel Gottes
glauben lässt – schon hier auf Erden.

Jesus, Freund, Bruder, Herr –
danke, dass Du an uns glaubst
und auf uns setzt
uns Deine Freundschaft schenkst
uns zu Freunden machst. Amen