Niemals allein

Johannes 14, 15 – 26

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

            Was für ein schlichter Satz. Aber auch: Was für ein anspruchsvoller Satz. Er führt über die Liebe als Gefühl, als Empfindung hinaus zur Liebe als Tat. Die Liebe zeigt sich darin, dass sie dem Gebot Jesu folgt. Gebot steht da, wieder einmal εντολή und nicht νόμος. Gebot, nicht Gesetz. Jesus legt uns keinen neuen Gesetzeskanon vor. Das unterscheidet den „neuen Mose“ von Mose. Jesus legt uns und lebt uns die Liebe vor. Es ist so schlicht und einfach:Die Liebe wird euch leiten.“ (G. Teersteegen). Oder mit Augustinus: „Liebe und tue, was du willst.“

            Hinter diesen Worten höre ich das Vertrauen Jesu in seine Leute. Es gibt nicht nur unseren Glauben an Jesus, es gibt auch das Vertrauen auf seine Leute, den Glauben (!) Jesu an uns. Wie sonst könnte er auch sagen: Ihr werdet größere Werke tun.(14,12)

16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

              Es ist Zeit des Abschiedes. In dieser Stunde sagt Jesus: Der Vater wird euch einen anderen Tröster geben Die Frage, die hinter diesen Worten steht: Wie wird es um unseren Glauben stehen, wenn wir ihn alleine leben müssen, ohne Jesus sichtbar in unserer Mitte? Kann unser Glaube sich aus den Erinnerungen nähren? Bleibt nur der resignierte Rückblick: Ja, damals in Jerusalem, damals auf den Wegen mit Jesus, da war alles klar und einfach. Aber heute?

              Jesus – so sagt es Johannes – schenkt den Helfer, der uns den Weg finden lässt durch das Leben, der in dunklen Stunden nicht untergehen lässt, der in der Verzweiflung nicht das Leben wegwerfen lässt. Es bleibt nicht bei dem Wegweiser Jesus in der Vergangenheit. Der Tröster verspricht aktuelle Wegweisung. Jetzt, im Hier und Heute. Auch nicht von außen, sondern innen. Er ist, wenn man so will, etwas wie ein innerer Kompass, verliehen durch den Vater.

            Das meint auch die Formulierung Geist der Wahrheit. Wahrheit ist nicht theoretische Richtigkeit, Stimmigkeit. Wahrheit ist das, was das Leben verlässlich macht. „Darauf kannst Du Dich verlassen“ – so dürfen wir lesen, wenn Jesus von der Wahrheit spricht. Der Geist zeigt und lehrt, was das Leben trägt.  

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen.

            Es geht um eine Sehnsucht, die wir alle kennen und wohl auch alle teilen: Ich will wissen, zu wem ich gehöre. Ich muss wissen, zu wem ich gehöre. Die Hymne in den Stadien der Welt gibt dieser Sehnsucht Ausdruck.

Wenn Du zu Fuß durch den Sturm gehst, halte den Kopf hoch
Und keine Angst vor der Dunkelheit
Am Ende des Sturms ist ein goldener Himmel
Und der süße silberne Gesang der Lerche

Geh weiter, durch den Wind
Geh weiter, durch den Regen
Obwohl deine Träume geworfen und geblasen werden
Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen. Du wirst niemals alleine gehen.                                                             You never walk alone

            Bei Jesus klingt es anders: Ihr müsst nicht nur tapfer weitermachen. Ihr Elf – und mit und nach euch die ganze Kirche – werdet, obwohl es auf den ersten Blick so scheint, nicht ohne euren Herrn und Helfer sein müssen. Die Kirche ist keine Versammlung oder gar Organisation von Menschen zur Pflege von Jesuserinnerungen. Jesus Christus selbst ist in ihr gegenwärtig – den Augen unsichtbar und doch wirklich da, der Welt unbegreiflich und doch erfahrbar. Er ist gegenwärtig in seinem Geist, durch den Beistand und Tröster, den Helfer, den Fürsprecher. Wir sind keine mutter- und vaterlosen Waisenkinder, wir sind niemals allein.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,                                                              fürchte ich kein Unglück                                                                                                      Denn Du bist bei mir                                                                                                              Dein Stecke und Stab trösten mich              Psalm 23, 4

                    Nichts kann uns diese Gegenwart rauben. Durch nichts in der Welt können wir aus ihr herausfallen. Nicht unser Glaube „garantiert“ sie – Jesus steht für sie ein.

            Es kommt ein „Aber“, auch wenn es nicht da steht. Für eine kleine Weile wird ihn die Welt nicht sehen. Ist das eine Anspielung auf die Zeit im Grab, nach der Kreuzigung, vor der Auferstehung? So könnte ich es lesen. Das ist ja die Zeit, in der die Jünger vor ihren zerplatzten Träumen stehen, in der ihre Welt zusammen bricht.

            Aber es ist wirklich nur eine kleine Weile – dann wird alles anders. Für die Jünger. Für die Welt ist das Problem Jesus ja gelöst. Er ist weg, ins Grab gelegt. Wen die Römer hinrichten, der ist wirklich tot. Dass da eine Geschichte weitergeht, das bekommt die Welt nicht mit, wohl aber die Jünger. Darum sagt Jesus diesen Satz, der jetzt folgt.

Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.

               Das ist einer der Sätze, an denen ich hänge. Ich kann es selbst nicht richtig erklären, warum das so ist. Aber ich nehme ihn als Versprechen, sehr persönlich. Ich gehe dem entgegen, dass ich ihn sehen werde, mit meinen Augen. Ihn, an den ich glaube. Ihm, dem ich es abnehme, dass er den Weg meines Lebens mit mir teilt. Ihn, an den ich mich in so vielen Nöten meines Lebens klammere, oft genug verzagt, zweifelnd. Er hält mich.

            Darum erfüllt mich dieser Satz mit einer unaussprechlichen Freude: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Diese Worte hat Jesus eingelöst auf dem Weg meines Lebens. In allen Schwierigkeiten. In allen Ängsten. In allem Glück. Immer war da sein Leben, an das ich mit meinem Leben angeschlossen worden bin. Wenn das keine Zukunft verspricht!

20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.

            Die Zeit des Fragens ist vorbei – an jenem Tage. Wir werden die Wirklichkeit sehen – wie der Vater und der Sohn eins sind und wie sie uns hinein nehmen in ihre Gemeinschaft. Zukunftsmusik? Ja und Nein. Das Sehen fängt ja hier schon an – im Sehen auf Jesus, den gegenwärtigen Sohn. „Die Herrlichkeit(„Doxa“) Christi, die nur der Glaube wahrnimmt, wird nicht an seiner menschlichen Erscheinung vorbei oder über sie hinweg entdeckt, sondern an dieser Niedrigkeitsgestalt und in ihr.” (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991; S. 21) Wann jener Tag ist? Wir leben auf ihn zu.

21 Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

            Noch einmal die Einweisung in die Gebote als die Form, in der die Liebe Gestalt gewinnt. Es verdrießt Johannes nicht, das Gleiche in immer neuen Worten zu sagen. Jesus hat dieses Wort nicht nur gesagt. Er hat es vorgelebt. Er hat aus Liebe zum Vater das Gebot Gottes gehalten. Er hat aus Liebe zum Vater den Willen des Vaters erfüllt. Er hat aus Liebe zum Vater in der Leichtigkeit des Vertrauens den Gehorsam gelebt. In diesem Gehorsam hat sich sein Leben erfüllt und ist es erfüllt worden mit der Ewigkeit Gottes.

            Es ist sein Versprechen an seine Leute: Unser Leben erfüllt sich in der Liebe, die den Gehorsam gegen den Vater lebt aus dem Vertrauen: Dein Wille ist gut.

22 Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?

            Wieder eine Frage, diesmal von dem anderen Judas, nicht dem Iskariot. Der ist ja schon gegangen. Warum nur wir und nicht die Welt? Es ist bis auf den Tag heute das große Ärgernis für die distanzierten Betrachter, die es gerne objektiv hätten, dass Jesus nur Jüngern und Jüngerinnen begegnet ist, nur Gläubigen, nur Menschen in der Gemeinde: Die sind doch alle Partei. Und der eine, der gegen ihn war, Paulus, ist durch seine Begegnung auch Partei geworden, für ihn.

            Es sind nicht nur die Skeptiker, die so fragen. Es sind auch Christen, die darunter leiden, dass sie so wenig in der Hand haben, dass sie nicht demonstrieren können, wie groß ihr Herr ist, wie herrlich. Dass es nicht alle einfach einsehen müssen, weil es unbestreitbar am Tage ist. Warum – so fragen sie, wir, ich – müssen wir noch warten, so lange warten auf diesen Tag, wenn alle ihn sehen?

23 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

            Die Antwort Jesu liegt auf den ersten Blick irgendwie quer zur Frage. Aber vielleicht ist es Antwort auf einer tieferen Ebene. Es ist nötig, dass der Weg der Liebe und des Glaubens gegangen wird, bevor alles in das helle Licht Gottes gestellt wird. Es braucht diese Zeit, in der die Liebe zu Jesus gelebt wird in aller Unvollkommenheit. In der Christen sich einüben in das Wort. In der sie es üben, sich an das Wort – diesmal steht da λόγος und signalisiert: Es geht um die Lehre, die Jesus in seiner Person ist, und nicht nur um einzelne Worte in die Zeitzu halten, das Wort zu halten und so ihr Leben zu leben. In der sie mitten in der Welt die Liebe Gottes erfahren und bereit werden, ihn aufzunehmen. Es braucht die Wohnungen Gottes in unserem irdischen Leben, sein Einwohnen in uns, bevor es zu unserem Wohnen in der himmlischen Heimat kommen kann.

24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

            Das ist der zweite Teil der Antwort: Wer Jesus nicht liebt, lebt nicht aus seinem Wort – und wird ihn auch nicht sehen. Es hängt ineinander: Das Vertrauen und das Sehen, das verweigerte Vertrauen und das Nicht-Sehen. Einen Schritt geht Jesus weiter. Weil das Wort, das die Jünger hören, nicht sein Wort allein ist, sondern gesprochen aus der Einheit mit dem Vater, darum werden die, die sein Wort nicht halten, auch blind für die Wirklichkeit des Vaters. Wer Jesus nicht sieht, der sieht auch den Vater nicht. Es gibt für Johannes keine Gotteserkenntnis an Jesus vorbei.

25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. 26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

            Damit ist ein gewisser Abschluss erreicht. Was noch zu sagen sein wird, das wird nicht mehr Jesus direkt sagen. Das sagt der Tröster, der Heilige Geist. Aber, das steckt auch in diesen knappen Worten: Der Tröster wird kein anderes Thema haben als Jesus. Nicht neue Offenbarungen stehen an – der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Auf dem Weg mit Jesus haben seine Jünger alles gehört, was sie brauchen.

            Die Aufgabe des Heiligen Geistes ist nur noch Erinnern und Lehren. Das ist gut jüdisch gedacht: Der Glauben lebt von der Erinnerung und er wird lehrend weitergegeben. Der Geist wird ihnen durch den Mund menschlicher Zeugen den irdischen Jesus, den Gekreuzigten „vor Augen malen.“(Galater 3,1) Mehr braucht es nicht, sagt Johannes, um eine Ewigkeitsperspektive zu gewinnen. Anderes auch nicht.

Es ist gut
mein Jesus
dass uns der Vater den Tröster sendet
dass Du uns nicht allein lässt in der Welt
dass wir nicht heimatlose Kinder sein müssen
die sich irgendwie durchschlagen

Es ist gut
dass Du bei uns bist
im Geist der Wahrheit
das wir uns verlassen dürfen auf Dich
dass wir uns nicht festklammern müssen an alte Erfahrungen
fremde Worte
Lehrsätze
dass Deine Gegenwart uns trägt

Jesus
Du bist den Weg der Liebe gegangen zu uns
Gib mir und uns
jeden Tag neu
dass wir uns hineinrufen lassen in diesen Weg der Liebe
zu Dir
zum Vater
zueinander durch Deinen Geist. Amen