An deinem Tisch ist Platz für viele

Markus 14, 17 – 25

17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen.

             Die Vorbereitungen sind fertig. Jetzt kommt Jesus mit den Zwölfen. Der ganze Jüngerkreis ist an diesem Abend zusammen. Alle, die mit ihm unterwegs waren.

  Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. 19 Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich’s?

             Das Mahl hat begonnen. In die Mahlzeit hinein dann die Worte Jesu. Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Schockierend. So fällt auch die Reaktion der Jünger aus: Sie werden traurig. Und sie fangen an, einer nach dem anderen zu fragen: doch nicht etwa ich?

           Für den unbefangenen Leser ist das eine merkwürdige Frage. Sie müssen doch wissen, wie sie unterwegs sind. Sie müssen doch wissen, was sie beabsichtigen, planen. Aber diese Frage deutet etwas anderes an: Was da vor sich geht, wirkt wie ein Verhängnis, dem man sich nicht entziehen kann.

            „Jesu Vorherwissen, seine Versicherung im Amen begründen den Weg Jesu in seiner Rätselhaftigkeit und Unbegreiflichkeit als den Weg nach Gottes Willen. Wieder ist von einem Ausliefern gesprochen; der dies tut, vollzieht Gottes Absicht.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S. 385) Dieses Ausliefern – einmal mehr παραδιδόναι – als Tat eines der Jünger wird doch dem Weg Gottes dienen müssen.

20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.

             Jesus beantwortet ihr Fragen nicht. Oder doch? Der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Aber das entlarvt keinen unter ihnen. Sie alle teilen ja das Brot und sie alle tauchen ihre Bissen in die Schüssel.

           Es ist so: Der Weg Jesu ist unausweichlich. Es ist der Weg, wie von ihm geschrieben steht. Das aber hebt die Verantwortung nicht auf. Auch dass dieses Ausliefern dem Willen Gottes dienen muss, ändert nichts daran.

            Sind die Worte Jesu über seinen Verräter, seinen Auslieferer ein Fluch? „Der Verräter verfehlt damit – mit seinem Verrat – sein Leben so grundsätzlich, dass Jesus diese Worte sagt: Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.271) So ähnlich kann Hiob klagen  „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!“(Hiob 3,3-4)

           Darum höre ich hier mehr den Schmerz. – und stimme zu: dieses Wort „impliziert nicht notwendig die Verdammnis.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.238)

22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. 23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

            Das Mahl geht weiter. Wir hören auch nicht, dass einer geht. Alle sitzen immer noch am Tisch. Auch Judas. Es ist Markus offensichtlich wichtig. In welcher Reihenfolge er erzählt. Die Ankündigung, dass einer aus dem Kreis Jesus verraten wird, geht dem Mahl voraus. Geht der Einsetzung des neuen Mahles voraus. So als wollte Jesus sagen: ich bin mir darüber im Klaren, mit welchen Leuten ich mein Mahl halte. Ich gebe mich keinen Illusionen hin. Zugleich nötigt er seine Jünger so, sich selbst mit ihren abgründigen Möglichkeiten anzuschauen.

Umso wichtiger: mit ihnen sitzt er am Tisch und feiert das Mahl. Erinnert an das Passa, an die Verschonung und den Aufbruch vor uralter Zeit. Spricht ihnen Segen zu. Teilt sich an sie aus. Zuerst nimmt Jesus das Brot. „Nehmen, segnen brechen sind fester Bestandteil des jüdischen Vortischgebetes.“ (J.Gnilka, aaO.; S.243) Das Neue ist, was Jesus sagt Nehmet; das ist mein Leib. τὸ σῶμά μου. Wir könnten gut übersetzen: das bin ich.

              Danach der Kelch: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Nicht das ist entscheidend, der wievielte Kelch in der Feier es war, sondern was Jesus sagt: Er schenkt sich und schenkt ihnen, die mit ihm essen, Gemeinschaft mit sich. „Vom Becherwort her wird deutlich, dass es die Gemeinschaft mit dem ist, der in den Tod geht.“ (J.Gnilka,ebda.)

 Für viele – was da geschieht, gilt nicht nur für den Jüngerkreis. Für die, die an diesem Abend zusammen sind. Aber es gilt auch für sie – ausnahmslos. Auch für den, der ihn ausliefert. Das Essen und Trinken im Mahl bewahrt nicht vor dem Versagen. Aber es reicht darüber hinaus.

 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.

            Dieses Mahl ist das letzte, das Jesus mit seinen Jüngern feiern wird. Er weiß es. Aber er verbindet dieses letzte Mahl in der Zeit durch sein Wort mit dem Mahl in der himmlischen Vollendung. Dieses Mahl ist nicht im Passa vorweggenommen. Aber Jesus sichert es gewissermaßen zu: So wird es kommen. „Das Wort drückt seine Zukunftshoffnung und Auferstehungsgewissheit aus.“ (J.Gnilka, aaO.; S.246) Darauf, dass sich dieses Wort Jesu erfüllt, an uns für uns, mit uns, dürfen wir vertrauen.

Herr Jesus
An Deinem Tisch ist Platz für Gestalten
wie fehl am Platz
überfordert
verwirrt
An deinem Tisch ist Platz für meinesgleichen
mich
Mich wie ich bin
nicht wie ich sein sollte
nicht wie ich mich manchmal zu sein sehne
nicht wie andere mich zu sehen glauben

Zu mir und denen neben mir sagst Du: für dich
Du gibst Dich mir
uns im Brot und im Wein.

Brot und Wein sind Dein Weg, Jesus,
den Du auf Dich nimmst
Dein Weg der Preisgabe an das Leben
an die Welt
Du
zerbrochen
zermahlen
gekeltert
hingegeben –
für mich
für uns
für die vielen
für die Welt

Brot und Wein –
ich schmecke
ich glaube:
Du bist bei mir
in mir
vor mir
Der Horizont wird weit in Brot und Wein
in Dir
mit Dir. Amen

Ein Gedanke zu „An deinem Tisch ist Platz für viele“

  1. Auch für die ausführlichen Erläuterungen zu den Texten des Evangelisten Markus herzlichen Dank! auch für die gnadenvolle Beurteilung über Judas. Die neue Ausstattung in der neuen Adresse ist gut gelungen- auch die „gespreizten““Zeilen vermisse ich nicht!

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