Auch Geschenke wollen angenommen sein

  1. Petrus 1, 22 – 2,3

22 Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen.

             Das ist der Zielpunkt des Satzes: habt euch untereinander beständig lieb. Solche Liebe kommt aus reinen Seelen und reinen Herzen. Nicht wie von selbst; sonst müsste ja nicht dazu aufgefordert werden. Es ist der Gehorsam gegen die Wahrheit, der reinigt, Seele und Herz, die Person-Mitte. Es ist das Wort, das reinigt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“(Johannes 15,3) Vielleicht darf man so sagen: „Das Leben aus der Liebe speist sich aus dem glaubenden und hoffenden Hören auf das Wort.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.180) Die beständige, ungefärbte Liebe kommt aus dem beständigen Bleiben.

23 Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt.

            Wieder greift Petrus auf das Bild von der Wiedergeburt zurück. Um seinen Lesern zu sagen: Ihr steht in einer neuen Wirklichkeit, die ihr nicht selbst geschaffen habt. Ihr seid in sie hinein geboren. Es ist ein geschenktes Leben, das ihr so lebt, keine selbst erarbeitete Existenz.

            Und: Diese Existenz ist unvergänglich, weil der Same, σπορ (Spora), aus dem sie kommt, unvergänglich ist. Es scheint so, als hätten manche Handschriften des Petrusbriefes aus Jesaja (s.u.) dieses „ewiglich“ oder „in Ewigkeit“ ergänzt: ες τν αἰῶναgenauso, wie es in der Septuaginta steht.

            Auf eine Übersetzungsmöglichkeit bin ich gestoßen worden. Statt aus dem lebendigen Wort Gottes kann man auch übersetzen: „aus dem Wort des lebendigen und bleibenden Gottes.“ Vom Griechischen her ist beides möglich und auch beides sinnvoll: Gott ist der lebendige und sein Wort ist ein lebendiges Wort. „Ein Grieche konnte also aus der Formulierung beides heraushören: Das Wesen Gottes, des lebendigen und ewigen bestimmt die Qualität dieses Wortes – und die Qualität dieses Wortes Gottes bestimmt wiederum die der Aussaat und der Wiedergeburt.“ (U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.68)

            Es ist sicherlich nicht falsch, diesen Vers auch im Zusammenspiel mit den Gleichnissen Jesu vom vierfachen Ackerfeld und von der selbstwachsenden Saat (Markus 4, 1 – 9: 26 – 29) zu hören. „Auch Geschenke wollen angenommen sein“ weiterlesen

Auf dass ich sein eigen sei

  1. Petrus 1, 17 – 21

 17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;

            Es ist eine enge, wohl auch eine emotional gefärbte Beziehung zu Gott, die sich in der Anrede Vater zeigt. Anders als Gott oder gar „das Gott“ oder „Ewige Kraft“. Darum geht es Petrus: „Das Bild von Gott, das Christen infolge ihres Christusglaubens haben, hat Konsequenzen für ihr Tun.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.79)

       Erst recht das Bild als Vater. Dieses Bild verhindert auch, den Hinweis auf das Richten ohne Ansehen der Person als eine Drohung zu lesen. machen. Aber dieser Hinweis unterstellt schon „väterliche Konsequenz“ und nicht Wegschauen und Durchgehen lassen. Sein Richten ist gerecht, weil es das Werk jedes einzelnen betrachtet. Das ist eine gemeinchristliche Überzeugung, die sich durch die Schriften des Neuen Testamentes zieht.

             Aus dem Wissen um dieses kommende Gericht ergibt sich die Aufforderung zum Leben in Gottesfurcht. Jetzt. Auch in der Fremde. Misstrauisch beäugt und manchmal ausgegrenzt. Das allein schon wäre Grund genug, sich vor den Menschen, der Umwelt und den staatlichen Behörden zu fürchten.

              Es ist die Lutherbibel, die aus der Furcht, φβος, „Gottesfurcht“ macht. Über den reinen Wortlaut hinaus, aber sachlich wohl doch richtig. „Unter Gottesfurcht ist die ehrerbietende Anerkennung Gottes als Vater und Richter zu verstehen.(T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.172) Ihm alleine gebührt Ehre und Anbetung und eben auch Furcht. Es kann sein, hier klingen auch Worte Jesu nach: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“(Matthäus 10,28)     „Auf dass ich sein eigen sei“ weiterlesen

Leben wie es Gott entspricht

  1. Petrus 1, 13- 16

13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

             Darum. Weil das alles gilt. Aus den großen Zusagen folgt die Aufforderung, ihnen im eigenen Leben Raum zu geben. „Wer lebendige Hoffnung hat, wird entsprechend leben.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.161) Das ist kein rein passiver Akt: umgürtet die Lenden eures Gemüts.

             Das mag heutigen Leserinnen und Lesern als Bild zunächst Schwierigkeiten machen, aber wer sich erinnert; „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, der versteht leichter, was gemeint sein kann: Dem eigenen Gemüt Festigkeit geben durch einen Gürtel, so wie ein Gürtel hilft, den eigenen Körperschwerpunkt zu stabilisieren.

            Im Griechischen steht hier mit δίανοια ein Wort mit vielen Schattierungen: „Das griechische „dianoia“ ist mehrdeutig: Gemeint ist Denkkraft, Verstand, Gesinnung, Gedanke, aber auch Gemüt oder Gedankenwelt – all das ist in dem Ausdruck enthalten. In der LXX (= Septuaginta – die griechische Übersetzung des Alten Testamentes) ist „dianoia“ meist Übersetzung für Herz.“(U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.49) Es geht also um eine Haltung, die aus der Person-Mitte kommt und eine geistig-seelische Einstellung zu Menschen, Dingen und Situationen einschließt.

            Dabei wird diese „seelische Verfassung“, weil sie nicht aus sich selbst ihre Kraft hat, sofort wieder zurückgebunden an die Gnade. Sie ist in der Offenbarung Jesu Christi zugänglich geworden. In seinem Erbarmen, seinem Vergeben, seiner Treue, seiner Güte. „Leben wie es Gott entspricht“ weiterlesen

Das große Ziel: Freude

„Das Evangelium des Johannes und die Briefe des Paulus, insbesondere der an die Römer, und der erste Brief des Petrus sind nämlich der rechte Kern und das Mark unter allen Büchern, welche auch billig die ersten sein sollten. Und einem jeglichen Christen wäre zu raten, dass er dieselben am ersten und allermeisten lese und sich durch tägliches Lesen so vertraut machte wie das tägliche Brot.“ M.Luther, Vorrede zum Neuen Testament 1522, Luther Deutsch Bd. V, Göttingen 1963, S.42f

 1. Petrus 1, 1 – 12

 1 Petrus, ein Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien, 2 die Gott, der Vater, ausersehen hat durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!

             Ein Brief mit höchster Autorität. Petrus ist nicht irgendwer, sondern ein Apostel Jesu Christi. Er „versteht sich nicht als Privatperson, die einen nichtöffentlichen Brief schreibt, sondern als Abgesandter Jesu Christi, der eine zur öffentlichen Verlesung in der Gemeinde bestimmte Botschaft verfasst hat.“(T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.123) Ob der Schreiber nun wirklich der Jünger Simon Petrus, der Weggefährte Jesu ist oder ob sich einer seinen Namen „leiht“, ist demgegenüber zweitrangig. Wichtiger ist, was er zu sagen haben wird – ob es eine Weisung im Geiste Jesu ist, in der Spur einer Stärkung und Ermutigung zum Glauben und zum Leben.

            Wichtiger ist auch, wer die Adressaten sind: auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen. Fremde in einer Welt, die sie als Fremde wahrnimmt – bestimmt durch „Fremdheit der Geburt, der Sprache und Sitte sowie der Götter.“(T. Popp, aaO.; S.125) Keine Mehrheitskirche, sondern eine verschwindende Minderheit, wie hingestreut als winzige Samenkörner auf ein riesiges Ackerfeld. Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien. Diese Namen römischer Provinzen umfassen fast ganz Kleinasien.. Dort leben sie in der Fremde. „Die Christenheit ist noch nicht am Ziel, sie lebt noch im Provisorium.“ (W.Schrage, Der erste Petrusbrief, NTD 10, Göttingen 1973, S.66)

 Hier, in der Aufzählung der Landschaften, wird schon der Charakter des Briefes erkennbar: Kein Schreiben an nur eine Gemeinde – eher eine Art „allgemeiner Hirtenbrief“ an eine ganze Region. Darum auch die Zuordnung zu den „katholischen“, ist gleich allgemeinen Briefen des neuen Testamentes.

            Angesprochen sind die Fremdlinge in der Welt als auserwählte Leute, als ausersehene. Mag sein, sie sind vertraut, aber sie sind dennoch nicht wahllos verstreut. Auserwählt, ausersehen. κλεκτος κατ πργνωσιν. Sie sind aus dem Willen Gottes auserwählt. Er hat sie zu dem gemacht, was sie sind. Ihr ganzes Sein liegt an Gottes Initiative.

             Der Abschluss des Briefanfangs: ein Segenswort: Gnade und Frieden! Das sind die guten Gaben Gottes. „Das große Ziel: Freude“ weiterlesen

Botschaft über alles Begreifen hinaus

Markus 16, 9 – 20

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.

             Liest man im Zusammenhang mit dem vorigen Text, so wirken diese Worte wie eine ein wenig unbeholfene Weiterführung. Da ist der erneute Verweis auf den Zeitpunkt: früh am ersten Tag der Woche. Da ist die auffallende Charakterisierung der ersten Osterzeugin Maria von Magdala: sie ist die, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Davon hatte Markus im bisherigen Verlauf nichts erzählt. Nur Lukas weiß von ihr, „Maria, genannt Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren,“(Lukas 8,2) so zu berichten.

         Vor allem aber wird sie hier als eine genannt, der er, Jesus selbst, erschienen ist. Im vorhergehenden Text aber ist nicht von einer Begegnung mit Jesu die Rede, sondern nur von dem Jüngling, der im Grab sitzt und die Botschaft Er ist auferstanden, er ist nicht hier. ausrichtet. Von einer Begegnung Marias mit Jesus erzählt dagegen das Johannes-Evangelium ausführlich und anschaulich.

 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.

             Wird vorher erzählt, dass die drei Frauen schweigend und furchtsam vom Grab fliehen, so wird hier Maria zur ersten Botschafterin des Auferstandenen. Sie, die selbst ein so zerstörtes Leben hinter sich hat, wird zur Botschafterin an die, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Die nur noch ihren Verlust sehen und in ihrer Trauer gefangen sind. So sehr sind sie gefangen in ihrem Schmerz, dass sie den Worten der Maria nicht glauben.

            Diese Unfähigkeit, den Worten, die von der Begegnung mit dem Auferstanden reden, zu glauben, mag auch ein Hinweis darauf sein: Schon in den allerersten Anfängen liegt diese Botschaft von der Auferstehung quer zur Welt- und Lebenserfahrung. Tote sind tot. Sie kommen nicht wieder und erscheinen.

         Eine leibhaftige Auferstehung aus den Toten war damals so unvorstellbar wie sie es heute ist. „Die Auferstehung des Gekreuzigten und Begrabenen war das schlechthin Unwahrscheinliche. Diejenigen, die dieses Unwahrscheinliche mit aller Inbrunst liebender Herzen hätten ersehnen müssen, glaubten nicht, dass die ersten Anzeichen da waren.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.521)Sie sprengt den Verstehenshorizont des normalen Lebens. „Botschaft über alles Begreifen hinaus“ weiterlesen

Er ist nicht hier – er ist uns voraus

            „Man denke sich, dass dieser Schluss fehle. Man denke sich, jene stille Grablegung wäre das letzte Wort, das auf uns gekommen ist – dann wäre das Ganze eine rührende, vielleicht erschütternde Geschichte. Die rührende, vielleicht erschütternde eines heiligen Menschen, der – wie schon oft vorher und nachher – dem Unverstand der Welt zum Opfer fiel. Nein, es wäre dies nicht, es wäre unendlich weniger. Es wäre nur die Geschichte eines Betrügers oder – eines Schwärmers, der sich selbst betrog.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.505f.)

Markus 16, 1 – 8

 1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

             Der Sabbat ist vorüber gegangen. Still. Es gibt nichts über diesen Tag zu berichten. Erst als der Sabbat vorüber ist, ist wieder Raum für Aktivitäten. Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome kaufen ein – wohlriechende Öle. Weil sie dem Toten noch seine Würde geben wollen. Ihre Liebe erweisen. Dadurch, dass sie ihn salben. Es ist, als würden sie ihre unbekannte Vorgängerin aus Betanien (14, 3 – 9) nachahmen wollen. Diese Einkäufe muss man sich am Abend des Sabbat-Tages denken. Der Sabbat ist ja schon mit dem ersten Stern am Himmel vergangen. Da bleibt noch Zeit für Einkäufe.

 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

             Sie sind – nach unserer Zählung am nächsten Tag, unserem Sonntag – morgens früh auf den Beinen. Bei Sonnenaufgang. Ihr Weg führt sie zum Grab. Sie wissen, wo es ist, weil sie ja bei der Grablegung zugesehen hatten. So wissen sie auch, dass sie ein Problem haben werden mit dem Zugang zu dem Toten: da liegt ein schwerer Stein vor des Grabes Tür. Selbst wenn es „nur“ ein Rollstein ist – wie sollen sie den weg bekommen?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

            Indem sie so ihr Problem bereden, ohne eine Lösung zu wissen, werden sie es gewahr. Sehen sie: Der Stein ist weggewälzt. Es klappt ein bisschen nach: denn der Stein war sehr groß. Eigentlich hätte das vorne zum Gespräch der Frauen auf den Weg gepasst – hier wirkt es wie ein Nachtrag. Wie auch immer: Weil der Stein weggewälzt ist, haben sie jetzt einen freien Zugang in das Grab und, so hoffen sie wohl, zu dem Toten.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

             Sie, Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome, betreten das Grab und sehen sich einem Jüngling, νεανσκος, gegenüber. Keinem Engel. Er sitzt zur rechten Hand, auf „der glückverheißenden Seite“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979; S.341) So, als würde er dorthin gehören. Gekleidet mit einem langen weißen Gewand. Wie von selbst kommt die Erinnerung an die Erzählung von der Verklärung: „Seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann.“(9,3) Am Ort des Todes leuchtet – jetzt schon – eine Wirklichkeit auf, die den Horizont der Welt sprengt.   „Er ist nicht hier – er ist uns voraus“ weiterlesen

Was noch zu tun bleibt

Markus 15, 42 – 47

42 Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, 43 kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.

            Es ist ein umständlicher Satzanfang. Weil der Zeitpunkt des Geschehens geklärt wird. Der Abend des Passa-Tages vor dem nachfolgenden Sabbat. Erst hier wird durch diese Angabe deutlich: Alles spielt sich an einem Freitag ab. Vielleicht ist die Umständlichkeit aber auch der Aktion geschuldet, die nicht ohne Risiko ist.

            Josef von Arimathäa begegnet uns nur hier. Er ist ein angesehener Ratsherr. Aber wahrscheinlich kein Mitglied des Hohen Rates in Jerusalem. Da hatte ja der ganze Hohe Rat den Tod Jesu beschlossen. Deshalb liegt es näher: Er ist ein Ratsherr seiner Heimatstadt. Wichtiger als die Lokalisierung seine Herkunft – irgendwo im Norden Judäas – ist, dass er auch auf das Reich Gottes wartete. Er ist keiner der Jünger Jesu, aber einer, der auf das kommende Reich Gottes hofft, der vielleicht deshalb auch von der Predigt Jesu eben doch berührt war: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen,“(1.15)Vielleicht will er ja diesem Prediger nach dem Tod eine letzte Ehre erweisen?   „Was noch zu tun bleibt“ weiterlesen

Unter dem Kreuz – das Bekenntnis des Glaubens

Markus 15, 24 – 41

24 Und sie kreuzigten ihn.

             Drei knappe Worte. Nichts über Hammer, Schreie, Blut. Keine Ausmalung, keine Details. Auch nichts zur Atmosphäre. Das alles ist nicht wichtig. Wichtig ist nur: sie kreuzigten ihn. Jetzt hängt er am Kreuz, zwischen Himmel und Erde.

 Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.

             Unter dem Kreuz: Alltag. Die armselige Habe des Gekreuzigten – er hat ja nichts als seine Kleider – wird geteilt. Verlost. Heißt doch wohl: Wer gewinnt, bekommt alles. Ohne es zu wissen, tun sie, was die Schriften sagen: „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.“ (Psalm 22,19) Sie gehen mit ihm um, als sei er schon erledigt, schon Geschichte, schon tot. Für das Hinrichtungskommando wird es wohl auch gefühlsmäßig so sein: Auftrag erledigt.

 25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. 26 Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

             Die dritte Stunde – das ist 9 Uhr vormittags. Über ihm der Grund für die Kreuzigung: Der König der Juden. Es ist die politische Anklage, die hier genannt wird. Wie anders sollt auch die römische Form der Hinrichtung durch das Kreuz begründet werden als politisch? Wenn auch mit einem Grund, den die junge christliche Gemeinde nie als den eigentlichen Grund verstanden hat. Sie hat in Jesus nicht den König Israels gesehen, sondern den Christus Gottes.

 27-28 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

            Jesus aber hängt nicht allein am Kreuz. Links und rechts von ihm zwei Räuber. λσταί. „Räuber, Plünderer, Freibeuter.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.472) Spätere Handschriften ergänzen schriftkundig: Da wurde die Schrift erfüllt: Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Jesaja hat es schon gesagt! (Jesaja 53,12) Es passt zu diesem Freund der Zöllner und Sünder, dass er sein Ende unter Räubern findet, unter Menschen, die verdächtig und verächtlich sind. In den Augen der Obrigkeit: Unter Leuten mit „einem terroristischen Hintergrund.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.304)

 29 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, 30 hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz! 31 Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. 32 Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben.

            Hinrichtungen haben Anziehungskraft. Es ist noch nicht lange her, dass es in Europa öffentliche Hinrichtungen gab. Verbrennungen auf den großen Plätzen einer Stadt. Auch die feine Gesellschaft der Noblen und Angesehenen, Männer wie Frauen, ließ sich dieses Schauspiel nicht gerne entgehenSo kann es nicht verwundern, dass auf der Schädelstätte nicht betroffene Anteilnahme, sondern „reger Betrieb“ herrscht.

         Die da so flanieren, lästern und verspotten. Ihn, der da zwischen Himmel und Erde hängt. Der Schriftsteller Markus verwendet für ihr Lästern das Wort, das der Vorwurf gegen Jesus ist – βλασφμουν – unser Wort Blasphemie hat hier seinen Ursprung. Jesus wird Gotteslästerung vorgeworfen – und sie lästern – ohne es zu wissen, indem sie Jesus lästern, Gott. „Unter dem Kreuz – das Bekenntnis des Glaubens“ weiterlesen

Kreuzweg I

Markus 15, 16 – 23

 16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen

             Der Ort wird gewechselt. Nicht mehr die öffentliche Verhandlung vor aller Augen, sondern jetzt geht es hinein in das Prätorium. Wo das Prätorium zu suchen ist, bleibt umstritten. Meistens nimmt man an, dass es sich um die Burg Antonia im Nordwesten des Tempels handelt. „Dort zeigt man noch heute Reste eines Pflasters (Lithostrotos), das angeblich aus dem Hof stammt, in dem Jesus gegeißelt wurde.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.298)

             Die ganze Abteilung, eine Kohorte von 500 Mann wird zusammen gerufen. Es handelt sich dabei um Auxiliartruppen“, nicht um Römer aus Italien, sondern um Leute, die im jeweiligen Land ausgehoben wurden. „Die Angehörigen dieser Truppe waren keine Juden – diese waren vom Militärdienst befreit -, sondern Leute aus dem Gebiet von Cäsarea, Samaria-Sebaste und aus dem nördliche Syrien. In einigen dieser Gebiete gab es erhebliche Spannungen zwischen der nichtjüdischen Bevölkerung und der jüdischen Minderheit, was den antijüdischen Ton der folgenden Demonstration erklärt.“(W. Klaiber, aaO.; S.299)Oder vorsichtiger: Andeutungsweise erklären könnte.

 17 und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf 18 und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König! 19 Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm.

             Was geschieht, ist von erschreckender Rohheit. Eine Parodie auf eine Königskrönung. Jesus wird als König verkleidet, mit den Requisiten eines Königs ausgestattet. Purpurmantel und Dornenkrone stellen den Krönungsumhang und das goldene Diadem einer Königserhebung dar. Dazu kommt der Gruß Gegrüßet seist du, der Juden König! Soviel haben sie ja mitbekommen bei der öffentlichen Verhandlung: dieser Mann in ihrer Gewalt beansprucht angeblich, in König zu sein.

            Die Grüße wechseln mit Schlägen, die geheuchelte und gespielte Ehrfurcht mit Anspeien. Es sind wilde Wechsel von Vorspiegelung der Verehrung zur Verachtung und Misshandlung. „Wie viele vor ihm und nach ihm wird er zum Abfalleimer der Frustration und zum Demonstrationsobjekt für ein bisschen Macht von Menschen, die oft selbst geschunden werden.“ (W. Klaiber, ebda.) Es ist mit Händen zu greifen: „Der Spott gilt auch dem ungeliebten jüdischen Volk, das durch die Verspottung seines angeblichen Königs mit gedemütigt werden soll.“ (W. Klaiber, ebda.) „Kreuzweg I“ weiterlesen

Jesus vor Pilatus

Markus 15, 1 – 15

1 Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Hohen Rat, und sie banden Jesus, führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus.

             Die Nacht ist vergangen, ein neuer Tag ist herbei gekommen. Das Ergebnis des nächtlichen Prozesses sofort am Morgen nach einem Rat des gesamten Synhedrions in allen seinen Gruppen: Jesus wird an Pilatus überantwortet. Ausgeliefert an den Heiden. Ganz so wie es Jesus angekündigt hatte: sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.“ (10,33) „Das entsprechende griechische Wort bildet eine Art Leitmotiv der Passionsgeschichte.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010; S.294) Diese Auslieferung an Pilatus hat zugleich etwas von einer Ausstoßung aus dem Volk.

             Markus verzichtet auf eine Erklärung für seine Leser, um wen es sich bei Pilatus handelt. Es könnte sein, er setzt voraus, dass sie wissen, welche Stellung und Ruf dieser Römer hat. Philo, ein römische Schriftsteller, „sagt ihm Bestechlichkeit, Gewalttätigkeit, Räubereien, Misshandlungen, Beleidigungen, fortgesetzte Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, unaufhörliche und unerträgliche Grausamkeit nach. Pilatus war ein Freund des Seianus, des mächtigsten Mann im Imperium Romanum nach dem Kaiser. Da Seianus als Judenfeind galt, kann Gleiches für Pilatus gelten.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.299) An diesen Mann wird Jesus übergeben.

 2 Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Du sagst es. 3 Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart. 4 Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! 5 Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.

             Pilatus begegnet als einer, der sich ein eigenes Bild zu machen sucht. Er fragt – und nimmt in der Frage eine politische Spur auf, vielleicht durch den hohen Rat auf diese Spur gesetzt: Bist du der König der Juden? Der Hohepriester hatte anders gefragt: Bist du der Christus?(14,61) Der Römer fragt nach dem politischen Anspruch: König der Juden ist keine religiöse, sondern eine politische Kategorie. Im Israel der Zeit Jesu gibt es mit Herodes einen König der Juden, aber einen, der das von Roms Gnaden ist.

            Die Antwort Jesu ist eindeutig und doch auch wieder nicht. „Das sagt Du!“ Er selbst, Jesus, nennt sich nie König der Juden. Er erhebt auch keinen Königsanspruch – jedenfalls nicht so, wie es der Römer verstehen würde. Der kennt nur die politischen Machtkategorien. Aber die passen nicht auf Jesus. Denen entzieht er sich. „Jesus vor Pilatus“ weiterlesen