Das Wort, das trägt und bleibt

Markus 13, 24 – 37

24 Aber zu jener Zeit, nach dieser Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, 25 und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

            „Was hier geschildert wird, ist im Grunde das Ende menschlicher Geschichte und damit auch aller Not und Bedrängnis.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.255) Die Wirklichkeit der Welt löst sich auf. Was nicht nur für damalige Menschen, sondern auch für uns heute Sinnbild für Ewigkeit ist – der Himmel mit seinen Sternen, mit Sonne und Mond, gerät ins Wanken. Die Stabilität des Alls erweist sich als instabil.

            Man muss sich vor Augen halten: Der Glaube an den Schöpfer ist ein Grundelement des Glaubens Israels geworden, gerade auch in schweren Zeiten: „Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf ihr geschaffen. Ich bin’s, dessen Hände den Himmel ausgebreitet haben und der seinem ganzen Heer geboten hat.“ (Jesaja 45,12) Das hat Israel in schweren Zeiten getröstet: Der Himmel stürzt nicht ein, weil Gott, der HERR, ihn ausgebreitet hat. Und die Erde hat Bestand, weil Gott sie bestehen lässt.

26 Und dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit. 27 Und dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwählten versammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

             In diesen Zusammenbruch hinein geschieht das Kommen des Menschensohnes. Alle werden ihn sehen. Seine Kraft, seine Herrlichkeit. Die einen sehen den, dem sie vertraut haben. Die anderen sehen ihn, den sie abgelehnt haben. Von dem sie gesagt haben: Was macht er aus sich? So ist sein Kommen Gericht für die einen und Sammlung von den Enden der Erde für die anderen.

             Gesagt wird das nicht- es reicht, dass gesagt wird: sie werden ihn sehen. Nicht mehr den Menschensohn, der ist wie unsereiner. Sondern den voller Kraft und Herrlichkeit. μετ δυνμεως πολλς κα δξης. Es gibt eine Zeit, in der Jesus – er ist ja der Menschensohn – verwechselbar ist, auch ohne Macht und ausgeliefert an die Menschen. Aber am Ende der Zeiten wird er der Welt gegenüber treten in der Macht Gottes. Und „Alle, die zu Gott gehören, werden in seine Gemeinschaft geholt werden, selbst von den äußersten winkeln des Weltgebäudes.“ (W. Klaiber, aaO.; S.256) Das ist das Ziel seines Kommens – nicht das Gericht. Sondern dieses Heimbringen.

28 An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 29 Ebenso auch: wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

             Wir erinnern uns: da stand ein Feigenbaum auf dem Weg von Betanien nach Jerusalem Jetzt wird dieser Feigenbaum zum Gleichnis. Seine Blätter sagen, wie es um die Zeit steht. So sollen die Jünger lernen, an den Zeichen der Zeit, dass er nahe vor der Tür ist. Der Sommer? Der kommende Menschensohn? Oder es könnte ja auch so zu verstehen sein: Im Wirken Jesu jetzt, in seinen Worten und Taten steht das Himmelreich vor der Tür. Also nicht erst Zukunft, sondern schon jetzt.

30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

            An diesem Wort haben sich Generationen von Auslegern die Zähne ausgebissen. Ein Ausweg: Dieses Geschlecht meint die Auserwählten. Dann wäre das so eine Art Garantie-Erklärung: ihr werdet es auf jeden Fall schaffen. Ihr seid dabei. Eine andere Erklärung: dieses Geschlecht meint die Menschheit. Was daran aber wäre bemerkenswert?

            Es führt kein Weg daran vorbei: γενε ατη heißt: diese gegenwärtige Generation. Damit müssen wir uns zufrieden geben und uns eingestehen: „Es gibt Elemente der Naherwartung in der Verkündigung Jesu und der Gemeinde, die wir nicht wegerklären können, auch wenn das den Eindruck vermittelt, Jesus und die frühe Gemeinde hätten sich getäuscht.“ (W. Klaiber, aaO.; S.258)

              Was aber, so frage ich, wäre daran schlimm? Weil der Gottessohn alles weiß, darf er nicht irren, etwas nicht wissen? Wir kommen mit solchen Gedanken ins Stolpern, weil sie uns vor Augen führen, dass unsere viel später gewonnenen theologischen Setzungen – Allwissenheit, Allgegenwart, auch Allmacht – schwer zu vereinbaren sind mit dem schlichten Erzählen vom Weg des Jesus von Nazareth als Mensch unter den Menschen. Mir will es scheinen, dass Markus weniger Schwierigkeiten mit der zu seiner Zeit noch ausstehenden Wiederkunft Jesu hat, mit der enttäuschten Naherwartung als wir heutigen Theologen.

            Mein persönlicher Umgang: Ich halte mir vor Augen, dass es immer wieder Zeit im Leben gibt, in denen das Leben sein Gang geht und ich mich im Leben einrichte. Es gibt aber auch die Zeiten, in denen ich das Kommen Christi anders erwarte, sehnsüchtiger – und am besten gleich. Manchmal beten wir auch:

Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.         P. Gerhardt, 1653, EG 361

 Und es gibt Zeiten, da mache ich mir fremde Worte zu eigen, weil sie meine eigene Sehnsucht besser zum Ausdruck bringen als ich es mit eigenen Worten je könnte.

 „Noch eine kleine Weile, dann ist’s gewonnen.                                                               Dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen.                                                            Dann werd’ ich laben mich an Lebensbächen                                                                  und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.“                                                                                                                       Inschrift auf dem Grabstein von Sǿren Kierkegaard

 31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

             Ob Himmel und Erde nun bald oder erst in ferner Zukunft vergehen, ob er nun heute kommt oder erst morgen oder erst in ferner Zukunft: „Wichtiger ist, festzuhalten, was man jetzt schon hat: die Worte Jesu.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.206) Weil diese Worte bleiben und wer sich an diese Worte hält, so der Gedanke, wird auch bleiben.

             Ich denke, dass dieser Satz nahe dran ist an Sätzen, wie sie im hohenpriesterlichen Gebet überliefert werden: „Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein.“ (Johannes 17, 8-9)

32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

            Noch einmal wird allem Berechnen und Bescheid-wissen-wollen der Boden entzogen. Es ist nicht unsere Sache, den Termin zu kennen, um daraus einen Zeitplan zu entwickeln. Wenn auch der Sohn es nicht weiß, sondern einfach im Willen des Vaters lebt, dann steht auch uns das nicht zu, wissen zu wollen, was auch die Engel im Himmel nicht wissen. Es reicht, im Vertrauen auf den Vater zu leben.

33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. 34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: 35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, 36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

             Alles Reden vom Kommen Christi ist keine Einladung, die Welt und das eigene Leben als einer Art Warteraum zu betrachten für das Bessere, das noch kommen wird. Sondern es ist der Hinweis: Alle Zeiten sind gleich unmittelbar zur Ewigkeit. Sie bricht immerzu herein.

         Das freilich macht die Aufforderung nicht überflüssig, sondern noch dringlicher: Wachet. Dreimal in wenigen Sätzen. Das unterstreicht die Dringlichkeit. Die Lebensform der Christen angesichts des Kommens Christi ist nicht aussteigen aus der Zeit, auch nicht die Zeit verschlafen, sondern Wachen. Wachsein in der Zeit. Wachsam in den Herausforderungen des Tages. Seine Arbeit tun. „Die Zeitgeschehnisse aufmerksam verfolgen, die vom Herrn übertragene Vollmacht ausüben, und der Rechenschaft bewusst bleiben, die er einverlangen wird.“ (J.Gnilka, aaO.; S.210) Sich einmischen, wo es angesagt ist – so lese ich das heute. Aber auch: sich nicht in den engen Horizont des Hier und Jetzt einfangen zu lassen, sondern darüber hinaus zu schauen. Den weiten Horizont nicht aus den Augen zu verlieren.

Vergessen wir Dich
Jesus und Dein Kommen
so wie wir leben
mit unserer Arbeit
zufrieden mit unserem Glück und manchmal unter Tränen?

Vergessen wir Dich
Jesus und Dein Kommen
so wie wir schlafen
müde geworden
erschöpft vom Treiben des Tages und manchmal glücklich gelassen?

Lassen wir uns erinnern an Dich
Jesus und an Dein Kommen
wenn sich Stimmen nähern
wenn die Zeituhr schlägt
wenn die Tür sich öffnet
wenn wir aufschrecken aus unseren Träumen?

Lehre uns Du Kommender
wachen und warten
mit gespannten Sinnen und dem Leben zugewandt

Nähre unsere Träume
dass wir unterwegs bleiben
voller Neugier nach dem Leben
das Du bringst

Halte unsere Sehnsucht im Spiel
dass wir offen bleiben
für Deine Zukunft und für das Zuhause hinter aller Zeit. Amen