Ein Ganz-Opfer

Markus 12, 41 – 44

 41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.

             Genug geredet. Den vielen Worten folgt jetzt – völlig anders – eine Zeit, in der Jesus im Tempel sitzt und zusieht, was geschieht. Was die Leute so machen. Er sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Das Wort γαζοφυλάκιον kann sowohl die “Schatzkammer” als auch den Opferkasten bezeichnen. Jesus sitzt also vor der Schatzkammer und sieht zu, was in den Opferkasten dort eingelegt wird. Uns heute kommt es fast ein bisschen unanständig vor, zu beobachten, was da geschieht. Über Geld spricht man nicht. Über Spenden und Kollekten auch nicht. Es steht doch keinem zu, mich dabei zu beobachten, wie ich spende, an wen und wie viel.

           Damit man sich vorstellen kann, was da vor sich geht: „In der Schatzkammer waren dreizehn posaunenförmige Opferkästen aufgestellt, von denen einer für freiwillige Gaben bestimmt war.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, s. 176) Jesus beobachtet und sieht: Viele Reiche spenden viel. Sie sind nicht knauserig, sondern großzügig. Sie lassen es sich etwas kosten.

           Im Kontrast dazu steht, was die arme Witwe gibt. λεπτ δο. „Es sind zwei Lepta, die kleinste griechische Münze“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.242) In dieser Gabe wird ihre Armut sichtbar. Sie ist wirklich bettelarm.

             Der Vorgang als solcher ist alltäglich. Es ist wohl immer wieder so, dass die Opfer am Gotteskasten weit auseinander gehen. Die viel haben, geben viel, die wenig haben können nur wenig geben. Kein Mensch richtet wirklich seine Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied. Wir haben uns längst damit abgefunden, dass es große und kleine Reichtümer gibt und volle und tendenziell eher leere Geldbeutel und deshalb auch große und kleine Spenden

 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

             Jesus aber sieht anders hin. Er sieht nicht die Beträge, sondern die Menschen. Er sieht, dass die eine arme Witwe sich mit ihrer Gabe ausliefert. Ihr Leben preisgibt. Sie hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt. Sie hat nichts zur eigenen Sicherheit behalten. Es wird nicht gesagt, aber es ist ein Schritt eines Vertrauens auf die Fürsorge Gottes, wie er größer nicht sein kann. Und es ist ein Akt der Liebe zu Gott.

            Das kommt erst richtig hell zum Leuchten im Kontrast zu den großen Gaben. Ja, sie sind groß, aber sie haben nicht wehgetan. Es sind Gaben aus dem Überfluss. Gaben, die auch wenn sie groß sind, keinen Mangel riskieren.

           Es bleibt eine der herausfordernden Geschichten des Evangeliums. Erzählt sie doch davon, dass es Menschen gibt, damals, wohl auch heute, die darauf verzichten, sich selbst zu sichern durch stille Reserven, durch vernünftige Rücklagen, durch Spenden nur nach Sicherung des eigenen Existenzminimums. Im Bild dieser Frau, deren Namen wir nicht kennen, von der wir nur wissen: eine arme Witwe, wird uns ein Mensch vor Augen gestellt, „der sehr praktisch sich selbst und alle seine Sicherungen fahren lässt und sich ganz Gottes Barmherzigkeit ausliefert.“ (E. Schweitzer, Das Evangelium nach Markus, NTD 1, Göttingen 1967, S.148)

              Diese arme Witwe hat viele gefunden, die sie nachgeahmt haben. Nicht auf Befehl. Nicht unter der Weisung: „gehe hin und tue desgleichen.“(Lukas 10,37 Sondern von innen her gewonnen. Einer unter diesen vielen ist Franz von Assisi. Der sich in seiner Armut so entblößt, dass er nackt dasteht vor seinem leiblichen Vater. Auf alles verzichtet, auf sein Erbe und allen Besitz, weil er in Christus alles gewonnen hat. Nicht zum Nachahmen. Wohl aber zum Staunen und um sich zum Fragen herausfordern zu lassen: wozu darf mich die Liebe Christi, die Liebe zu Gott bewegen?

Jesus
so selbstvergessen bin ich nicht
dass ich alles hingebe
keine Reserve für mich behalte
Das gebietet mir die Vernunft
auch die Verpflichtung denen gegenüber
die auf mich angewiesen sind

Und doch möchte ich lernen
nicht immer
aber hier und da
aus einem Augenblick heraus
zu geben
was ich habe
ohne zu fragen
ob es vernünftig ist
ob mir denn noch genug bleibt an Kraft
Besitz
Zeit

Öffne Du mir das Herz und die Augen
und dann auch die Hände. Amen