Sohn Davids und Herr

Markus 12, 35 – 40

35 Und Jesus fing an und sprach, als er im Tempel lehrte:

            Jesus ergreift die Initiative. Er ist nicht nur auf Streitgespräche aus. Sondern er lehrt, von sich aus. Im Tempel

 Wieso sagen die Schriftgelehrten, der Christus sei Davids Sohn? 36 David selbst hat durch den Heiligen Geist gesagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege.« 37 Da nennt ihn ja David selbst seinen Herrn. Woher ist er dann sein Sohn?

             Sie kommt uns weit weg, die Frage, die er stellt: Wieso sagen die Schriftgelehrten, der Christus sei Davids Sohn? Es geht um die Herkunft des kommenden Christus. Er wird als Davids Sohn bezeichnet. Einer aus dem Geschlecht und Haus Davids. Einer, der das Reich Davids wiederherstellen wird. „Es war allgemeine Überzeugung im Judentum der damaligen Zeit, dass ein Nachkomme Davids als Gesalbter Gottes und endzeitlicher König Israel erlösen würde.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.238) Im Gegensatz zu Matthäus und Lukas aber verzichtet Markus auf einen Stammbaum Jesu, der ihn als einen Nachkommen Davids erweist.

        Dennoch ist es kaum das Interesse Jesu, die Anrede Sohn Davids zurück zu weisen, sie zu relativieren. Immerhin ist es auch Markus, der erzählt: „Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“(10,47-48) Jesus weist diese Anrede des Blinden nicht zurück, wie er auch den Ruf bei seinem Einzug nicht zurückweist: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“(11,9-10)

        Was also stellt er in Frage, wenn es nicht die Anrede als solche ist? Oder was will er lehren? Der Schlüssel liegt im Verständnis des Psalmenzitates. „Die Deutung Jesu geht von der Voraussetzung aus, dass hier David zum Messias spricht, dem endzeitlichen Repräsentanten der Gottesherrschaft, dem Gott die Feinde unter die Füße legen wird.“(W. Klaiber, aaO.; S.239) David ist ja der Beter des Psalms. Und das was er als Beter sagt, ist, was er gehört hat: „David hört ein Gespräch, das im Schoß der Gottheit die Gottheit mit sich selbst führt, das dort der Vater mit dem Sohn führt.“(P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.416)

              Ich lese das alles so, dass es nicht um eine Zurückweisung der Bezeichnung Sohn Davids geht: wohl aber geht es darum, zurückzuweisen, dass man sich mit der Diskussion um irgendwelche Anreden, Titel, Hoheits-Namen seiner bemächtigen kann. Auch wer ihn „korrekt“ anreden würde, hat ihn damit noch nicht begriffen und erst recht kann er ihn damit nicht irgendwie in die eigenen Rechnungen einbauen.

            Auch das reicht meines Erachtens nicht aus – hier eine Art Zweistufenchristologie zu sehen, wie es sie bei Paulus zu geben scheint: Paulus sieht seinen Auftrag, ihm von Gott gegeben darin, das Evangelium zu predigen „von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. (Römer 1, 3-4) Nach irdischen Kategorien Davidssohn, nach himmlischen Gottessohn. Unser Text kennt vielleicht diese Zuordnung, aber er hält sie in der Schwebe, weil es nicht um das intellektuelle Verstehen des Geheimnisses des Christus geht, sondern um das Leben aus seiner Kraft. „Wer Jesus ist, erfährt man nicht als Schultheorie, sondern im Glauben und in der Nachfolge des Gekreuzigten.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.172)

Und alles Volk hörte ihn gern.

             „Das Herz des Volkes besitzt ja noch Sinn, wie wir zu sagen pflegen, für das Mehr-als-Menschliche in der Welt, für die übersinnlichen Zusammenhänge der Dinge, für das Unlogische und das Geheimnisvolle, für das Märchen und für die Legende.“ (P. Schütz aaO.; S.417) Man muss nicht alles verstanden haben, um davon berührt, ergriffen zu sein. Weil seine Worte die Herzen berühren, hört das Volk ihn gern. Seine Worte tun gut. Das reicht.

 38 Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen 39 und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; 40 sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

             Eine Warnung schließt sich an. Vor den Schriftgelehrten. Sie werden in diesen Worten als außengeleitet beschrieben. Sie sind imagebedacht. Sie sind ehrsüchtig in ihrem Achten auf das eigene Ansehen, in ihrem Streben nach öffentlicher Anerkennung. Sie zeigen gerne ihre beste Seite.

             Vor allzu raschen Urteilen hüte man sich. Das Streben nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit, nach Zuwendung ist zutiefst menschlich. Keine und keiner kann auf die Dauer ohne die Zuwendung und Anerkennung durch Menschen leben. „Allein gehst du ein“. Auch der Weg Jesu ist nicht denkbar ohne die Stimme, die ihm vor allem Anfang die unumstößliche Anerkennung Gottes zusichert: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“(1,11)

            Das Wort Jesu richtet sich dagegen, dass diese eine, die äußere Seite, die Schau-Seite keine Entsprechung im Inneren hat. Sie ist nur Image, nur Fassade, nur Schein. προφάσις. Es ist nichts dahinter als Selbstsucht. Sie suchen nicht Gott und das Wohl der Nächsten, der Witwen, für die sie angeblich da sein wollen, auch nicht in ihren Gebeten, sondern nur sich selbst. „Sie haben ihren Lohn schon gehabt.“ (Matthäus 616) ist das Urteil über die Heuchler. Hier: Es wird umso härter werden, weil sie Frömmigkeit heucheln, wo nur Eigennutz herrscht.

             Es ist ein hartes, vielleicht sogar unfaires Urteil über die Schriftgelehrten. Und man tut gut daran, es nicht als Urteil über eine fremde Gruppe zu lesen, sondern mit der Frage: Was daran trifft mich? Lebe ich anders, nicht außenorientiert, sondern innengeleitet, nicht bestimmt durch die Jagd nach Ansehen, sondern geführt durch den Geist Gottes, der mich frei macht von aller Angst um mich selbst. Frei auch von der Angst, zu kurz zu kommen.

Jesus
Wie soll ich Dich nennen
Menschensohn
Gottessohn
Davidssohn
Meister
Herr

Jesus
Ich vertraue Dir als meinem Herrn
Ich glaube Dich als den
der mir Gott vor Augen stellt
der mir das Gesicht des Vaters zuwendet
Ich hänge an Dir als meinem Erlöser und Heiland

Ich weiß
dass kein Wort reicht
um zu sagen
wer Du für mich bist

Mir reicht
dass Du für mich bist
in Zeit und Ewigkeit. Amen