DerHimmel ist anders

Markus 12, 18 – 27

18 Da traten die Sadduzäer zu ihm, die lehren, es gebe keine Auferstehung; die fragten ihn und sprachen:

                 Die Diskussionspartner Jesu stehen Schlange. Er ist ein gesuchter Mann. Diesmal sind die Sadduzäer an der Reihe. „Sie sind die priesterliche Gruppe, die „jüdische Aristokratie“, die konservativ nur das Gesetz, also die fünf Bücher Mose als Autorität anerkennt.“ (E. Schweitzer, Das Evangelium nach Markus, NTD 1, Göttingen 1967, S.140) Und weil in diesen Büchern nirgends von einer Auferstehung die Rede ist, ist das für sie auch kein Thema, kein Gegenstand ihres Glaubens und Lehrens von Gott.

 19 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben (5.Mose 25,5-6): »Wenn jemand stirbt und hinterlässt eine Frau, aber keine Kinder, so soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« 20 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau; der starb und hinterließ keine Kinder. 21 Und der zweite nahm sie und starb und hinterließ auch keine Kinder. Und der dritte ebenso. 22 Und alle sieben hinterließen keine Kinder. Zuletzt nach allen starb die Frau auch. 23 Nun in der Auferstehung, wenn sie auferstehen: wessen Frau wird sie sein unter ihnen? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt.

             Und nun konfrontieren ausgerechnet diese Leute, die alles Leben über den Tod hinaus leugnen, Jesus mit einer Geschichte, die über den Tod hinaus reicht. Sie wirkt reichlich konstruiert, herausgesponnen „aus dem alttestamentlichen Gebot der Leviratsehe.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S. 332) Das ist die Verpflichtung, dem kinderlos gestorbenen Bruder Kinder durch eine Ehe mit dessen Witwe zu erwecken.

            Die Geschichte, die sie erzählen, klingt abstrus. So, als wäre die Frau ein Todesengel. Vage könnte ihr Story anknüpfen an die Erzählung über Tamar, die zwei Brüder überlebt und der deshalb der dritte „vorenthalten“ werden soll. „Da sprach Juda zu seiner Schwiegertochter Tamar: Bleibe eine Witwe in deines Vaters Hause, bis mein Sohn Schela groß wird. Denn er dachte, vielleicht würde der auch sterben wie seine Brüder.“ (1. Mose 38, 11)

            Aber im Grunde muss man wohl sagen: sie erzählen eine Geschichte, die sie selbst zwar in ihrer Weltlichkeit für gerade noch denkbar halten. Aber die Schlussfrage ist für sie keine Frage mehr: Am Ende steht das Nichts und kein erotischer Verteilungskampf im Himmel. Auch hier gilt: Die Frage, die sie stellen, ist nicht die Frage der Fragenden. Sie ist nur der Versuch, den Gefragten lächerlich zu machen. Ihn bloß zu stellen und vorzuführen.

24 Da sprach Jesus zu ihnen: Ist’s nicht so? Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.

             Wir hören: ihr habt keine Ahnung. Ihr seid auf dem Holzweg. Ihr seid Irrende. „Es klingt fast wie eine Titulatur.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.159) Obwohl sie sich so auf die Schrift berufen, kennen sie sie nicht – wohl deshalb, weil sie die Kraft Gottes, δναμις το θεο nicht kennen. „Er sagt ganz einfach: Ihr wisst nichts von der Hauptsache. Ihr haltet euren Horizont für die Welt. Ihr wisst nichts von der Hauptsache dahinter und darüber.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.415) Weil sie nicht wissen, dass Gottes Kraft wirkt.

 25 Wenn sie von den Toten auferstehen werden, so werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie die Engel im Himmel. 26 Aber von den Toten, dass sie auferstehen, habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose, bei dem Dornbusch, wie Gott zu ihm sagte und sprach (2.Mose 3,6): »Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«?

             Es geht inhaltlich weiter: Das Leben der Auferstehung ist keine Fortsetzung der irdischen Wirklichkeit, wie sie sich im Heiraten und sich heiraten lassen zeigt. Es ist eine andere Existenz, kategorial verschieden vom Leben in der Welt. Darum der Satz: sie sind wie die Engel im Himmel. Darauf läuft die Antwort Jesu hinaus: „Gott schafft Neues und noch nicht Erfahrenes.“(J.Gnilka, ebda.) Deshalb ist es auch müßig, sich diese neue, engelhafte Existenz irgendwie vorstellen zu wollen. Es wird ganz anders sein. Totaliter aliter.

             Das ist noch nicht die ganze Antwort Jesu. Sondern jetzt führt er weiter und geht auf die Auferstehungsleugner ein. „Mose wird durch Mose, auf den sich die Sadduzäer berufen, widerlegt.“ (J.Gnilka, ebda.) Es ist die für den Glauben so zentrale Selbstvorstellung Gottes aus dem Dornbusch, die das für Jesu entscheidende Argument liefert. Weil Gott in seinem Wort nicht auf historische Fakten verweist, sondern auf die Erzväter Israels, Abraham, Isaak und Jakob als die bei ihm Gegenwärtigen. „Die Patriarchen leben bei Gott und sind für die Auferstehung bestimmt.“ (J.Gnilka, aaO.; S. 160)

27 Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Ihr irrt sehr.

            Damit wird die Summe aus den vorhergehenden Sätzen gezogen. Gott ist der Schöpfer, der Lebendige, der das Leben will. Darum widerspricht es dem Wesen Gottes, Leben im Tod zu lassen, die Toten dem Tod zu lassen. „Als der Lebendige ist Gott ein Gott der Lebenden.“ (J.Gnilka, ebda.) Vor dem Tod und nach dem Tod. Vor dem Horizont und hinter dem Horizont.

          Weil sie das nicht sehen, nicht sehen wollen oder nicht sehen können, bekräftigt Jesus noch einmal, wie es um die Sadduzäer in ihrem vermeintlichen Wissen steht: Ihr irrt sehr. Was weiter mit den Sadduzäern ist, wird nicht mehr erzählt.

Heiliger barmherziger Gott
Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit
in Dir leben alle
die vor uns waren
die nach uns kommen
deren Leben zerbrochen wird von einem Augenblick auf den anderen
und die alt und lebenssatt sterben

Lass es mich immer wieder ergreifen
mit meinem Herzen und meinem Gemüt
gegen alle Einwände meines Herzens und Denkens
dass alle Tage unseres Lebens aufgehoben sind in Dir
dass auch über den Tod hinaus unser Leben geborgen ist
in Deiner Ewigkeit. Amen