Das Ringen um das Bethaus

Markus 11, 12 – 25

 12 Und am nächsten Tag, als sie von Betanien weggingen, hungerte ihn. 13 Und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit für Feigen.

            Der nächste Tag ist da. Sie brechen auf aus Betanien auf den Weg nach Jerusalem. Auf dem Weg sieht Jesus einen Feigenbaum. Und weil ihn hungert, sucht er ihn ab nach Früchten. Aber da sind keine Feigen, nur Blätter. Denn es war nicht die Zeit für Feigen. Sucht Jesus also zur Unzeit Frucht?

 14 Da fing Jesus an und sprach zu ihm: Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das.

        Es klingt wie Verärgerung, ist aber wohl doch mehr als nur Ausdruck einer Enttäuschung. „Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken will, der im Weinberge Nachlese hält, da man keine Trauben findet zu essen, und ich wollte doch gerne die besten Früchte haben!“(Micha 7,1) So klagt Gott über seine vergebliche Suche nach Frucht bei seinem Volk.

               Um wie viel härter aber ist dieses Wort Jesu. Es ist nicht Klage, sondern Fluchwort. Erst recht erschreckend, wenn wirklich gilt: „Dieser Baum ist sein Volk.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.397) Was wäre das für ein Fluch aus dem Mund dessen, der das Erbarmen Gottes in Person ist und lebt: Fruchtlos in Ewigkeit. Und ich weiß nicht so recht, ob ich mich so beruhigen kann: „Damit ist kein Urteil über den einzelnen Israeliten gefällt, aber im heilsgeschichtlichen Sinn ein Schlussstrich unter die Geschichte Gottes mit seinem Volk gezogen.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.125)

        Wahr daran könnte sein: Man muss – nach dem Kommen Jesu – nicht mehr Israelit werden, um Teil zu gewinnen am Heil Gottes. Die Frucht, die den Hunger nach Leben stillt, kommt aus seinen Händen und nicht mehr aus der Zugehörigkeit zu Israel.

15 Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an auszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um 16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trage. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.

        Der Weg führt in den Tempel. Dort startet eine Aktion, die nur mühsam zu erklären ist als „Folge seiner Beobachtungen am Vorabend“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.215) Wortlos fährt Jesus zwischen das Treiben im Tempel. Er bringt den ganzen Betrieb zum Erliegen. Gewaltsam und bedrohlich. Da ist kein sanfter Jesus am Werk.

         „Was Jesus tat, war mehr prophetische Zeichenhandlung als flächendeckende Säuberung.“(W. Klaiber, ebda.) Und jetzt erst, gewissermaßen im Nachgang zur Aktion wird aus dem Mund Jesu die Erklärung geliefert. Jesus sieht das Bethaus Gottes verwandelt in eine Räuberhöhle. Vorsichtig, wie wir heute sind, würden wir wohl sagen: in ein Geschäftszentrum. Oder anders gesagt: Das Ziel Gottes mit seinem Haus ist durch menschliches Versagen verfehlt, entstellt.

            Wie ist diese ganze Aktion zu verstehen? Eine Möglichkeit: sie markiert das Ende des Tempels, sie ist „Ausdruck der Abschaffung seines Kultes.“ (J.Gnilka, aaO.; S.129) Dann hätten wir hier nur eine immerhin historisch bedeutsame Erinnerung vor uns.

            Die andere Möglichkeit: Jesus dringt darauf: Der Tempel ist und bleibt das Bethaus. Das Haus, in dem Menschen sich zu Gott hinwenden, weil er sich zu ihnen gewandt hat. Das gilt über den Jerusalemer Tempel hinaus. Für alle Synagogen, für alle Kirchen. Vielleicht sogar für alle Moscheen?

         Eine bleibende Folgerung aus diesen Worten Jesu: „Das ist die Kirche: Ort des Gebetes. Ja sie ist, wie es der alte Sprachgebrauch weiß, das Gebet selbst. Ich gehe in die Kirche, das heißt; Ich gehe in das Gebet. Das also ist der Urbegriff der Kirche. Nach ihm ist alles auszurichten, was in der Christenheit von der Kirche gelehrt und in der Kirche gelebt wird.“ (P. Schütz, aaO.; s. 398)

18 Und es kam vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten, und sie trachteten danach, wie sie ihn umbrächten. Sie fürchteten sich nämlich vor ihm; denn alles Volk verwunderte sich über seine Lehre.

          Auch wenn merkwürdigerweise die Tempel-Polizei nicht eingegriffen hat, spricht sich das Geschehen doch rasch herum. Es kommt auch vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten und bestärkt sie nur in ihrem schon lange gefassten Plan Jesus zu beseitigen. Ihn umzubringen. Die Absicht von früher, wie sie ihn umbrächten, πς ατν πολσωσιν (3,16) wird wortgetreu wiederholt. Sie sind seit den Anfängen Jesu in ihrem Denken über ihn keinen Schritt weiter gekommen.

       Was sie allerdings in ihrem Vorhaben bestärkt, ist das Volk. Sein Verhalten Jesus gegenüber. Seine Verehrung für Jesus. Dass es sich über seine Lehre verwunderte. Darüber außer sich geriet. Es nicht fassen konnte. Die Lehre, die seine Worte und seine Taten in gleicher Weise sind, hat es in sich, dass sie über die eigenen, engen Grenzen hinaus führt. Nicht unbedingt in Ekstase, wohl aber in ein grenzenlosen Staunen.

         Aber dieses Verwundern des Volkes birgt in der Sicht der Tempel-Hierarchie große Gefahren in sich: „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“(Johannes 11, 47-48) Die Folgerung: Jesus ist nicht nur ein harmloser Narr aus Galiläa. Er ist zum Fürchten in seinem Zulauf. Darum: Weg mit ihm.

 19 Und abends gingen sie hinaus vor die Stadt. 20 Und als sie am Morgen an dem Feigenbaum vorbeigingen, sahen sie, dass er verdorrt war bis zur Wurzel. 21 Und Petrus dachte daran und sprach zu ihm: Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.

          Der Tag ist um, die Nacht kehrt wieder. Sie treten den Rückweg an, nach Betanien. Am Tag danach, dem dritten Tag, den Tag des Einzuges mitgezählt, kommen sie wieder an dem Feigenbaum vorbei. Und sehen ihn verdorrt.Von der Wurzel her“ so wörtlich statt: bis zur Wurzel. Aus diesem verdorrten Baum wird kein Leben mehr kommen. Das Fluchwort Jesu hat sich erfüllt. Petrus bestätigt es – und bestätigt damit nur, dass Jesu Wort wirkt, was er sagt.

 22 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott! 23 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer!, und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen werde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen.

        Geht Jesus auf die Worte des Petrus ein? Auf sein Staunen über die prompte Erfüllung des Fluches? Mir scheint es anders. Er nimmt Petri Worte zum Anlass zu einer Grundsatzbelehrung in Sachen Glauben. Habt Glauben an Gott! χετε πστιν θεο. Habt Vertrauen auf Gott. Fasst Vertrauen zu Gott. Das ist mehr als: glaubt, dass es Gott gibt. „Das Entscheidende ist, auf Gott und seine Möglichkeiten zu vertrauen.“(W. Klaiber, aaO.; S.217) Nur dann kommt es ja zu realen Schritten des Glaubens, zu Worten, zu Taten, zu anderem, neuem Verhalten.

       Dieser Glaube, dieses Vertrauen auf Gott kann Berge versetzen. Hindernisse aus dem Weg räumen. Er scheitert nicht an den Schwierigkeiten, die das Leben zu reichlich zu bieten hat. Es ist ein Glaube, der am Widerstand wächst. „Die Wendung „Berge versetzen“ oder „“Berge entwurzeln“ war sprichwörtlich für eine unmögliche Aufgabe.“ (W. Klaiber, ebda.) Einmal mehr zeigt es sich, wie Jesus anknüpft an das, was man im Volk so sagt.

           „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“(Römer 12,12) Was Paulus ganz ohne Bild sagt, wird hier ins Bild gesetzt. Aber in ein Bild, das in aller Welt begreiflich ist.

24 Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteil werden.

             Aus diesem Vertrauen zu Gott lebt das Beten. Erwachsen Worte, unausgesprochen oder laut geworden, gestammelt und gesungen, manche auch einfach nur geseufzt. In diesem Vertrauen ereignet sich Empfangen. „Ist der Glaube Gott zugewendetes Vertrauen, so ist das Gebet Ausdruck dieses Glaubens. Im Gebet lernt der Betende, den Willen Gottes erkennen, bejahen und um seine Erfüllung bitten.“ (J.Gnilka, aaO.; S. 135)

25 Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen. 26 »Wenn ihr aber nicht vergebt, so wird euer Vater, der im Himmel ist, eure Übertretungen auch nicht vergeben«

            Die Unterweisung zum Beten geht weiter. Jetzt, indem sie die Betenden an die verweist, gegen die sie etwas haben. Eine Klage, einen Vorwurf. Etwas, was sie voneinander trennt. Sich zu dem vergebenden Gott wenden schließt die andere Zuwendung mit ein, die zum Bruder, zur Schwester, die auf das eigene Vergeben angewiesen ist. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“(Matthäus 6,12) lehrt Jesus sein Volk beten. Die Worte hier, auch wenn der V. 26 erst in späteren Handschrift zu finden ist, weisen darauf hin: „Das Gebet ist fruchtlos bei einem gestörten Verhältnis zum Nachbarn oder Bruder.“ (J.Gnilka ebda.)

            Es fällt schon auf: Nur hier, in der Mahnung zum wechselseitigen Vergeben, spricht Jesus nach dem Markus-Evangelium von Gott als „eurem Vater im Himmel“. Da wirkt auf mich, als würde im eigenen Vergeben für uns wahrhaftig erfahrbar, dass Gott nicht ein ferner Gott, irgendwo in den Weiten des Alls oder im Jenseits ist, sondern der nahe, väterlich-mütterliche Gott.

            Vom Bethaus Tempel kommen Jesus und seine Jünger her und er führt sie jetzt in ein Beten, das den Tempel als Ort überschreitet. In ein Beten über alle Worte hinaus. Aber eben in ein Beten, das immer die Versöhnung sucht. Mit denen, die mir lieb sind und auch mit denen, die mir nicht so lieb sind.

Heiliger Gott
Du willst unser Vertrauen
Du willst Dich uns schenken
damit wir begreifen
dass Du uns gut bist

Du suchst unser Vertrauen
damit wir Zuflucht finden bei Dir
unser Fragen und Verzagen vor Dich bringen
unsere Angst vor Dir aussprechen
der alle Ängste trägt
unsere Sehnsucht Dir hinhalten

Du suchst unser Vertrauen
damit wir Schritte der Versöhnung wagen lernen
damit wir über unsere engen Grenzen hinaus finden
hin zu denen
die mit uns leben. Amen