Auf das eigene Leben achten

Titus 2, 1 – 10

1 Du aber rede, wie sich’s ziemt nach der heilsamen Lehre.

            Kommt jetzt Theologie? Wird jetzt erklärt, was die gesunde Lehre ist? An dieser Stelle könnte doch ein kleiner Einführungskurs in frühchristliche Dogmatik erfolgen. Oder setzt Paulus einfach voraus, dass Titus schon weiß, was ihm da vorschwebt? Weil er es ja oft genug von dem Apostel gehört hat: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1. Korinther 3,11) Er ist das Zentrum der heilsame Lehre.

2 Den alten Männern sage, dass sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld; 3 desgleichen den alten Frauen, dass sie sich verhalten, wie es sich für Heilige ziemt, nicht verleumderisch, nicht dem Trunk ergeben. Sie sollen aber Gutes lehren 4 und die jungen Frauen anhalten, dass sie ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben, 5 besonnen seien, keusch, häuslich, gütig und sich ihren Männern unterordnen, damit nicht das Wort Gottes verlästert werde. 6 Desgleichen ermahne die jungen Männer, dass sie besonnen seien 7 in allen Dingen.

            Es geht mit einer anderen Art Theologie weiter. Mit Anweisungen zur Gemeindeleitung. Die sind nach allen Richtungen gedacht. Da ist die Vielfalt der Gemeinde abgebildet in den Mahnungen, die an die einzelnen Gruppen und die einzelnen Leute geht. Das Leitwort in allen Mahnungen ist „besonnen“. σφρονας. In dieses Wort fließen viele positive Verhaltensmuster mit ein: Nüchtern, ehrbar, geduldig. Es fällt kaum auf: Der Dreiklang „Glaube Liebe, Hoffnung“ (1.Korinther 13, 13) wird hier leicht verändert: Glauben, Liebe Geduld. Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Die Geduld ist die Lebensgestalt der Hoffnung.

         Schön ist das Zutrauen, dass die verschiedenen Gruppen der Gemeinde auch einander helfen können, gute Schritte im Glauben und im Leben zu gehen. So sollen die alten Frauen auf die jungen Frauen einwirken. Wohl weniger durch Reden sondern mehr durch ihr Beispiel, die eigene Lebensführung.

            Besonders auffällig ist allerdings, dass sich fast alle Anregungen auf das „normale Leben“ beziehen. Es geht nicht um Gebetshaltungen und Meditations-Übungen, um Gottesdienst-Besuche, um Stille Zeit oder ähnliches. Thema sind vielmehr die Geduld, die Nüchternheit, der Verzicht auf Verleumdungen, die Liebe zu den Kindern…. Gut mit Menschen umgehen ist nach der Sicht des Paulus mindestens genauso wichtig wie Frömmigkeitsübungen. Vielleicht ist es ja auch ein Teil der Frömmigkeits-Übungen, dass ich anderen dazu helfe, dass sie gut leben können? Das wäre dann als heilsame Lehre eine Einweisung in Orthopraxie!

          Auch das ist zu beobachten: wirklich revolutionär sind die Mahnungen nicht. Auch die nicht-christliche Umgebung in Kreta hätte gegen solche Mahnungen kaum Einwände zu erheben gehabt. Und wir hätten heute wohl lieber nicht so deutlich patriarchalisch geprägte Wendungen, sondern mehr den Blick auf die Gleichwertigkeit und Partnerschaft der Geschlechter. Es ist gut, sich erinnern zu lassen: „Das Neue, das durch Jesus in die Beziehung der Geschlechter kam, ist gerade nicht eine Verstärkung oder Bestätigung der Männervorherrschaft, sondern eine Wiederherstellung der ursprünglichen Gegenseitigkeit.“ (H. Bürki, Der Brief des Paulus an Titus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S.167)

 Dich selbst aber mache zum Vorbild guter Werke mit unverfälschter Lehre, mit Ehrbarkeit, 8 mit heilsamem und untadeligem Wort, damit der Widersacher beschämt werde und nichts Böses habe, das er uns nachsagen kann.                                                                                                                                                                                            Das ist viel verlangt: in allen Dingen ein Vorbild sein. Nicht nur im geistlichen Leben, nicht nur in der Klarheit der Lehre, auch in dem liebevollen Umgang mit Menschen, auch in den Worten, die einer sagt. Beherrscht in den Worten, so dass man einem, der etwas gegen einen hat, eine Brücke baut. Worte können ja verletzen und sind schnell gesagt. Titus soll seine Worte wägen. Sie sollen deutlich sein, unverfälscht das Evangelium sagen, klar und wahr. Zum Gesunden helfen.

               Das Gute an diesem persönlichen „Einschub“ ist, dass er zeigt, dass sich kein Gemeindeleiter Fensterreden leisten darf – anders nach außen als nach innen. Die persönliche Lebensführung redet immer mit und die Worte, die anderen gelten, gelten zuerst dem selbst, der sie sagt. Der Glaube muss ins Leben hinein und zwar in das persönliche Leben. Hier darf man nicht nachlässig mit sich selbst sein und hart gegen andere, sondern eher umgekehrt: barmherzig mit anderen, aber streng mit sich selbst.

9 Den Sklaven sage, dass sie sich ihren Herren in allen Dingen unterordnen, ihnen gefällig seien, nicht widersprechen, 10 nichts veruntreuen, sondern sich in allem als gut und treu erweisen, damit sie der Lehre Gottes, unseres Heilands, Ehre machen in allen Stücken.

            Am Schluss steht ein Wort an Titus darüber, was er die Sklaven lehren soll. Sie kommen zuletzt, weil sie auch gesellschaftlich Letzte sind. Auch hier wieder ist nichts zu hören, was nicht jeder Zeitgenosse auch gesagt hätte. Nur die Begründung ist anders: Der Gehorsam der Sklaven gegenüber ihren Herren erweist, dass sie der Lehre Gottes gehorsam und treu sind. Die Herren in der Gemeinde müssen sich nicht fürchten vor solchen Weisungen an ihre Sklaven.

         Der Schreiber des Titus-Briefes ist kein Sozial-Revolutionär. Nicht nur, was den Umgang mit Sklaven angeht, ist der Schreiber anschlussfähig an das Denken seiner Umwelt. Er ist weit entfernt von einem solchen Satz: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28) Sein Bild von Gemeinde ist konservativ: Männer sind ordentlich. Frauen ordnen sich unter und Sklaven bleiben Sklaven. Es hat lange gedauert, bis in der Christenheit das Schandmal der Sklaverei mit deutlichen Worten gegeißelt und dann auch in der Gesellschaft überwunden worden ist. Bis in die staatlichen Gesetze hinein.

        Aber wie ist das heute? Wagen wir Christen es denn, den Sozialstrukturen und Werten der Gesellschaft zu widersprechen – durch unangepasstes Verhalten, durch Strukturen, die nicht aus dem gesellschaftlichen Konsens kommen und begrünet werden? Manchmal denke ich, dass wir auch nur abbilden, was die Gesellschaft, in der wir leben, als ihre Werte benennt. Wir sind weit davon entfernt, die „Kontrast-Gesellschaft des Reiches Gottes“(G.Lohfink) zu sein oder wenigstens anfangsweise abzubilden. Wir sind keine Kirche, die Grenzen aufbricht, weil sie der grenzenlose Liebe Gottes vertraut. Wir schreibe ich – und muss mir eingestehen: Was ich hier schreibe, trifft über lange Zeiten meines Lebens auch mein eigenes Denken, Reden Handeln: bürgerlich angepasst.

Herr
niemand kann sich selbst zum Vorbild machen
Niemand darf von sich sagen
Macht mir alles nach.

Du bist doch allein unser Meister
Du bist es
an dem wir Maß nehmen
dem wir unser Leben anvertrauen
damit Du etwas daraus machst.

Gib mir
dass ich in allem Wegweisen
auf Dich weise
in allem Sagen
wie es gehen soll
immer Dein Bild male.

Nur so wird mein Reden Ermutigung und Mahnung
zu einem Ruf in die Freiheit. Amen