Schrille Töne

Titus 1, 10 – 16

10 Denn es gibt viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer, besonders die aus den Juden, 11 denen man das Maul stopfen muss, weil sie ganze Häuser verwirren und lehren, was nicht sein darf, um schändlichen Gewinns willen.

            Das klingt schrill. Selbst dann, wenn man unterstellt, dass diese Worte das Umfeld meinen und nicht die Menschen in der Gemeinde. Aber vermutlich geht es gar nicht um die Umwelt, sondern um Menschen in den eigenen Reihen, was den Ton noch härter macht: „Nun werden die Irrlehrer charakterisiert. Sie stellen für die junge ungefestigte kretische Gemeinde eine besonders ernste Gefahr dar, weshalb energisches Vorgehen am Platz ist.“(J.Jeremias Der Brief an Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.70)

             Die, die die Gemeinde durcheinander bringen, Freche, unnütze Schwätzer und Verführer – ob sie nun aus den Juden kommen oder von woanders her, müssen zum Schweigen gebracht werden. Es könnte sein, dass diese Störenfriede als Lehrer mit der Forderung des Gesetzes aufgetreten sind, wie so manche mit einer jüdischen Herkunft. Aber es kann auch sein, dass andere Hintergründe mitspielen. Das wird nicht deutlich.

           Deutlich wird aber, wie weit diese Worte entfernt sind von dem liebenden Werben der Worte aus dem Brief an die Römer in den Kapiteln 9 – 11. Hier ist keine Brücke zu den jüdischen Brüdern. Hier ist keine Hoffnung, sie zu gewinnen. Die Liebe, mit der Paulus um seine Volksgenossen gekämpft hat, ist in diesen Worten nicht mehr spürbar oder gar in Hass umgeschlagen.

12 Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. 13 Dieses Zeugnis ist wahr. Aus diesem Grund weise sie scharf zurecht, damit sie gesund werden im Glauben 14 und nicht achten auf die jüdischen Fabeln und die Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden.

             Eine kretische Stimme wird zitiert. Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. „Der Ausspruch wird dem kretischen Priester Epimenides (6. Jahrhundert v. Chr. ) zugeschrieben.“ (H. Bürki, Der Brief des Paulus an Titus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S.156) Und von Paulus bestätigt. Seine Schlussfolgerung daraus: Kein Blatt vor den Mund nehmen. Klartext ist angesagt, ohne jeden Kompromiss, ohne Zugeständnisse, würden wir wohl sagen.

            Die Erwartung: aus dem Klartext entsteht so etwas wie eine Immunisierung. Sie werden gesund im Glauben. Sie werden nicht weiter empfänglich für das, was Paulus jüdische Fabeln nennt. Und für die Gebote, die die aufstellen, die nicht der Wahrheit des Evangeliums trauen.

               Es fällt mir schwer, hinter diesen Worten über die Kreter den fürsorglichen Schreiber der ersten Zeilen zu entdecken. Der so deutlich die menschlichen und geistlichen Qualitäten einfordert, ist hier rasch bei der Hand mit Sätzen, die sich heute wie üble Klischees anhören, die den anderen alle menschlichen Qualitäten absprechen. Ob das wirklich hilfreich ist für Lebensänderungen, dass man Menschen „scharf zurechtweist“? Gibt es doch die andere Erfahrung, dass zu harsche Kritik eher verhärtet, eher Widerstand hervorruft.

            Ein bisschen mutet das an wie der Versuch, die eigenen Leute abzuschotten. Aber vielleicht ist die Situation ja so, dass hier nicht Offenheit, sondern Abgrenzung angesagt ist, nicht Gespräch, sondern Abkehr? Aber ich will meine Sicht gerne in Frage stellen lassen: „Nur wer in der letzten Hingabe um Menschen ringt, wie es Jesus, die Propheten und Apostel taten, kann so unverblümt alles faule und Falsche bloßlegen, um einen einzelnen, einen Kreis, eine Gemeinde oder ein ganzes Volk aufzuwecken und zur Umkehr zu rufen.“ (H. Bürki, ebda.)

 15 Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihr Sinn und ihr Gewissen. 16 Sie sagen, sie kennen Gott, aber mit den Werken verleugnen sie ihn; ein Gräuel sind sie und gehorchen nicht und sind zu allem guten Werk untüchtig.

            So sehr ist Paulus‘ in seinem Urteilen gefangen, dass er auch aus einem gewissermaßen neutralen, weisheitlichen Satz „Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein“ nur noch ein Urteil machen kann. Warum soll Titus auf dieser Insel noch etwas tun – das ist doch ein verlorener Platz, so wie diese Worte über die Kreter klingen.

            Noch einmal die Diagnose aus den Worten des Paulus: ihr Sinn und ihr Gewissen ist unrein. Μιάινω – „beflecken, beschmutzen, besudeln.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.505) ist stärker als das doch eher vorsichtige unrein. Sinn und Gewissen sind untauglich geworden, wie ein befleckter Spiegel, der kein Bild mehr zeigt. „Wenn Verstand und Gewissen unterdrückt, befleckt oder verstört werden, dann schreitet der Verfall sittlicher Maßstäbe rasch voran, dann kann man sogar im Namen Gottes und des Gewissens morden, kriegen, schänden und betrügen.“ (H. Bürki, aaO., S. 159) Es finden sich auch in unsere Zeit genug Belege für solches Handeln, angeblich geboten durch die eigene Religion.

            Besonders schmerzhaft: die, denen die Auseinandersetzung gilt, sind keine Gottesleugner. Keine Atheisten. Sondern Leute, die von sich selbst sagen: Wir kennen Gott. Wir wissen, wie er ist, was er will. Aber – so der Einwand des Paulus: was sie von sich selbst sagen, stimmt nicht zusammen mit ihrem Leben. In ihrem Verhalten zeigt sic h nicht, dass sie Gott vertrauen, das Evangelium von Christus sie leitet. Und: sie bleiben das gute Werk schuldig. Ich übersetzte für mich: die Taten der Barmherzigkeit. Das Weitergeben des Erbarmen Gottes. Reden und Leben, Worte und Handeln fallen auseinander und widerlegen die behauptete Frömmigkeit.

            Mich beschäftigt und erschreckt die Schärfe der Auseinandersetzung, der Abgrenzung. Eine Schärfe, die an der Gegenseite ja nur noch moralischen Verfall sehen kann, nur noch Lüge und Verführung. Ist das zwangsläufig so: weil es um die Reinheit des Evangeliums geht, gibt es nur noch Schwarz oder Weiß. Aber keine Zwischentöne, keine Brücken?

            Die Schärfe, die hier „nur“ zu den harten Worten führt, sehen wir heute in der blutigen Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten am Werk. Finden sie aber auch in der Ketzergeschichte unserer Kirche. Da gab es Scheiterhaufen en gros für Abweichler und Irrlehrer, für Hexen und andere Verdächtige.

            Wenn ich mir selbst Rechenschaft zu geben suche: Es gibt Erinnerungen an Auseinandersetzungen, wo ich rasch mit den Abweichlern fertig war. Wo ich es an der geduldigen Liebe habe fehlen lassen. Wo ich auf mein letztes Wort nur deshalb verzichtet habe, weil ich dachte: Gott wird es ihnen schon zeigen und es sie spüren lassen, wie sie irren.

          Heute geht es mir anders. Ich glaube, dass es eine Härte, eine Schärfe in den Urteilen und dem Ringen um Klarheit gibt, die sich mit dem Evangelium von Jesus nicht mehr vereinbaren lässt. Weil er in seiner Person die suchende Liebe ist und bleibt, die auch die Irrenden sucht. Immer. In einer unendlichen Geduld.

Mein Gott
ich erschrecke über diese harten Worte
Sie klingen so von oben herab
Rede ich so von Menschen in der Gemeinde?
Rede ich so von Gemeinden?

Wo ist die Grenze zwischen Hochmut und aufbauender Kritik
Wo ist die Grenze zwischen Lieblosigkeit und harter barmherziger Wahrheit?

Gib mir die Worte
die aufbauen
auch wenn sie kritisieren
die nach vorne helfen
auch wenn sie wehtun.

Gib mir Worte aus Deiner Liebe. Amen