Gute Organisation – gute Leute

Titus 1, 1 – 9

 Paulus, ein Knecht Gottes und ein Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit, die dem Glauben gemäß ist, 2 in der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, verheißen hat vor den Zeiten der Welt; 3 aber zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir anvertraut ist nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands;

             Der Briefkopf, also der Anfang dieses Briefes, die Selbstvorstellung des Brief-Schreibers Paulus ist länger als in allen anderen Paulusbriefen. Er stellt sich vor als Knecht Gottes, als Apostel Jesu Christi. Dann aber auch sofort als einer, der Glauben mit anderen teilt, mit den Auserwählten Gottes.

     Gleich wird auch in den ersten Zeilen der Glaube, πστις, benannt – als Quelle, Grund und Richtschnur für das eigene Leben. Die beiden Wendungen sind aufeinander bezogen – nach dem Glauben und gemäß der Frömmigkeit. So ist εσβεια eigentlich zu übersetzen und nicht wie oben: die dem Glauben gemäß ist. Aus dem Glauben, der Wahrheit Gottes erwächst die Frömmigkeit, die Gottesfurcht. „Wenn Gottes Heilswahrheit nicht zur Frömmigkeit führt, hat sie ihren Sinn verfehlt.“ (H. Bürki, Der Brief des Paulus an Titus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S. 144) Sie ist Frucht des Glaubens und nicht einfach nur ein äußerlicher Habitus. Schon gar nicht frommes Getue oder Frömmelei.

      Ganz gedrängt und verdichtet, tauchen Hauptworte der christlichen Lehre auf: Glauben, Erkenntnis der Wahrheit, Frömmigkeit. Es ist, als wolle der Schreiber schon in den ersten Sätzen unmissverständlich klar machen: Was mich treibt ist das Evangelium: Um Wahrheit und Glauben, um Hoffnung geht es, um die Bereitung hin auf das Ende der Zeiten. Um zu empfangen, was Gott verheißen hat – das ewige Leben. Das sind verlässliche Worte, weil Gott der ist, der nicht lügt. Was er sagt, geschieht. Was er verheißt, wird erfüllt.

        Und er, Paulus, weiß sich dazu gerufen, dem zu dienen, die Wahrheit Gottes offenbar zu machen durch sein Tun und Reden. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn es gab eine Zeit, in der das alles zwar schon verheißen war, aber noch nicht enthüllt, vor den Zeiten der Welt. Aber jetzt ist andere Zeit, weil Gott eine neue Zeit gesetzt hat: Zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt.

            Das erinnert stark an den Anfang des Hebräer-Briefes: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.“(Hebräer 1,1-2)

            Es trifft nicht ganz, wenn man in diesen Worten das Selbstbewusstsein des Paulus hört. Es ist anders – Sendungs-Bewusstsein, aber nicht so, wie das heute leicht verstanden wird. Paulus sieht nicht sich selbst als groß, wohl aber seine Botschaft. Sich selbst sieht er als Knecht, als Sklave – so wörtlich ja δολος. Aber die Botschaft, die er zu sagen hat, die ist groß, großartig. Weil sie den Weg zum Leben öffnet.

           „Eine doppelte Sendung hat Paulus als Apostel: die Erhaltung der Gemeinde im Glauben und die Ausbreitung der Wahrheitserkenntnis unseres Glaubens.“ (J.Jeremias Der Brief an Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.68) Dieser Spur folgt bis heute das Arbeiten in der Kirche: Es geht um Sammlung und Sendung der Gemeinde. Immer um beides, nie nur um eines.

 4 an Titus, meinen rechten Sohn nach unser beider Glauben: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Heiland!

             Der langen Selbstvorstellung folgt die knappe Angabe des Adressaten: an Titus, meinen rechten Sohn nach unser beider Glauben. Man wird wohl zu verstehen haben: „Titus ist durch die Verkündigung des Apostels zum Glauben gekommen.“ (H. Bürki, aaO.; S.146) Und doch geht es weniger um eine Erinnerung: Du verdankst deinen Glauben meiner Verkündigung, sondern mehr um die Erinnerung: Unser beider Glaube, „unser gemeinsamer Glaube“ – so wörtlich κοιν πστις ist das verbindende Band, über allen Abstand hinweg.

             Wir wissen von Titus, dass er eine Gefährte des Paulus war, kein Christ jüdischer Abstammung, sondern ein Grieche. Einer, auf den Paulus sich verlassen konnte. Einer, der ihn durch sein bloßes Dasein ermutigt hat: „Aber Gott, der die Geringen tröstet, der tröstete uns durch die Ankunft des Titus.“(2. Korinther 7,6) „Die kirchliche Überlieferung berichtet, dass Titus Bischof geworden sei, unverheiratet gelebt habe und mit 94 Jahren gestorben sei.“ (H. Bürki, aaO.; S.141)

             Diesem Sohn spricht Paulus zu, was tragfähig ist: Gnade und Frieden. Beides kommt aus dem Geben Gottes. Nicht aus den Umständen des Lebens.

5 Deswegen ließ ich dich in Kreta, dass du vollends ausrichten solltest, was noch fehlt, und überall in den Städten Älteste einsetzen, wie ich dir befohlen habe:

           Titus ist mit klarem Auftrag auf Kreta: er soll die junge Gemeinde organisieren. Er soll Leute als Gemeindeleiter einsetzen. Es braucht eine vernünftige Struktur, damit die Gemeinden standfest werden. Diese Weisung spricht dafür: hier ist die Anfangs-Situation einer Gemeinde im Blick. Noch ist vieles im Fluss, unausgegoren, anfällig für Gefährdungen. Darum gibt es diese Aufforderung, Älteste einzusetzen. πρεσβυτροι. Presbyter. Leute, an deren Lebenserfahrung und Glaubensweg die junge Christengemeinde Richtung gewinnen kann.

             „Zum Verständnis der Kirche des Neuen Testamentes ist es sehr bedeutsam, diese Tendenz zu Ordnung und zur äußeren Organisation in der Kirche fest im Auge zu behalten. Es ist nicht richtig, dass erst eine Zeit des Geistes gewesen ist, in der äußere Ordnung als Hemmung und Verknöcherung des Lebens der Kirche abgelehnt worden sei. Nein, neben dem Wirken des Geistes hat immer äußere Ordnung bestanden. So sehr gilt von vornherein, dass das Leben der Kirche Jesu Christi immer auch eine äußere, sichtbare Seite hat, die der Ordnung bedarf.“(W. Brandt, Apostolische Anweisung für den kirchlichen Dienst, Die urchristliche Botschaft, 15. – 17 Abteilung, Berlin 1941, S.102)

            Dabei bleibt klar: Die Ordnung der Gemeinde dient und entspricht dem Auftrag auch in ihrer Gestalt, in ihrer Form. Eine andere Ordnung ist für die Gemeinde nicht vorstellbar. „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“( Barmer Theologische Erklärung, These III, EG 810)

 6 wenn einer untadelig ist, Mann einer einzigen Frau, der gläubige Kinder hat, die nicht im Ruf stehen, liederlich oder ungehorsam zu sein.7 Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen;

            Es braucht ein Mindestmaß an menschlichen Qualitäten bei den zukünftigen Gemeindeleitern, damit sie der Gemeinde Orientierung geben können. So lese ich diesen Katalog an Tugenden, an Verhalten: Nicht als Maximalforderung auf dem Weg zur vollkommenen Frömmigkeit. Sondern als schlichten „Lebens-Standard“. Drunter geht es nicht.

            Es sind zwei Brennpunkte, die besonders hervorgehoben werden. Der gute Ruf und der gute eigene Hausstand. Die eigene Lebensführung im familiären Umfeld ist mindestens genauso wichtig wie das Auftreten in der Öffentlichkeit. Der Lasterkatalog, der Ausschluss-Kriterien benennt, verwundert ein wenig: nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen. Sind solche Leute wirklich in der Gemeinde? Aber, wenn es sie nicht in der Gemeinde gäbe, macht die Warnung, sie einzusetzen, doch keinen Sinn.

             So korrigieren dieses Sätze ein Bild von der ersten Gemeinde, nicht nur in Kreta, das uns vorgaukelt: da waren lauter Leute mit sanften Stimmen, völlig integrem Leben, unbefleckt von aller menschlichen Schwäche geradezu heiligmäßig lebend, versammelt. Mitnichten. Die christliche Gemeinde des Anfangs ist wie die christliche Gemeinde heute: eine Ansammlung von wirklichen Menschen mit wirklichen Schwächen. Manche ein wenig frömmer, andere schwer auszuhalten. Es „menschelt“ in der Gemeinde. Wie sonst sollte unsereiner denn auch in ihr seinen Platz finden können.

8 sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam; 9 er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.

            Das freilich ist mehr als nur wünschenswert. Es braucht Älteste, die in Wort und Wesen das Evangelium „transportieren.“ Es zusagen und es sich gesagt sein lassen. Daraus leben und mit der heilsamen Lehre – eine Lieblingswendung auch in den Briefen an Timotheus – auf einen guten Weg helfen.

Heiliger Gott
Du gibst Deiner Gemeinde
was sie braucht
Glauben
Liebe
Hoffnung

Du gibst ihr Menschen
die ihr gut tut
die andere leiten können
ermutigen
ein Beispiel des Glaubens sein können in dem
wie sie alltäglich leben

Gib Du uns heute
dass wir auf uns selbst achten
damit wir keinem den Weg zum Glauben
den Weg in die Gemeinde verstellen
der diesen Weg sucht. Amen