Predige das Wort!

  1. . Ein wenig wirken sie wie letzte Worte, denen besonderes Gewicht zukommt. Timotheus 4, 1 – 8

 1 So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der da kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: 2 Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.

               Es sind eindrückliche Worte – nachdrücklich auch durch den Hinweis auf den kommenden Christus. Weil sie Timotheus erinnern: Du stehst im Auftrag. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes verantwortlich. Διαμαρτρομαι steht da – Ich beschwöre dich. (Einheits-Übersetzung), viel eindringlicher als das sonst häufig verwendete παρακάλω, das “ermutigen” und “ermahnen”” heißen kann. Weil Paulus Timotheus erinnern will: „Was Menschen über dich sagen, ist am Jüngsten Tag ohne Bedeutung; darum sollst du auch jetzt schon frei davon sein.“(H.Bürki, Der zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S196) Oder anders: Das Schauen auf die letzte Verantwortung befreit von der Abhängigkeit von Hörer-Zustimmung.

          Daraus ergibt sich, worum es Paulus geht: Predige das Wort. Das ist der Satz, der bis heute ein Ordnungsruf ist. Ein Wort, das mich sehr berührt hat und mir immer auch den Rücken gestärkt. Es geht nicht darum, schöne Geschichten zu erzählen, sich selbst als Prediger darzustellen. Es geht um den Dienst am Wort. Nichts soll sich dazwischen schieben dürfen – keine gelehrte Wissenschaft, keine neugierige Spekulation, keine Sensationslust, keine Gefühlsabhängigkeit und kein Nachgeben vor Hörerwünschen. Nicht die Hörer entscheiden über die Treue zum Auftrag, sondern der Auftraggeber. Geht es nach den Hörern, so geht es oft um Selbstbestätigung, die unter der Hand doch auch zur Belastung wird.

              Predige das Wort – das wird Paulus wenig später so sagen: tu das Werk eines Predigers des Evangeliums. Das Wort , λγος, ist das Evangelium. Um weiter zu verstehen, leihe ich mir Worte eines großen Theologen: „Der Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.506) Ihn soll Timotheus seinen Leuten vor Augen malen. Und seit Timotheus alle, die an diesem Predigtamt Anteil haben.

         Dieses Predigen ist vielfältig in seinen Akzentuierungen: zurechtweisen, drohen (besser: tadeln), ins Gewissen reden, ermahnen und ermutigen (diesmal steht παρακάλω!) mit aller Geduld und Lehre. Immer geht es darum, dass der Prediger seinen Hörerinnen und Hörern hilft, den Glaubensweg zu gehen.

3 Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, 4 und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.

             Das ist kein einfacher Auftrag. Weil es um die Bereitschaft zu hören nicht immer gut bestellt ist. „Die Zeit ist im Anbruch, da man in der Kirche die herbe Predigt von Sünde und Gericht, von Erlösung und Heiligung unerträglich finden wird.“ (J.Jeremias, Die Briefe an Timotheus und Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.63) Diese Worte des Auslegers aus dem Jahr 1975 sind kaum nur historische Anmerkung zur Zeit des Paulus. Sie sind durchsichtig auf Hörerverhalten bis heute.

          „Das ist mir zu dogmatisch.“ – „Immer nur: wir sind Sünder – dadurch sollen wir klein gemacht werden.“ – „Ein bisschen freundlicher darf man schon über die Menschen denken, wir sind doch von Grund auf gut.“ Das sind Sätze, die auch heute Prediger und Predigerinnen zu hören bekommen, die die heilsame Lehre sagen – dass wir erlösungsbedürftig sind, dass wir Gott nicht recht sind, weil wir so gut sind, sondern weil er uns sich recht sein lässt – um Jesu Christi willen. Dass wir auf die Gnade angewiesen bleiben. Immer. Auch in dem frömmsten Leben.

        Es singt sich noch einigermaßen leicht, aber es glaubt sich schon schwerer als das Urteil über das eigene Leben:

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünden zu vergeben.
Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann. Des muß dich fürchten jedermann
Und deiner Gnade leben.       M. Luther 1524, EG 299

         Auf der Hitliste der Lieblingslieder landet dieses Lied nicht ganz weit oben. Obwohl es die heilsame Lehre nachbuchstabiert.

 5 Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, richte dein Amt redlich aus.

               Es sind – das merkwürdig mag klingen – Mutmachworte an einen Mitarbeiter, der es manchmal schwer mit sich hat und der diese Ermutigung in ihrer herben Form bitter nötig hat. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Predigen des Wortes und der Erfahrung des Leidens. Zeuge sein – da klingt das Martyrium mit an. Der Weg eines evangelischen Predigers wird immer auch ein Leidensweg sein. Weil er den Menschen nicht nach dem Mund reden kann, nicht gefällig nur sagen, was alle gerne hören, wonach ihnen die Ohren jucken. Dieser Hinweis auf den Leidensweg ist nicht nur Drohung, auch nicht nur Realitätssinn, sondern zugleich Verheißung, weil es die Nähe zu Jesus Christus ansagt, das „Gleichgestaltet-Werden“.

6 Denn ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Hinscheidens ist gekommen. 7 Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; 8 hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.

               Das ist nicht Schicksalsergebenheit, schon gar nicht Resignation. Sondern „das ist der glaubensgewisse Ausblick auf die richterliche Herrlichkeit seines Heilandes.“ (J.Jeremias, aaO., S.64) Und darum Zustimmung und Zuversicht, ein Sich-fest-machen im Wort. Die Zukunft ist geklärt, nicht durch die eigene Tapferkeit, sondern durch die Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Vor ihm wird ja unser Leben offenbar werden. Und Paulus weiß: Der mich da richten wird ist der, der sich für mich gegeben hat, dem ich mein Leben hier schon anvertraut und an den ich es hingegeben habe. Sein Richten wird mich aufrichten.

            Darum liest man auch falsch, wenn man hier Selbstgewissheit lesen würde. Als ob Paulus die Bilanz seines Leben zöge und sagen würdet: alles gut. Nein. Paulus nimmt das Urteil Christi nicht vorweg. Aber er hält fest daran: ich gehe dem entgegen, dessen Gnade ich verkündigt habe und auf dessen Gnade ich vertraue. Es ist seine Gnade, die mir die Krone der Gerechtigkeit bereit legt.

            Auch da gibt es kein Herumreden: dieser Weg des Glaubens ist Kampf. Ein guter Kampf – man könnte auch sagen: ein schöner Kampf. Weil das Gute auch schön ist – im Griechischen nur ein Wort: καλς. Nur das weiß Paulus von sich: ich habe Glauben gehalten. τν πστιν τετρηκα – kann man auch übersetzen: Ich habe die Treue bewahrt. Das ist nicht so leicht, wie wir gerne tun. Paulus gebraucht hier doch wohl bewusst ein Wort, das aus der Sprache des Militärs genommen ist und den anstrengenden und manchmal auch ermüdenden Wachdienst bezeichnet. Da ist ganzer Einsatz gefordert.

            Aber darin ist er ja nicht allein. Was er für sich erhofft, das wird ja allen zuteilwerden, die seine Erscheinung lieb haben. Die ihm entgegenwarten. Die nicht nur liturgisch korrekt am Ende des Kirchenjahres singen:

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen.
Wir wissen dich auf deinem Thron und nennen uns die Deinen.
Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen;
du kommst uns ja zum Segen.
                 P. F. Hiller 1767, EG 152

          Ob es angemessen ist, diese Worte als „Testament“ des Paulus, geschrieben „im festen Blick auf den Tod“ (J.Jeremias, aaO.; S.64 )zu bezeichnen? Es ist eine gehobene Sprache, eine, bei der die Worte bewusst gewählt erscheinen. Und sie haben durchaus den Charakter, dass sie noch einmal ins Zentrum stellen, was die Jahre des Weges geprägt hat und was Paulus seinem jungen Bruder Timotheus mit auf dessen Weg geben will.. Ein wenig wirken sie wie letzte Worte, denen besonderes Gewicht zukommt.

Heiliger barmherziger Gott, ich lerne es mühsam, dass meine Hoffnung tieferen Grund braucht als meinen Optimismus, als die Sätze, die sagen:    Wird schon wieder. Am Ende gleicht sich alles. Alles wird gut

Meine Hoffnung braucht festen Grund. Ich spanne meine Hoffnung aus im Warten auf Dich. Ich suche den Brückenschlag über den Abgrund des Todes, das Bild auf der anderen Seite. Dich, Du Auferstandener, der in die Tiefen des Leides gegangen ist, damit wir dort nicht allein sind

Wenn ich nicht von Dir sage, Dein Zeuge bin in die Angst und Not hinein,   in das verzagte Hoffen, dann habe ich nichts zu sagen.

Hilf Du mir, dass ich treu bleibe an dem Wort, das von Dir sagt, das Du mir sagst. Amen