In guten und in schweren Zeiten

  1. Timotheus 3, 1 – 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

        Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“(Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinweg sehen.

            Für mich irritierend: hier steht nicht χρόνος, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροί. Und das heißt Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo)

2 Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, 3 lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten Feind, 4 Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Wollust mehr als Gott; 5 sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!

             In den Endzeitreden Jesu werden die schlimmen Zeiten vor allem durch Krieg, Katastrophen, Hungersnöte gekennzeichnet. Hier werden sie anders charakterisiert: Durch ein Verhalten der Einzelnen, das völlig selbstbezogen ist, nur noch das eigene Ich, aber keine Skrupel mehr kennt. Übergriffig gegen Menschen, vor allem Schwächere und zuchtlos. Es ist ein Verlust an Humanität, ein Gleichgültig-werden gegenüber allen Werten.

            Und das alles unter dem Deckmantel, dem Schein der Frömmigkeit. μρφωσις εσεβεας – könnte man auch mit “Gestalt der Frömmigkeit” übersetzen. Heute liegt es nahe: Unter dem Vorwand der Religion. Wir erleben ja gerade, wie eine erschreckende, bestialische Inhumanität sich religiöser Formeln bedient. Wie unter dem Vorwand einer religiösen „Erneuerung“ in Wahrheit die blanke Macht gesucht wird. Und Menschen sich alle Rechte nehmen, über andere Menschen zu verfügen, über Leib und Leben. Es ist erschreckend, aber der Missbrauch des Glaubens und der Frömmigkeit sind uralt. Und nicht Gott ist der Mörder, der auf der Flucht ist. Menschen sind die Mörder, die Gott zum Aufgeben zwingen wollen, weil sie sich selbst an seine Stelle setzen.    

            Der Rat des Paulus an Timotheus: solche Menschen meide! Gehe auf Abstand. Mache dich nicht mit ihnen gemein. Offensichtlich auch deshalb, weil Ansteckungsgefahr herrscht.

  6 Zu ihnen gehören auch die, die sich in die Häuser einschleichen und gewisse Frauen einfangen, die mit Sünden beladen sind und von mancherlei Begierden getrieben werden, 7 die immer auf neue Lehren aus sind und nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können.

           Es ist kein freundliches Bild seiner Zeit. Es ist auch kein Goldgemälde der Gemeinde – denn Paulus nimmt hier nicht die gottlose Welt in Blick, sondern er sieht auf die Wirklichkeit der Gemeinde. Was er zuvor und auch hier schildert, geschieht in der Gemeinde. Da gibt es die, die Parteiungen schaffen, die durch „Hausbesuche“ Intrigen spinnen, die versuchen, Menschen auf ihre Seite zu ziehen.

            Gewisse Frauen – andere Übersetzungen: „Weiblein.“ „Kindische Frauen.“ Frauen ohne ausgeprägtes eigenes Urteilsvermögen, „skrupelhaft im Gewissen, darum mit dem Bewusstsein unvergebener Sündenlast überhäuft, die durch kein noch so genaues und wiederholtes Schuldbekenntnis als vergeben erfahren werden“ (H.Bürki, Der zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.84) Das steht nicht im Text, aber es ist der Versuch, das Verhalten dieser Frauen, ihre Anfälligkeit nicht einfach nur negativ als von Begierden gesteuert zu beschreiben. Sie sind Opfer, nicht Täterinnen.

 8 Wie Jannes und Jambres dem Mose widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit: Es sind Menschen mit zerrütteten Sinnen, untüchtig zum Glauben. 9 Aber sie werden damit nicht weit kommen; denn ihre Torheit wird jedermann offenbar werden, wie es auch bei jenen geschah.

             Die historischen Beispiele erweitern den Blickwinkel. Jannes und Jambres sind ägyptische Magier, die, wenn auch dort nicht mit Namen genannt, in der Auszugsgeschichte Israels vorkommen.Da ließ der Pharao die Weisen und Zauberer rufen und die ägyptischen Zauberer taten ebenso mit ihren Künsten: Ein jeder warf seinen Stab hin, da wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe. Aber das Herz des Pharao wurde verstockt und er hörte nicht auf sie, wie der HERR gesagt hatte.“(2. Mose 7, 11-13)

„Das Neue Testament versteht das Alte Testament gern „Typologisch“, d. h. es sieht in den alttestamentlichen Gestalten und Ereignissen Vorabbildungen („Typen“) dessen, was in der Endzeit, die mit Christus angebrochen ist, geschieht.“ (J.Jeremias, Die Briefe an Timotheus und Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.60) Dass hier diese ägyptischen Zauberer als Beispiel angeführt werden, macht etwas sichtbar, das mir wichtig ist: Es geht im Grund nicht um moralische Schuldsprüche. Sondern hinter der verwirrten Moral taucht das tiefere Problem auf: Der Widerstand gegen die Wahrheit. Gegen die Wirklichkeit Gottes, die Glauben fordert, Vertrauen. Die nur geschenkt empfangen wird.

         Was Paulus hier schreibt, das könnte über alle Zeiten hinweg auch heute gelten. Manches, was hier als Laster steht, gilt heutzutage zwar nicht als Tugend, aber doch als unvermeidliche Lebenshaltung. Aber diese Aufzählung bleibt im Äußeren und ist damit noch nicht wirklich aufregend. So könnten damals auch viele andere schreiben. Entscheidend unausweichlich als Frage an die Christen wird das andere: Ist das geistliche Leben aus der Kraft Gottes geboren und nährt es sich aus sich selbst? Baue ich womöglich einen falschen Schein auf – wirke fromm, aber es ist nur eine äußerliche Sache, nur aus der Religiosität geboren? Da ist eine innere Klärung notwendig und das geht weiter als der äußerliche Laster-Katalog.

         Aber, einmal mehr: das letzte Wort in der Sache spricht nicht Paulus, sprechen nicht wir. Sondern ob etwas tragfähig ist, aus der Wahrheit Gottes oder Torheit, wird jedermann offenbar werden. Es ist gut, dass so einem voreiligen und vorzeitigen Urteilen und Verurteilen ein Riegel vorgeschoben wird.

Mag sein                                                                                                             mein Gott                                                                                                          es sind schlimme Zeiten                                                                                    Es kommen noch schlimmere Zeiten                                                            Mag sein                                                                                                           es wird nicht besser mit uns Menschen

Lenke Du meinen Blick so                                                                               dass ich in allen schlimmen Zeiten Dich nicht aus dem Blick verliere          dass ich die Hoffnung bewahren kann                                                           weil ich auch diese Zeiten als Zeiten in Deiner Hand glauben lerne

Gib Du mir und uns allen die Zuversicht                                                       dass Du uns nahe bist                                                                                     in den guten und in den schweren Tagen                                                       und uns an Dein Ziel bringst                                                                              durch die schweren und die guten Zeiten. Amen