Die Freiheit wahren

  1. Timotheus 1, 1 – 12

 1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus, 2 an meinen lieben Sohn Timotheus: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn!

             Als hätte er nicht schon einmal an Timotheus geschrieben, so stellt `Paulus` sich vor. Mit der klassischen antiken Brief-Grußformel. Ihm aber liegt über die Formel hinaus daran: Was immer er sagt oder schreibt – er tut es als Apostel. Als einer, der durch den Willen Gottes ist, was er ist und der nichts will als in diesem Willen seinen Weg gehen. „Für ihn ist das nicht eine leere Formel, sondern ständig erneutes Bewusstsein dessen, was Gott an ihm tut.“ (H.Bürki, Der  zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.17)

Meinen lieben Sohn Timotheus nennt er seinen Brief-Empfänger und zeigt schon durch diese Anrede, wie nahe er sich ihm fühlt. Und so wünscht er ihm das Beste, was er ihm wünschen kann: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn! Auch hier wieder: das ist mehr als nur Formel.

  3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht. 4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

             Das erste Wort nach dem Gruß ist Dankbarkeit. Paulus ist dankbar für Timotheus. Gott dankbar. Es wirft ein helles Licht auf das Gottesverständnis des Paulus. Das, wie er über Gott denkt, was er von ihm sagt und lehrt, ist in der Spur der Vorfahren. Und er dient ihm mit reinem Gewissen. Daran liegt Paulus, dass der lange Weg, auf den er zurückblicken kann, ein Weg ist, der sein Gewissen nicht belastet und der ihn seinen Vorfahren nicht entfremdet.

Offensichtlich hat Paulus Nachrichten von Timotheus, die ihn am Ende seiner Kräfte und verzagt zeigen. Verzagen ist nichts Fremdes für Christen – schon damals nicht. Da wird sehr offen von Gefühlen, von Tränen, von Sorge geredet. Vielleicht ist es das Beten ohne Unterlass, das auch dazu befähigt, sich dem Schmerz und den Ängsten des geliebten Mitarbeiters zu stellen

 5 Denn ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.

In diesen Zuspruch hinein knüpft Paulus an zurückliegende Erfahrungen des Glaubens im eigenen Leben und im Leben des Timotheus an. Timotheus hat Beispiele gelebten Glaubens vor Augen – seine Großmutter Lois und seine Mutter Eunike. An sie  wird er erinnert, in der Erwartung: Es werden schöne Bilder sein, die er jetzt vor Augen hat. Für Paulus jedenfalls sind die beiden in ausgesprochen positiver Erinnerung. Vielleicht fehlt uns heutzutage genau dies, dass wir den Einzelnen nicht mehr auf die Geschichte Gottes mit seiner Familie und seinen Vorfahren anzureden wagen.

6 Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

Dem Erinnern des Paulus soll ein Erinnern des Timotheus antworten. Er will ihn nicht seinem Verzagen überlassen.  Darum: Wache auf. Wecke auf. Das Zeichen der Handauflegung hat doch einen Prozess in Gang gesetzt. Es muss nicht bei dem angefochtenen Glauben bleiben.

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Hier ist nichts zu spüren von einer Art, die sich in den Anfechtungen des Glaubens eingerichtet hat. Um sie zu überwinden haben Christen auch die nötige Ausrüstung empfangen: den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Es ist der Geist, der sich aus der Verbundenheit mit Jesus Christus nährt, der widerstandsfähig macht, wenn die Furcht um sich greift. Der besonnen nach Wegen suchen lässt und sich nicht hin und her treiben lässt. Der langen Atem verleiht.

Diese Worte sind nicht nur Zuspruch an den möglicherweise leicht zum Verzagen neigenden Timotheus. Sie sind auch Worte, die Paulus selbst nötig hat. In dem „uns“ schließt Paulus sich ja mit Timotheus zusammen. Auch er hat den Geist der  der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit nicht wie von selbst, aus sich selbst. Sondern er empfängt ihn wie Timotheus als Gabe. Indem er das an Timotheus schreibt, erinnert er sich an sein eigenes Empfangen, Beschenkt sein.

Es gehört zu meinen eigenen Erfahrungen im Lauf meines Lebens: die Worte, die ich anderen sage, um ihnen den Rücken zu stärken, ihnen den Glauben lieb zu machen, ihnen Christus vor Augen zu malen, sind zuallererst Worte, die mir selbst  den Rücken stärken, den Glauben lieb  machen, mir Christus vor Augen stellen. Wenn das nicht an mir geschieht, brauche ich gar nicht erst zu anderen zu reden.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.

Sein Auftrag und die Treue zu diesem Auftrag haben Paulus in das Gefängnis gebracht. Diese Gefangenschaft ist kein Grund zur Scham. Es steht uns nicht an, uns darüber aufzuregen, wenn wir um unseres Glaubens willen in Missachtung geraten. Wir wissen doch, an wen wir glauben  – an den, der selbst ans Kreuz gegangen ist, missachtet und verspottet. Darum kann auch der Weg des Jüngers nicht anders sein, allseits anerkannt und mit Ehren bedacht.

Aus diesem Geist heraus kann man füreinander einstehen, einander beistehen. Aus diesem Geist heraus geht man nicht auf Distanz. Auch nicht zu einem Gefangenen, wie es Paulus offensichtlich jetzt ist. „Wenn auf den Wortführer der Christen diese soziale Ächtung und persönliche Erniedrigung  fällt, steht die Versuchung nahe, sich des Evangeliums zu schämen.“ (H.Bürki, aaO.; S.31) Auf Abstand zu gehen von dem Inhaftierten und von dem, wofür er steht.

Was Paulus erhofft, erbittet, nicht fordert, hat eine Verheißung: „Wer sich des Herrn nicht schämt, sondern auf ihn hofft, wird nicht zuschanden werden.“ (H.Bürki,ebda.) Denn hinter dem Gefangenen Paulus steht doch der Herr. Und es wird ein Leiden sein für das Evangelium in der Kraft Gottes. Die junge christliche Kirche hat nie das Martyrium gesucht oder verherrlicht. Aber sie hat es auf sich genommen in der Hoffnung auf Gott und seine kraftvolle Treue.

 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, 11 für das ich eingesetzt bin als Prediger und Apostel und Lehrer.

Paulus stellt Timotheus Christus vor Augen. Das hilft gegen alle Resignation, auf Christus zu schauen. Was Christus an uns getan hat, wozu Christus uns gesetzt hat, das gilt es zu bezeugen. Und es sich selbst wieder und wieder vor Augen zu halten: Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.  Nicht die Situation des Timotheus wird analysiert, sondern die Verheißungen Gottes werden ihm in sein persönliches Leben hinein zugesprochen.

Der so spricht, hat ein starkes „Selbstbewusstsein“ oder besser gesagt: Auftragsbewusstsein. Er weiß sich berufen. Im Gefängnis, in Bedrängnis, aber berufen und beauftragt. Dieses Wissen um die eigene Berufung kann ungemein stark machen – auch Leute, die eigentlich in sich selbst schwach sind.

 12 Aus diesem Grund leide ich dies alles; aber ich schäme mich dessen nicht; denn ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiss, er kann mir bewahren, was mir anvertraut ist, bis an jenen Tag.

             Es ist hilfreich, genau zu lesen: Paulus sagt nicht: Ich weiß, woran ich glaube, sondern: ich weiß, an wen ich glaube. Es geht nicht um die Lehrsätze, so wichtig unserem Autor auch die gesunde Lehre ist und die Abweisung der Irrlehre. Aber im Kern des Glaubens steht das Vertrauen als ein Sich anvertrauen. Ihn kennt Paulus, ihn weiß er als den, der ihn bewahrt. Über den Text hinaus höre ich hier ein Wort Jesu mit: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“(Johannes 10,14)

             Zum zweiten Mal: ich schäme mich dessen nicht. οκ παισχνομαι. Man wird es mit zu hören haben – das sind Worte, die in der Zusammenfassung des Glaubens im Brief nach Rom am Anfang stehen: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1,16) Und sie stehen in einer Tiefenverbindung zu Worten eines anderen Christus-Zeugen dessen Namen wir nicht kennen: Christus „schämt  sich nicht, sie Brüder zu nennen.“ (Hebräer 2,11)

             Ich nehme das persönlich: er schämt sich nicht, uns seine Geschwister zu nennen. Nicht hier und nicht vor dem Sternenthron der Ewigkeit.

 

Heiliger Gott, keine Leisetreterei, kein Sicherheitsabstand von frommen Leuten. Kein „Die kenne ich nicht“. Das lese ich und fühle mich in Frage gestellt.

Stehe ich zu Deinen Leuten, auch zu denen, über die Andere die Köpfe schütteln? Nehme ich das auf mich: „Du bist auch einer von denen“.

Gib mir, dass ich mich zu Deinen Leuten halte, auch zu den Wunderlichen und wenig Attraktiven. Amen