Zu guter Letzt: Segen

  1. Timotheus 6, 11 – 21

11 Aber du, Gottesmensch, fliehe das! Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! 12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

             Jetzt ist der Autor Paulus ganz seinem Briefempfänger „Timotheus“ zugewandt. Dem Gottesmenschen. Das erhofft er für ihn, dass er durchhält, klaren Kurs behält, dass er bewährt, was er empfangen hat. Es gibt  keinen Automatismus in geistlichen Dingen, darum die Aufforderungen, die Imperative, die alle nur anspornen, nicht befehlen wollen. Es geht um das Erwerben und Bewahren von Gottvertrauen, von Glauben. Beides, Erwerben und Bewahren fordert Einsatz – oder, wie Paulus sagt: Kampf. Das gilt, unbeschadet dessen, dass es Glauben nur als Geschenk gibt. Dass er das eigene durchdringt und prägt, ist mit Arbeit, Einsatz, Kampf verbunden. Von selbst geht da nichts.

In diesem Wort ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist gipfeln sie. Darum geht es, dass in das zeitliche Leben dieses andere Leben, das ewige Leben hineinreicht und ergriffen wird. Gewollt wird. Gelebt wird. Das Ewige Leben beginnt hier – als das Leben aus der Hingabe Christi und der Hingabe an Christus und sein Erbarmen. Damit hat Timotheus ja schon angefangen –   in seinem guten Bekenntnis vor vielen Zeugen. Auf diesem Weg soll er bleiben. Die Art, in der das geschieht:  Der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut nachjagen.

 Das erinnert an eines der markanten Paulusworte: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12)

13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis, 14 dass du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, 15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, 16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Eine seltsame Mischung zwischen Ermahnung und hymnischem Lobpreis. Der Kampf des Glaubens und die Verherrlichung Gottes im staunenden Stammeln gehören ganz eng zusammen. Lobpreis ist nicht Abheben aus der Welt und Versenkung in mystischen Tiefen, sondern es ist Staunen vor der Tat Christi. Und sich hinein geben in diese Tat.

In den Ermahnungen wird der Charakter des christlichen Lebens als Weg und als Kampf deutlich. So ist es ja auch bei Jesus: Er hat standgehalten. Er ist auch vor Pilatus nicht von seinem Weg abgewichen. Er hat in seinem Bezeugen – μαρτυρσαντος – gezeigt, was es heißt: Zeuge zu sein.  Die Ermahnung erlaubt keine unverbindlichen Gedankenspielereien, sondern sie fordert das Ja und den Akt des Gehorsams. Darum auch dieses deutliche: Ich gebiete dir. Dieses Gebieten stellt Timotheus vor Gott und vor Jesus Christus. Das ist die letzte Instanz.

Von dieser letzten Instanz aber kann Paulus nicht anders reden als im Lob, im Staunen, in der Anbetung.  Über alles Verstehen hinaus weisen die Worte. Paulus hält fest: wir glauben Jesus Christus, Mensch unter Menschen. Aber in ihm stehen wir zugleich vor der Wirklichkeit dessen, den aller Himmel Himmel nicht fassen können, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann. Dem Gott, aus dem alles Leben kommt und zu dem alles Leben zurückkehrt.

Es hat in meinen Augen guten geistlichen Sinn, dass die Worte dieses Hymnus mit zu den Worten gehören, die wir liturgisch bei Beerdigungen am offenen Grab verwenden. Helfen sie uns doch, angesichts des Todes das Lob Gottes festzuhalten.

17 Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; 18 dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, 19 sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Aller Lobpreis drängt hin auf die Inkarnation des Lobes in unser Leben. Als ob es ihm unheimlich sei, kehrt Paulus vom Hymnus sofort zurück zur konkreten Anweisung über den Reichtum.

Über allem steht die liebevolle Sorge um den jungen Mitarbeiter. Es scheint mir diese Sorge in ihrem Mut zum konkreten Wort und in ihrer geistlichen Kraft ein großes Geschenk des Heiligen Geistes. Ermahnen können ist Charisma  – Charismen werden im Gebet empfangen.

Das ist mir, und nicht nur mir, aus dem Herzen geredet. Es gibt für die, die viel haben, keinen Grund, hochnäsig zu sein, auf die “armen Schlucker” herabzusehen. Nichts ist ärgerlicher wie die Rede von “Sozialschmarotzern” aus dem Mund derer, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.  Was im Grundgedanken der Väter des Grundgesetzes lebendig war – Reichtum verpflichtet – das steht hinter diesen Worten, ist vielleicht aus ihnen als Maxime gewonnen. Wer viel hat, der soll es als eine Möglichkeit nehmen, mit seinem Reichtum Gutes zu tun, reich zu werden an guten Werken, gerne zu geben, behilflich zu sein. Es ist der gleiche Rat, der hinter den Worten Jesu steht: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. (Lukas 16,9)

20 O Timotheus! Bewahre, was dir anvertraut ist, und meide das ungeistliche lose Geschwätz und das Gezänk der fälschlich so genannten Erkenntnis, 21 zu der sich einige bekannt haben und sind vom Glauben abgeirrt. Die Gnade sei mit euch!

             Eine letzte Mahnung an Timotheus. Es ist ein Ruf zur Treue und ein Ruf zur Unabhängigkeit. Es ist ein großes Gut, sich in seinem Reden nicht abhängig zu machen vom Applaus, nicht heimlich auf Anerkennung und Beifall aus zu sein. Es ist auch eine stete Herausforderung, sich nicht klug zu inszenieren und durch gescheite Sprüche glänzen wollen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich vom Glauben zu entfernen. Die Anfechtung durch Lebenserfahrungen ist eine davon. Es ist die Warnung, sich von Erfahrungen abhängig zu machen, die den Himmel offen sehen und das Leben auf der Erde darüber gering achten. Es gibt das Gieren nach Erkenntnis, γνώσις, die sich in der Suche nach der Tiefe des Seins nicht mehr an das schlichte Wort hält, in dem uns das Heil zugesprochen wird.

Das letzte Wort ist der Zuspruch des Segens. Im Wissen darum, dass unsere letzten Worte nur vorletzte sind und im Vertrauen, dass Gottes letztes Wort „Gnade“, χρις, sein wird.

 

Herr Jesus, ich möchte gerne klug sein. Ich freue mich darüber, wenn Andere mich verstehen und mir sagen, dass mein Reden ihnen hilft. Ich freue mich darüber, wenn ich  ein ernst zu nehmender Gesprächspartner bin und Menschen das Gespräch mit mir suchen. Ich freue mich, wenn ich Zuhören und Raten kann.

Aber ich möchte nicht davon abhängig werden, dass ich gefragt werde, gesucht bin, gehört werde.

Ich möchte wachsen in der Abhängigkeit von Dir. Amen