Achtsam werden

  1. Timotheus 4, 12 – 5,2

12 Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit.

             Im Hintergrund können reale Erfahrungen stehen: „Aus der Jugend des Timotheus haben sich Schwierigkeiten in seinem Amt der Leitung der kleinasiatischen Gemeinden ergeben… Von einem jungen Mann nimmt niemand gern Belehrung oder gar Zucht an, dazu kam, dass üblicherweise ältere Männer die Gemeinde leiteten.“ (J.Jeremias, aaO.; S.34) Wenn das so ist, dann haben wir hier ausgeübte Seelsorge vor Augen. Der ältere Bruder stärkt dem Jüngeren den Rücken. Ermutigt ihn.

Auf der einen Seite also: lass dich nicht verrückt machen. Nicht klein machen. Auf der anderen Seite aber auch: Achte auf dich selbst. Lebe so, dass du ein Vorbild sein kannst. Ein Beispiel, an dem andere sich orientieren können. Einer, an dem man sieht, wie Christsein gehen kann.

„Alle Briefe des Paulus, vom ersten bis zum letzten, alle Evangelien, Synoptiker und Johannes, das ganze NT ist geprägt durch die Erfahrung des Vorbildes. Jesus, das Urbild Gottes, ist ihnen zum Vorbild des Menschseins überhaupt geworden. Man muss sich fragen, wieso dieses zentrale Thema fast völlig in Vergessenheit geraten konnte.“ (H.Bürki, aaO.;  S.150) Eine Antwort könnte sein: An die Stelle des gelebten Glaubens, des Handelns und Betens, des Tuns des Gerechten, ist irgendwann die Zustimmung zu Glaubenssätzen als die fast alleinige Gestalt des Glaubens getreten. Eine andere Antwort, die nahe bei der ersten ist: Das Glauben an Jesus hat das Glauben wie Jesus völlig verdrängt.

Ein paar christliche Außenseiter haben bewahrt, worum es `Paulus` geht. Einer davon dichtet:

 O Jesu, dass dein Name bliebe im Herzen tief gedrücket ein;
möcht deine süße Jesusliebe in Herz und Sinn gepräget sein.
Im Wort, im Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen.                                            G.
Tersteegen 1751; EG-EKHN 617

             Aber es sind aufs Ganze gesehen eher einzelne Stimmen, die so das Vorbild Jesu und das Vorbild der Zeugen Jesu als Wegweisung des Glaubens in die Mitte rücken. „Was würde Jesus dazu sagen“ (M.Niemöller) ist halt eine gefährliche Frage, weil die Antwort anders ausfallen könnte, als es einem lieb ist.

  13 Fahre fort mit Vorlesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme. 14 Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist durch Weissagung mit Handauflegung der Ältesten. 15 Dies lass deine Sorge sein, damit gehe um, damit dein Fortschreiten allen offenbar werde.

Noch einmal: Stärkung des Selbstvertrauens. Durch eine Kette von Zusagen: Du bist berufen. Hinter dir steht nicht nur der ewige Gott im Himmel, sondern auch die irdischen Ältesten stehen für dich ein.

Wer die Anfechtungen des geistlichen Dienstes, die Anfechtungen im Predigtamt kennt, der weiß, wie wichtig solche Erinnerung ist: Ich habe mir das nicht selbst gesucht. Es verleiht innere Stabilität, sich die eigene Beauftragung auch in ihrer äußeren Gestalt neu zusagen zu lassen.

Wenn sich Timotheus so seiner Herkunft vergewissert, „der Säulen, auf denen seine Tätigkeit steht“ (W. Brandt, aaO.; S.69), dann werden andere in der Gemeinde das sehen können – und, so darf man wohl ergänzen, dadurch selbst gestärkt werden.

Das ist eine der Neuentdeckungen in unseren Kirchen in den letzten Jahren: Pfarrerinnen und Pfarrer dazu zu helfen, sich ihrer Ordination, ihrer Beauftragung neu zu vergewissern, ist nicht vertane Zeit, sondern dient den Gemeinden! Und auch für die Ehrenamtlichen gilt; der immer neu zugesprochene Segen, die Erneuerung des Glaubens. kommt anderen zugute.  Es ist keine Form christlicher Selbstsucht, zu singen und zu beten:

Take me back, take me back dear Lord
To the place where I first received you.
Take me back, take me back dear Lord where I first believed.                                                  A.
Crouch 1993; Classics, Vol. 1

16 Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.

Die Hinweise des Paulus, auf sich selbst zu achten und an sich selbst zu arbeiten, fordern nicht die Vervollkommnung der individuellen, idealistischen Persönlichkeit, sondern den Gehorsam des Jüngers und den wortlosen Zeugendienst des Gehorsamen. Und sie fordert zu dieser Achtung auf sich selbst auf um der anderen willen.

Achtsam mit sich selbst umgehen ist kein Luxus, den man sich auch einmal leisten darf, wenn alles andere getan ist. Sondern es ist ein einstimmen in die Botschaft, die auch zum Evangelium gehört: „Du bist ein geliebter Mensch Gottes, ihm wertvoll, von ihm geachtet. Darum darfst du auch auf dich selbst achten, auf deine Begabungen und deine Grenzen.“ Ganz so, wie es Bernhard von Clairvaux verstanden und an Papst Eugen III. geschrieben hat: „Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Korinther 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit ‑ aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben.“(zit. nach K.Roos, Geh deinen Weg und sei ganz; Mainz 1993; S. 140)

Wer nur nach außen orientiert ist, wird am Ende auch sich selbst verlieren und keinen anderen retten können. Es gilt es bis heute in der Tat, sich selbst zu prüfen, ob wir in der Heiligung wachsen, ob wir beharrlich sind in diesen Stücken. Nicht um das Heil Gottes zu ergänzen, wohl aber, um ihm Raum zu lassen im eigenen Leben.

1 Einen Älteren fahre nicht an, sondern ermahne ihn wie einen Vater, die jüngeren Männer wie Brüder, 2 die älteren Frauen wie Mütter, die jüngeren wie Schwestern, mit allem Anstand.

Respekt ist ein Wort, das heute neu buchstabiert wird, gelernt werden will. `Paulus` mahnt den Gemeindeleiter Timotheus zum Respekt. Vor allem denen gegenüber, die älter sind als er selbst, mehr Leben hinter sich haben. Aber Respekt gilt auch denen, die im gleichen Alter sind. Wie Geschwister soll Timotheus sie behandeln, wobei vorausgesetzt ist, dass unter Geschwistern ein sorgfältiger Umgang Usus ist. Gemeindeleiten ist kein Herrschaftsauftrag, sondern eine Aufgabe. Die nicht zuletzt Demut erfordert.

So wie es Luther geschrieben hat: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“( M.Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520, in Luther Deutsch, Bd. 2, Göttingen 1981, S. 251)

 

Herr Jesus, Du willst, dass ich Deine Güte widerspiegele. Du willst, dass Deine Güte in meinem Leben Gestalt gewinnt. Du willst, dass ich Dir entspreche in meinen Worten und meinem Tun.

Lass mich darauf achten, Disziplin üben, in Deinem Wort Heimat finden, es so in mich aufnehmen, dass es mich prägt nach Deinem Bild.

Bewahre mich vor aller angestrengten Frömmigkeit. Lehre mich leben aus Deiner Freiheit. Amen