Alles ist gut

  1. Timotheus 4, 1 – 11

 1 Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden und verführerischen Geistern und teuflischen Lehren anhängen, 2 verleitet durch Heuchelei der Lügenredner, die ein Brandmal in ihrem Gewissen haben.

 Der Geist sagt deutlich“ – nichts von unklarem Gemunkel und den Spekulationen, wie sie unter uns gängig sind. Es werden inhaltlich festgelegte Aussagen gemacht. Das berührt sich mit Aussagen, die sich auch in den Endzeit-Reden Jesu, überliefert im Evangelium finden: „Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“(Matthäus 24, 11-13) Es gehört zur Wirklichkeit der ersten Gemeinde, dass es nicht nur die Hinwendung zum Glauben gibt, sondern auch den Abfall vom Glauben. Immerhin – in den Endzeitreden Jesu heißt es „viele“. Hier nur: einige. Aber jeder einzelne, der geht, ist eine schmerzende Wunde im Leib der Gemeinde.

Diesen Abfall vom Glauben sieht Paulus mit verursacht durch Heuchelei der Lügenredner. Sie fangen Menschen mit ihren Worten, mit ihren Forderungen, mit ihren teuflischen Lehren. Es ist eine „heuchlerische, überhebliche Scheinfrömmigkeit“ (J.Jeremias, aaO.;, S.30), die andere in ihren Bann zieht.  

 3 Sie gebieten, nicht zu heiraten und Speisen zu meiden, die Gott geschaffen hat, dass sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen.

Ein wichtiges Element des endzeitlichen Abfalls ist die Abwendung von den guten Gaben Gottes. Die Verneinung der Ehe, die Verweigerung der Speise (des Abendmahles!) zeigen, dass die Schöpfung Gottes nur noch negativ gesehen wird. Die Danksagung für die Schöpfung ist verstummt.

Hinter dieser asketischen Forderung steht ein bestimmtes Denken: Die Erlösung Christi wird erst dann wirksam, wenn sie von Menschen umgesetzt wird. Die Hingabe am Kreuz reicht nicht aus. Sie muss gewissermaßen ergänzt und vollendet werden durch die eigene Askese. Durch Weltabwendung. Es ist deutlich: „Ihre Lehre und ihre asketischen Forderungen tasten das Heiligste des Glaubens an, nämlich das „allein aus Gnaden.“ Es ist die selbstgemachte Erlösung, eine künstliche Heiligkeit, die sie predigen.“ (J.Jeremias, aaO.; S.31)  

4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Wie anders ist da die Einstellung des Paulus. „Nichts ist verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird.“ Wo Gott über der Gabe gedankt wird, da kann sich die Gabe nicht gegen Gott kehren. Da wird Gott im rechten Gebrauch der Gabe und im Dank dafür geehrt. „Wer dem Schöpfer wieder danken kann, weil sein Herz aus der danklosen und gedankenlosen Selbstherrlichkeit erlöst worden ist, der wird befreit von den Tabus alter und neuer, religiöser und säkularer Art.“ (H.Bürki, aaO.; S.136) Hier wird nicht schrankenlosem Genuss das Wort geredet, auch nicht leitfertigem Umgang mit den Gaben der Schöpfung: Aber die Überzeugung wird sichtbar: Beten, Danken hat konkrete Folgen für den Umgang mit allem – mit den Lebensmitteln, mit der Sexualität, mit den Ressourcen, die uns die Welt als Gaben Gottes bereit hält.

Die Frage nach unserem Weltverhältnis und nach unserem Empfangen ist mit diesen Worten gestellt. Reißen wir nicht die Schöpfung von Gott weg? Erklären sie zur  bloßen Rohstoff-Quelle? Sehen sie nur unter dem Aspekt, was die uns für unseren Lebensstandard liefern kann? Und gleich nebendran, sozusagen als Kontrastpunkt: Ist nicht in unseren Tagen das Verhältnis zu den guten Gaben sehr negativ geworden?

Eine Frage über die Auslegung des Textes hinaus: Was bedeutet „ein Brandmal in ihrem Gewissen“ angesichts der Unfähigkeit, die ich bei mir, aber nicht nur bei mir, beobachte, über allen möglichen Fragen zur Ruhe zu kommen? Trifft dieser Ausdruck auch uns, die Verzweiflung an sich selbst? Ein getröstetes Gewissen ist doch eine der Wirkungen des Evangeliums. Dass die anklagende Stimme in uns zum Schweigen kommt. Dass ich es wirklich glauben lerne: Das Heil des Lebens ist Christus. Seine Hingabe, die ich mir gefallen lasse. Sie macht allen, wirklich allen Schaden gut.

6 Wenn du die Brüder dies lehrst, so wirst du ein guter Diener Christi Jesu sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei der du immer geblieben bist. 7 Die ungeistlichen Altweiberfabeln aber weise zurück; übe dich selbst aber in der Frömmigkeit!

Jetzt geht es nur um Timotheus, um seine persönliche Lebensführung als Christ. Zum einen wird Timotheus erinnert an das, was er als Grundlagen empfangen hat. An die gute Lehre. Er selbst ist ja unterwiesen worden im Glauben und in der Lehre. Glauben „ist immer verbunden mit bestimmten Aussagen über Jesus Christus, mit klarem Verständnis für biblische Zusammenhänge, mit festformulierten Bekenntnisworten; mit anderen Worten: Er ist nicht zu trennen von Lehre.“ (W. Brandt aaO.; S.66)  Wenn Timotheus also das, was er da gelernt hat, weitergibt, ist er ein guter Diener Christi. Das erinnert ein bisschen an eine Passage aus dem Brief des Paulus nach Korinth: „Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“(. Korinther 4,2)  

Zum anderen wird Timotheus auf das Leben des Glaubens als Aufgabe hingewiesen. Im griechischen Text steht hier erneut έυσέβεια“: Frömmigkeit, Gottseligkeit, Gottesfurcht. Sie ist der zentrale Punkt, auf den Timotheus seinen Wandel konzentrieren soll. Er soll ein frommes Leben führen. Was allerdings die Frömmigkeit als Inhalt hat, wird hier nicht weiter ausgeführt. Aber: sie ist das positive Maß, das mehr als alle negativen Abgrenzungen Gewicht hat.

8 Denn die leibliche Übung ist wenig nütze; aber die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens. 9 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert.

Das ist ein wesentliche Abgrenzung, die schon vorher angelegt ist: leibliche Übung, σωματικ γυμνασα, ist nicht unbedingt angesagt. Sie ist allenfalls ein zeitlich Gut. Aber sie hat keine Bedeutung für dieses und das zukünftigen Leben. Ob damit der Sport gemeint ist oder eine asketische Grundhaltung – beides fällt unter das gleiche, in unseren Augen wohl herbe Urteil: nicht heilsnotwendig.  Auch nicht unbedingt förderlich für ein geistliches Leben. Diese Relativierung des Leiblichen hat gewichtige Parallelen: „Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“(Matthäus 5,30; vgl Matthäus 18,8) 

Stattdessen braucht es Frömmigkeit. Noch einmal Gottesfurcht. Für unsere Zeit, in der kaum noch einer „fromm“ sein will, ist das eher verstörend. Wie anders die biblischen Texte. Wenn man weit zurückgreift:

Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang.                                                              Klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.        Psalm 110,10

Und die Sprüche Salomo können sich gar nicht genug damit tun, die Furcht des Herrn, die „Furcht des HERRN“ zu rühmen als den Schlüssel zu einem frommen, Gott gefälligen Leben. (Sprüche 2,5;8,13; 9,10 usw.) „Leibliches Trainieren kann niemals Weg zum Heil werden; zum Heil führt allein die geistliche Übung, der Wandel in der Zucht des Geistes.“ (J.Jeremias, aaO; S.33) Was aber das praktisch bedeutet – Beten, Umgang mit den Worten der Schrift, Einüben von Regeln wie schweigen, wie dich nicht verteidigen, wie nicht das letzte Wort behalten müssen – das wird nicht gesagt. Weder von Paulus, noch von den meisten seiner Auslegern.

Es ist eine gewichtige Klage, die der mir so lebendig vor Augen stehende geistliche Lehrer Hans Bürki führt: „Aus Angst und Abwehr vor falsch verstandener Mystik hat man weithin den biblischen Sinn der Meditation verloren und damit die Gemeinde der geistlichen Unterernährung ausgesetzt; in gleicher Weise konnte der Sinn der Übung im Glauben dort nie überzeugend deutlich gemacht und dazu nicht angeleitet werden, wo man falsche Sicherheit, falsches Besitzen und Verfügen des Glaubens befürchtete.“ (H.Bürki, aaO.; S.143) Es sind viele, die Hans Bürki zu danken haben, dass er ihnen einen Weg des geistlichen Übens gezeigt und eröffnet hat.

Wie viel Paulus an der Frömmigkeit liegt, zeigt sich in der sprichwörtlich gewordenen Sentenz, die er anschließt: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert.

10 Denn dafür arbeiten und kämpfen wir, weil wir unsre Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt haben, welcher ist der Heiland aller Menschen, besonders der Gläubigen. 11 Dies gebiete und lehre.

               Es ist Paulus offenbar wichtig, dass Timotheus nicht in der negativen Auseinandersetzung stecken bleibt, sondern zur eigenen Gestaltung seines Lebens durchdringt. Das aber geht nicht ohne Arbeiten und Kämpfen. So gewiss die Gnade Geschenk ist, so gewiss ist es auch: Dass sie das eigene Leben durchdringt und gestaltet, hat mit dem Tun, dem Arbeiten des Menschen zu tun. Unsere Lebensgestalt fällt nicht vom Himmel, sie wird erworben, eingeübt, durch das tägliche Tun geformt.

In diesem täglichen Tun zeigt sich die Hoffnung, die in den Christen wohnt. Die Hoffnung auf den lebendigen Gott, der unsere Arbeit nicht vergeblich sein lässt. Die Hoffnung auf den Gott , der der Heiland aller Menschen ist. Und als wäre er erschrocken über diese so weite Formulierung, fügt Paulus hinzu: besonders der Gläubigen.

Davon aber, von diesem täglichen Tun, erwartet Paulus auch Vorbildwirkung. Andere Christen werden sehen, wie Timotheus in der Führung seines Lebens auf Christus hin-wächst. Timotheus aber darf so viel Zutrauen zu seinem eigenen Leben haben, dass er nicht stumm bleibt, sondern dass er in Worte fasst, was Sache ist: Dies gebiete und lehre.

 

Herr , in Deinen Gaben empfangen wir Dich. Im Brot und im Wein schenkst Du Dich. Sie sind beides, Frucht der menschlichen Arbeit und Geschenk des Himmels

Lass es mich nicht vergessen, wenn ich mich zu Tisch setze, wenn ich an den Tisch des Herrn gebe. Lass mich über den Gaben, die den Leib nähren, immer daran erinnert werden: Du bist die eine Gabe Gottes, von der ich lebe, Tag um Tag. Amen