Gottes Gabe: frei!

Jesaja 52, 1 – 6

1 Wach auf, wach auf, Zion, zieh an deine Stärke! Schmücke dich herrlich, Jerusalem, du heilige Stadt! Denn es wird hinfort kein Unbeschnittener oder Unreiner zu dir hineingehen. 2 Schüttle den Staub ab, steh auf, Jerusalem, du Gefangene! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion!

             Und wieder: Wach auf. Gleich zweimal. So dringlich ist der Ruf, an Zion gerichtet. Aber wie hat sich der Ton verändert! Keine Klage mehr, keine Erinnerung an vergangene Schuld. Nur noch der Blick nach vorne. Nur noch die Aufforderung: ergreife die Freiheit, die vor dir liegt. Das Geschenk der Freiheit will ergriffen sein.

Angeredet sind sehr direkt die Exilierten. Gleich zweimal steht hier šebijāh, Gefangene. Sie haben sich im Lauf der Jahre womöglich daran gewöhnt, dass sie unfrei sind. Sie tragen innerlich Fesseln, auch wenn man sie äußerlich vielleicht nicht sieht. Darum ist die Aufforderung umso dringlicher. Ergreife die Freiheit. Darum die Imperative, die regelrecht einer den anderen verstärken: Schmücke dich.. Schüttele den Staub ab… Mach dich los…. Diese Aufforderungen ändern ja nichts daran: der Neuanfang Jerusalems ist Geschenk! Gnade!

Jerusalem wird wieder hergestellt. Die Stadt wird angeredet wie eine Person. Wie eine Frau, die sich für einen großen Auftritt vorbereitet. Meine Phantasie sagt: wie ein Braut, die sich für den Bräutigam schmückt. Für ein Fest soll es seine Stärke anziehen. Nicht mehr für den Kampf. Die Zeit der Kämpfe  – vorbei? Dafür spricht auch, dass die Stadt zum „Heiligen Bezirk“ erklärt wird. Kein Unbeschnittener oder Unreiner hat mehr Zutritt. Es liegt nahe, das nur als eine Aussage über den Tempelbezirk zu lesen. Aber es ist wohl weiter zu verstehen: die Stadt soll nicht mehr von Fremden belagert oder erobert werden.

Historisch betrachtet ist dieses Wort unerfüllt geblieben. Jerusalem ist wieder und wieder erobert, verwüstet, geschändet worden. Von allen möglichen Völkern, unter allen erdenklichen Vorzeichen. Auch unter dem Zeichen des Kreuzes. Das mag ein Hinweis sein: Dieses Wort weist weit über die Erfüllungen hinaus, die es auch erfahren hat. Weit auch über die Zeit der Heimkehr aus dem Exil.

Es liegt nahe, eines der großartigen Bilder der Offenbarung in Beziehung zu diesen Worten zu setzen.  „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“(Offenbarung 21,2) Dann  erst wird dieses Jesaja-Wort in seiner Fülle wirklich sein.

3 Denn so spricht der HERR: Ihr seid umsonst verkauft, ihr sollt auch ohne Geld ausgelöst werden.

Für diese neue Freiheit muss kein Kaufpreis entrichtet werden. Es ist kein Schacher auf den Sklavenmarkt, der im Freikauf endet. So wie durch den Weg in das Exil keine Schulden Gottes beglichen worden sind, so ist auch jetzt keine Zahlung an irgendjemand fällig, damit Israel wieder frei wird. Noch einmal: „Die Befreiung und Erlösung des Gottesvolkes ist reiner Gnadenakt des Gottes Israels.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.139)

Im Hintergrund steht, was Jesaja auch wiederholt sagt: Der Weg ins Exil ist eine Folge der Schuld. „Schuld aber kann man nicht durch Sachleistungen ungeschehen machen. Gottes Erlösung ist kein Geschäft.“ (D. Schneider, aaO.;  S.205) Der Weg in die Freiheit ist kein Erfolg diplomatischer Ausgleichsleistungen.

 4 So spricht Gott der HERR: Mein Volk zog einst hinab nach Ägypten, dass es dort ein Fremdling wäre; auch Assur hat ihm ohne Grund Gewalt angetan. 5 Aber nun, was habe ich hier zu schaffen?, spricht der HERR. Mein Volk ist umsonst weggeführt; seine Tyrannen prahlen, spricht der HERR, und mein Name wird immer den ganzen Tag gelästert.

            Es ist ein Stichwort-Anschluss – über das Wort umsonst. Israel hat unter den Weltmächten zu leiden. Ob früher unter Ägypten oder später unter Assur. Und auch jetzt unter Babylon. Immer ist es fremd unter diesen Herren. Und immer ihnen preisgegeben.  Und mit seinem Volk, so verstehe ich, ist Gott in die Fremde geraten. Und fragt deshalb: Aber nun, was habe ich hier zu schaffen? Hier, an diesen Ort, in die Knechtschaft gehört weder Israel noch sein Gott. Denn hier wird sein Name, der doch für Erbarmen und Freiheit steht, für Fülle und Leben jeden Tag mit Füßen getreten. Durch die, die ein Volk klein machen, erniedrigen, die sich prahlend darüber erheben.

                   Man wird wohl so verstehen müssen: Wer Israel angreift und erniedrigt, greift Gott selbst an. So „identifiziert“ sich Gott mit seinem Volk. Der spätere Prophet bringt es als Spruch Gottes auf den Punkt. „So spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat, über die Völker, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.“(Sacharja 2,12)

Die gleiche Denkweise findet sich gleich mehrfach im Neuen Testament, im Mund Jesu: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40)  – „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“(Lukas 10,16)

  6 Darum soll an jenem Tag mein Volk meinen Namen erkennen, dass ich es bin, der da spricht: Hier bin ich!

             Das ist die Antwort auf die Prahlereien, auf die Erniedrigungen. Es kommt ein Tag, an dem Gott Schluss macht mit den Prahlern. An dem er ihnen ihre Macht nimmt. An dem er das Geschick seines Volkes wendet. An dem sichtbar wird: Gott ist nicht in den Himmel geflüchtet. Er ist da. Und er handelt – für sein Volk. So, dass sein Name erkannt wird. So dass alle  es sehen: Gott ist groß. Gott ist die Zuflucht seines Volkes. Gott steht für sie ein.

Vor allem aber wird sein Volk es sehen, das jetzt in der Gefangenschaft immer noch so hin und her gerissen ist, zwischen Glauben und Skepsis, zwischen Vertrauen und Zweifel, zwischen Resignation und Hoffnung. „An der Befreiung aus Babylon soll Israel erkennen, dass Jahwe es ist, der hier – zur Ehre seines Namens – am Werk ist.“ (C.Westermann, , aaO.;  S.201)

 

Frei. Mein Gott, Du willst uns frei. Du hast keinen Gefallen daran, dass wir gebunden sind, uns selbst oft genug binden, unsere Freiheit nicht ergreifen, die Du uns längst bereitet hast

Du rufst uns zum Aufbrechen aus den Festlegungen, aus den Regelwerken, die schützen und lähmen, die stützten und doch auch einschränken. Du willst, dass wir im Vertrauen auf Dich, auf Deine Zusagen den Weg in die Zukunft wagen, auch wenn es ein Verlassen der festen und sicheren Gewohnheiten verlangt.

Gib Du den Mut zu neuem Aufbrechen in Deine Zukunft. Amen