Knecht Gottes – der Eine, der hört

Jesaja 50, (1 – 3).4 – 11

 1 So spricht der HERR: Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie entlassen hätte? Oder wer ist mein Gläubiger, dem ich euch verkauft hätte? Siehe, ihr seid um eurer Sünden willen verkauft, und eure Mutter ist um eurer Abtrünnigkeit willen entlassen.

             Was für eine absurde Situation: „Israel klagt seinen Gott an: Er hat den Ehebund gebrochen! Er hat seine Kinder verkauft!“ (H.J.Kraus, , aaO.;  S.123) Auf diese Anklagen antwortet Gott und weist sie zurück.  Gott hat sich nie von Israel geschieden. Es gab auch keinen, der ihn – als Gläubiger – hätte zwingen können zu so einem Schritt: sich selbst durch den Verkauf Israels freizukaufen.

Die Dinge liegen anders. Dass das Volk unter die Sklaverei, in die Fremde verkauft ist, das ist nicht Gottes Untat, sondern Folge der Taten Israels. Sie haben es sich selbst eingebrockt –  mit ihren Sünden, mit ihrer Abtrünnigkeit. „Es sind die Sünden Israels, die das Gericht Gottes herauf geführt haben.“ (C.Westermann, , aaO.; S.181) Das freilich bleibt unbestritten: Das Exil ist Gericht Gottes an seinem Volk. Sie haben „doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN.“(40,2)

2 Warum kam ich und niemand war da? Warum rief ich und niemand antwortete? Ist mein Arm nun so kurz geworden, dass er nicht mehr erlösen kann? Oder ist bei mir keine Kraft mehr, zu erretten?

             Das ist Gottes Situation; sein Rufen ist ins Leere gegangen. Sein Suchen war vergeblich. Es ist, als hätte das Volk ihn abgeschrieben. Als hätte es keinen Willen mehr verspürt, Gott zu suchen und auch keine Lust mehr, auf sein suchendes Rufen zu antworten. Das Volk treibt ein verhängnisvolles Versteck-Spiel mit Gott.

            „Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über und er sagte: So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“ (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim. Zürich 1949)      

Siehe, mit meinem Schelten mache ich das Meer trocken und die Wasserströme zur Wüste, dass ihre Fische vor Mangel an Wasser stinken und vor Durst sterben. 3 Ich kleide den Himmel mit Dunkel und hülle ihn in Trauer.

             Dabei ist Gott doch immer noch stark, mächtig, Sein Arm nicht kraftlos. Das wird hier an Unheilsbildern deutlich: dem ausgetrockneten Meer, den aus Trockene geratenen und darum vertrockneten Fischen. Dem verdunkelten Himmel. Mir kommt es vor, als nähmen diese Worte Klagen Israels auf, das sich beschwert hat: Gott hat den Himmel verdunkelt. Er lässt uns auf dem Trockenen sitzen. Er verführt uns in die Wüste.

Ja, sagt Jesaja – aber auch darin könnt ihr sehen: Gottes Arm ist nicht zu kurz. Er, der verderben kann, er ist gewillt, zu retten. Wenn ihr euch nur retten lasst. In diesen Worten steckt zugleich eine Erinnerung:

„Er schalt das Schilfmeer, da wurde es trocken,                                                               und führte sie durch die Tiefen wie durch trockenes Land.“         Psalm 106,9

          Es ist die große Heilstat Gottes, die hier anklingt, die Israel vor dem Untergang bewahrt hat. Wie verrückt also der Vorwurf: „Jahwes Hand ist zu kurz, er kann nicht helfen; Jahwe hat keine Kraft, sein Volk zu befreien.“ (H.J.Kraus, 1990 ebda.)  

 4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

             Sprecherwechsel. Nicht mehr Gott, sondern ein Mensch. Der Knecht Gottes. Diese Worte werden den Liedern des Gottesknechtes zugerechnet. Hinter den Worten wird eine innige Beziehung sichtbar. Die Beziehung des Schülers zu seinem Lehrer, des Jüngers zu seinem Meister.  „Bezeichnend für den limmud (=Jünger) ist die enge Verbindung mit dem Lehrer und Meister, die ständige Lernbereitschaft, die im prophetischen Charisma des Schülers ihre Voraussetzung hat.“ (H.J.Kraus, aaO., S.126)  Eine Vertrauensbeziehung.

Der Kontrast zu den vorangehenden Worten ist umso stärker. Sind da Anklagen und Vorwürfe Israels zu spüren, so hier das Vertrauen. Das genügt dem Knecht: zu hören, wie ein Jünger hört. Zu reden wie einer, der zuvor das Ohr für die Worte des HERRN geöffnet hat. Am Morgen schon Gott zu suchen, auf seine leise Stimme zu lauschen.

Er hört nicht nur für sich. Er hört, damit er weitergeben kann. Er hört, um mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Sie sind seine Adressaten. Ihnen soll er Bote sein und gute Nachricht bringen. Müden, Erschöpften, Resignierten. Die Starken brauchen jemand wie ihn nicht und werden auch kaum bereit sein, auf seine leise Stimme (42,2) zu hören.

Das macht den Jünger aus: geöffnete Ohren, Hören. Gehorchen. Gehorchen auch dann, wenn es schmerzhaft wird, wenn die Wege des HERRN ins Leiden führen, auf Widerstand stoßen. Es unterscheidet den Gottesknecht von anderen, die Gott in seinen Dienst gerufen hat: Er hat diesem Ruf keinen Widerstand entgegen gesetzt. Anders als Mose – ich kann nicht reden, anders als Elia – ich will nicht mehr, anders auch als Jeremia  – ich bin zu jung.

Dieser Knecht Gottes lässt sich rufen und gehorcht, ohne Wenn und Aber. Auch wenn es ihn ins Leiden führt. „Aus der Klage des Mittlers, der wegen seines Auftrages angegriffen und gelästert wird, erwächst hier zum ersten Mal das bejahende Annehmen dieses Leides.“ (C.Westermann, aaO.; S.186) Das charakterisiert ihn: Er verweigert sich dem Leiden nicht. Er verbirgt sich nicht vor ihm.

Es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass die erste Christenheit diese Worte auf Jesus bezogen hat: „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet.“(1.Petrus 2,23) Sie sehen in Jesus diese Worte gelebt, sehen ihn als den Gottesknecht. 

 7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Weil er so mit Gott verbunden ist, kann er dem Leiden die Stirn zeigen. Kann er den Angriffen und Attacken standhalten. Aus dem Wissen: Ich werde nicht zuschanden. Und doch: es ist nicht das Vertrauen auf die eigene seelische Kraft oder die eigene Widerstandskraft um der gerechten Sache willen. Am Ende ist es das Wissen:  Er ist nahe, der mich gerecht spricht.

Eine Gerichtsszene wird uns Lesenden vor Augen gestellt: hier der geschlagene, geschundene Knecht, dort seine Peiniger, die über ihn triumphieren wollen. Und er, der Geschlagene fordert sie vor Gericht. Vor das Gericht des höchsten Richters, des HERRN. Und weiß: Er wird mich gerecht sprechen.

Die ihn verdammen, werden verschwinden, sich in Luft auflösen, auseinanderfallen wie veralte Kleider, die vom Mottenfraß ruiniert sind. Es ist nicht weit bis zu dieser Szene: „Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht.“ (Johannes 8, 10-11) Die Kläger sind alle weg – nur noch der, der freispricht, ist da.

Wunderbar hat Jochen Klepper diese Worte aufgenommen, in ein Lied verwandelt.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte begrüß’ das neue Licht.
Schon an der Dämmerung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf!
Das Wort der ewigen Treue, die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs Neue so wie ein Jünger hört.

Er will, daß ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.
Hab’ nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur ihn vernehm’:
Gott löst mich aus den Banden! Gott macht mich ihm genehm!                                                   J.
Klepper 1938, EG 452

                      Wie weit ist das alles entfernt von einer Verherrlichung des Leidens. Wie weit auch davon, Leiden für sinnvoll zu erklären. Nein, diesem Leiden wohnt kein Sinne inne, wenn es nur für sich betrachtet wird. Es ist so sinnlos wie alles Leiden, das menschliche Brutalität über andere bringt. Es kommt mir vor wie ein vorsichtiges sich heran Tasten durch die Abfolge der Gottesknechtslieder. Am Ende wird stehen, dass sein Leiden einen Sinn gewinnt – in der Stellvertretung. Darin, dass er mit seinem Leiden den Weg frei macht für andere. Für uns.

Auch das geht mir nach: dieser Leidensweg wird nicht verbindliches Vorbild für alle, die nach dem Gottesknecht kommen. Es ist keine Lebens-Schablone. So gewiss Menschen in seiner Spur damit zu rechnen haben, dass sie ins Leiden geraten – keiner darf sich zum Leiden drängen. Es ist eine der weisesten Entscheidungen der alten Kirche, dass sie es untersagt hat, sich durch ungefragten Bekennen zum Martyrium zu drängen, sich selbst zum Märtyrer zu machen. Wennes sein muss – ja. Aber nicht, um den Weg zum Himmel abzukürzen.

 10 Wer ist unter euch, der den HERRN fürchtet, der der Stimme seines Knechts gehorcht, der im Finstern wandelt und dem kein Licht scheint? Der hoffe auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott!

                   Nun wendet sich der Knecht an die, die um ihn sind, die seine Stimme hören. Er spricht sie an als Leute, die den HERRN fürchten. Aber auch als Leute, die im Finstern wandeln und denen kein Licht scheint. Das ist mehr als nur subjektives Lebensgefühl. Das ist ja auch ihre Wirklichkeit in der Fremde, in der Gola, unter der Knechtschaft und Rechtlosigkeit. Sie sind tatsächlich immer noch rechtlos, schutzlos. Leute ohne Perspektive.

Genau diese Leute aber fordert der Knecht Gottes auf – zu hoffen, sich auf Gott zu verlassen. Das ist ja sein Auftrag: Zu den Müden zu reden zur rechten  Zeit (50,4). Das tut er, indem er die im Finstern und ohne Licht in die Hoffnung auf Gott ruft. Die Zeit der Hoffnungslosigkeit ist die Zeit, die das Reden des Knechtes Gottes herausfordert. In guten Zeiten haben alle gut reden. Er wagt es, in schlechten Zeiten gut zu reden – gut von Gott und gut zu den Menschen. Wie schön, wenn sich einer traut, anderen gut zuzureden!.

11 Siehe, ihr alle, die ihr ein Feuer anzündet und Brandpfeile zurüstet, geht hin in die Glut eures Feuers und in die Brandpfeile, die ihr angezündet habt! Das widerfährt euch von meiner Hand; in Schmerzen sollt ihr liegen.

Das Kontrastbild: die auf Gewalt setzen, gehen an ihrer eigenen Gewalt zugrunde. „Die Instrumente der eigenen Bosheit werden zu Todesfallen.“ (D. Schneider, , aaO.;  S.190) Was man auf den ersten Blick für eine Art Lebensgesetz halten könnte: „Wer Gewalt sät, erntet Gewalt“ oder im Sprichwort der Weisheit wiederfinden könnte: Wer eine Grube gräbt, der kann selbst hineinfallen, und wer eine Mauer einreißt, den kann eine Schlange beißen.“(Prediger 10,8)ist in Wahrheit doch das Handeln Gottes. In diesen Sätzen hat nicht mehr der Knecht das Wort, sondern Gott.

 

Mein Gott, öffne Du mir das Ohr für Deine leise Stimme. Löse Du mir die Zunge, dass ich Dich bekenne. Lenke Du meinen Füße, dass ich Schritte auf dem Weg des Friedens tue. Leite Du meine Hand zu einem Handeln, das Deinem Erbarmen antwortet

Mache Du mich zu einem Menschen, der nichts sein will als Dein Jünger, der sich Dir anvertraut, Du Licht der Welt, auf den Dein Licht fällt. Amen