Du wirst leben

Jesaja 49, 18 – 26

18 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. So wahr ich lebe, spricht der HERR: Du sollst mit diesen allen wie mit einem Schmuck angetan werden und wirst sie als Gürtel um dich legen, wie eine Braut es tut.

             Die Bedränger sind gegangen. Die ihren Mutwillen an Jerusalem ausgetobt haben auch. Jetzt sammeln sich andere. Die an Israel die Treue Gottes sehen. Die an Israel  die Güte Gottes sehen. Die an Israel die Kraft des Vergebens Gottes sehen, die Kraft zum neuen Anfang. Das sind einmal die Israeliten, die aus dem Exil und der Diaspora nach Hause kommen. Das mögen aber auch Menschen aus den Völkern sein, die genau dies sehen, wie Israel neu gesammelt wird und die sich in diese Bewegung mit hinein ziehen lassen.

Diese anderen aus den Völkern werden zum Schmuck Israels. „Die Herrlichkeit besteht nicht zuerst in Bauwerken, sondern in der Vielzahl herbeigeeilter Menschen; sie sind der Schmuck Jerusalems.“ (H.J.Kraus, , aaO.; S.120) Ich frage, weit über die Worte Jesajas hinaus, und doch in ihrer Spur, in unsere Zeit hinein: Wie könnte sich unser Blick auf die zu uns strömenden Menschen verändern, wenn wir sie so sehen würden: als Schmuck für unser Land, wie eine schönen Gürtel, den sich die erwählte Braut Deutschland anlegt? Lockt dieser Vergleich – oder macht er Angst?

 19 Denn dein wüstes, zerstörtes und verheertes Land wird dir alsdann zu eng werden, um darin zu wohnen, und deine Verderber werden vor dir weichen, 20 sodass deine Söhne, du Kinderlose, noch sagen werden vor deinen Ohren: Der Raum ist mir zu eng; mach mir Platz, dass ich wohnen kann.

             Was geschieht, ist unglaublich. Das Land, von dem sie sagten, es sei menschenleer geworden durch die Deportationen, wird mit neuem Leben gefüllt. Nicht mehr ein wüstes, zerstörtes und verheertes Land, sondern ein Land, in dem das Leben blüht. Die Stadt, die vom Aussterben bedroht war, kann die Menge der neuen Menschen kaum fassen.

Das unabwendbare Schicksal der Kinderlosen wandelt sich. Das, was einzelne Frauen in Israel als großen Schmerz und unerträgliche Schmach erlebt haben, war ja Bild für das Schicksal Zions geworden: Eine Stadt ohne Kinder. Ausgestorben, verödet. Ohne Zukunft.

Und jetzt, so sieht der Prophet schon die Zukunft als Gegenwart: Pulsierendes Leben. Platznot. Suche nach neuem Wohnraum. Die Leerstände werden neu gefüllt.

Noch einmal: Ich lese diese Worte im Dezember 2015 – und sie sind wie ein einziger Kommentar zu dem, was sich in Deutschland im Augenblick abspielt. Die Kinderlose – Geburtenrate in Deutschland: 8,28 Geburten je 1000 Einwohner“ – die Niedrigste der ganzen Welt – aber jetzt setzt ein Zustrom an Menschen ein. Als hätten Leihmütter für Deutschland Kinder ausgetragen!

 21 Du aber wirst sagen in deinem Herzen: Wer hat mir diese geboren? Ich war unfruchtbar, einsam, vertrieben und verstoßen. Wer hat mir diese aufgezogen? Siehe, ich war allein gelassen – wo waren denn diese?

             Es ist ein staunendes Fragen der Frau Zion, der Kinderlosen danach. wer all die Kinder geboren und aufgezogen hat – in einer Zeit die doch durch Kinderlosigkeit und Unfruchtbarkeit geprägt war.“ (H.J.Kraus, ebda.) Staunen und die Erinnerung an den Schmerz. Wie viele haben sich als Überlebende der großen Katastrophe einsam gefühlt, auch noch in der zweiten und dritten Generation. Einsam auf verlorenem Posten. Und jetzt zeigt es sich: dieser Blick war zu eng, zu kurz, zu kleingläubig. Das klagende Herz hatte Gottes Treue und Gottes Möglichkeiten aus den Augen verloren. Es hat nur noch das Gericht gesehen. Nur noch die Krise und den drohenden Untergang.

 22 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will meine Hand zu den Heiden hin erheben und für die Völker mein Banner aufrichten. Dann werden sie deine Söhne in den Armen herbringen und deine Töchter auf der Schulter hertragen. 23 Und Könige sollen deine Pfleger und ihre Fürstinnen deine Ammen sein. Sie werden vor dir niederfallen zur Erde aufs Angesicht und deiner Füße Staub lecken. Da wirst du erfahren, dass ich der HERR bin, an dem nicht zuschanden werden, die auf mich harren.

             Die Antwort auf dieses staunende Fragen: Die Kinder Israel kehren zurück. Nicht auf leisen Sohlen. Nicht irgendwie heimlich. Auch nicht mit leeren Händen. Die Völker selbst werden sie zurückbringen. Es wird eine prachtvolle Rückkehr: Könige als Pfleger, Fürstinnen als Ammen.  Alles zum Wohl Israels. Also: Die, die gewohnt sind, dass sie bedient werden, werden in die Pflicht genommen. Sie werden zu Dienern des Volkes. Das ist, als würde heute ein „Minister“ an der Suppenküche für Asylanten arbeiten und damit wieder zu dem werden, was sein Titel sagt: zu einem Diener. Nichts anderes sagt ja das lateinische Lehnwort „Minister.“

Diese Erwartungen, dass die Rückkehr prachtvoll werden wird, dass die Mächtigen dienen, um sie zu unterstützen, erinnern an Umstände beim Auszug aus Ägypten: „Und die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande; denn sie sprachen: Wir sind alle des Todes. Und das Volk trug den rohen Teig, ehe er durchsäuert war, ihre Backschüsseln in ihre Mäntel gewickelt, auf ihren Schultern. Und die Israeliten hatten getan, wie Mose gesagt hatte, und hatten sich von den Ägyptern silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen. Dazu hatte der HERR dem Volk Gunst verschafft bei den Ägyptern, dass sie ihnen willfährig waren, und so nahmen sie es von den Ägyptern zur Beute.“(2. Mose 12, 33-36) Dort wie auch jetzt: Die Mächtigen werden zu Dienern der Verachteten.

 24 Kann man auch einem Starken den Raub wegnehmen? Oder kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? 25 So aber spricht der HERR: Nun sollen die Gefangenen dem Starken weggenommen werden, und der Raub soll dem Gewaltigen entrissen werden. Ich selbst will deinen Gegnern entgegentreten und deinen Söhnen helfen. 26 Und ich will deine Schinder sättigen mit ihrem eigenen Fleisch, und sie sollen von ihrem eigenen Blut wie von süßem Wein trunken werden.

             Das alles wird nicht kampflos gehen. Nicht ohne den Einsatz von Macht. Es ist ja so: wer stark ist, hält fest, was er hat. Es ist das wohlverstandene Eigeninteresse Babylons, die billigen Arbeitskräfte aus Israel nicht gehen zu lassen. Bringen sie doch Profit. Wer die Freiheit der Israeliten durchsetzen will, wer den Weg zur Heimkehr auftun will, wird das nicht nur mit schönen Worten tun können. Es braucht Stärke, Macht. Die Bereitschaft, den Gegnern entgegenzutreten. Die Macht Babylons muss gebrochen werden, damit Israel heimkehren kann.

Das wird nicht von selbst geschehen. Darum „tritt Jahwe selbst als Kriegsmann für sein Volk auf den Plan.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.121) Geschichtlich betrachtet: Kyrus, der Perserkönig, wird Babylon in die Knie zwingen. Die Sicht des Jesaja:  Darin ist Kyrus Werkzeug. In der Hand des Stärkeren. Des einen und alleinigen Gottes, des Erlösers Israels.

Es scheint so, als würde Jesus auf diese Worte aus dem Propheten zurückgreifen, wenn er Vorwürfe gegen sich zurückweist, die Unterstellung, dass er die bösen Geister durch Beelzebub austreibe: „Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.“ (Lukas 11,21-22) Er beansprucht in der Macht Gottes zu handeln – durch Gottes Finger – und lehnt sich in seiner Antwort an die Worte des Jesaja an.

 Und alles Fleisch soll erfahren, dass ich, der HERR, dein Heiland bin und dein Erlöser, der Mächtige Jakobs.

             Das bleibt keine Geheim-Aktion. Fieses Geschehen wird sichtbar vor aller Augen. Alles Fleisch wird es sehen. Der Gang der Geschichte, wie ihn Historiker aufschreiben, ist eindeutig: Kyrus hat Babylon überrannt. Dass dieses Geschehen nur um Israels willen in Gang gesetzt ist, dass Kyrus nur der Handlanger Gottes ist, das sieht der Profan-Historiker nicht. Wohl aber der, der sich vom Propheten den Hinteurch Gottes Fingerrgrund der Welt zeigen lässt.

 

Du wirst leben. Das sind Deine Worte, mein Gott, an ein Volk ohne Hoffnung, ohne innere Kraft, ohne Perspektive.

Du wirst leben. Das höre ich als Deine Worte an uns, müde gewordene Leute, verängstigt, ohne jede Vorstellung, wie es weiter gehen kann.

Du wirst leben sagst Du zu denen, die keine Heimat mehr haben, sich verloren fühlen in der Welt, herum gestoßen und kleingemacht.

Du hältst an ihnen fest, auch an uns, und willst, dass wir in Dir die Kraft zu neuen Schritten finden, zu Lebens-Schritten, und seien sie noch so klein. Amen