Ganz tief nach unten

Jesaja 49, 7 – 17

 7 So spricht der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem, der verachtet ist von den Menschen und verabscheut von den Heiden, zu dem Knecht, der unter Tyrannen ist: Könige sollen sehen und aufstehen, und Fürsten sollen niederfallen um des HERRN willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.

             Der Blick wechselt – von dem großen Auftrag hin zu dem, der beauftragt ist.  Aber zuerst wird er auf den Auftraggeber gerichtet: der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger hat das Wort. Und er richtet sein Wort an den, der bei den Menschen nicht zählt, von dem sie sich in Abscheu abwenden. Größer kann der Kontrast kaum sein – hier der Heilige, da der Verachtete. Hier der Erlöser, der Freie, da der Geknechtete, der unter Tyrannen zu leiden hat.

             Seit Jahren liegt auf meinen Schreibtisch ein Liedvers, damit ich ihn nicht aus den Augen verliere:

 Das war ja so dein Wesen von alten Zeiten her,                                                                dass du dir hast erlesen, was schwach, gebeugt und leer,                                            dass mit zerbrochenen Stäben du deine Wunder tatst                                                      und mit zerknickten Reben die Feinde niedertratst.                                                               F. W. Krummacher (1796 – 1868) aus: Du Stern in allen Nächten

             Es scheint so etwas zu geben wie eine Vorliebe Gottes, sich denen zuzuwenden, die unten sind. Die in seinen Dienst zu nehmen, von denen „die Welt“ nichts erwartet und nicht Notiz nimmt. Mit denen sein Werk zu tun, die leere Hände haben – und womöglich kein Konzept und keinen Plan.

Die Frage,  die sich allerdings einmal mehr stellt und die wohl wieder ohne eine endgültige Antwort bleiben muss: Ist hier ein Einzelner angeredet – der Knecht Gottes als Einzel-Person oder ist es das Volk Israel, das in der Verbannung ist, nicht zählt, verachtet ist, ausgeliefert. Aber eben: Knecht Gottes.

Beide Lösungen sind denkbar, weil beide dem Rechnung tragen: diese Worte sind Antwort auf die Klage des Knechtes, der in seiner Situation von Verzweiflung und Resignation bedroht war – und es vermutlich auch immer wieder ist. Nur zur Erinnerung: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“ (46,4)   

Verhalten, aber deutlich, wird die Wende angesagt: Was an diesen Verachteten geschieht, das werden die Könige doch sehen. Sie, die in ihrer Majestät und enthobenen Würde immerzu sitzen, werden aufstehen – erschrocken? staunend? – weil da etwas in Gang ist, das ungeheuerlich ist. Weil sie sehen müssen, dass Gott treu ist, denen gegenüber, die für sie wie Ungeziefer sind. Fußvolk, das keinen interessiert.

 8 So spricht der HERR: Ich habe dich erhört zur Zeit der Gnade und habe dir am Tage des Heils geholfen und habe dich behütet und zum Bund für das Volk bestellt, dass du das Land aufrichtest und das verwüstete Erbe zuteilst, 9 zu sagen den Gefangenen: Geht heraus!, und zu denen in der Finsternis: Kommt hervor!

             Erhört –  geholfen  –  behütet – bestellt. In dieser Reihenfolge begegnet Gott seinem Knecht. Die Zuwendung zu ihm kommt vor der Beauftragung an ihn. Er, der den Mächtigen nur ein Fußabtreter ist, nicht  zählt und nichts gilt, er erfährt die Zuwendung Gottes, liebevoll. Sorgsam. Vor aller eigenen Leistung.

So zeigt sich eine Grundbewegung Gottes: Bevor er etwas von uns will, zeigt er erst, dass er uns will. Bevor er uns Aufträge erteilt, schenkt er Zutrauen und Gemeinschaft. Seine Wertschätzung geht allem anderen voran.  So sehe ich es auch an Jesus und seinem Umgang mit den Jüngern. Erst sammelt er sie uns sich, geht mit ihnen, lässt sie Gemeinschaft erfahren – und dann erst sendet er sie aus.

Also: Gott hat die Klage seines Volkes gehört und erhört. Jetzt ist Zeitenwende. Sie wird nicht nur angesagt, sie ist im Vollzug: „Der Frondienst ist beendet; die durch Gottes Hilfe und Einschreiten geprägte Zeit ist angebrochen.“ (H.J.Kraus, , aaO.; S.115) Nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Jetzt. Die Zeit der Gnade ist jetzt. Der Tag des Heils ist heute.

Diese Worte nimmt Paulus auf:  „Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2. Korinther 6,1-2) Und dringt so darauf, dass das Leben seiner Leser dieser Zeit, diesem jetzt entspricht. Damit nimmt Paulus, so denke ich, die Intention des Jesaja genau und sorgfältig auf. Auch er sagt diese Zeit an, um das Volk zu neuem Verhalten zu führen, zum Aufbruch aus den Tälern der Angst, der Klage, zum Aufbruch in die Weite Gottes.

             Darum auch: Herausführen aus der Gefangenschaft. Herausführen aus der Finsternis  ins Licht. Ein Ruf zum Aufbruch, der, Jesaja wiederholt gerne um etwas einzuprägen, keine Augenblicksangelegenheit ist, sondern ein Schritt in den Bund. In die Lebensordnung, die Israel schon seit dem Sinai zugedacht und zugesprochen ist, in den Bundesworten, dem Dekalog. Vielleicht liegt in diesem Wort Bund auch die Erinnerung: auch die neue Freiheit wird Regeln brauchen.

 Am Wege werden sie weiden und auf allen kahlen Höhen ihre Weide haben. 10 Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten. 11 Ich will alle meine Berge zum ebenen Wege machen, und meine Pfade sollen gebahnt sein. 12 Siehe, diese werden von ferne kommen, und siehe, jene vom Norden und diese vom Meer und jene vom Lande Sinim.

             Das ist ein Blick auf den Weg. Nach der Erlösung? Oder nicht doch eher auf den Weg, den die Erlösten gehen werden? Es wird ein Zug durch die Wüste werden. Keine Idylle – aber ein Weg, auf dem sie geführt werden. „Wie ein Hirte“ – so war es in früheren Worten angesagt (40, 11) wird Gott führen. Hier: Als Erbarmer.

Es ist gewiss nicht abwegig, hier Psalmenworte mitschwingen zu hören:

Der HERR ist mein Hirte,                                                                                                          mir wird nichts mangeln.                                                                                                              Er weidet mich auf einer grünen Aue                                                                                        und führet mich zum frischen Wasser.                     Psalm 23, 1 – 2

Der HERR behütet dich;                                                                                                             der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,                                                   dass dich des Tages die Sonne nicht steche                                                                        noch der Mond des Nachts.                           Psalm 121, 5-6

             Nie geht es darum, dass Wege mühelos sind, ungefährdet. Aber immer geht es darum: Es sind Wege in der Gegenwart Gottes. Und er steht dafür, dass sie ihr Ziel erreichen. Darum auch ebnet er den Weg, räumt Hindernisse weg, bahnt den Weg.

Was hier gesagt wird, gilt nicht nur für die, die in Babylon sind. Das  Land Sinim wird wohl „die jüdische Kolonie bei Syene im südlichen Ägypten, nahe Assuan“ (H.J.KrausaaO.; S.116) meinen. Aus aller Herren Länder kommen die Zerstreuten zurück, machen sie sich auf den Heimweg. Die ganze jüdische Diaspora ist im Aufbruch nach Hause. Ein Bild, das auch heute noch große Anziehungskraft auf Juden in aller Welt hat.

13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

Dieses Handeln Gottes findet sein Echo im Lob des Kosmos. Die ganze Welt freut sich, dass Israel erfährt, wie Gott sich seines Volkes erbarmt und annimmt und es tröstet. Wie kleinkariert wäre das auch, Befreiung, Erlösung, Neuanfang, Schritte aus der Not zu sehen und zu mäkeln. Sich nicht mitzufreuen. Mag sein, es gibt Menschen, die sich dieser Freude verweigern – die Schöpfung kann nicht anders als in den Jubel eizustimmen.

14 Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.

Was für ein Kontrast! Die Schöpfung jubelt und Zion klagt. Die Schöpfung tanzt vor Freude, aber Zion sitzt fest in den Tälern des Jammerns und Klagens. Oder sind diese Worte eine Art „Rückblende in die Vergangenheit“? So hat Israel, repräsentiert durch die Tochter Zion sich in der Gefangenschaft gesehen: Gottverlassen. Gottvergessen. „War Zion Ort und Inbegriff der Gegenwart Jahwes in seinem Volk, so zeigt die Klage über die Gottverlassenheit die größte, die eigentliche Not der redenden Gemeinde an.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.119) Dann sind diese Worte ein Hilferuf, dass nicht nur die äußere, sondern auch die innere Not eine Wende erfahren muss.

15 Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. 16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir. 17 Deine Erbauer eilen herbei, aber die dich zerbrochen und zerstört haben, werden sich davonmachen.

Die Antwort Gottes: Es wäre doch regelrecht widernatürlich, wenn Gott sein Volk vergessen würde. Wo kann eine Mutter ihr Kind vergessen? Wie viel weniger Gott. Es ist das Argumentationsmuster, das auch Jesus, geschult  auch an den Worten der Propheten, verwenden wird: „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?  Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?  Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ (Lukas 11, 11-13) Wenn schon Menschen so voller Liebe sind, dass sie Gutes tun, wie viel mehr dann Gott. Auffallend in einem patriarchalisch geprägten Umfeld und schön: In den Worten des Jesaja wird die Mutter mit ihrer Liebe zum Bild für Gott und seine unverbrüchliche Liebe.

Es folgt ein Wort, das kühn und fremd zugleich ist. Erst recht, wenn man der neuen Welt der Tattoos irritiert gegenüber steht. Damit ihm Jerusalem unvergesslich ist, zeichnet sich Gott das Panorama der Gottesstadt in die Hände. Gräbt es sich regelrecht ein und prägt es sich damit gegen alles Vergessen ein. „Wen oder was man nicht vergessen will, das zeichnete man im alten Israel mit Tätowierungszeichen in die Hand.“ (H.J.Kraus, aaO.; S. 119)Nehme ich diesen Hinweis auf die Praxis in Israel ernst, dann sagt Gott: Ich wehre meiner eigenen Vergesslichkeit durch diese Tätowierung.

Über das hinaus, was Jesaja und das Alte Testament sagen, sagen wollen und sagen können: eingegraben, eingezeichnet in die Hände Gottes – das verbindet sich für mich mit den Nägelmalen des Gekreuzigten.

„Wer sich erinnert, kümmert sich um das Objekt seiner Erinnerung.“ (F.J.Helfmeyer, , aaO.;, S.120) Weil das so ist, Jerusalem unvergesslich in den Händen Gottes markiert ist, darum beginnt, in den Augen Gottes, auch jetzt schon der Prozess des Wiederaufbaus. So wie die Weggeführten aus allen Völkern zurück nach Jerusalem strömen, so eilen die jetzt schon herbei, die Jerusalem neu aufrichten werden. Die heimkehren, kehren zur Aufbauarbeit nach Hause. Da bleibt für die, die das Werk der Zerstörung angerichtet haben, nur noch: weggehen. Sich davon machen. Sie haben hier nichts mehr zu suchen.

 

Wie oft, mein Gott, habe ich so gefragt: Hast Du mich vergessen? Bin ich Dir gar nicht mehr wert? Wie oft, wenn ich verzagt bin über dem Gefühl: Alles Arbeiten ist nur Haschen nach Wind.

Aber Du hältst an mir fest, Du lässt mich nicht los. Du hast mich in Deine Hände eingegraben, mich unter sieben Milliarden

Und genauso hältst Du Deine Gemeinde fest, die Du Dir erworben hast, gerufen aus der Völkerwelt, dieses Häuflein Menschen, das sich in Dir birgt.

Danke, dass Du treu bist, dass Du uns hältst in den Händen, die durchbohrt sind – Zeichen Deiner Liebe. Amen