Fürchte dich nicht

Jesaja 44, 1 – 5

1 So höre nun, mein Knecht Jakob, und Israel, den ich erwählt habe!

             Statt einfach so höre nun muss man wohl lesen: Aber nun. Das macht deutlich: Was jetzt folgen wird, steht im Kontrast zu den Anklagen, die gegen Israel möglich sind und wie sie unmittelbar zuvor zur Sprache kamen. Jetzt ist nicht mehr davon die Rede, dass dein Ahnherr  gesündigt hat, und deine Wortführer abgefallen sind (43,27) von Gott. Nicht mehr die Vergangenheit ist Thema, sondern eine neue Zukunft wird angesagt. Für den Knecht Jakob, den Erwählten. Was auch immer war, der Herr lässt seine Erwählung nicht fahren.

 2 So spricht der HERR, der dich gemacht und bereitet hat und der dir beisteht von Mutterleibe an: Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und du, Jeschurun, den ich erwählt habe!

             Noch einmal: Erinnerung an die Erwählung. Gepaart mit der anderen Erinnerung: Dass es Israel überhaupt gibt, „beruht auf Gottes Schöpfung, dem Fundament aller Geschichte.“ (H.J.Kraus aaO.; S.63) Aber damit ist Gottes Handeln nicht abschließend beschreiben.  Vom Mutterleib an steht der HERR Israel bei. Das Schöpfungshandeln Gottes wird weiter geführt in seinem Erhalten, seinem Beistehen.

Diese Sicht des Jesaja nimmt Martin Luther ist seiner Erklärung zum 1. Artikel es Glaubensbekenntnisses auf: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hast und noch erhält;…“ (M. Luther, Der Kleine Katechismus, Luther Deutsch, Bd. 6, Göttingen 1983, S.145) Man spricht nicht sachgemäß von der Schöpfung und dem Schöpfer, wenn man sie und ihn auf den Anfang reduziert. Der Schöpfer ist zugleich der Erhalter.

Darum auch: Fürchte dich nicht. Weil Gott neu, schöpferisch handeln wird, so, dass aus dem Betrüger Jakob, dem Fersenhalter Jeschurun wird, „ein Ehrenname, der, wenn man ihn aus dem Hebräischen übersetzen darf, die Bedeutung „Rechtschaffener“ hat.“ (H.J.Kraus, ebda.) In Israel kann Neues werden, Israel kann neu werden, weil Gott an ihm handelt.

 3 Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, 4 dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen.

             Dieses neue Handeln Gottes wird jetzt beschrieben. Wasser auf das Durstige, Ströme auf das Dürre. Naturbilder, die davon reden, wie totes Land lebendig wird, wie dem Mangel aufgeholfen wird. Die Bilder werden dann sofort übertragen: Meinen Geist auf deine Kinder. Mein Segen auf deine Nachkommen. „Wasser und Geist sind parallele Begriffe.“ (D. Schneider, aaO.;, S.103)

          Es ist ein Bild von überströmender Lebendigkeit, Kreatürlichkeit. Auf Israel, das jetzt wie dürres Land ist, dürstend nach Leben, ausgetrocknet, der Hitze preisgegeben, fließen Wasser-Ströme. Wo und wenn Gott seinen Geist gibt, erwacht die Wüste zu neuem Leben. Man könnte sagen: Hesekiel geht noch einen Schritt weiter. Sogar das Totenfeld  wird belebt.

„Des HERRN Hand kam über mich und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es. Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.“ Hesekiel 37, 1 -5)

Das ist die Erwartung, die Verheißung, die in diesen Worten laut wird: Das dürre Land wird neu belebt – durch den Geist. Durch den Segen.  Diese Verheißung verweist auf die Zukunft. Deine Söhne, deine Nachkommen. Vielleicht darf man so lesen: Das neue Handeln Gottes gilt eben nicht nur der gegenwärtigen Generation um das Jahr 530 herum. Es gilt auch denen in Israel, die nach diesen Jahren kommen werden. „Die Ausgießung des Geistes ist kein eschatologischer abschließender Akt, sondern eine die Zukunft Israels bestimmende Tat.“ (H.J.Kraus, ebda.)Diesen Satz des Alttestamentlers möchte ich gerne auch auf die spätere Geistausgießung, an Pfingsten in Jerusalem deuten. Der Geist ist nicht die Gabe für das Ende, sondern für die Zukunft.  

             Wo der Geist gegeben wird, gibt es für das Wachsen des Lebens kein Halten mehr. Wie Gras zwischen den Wassern, wie Weiden an den Wasserbächen. Fülle, wo vorher Dürre war. Überschuss und Überfluss, wo vorher nur Mangel war.

„Er weidet mich auf einer grünen Aue                                                                               und führet mich zum frischen Wasser.“     Psalm 23,2

5 Dieser wird sagen »Ich bin des HERRN«, und jener wird genannt werden mit dem Namen »Jakob«. Und wieder ein anderer wird in seine Hand schreiben »Dem HERRN eigen« und wird mit dem Namen »Israel« genannt werden.

Dieses neue Handeln Gottes, sein Geben in Fülle löst Reaktionen aus. „Wenn der Geist ausgegossen wird, kommt es zu einem neuen „Bekennen“ und zwar zuerst vor Gott.“ (D. Schneider, aaO.; S.104) Es ist ein Aufbruch, ein Hinzukommen, das hier beschrieben wird. Menschen aus den Völkern finden den Weg zu dem Volk, an dem Gott so handelt. Sie werden regelrecht angezogen von dem Prozess, der da in Gang kommt.

Aber – es sind wirklich Einzelne. Das wird schon erkennbar an den verschiedenen Worten. Der eine spricht ein Bekenntnis »Ich bin des HERRN«, ein anderer wird mit neuem Namen genannt, der die neue Zugehörigkeit zu Jakob kennzeichnet. Und wieder ein anderer greift zu einem Tatoo: „Dem Herrn eigen“. „Wie ein Sklave durch ein Malzeichen die Zugehörigkeit zu seinem Herrn ausweist, so ist das „Bekenntniszeichen“ in der Hand der Hinzukommenden gemeint; sie gehören zu Jahwe.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.64)

             Es gehört zu dem Großartigen in diesen Worten des Jesaja, dass dieses Zeichen in der Hand noch einmal aufgenommen wird, aber dann gerade umgekehrt: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.“ (49,16)Der Grundriss Jerusalems – eingezeichnet in die Hände Gottes. Unvergesslich eingegraben. Das Zeichen in der Hand Gottes und das Zeichen in den Händen der Bekennenden korrespondieren einander. Eines legt das andere aus. Der eine Geist löst eine Vielfalt des Bekennens aus, in vielen Formen. „Ein Bekennen, das auf persönlicher Entscheidung beruht.“ (C.Westermann, aaO.;S.112)

             Diese Wechselseitigkeit – Gott zeichnet den Menschen, die Stadt in seine Hände, der Mensch zeichnet sein Bekenntnis in seine Hände, finde ich auch in der Taufe. Da sagt Gott: du gehörst zu mir, ein für allemal. Und der Täufling seinerseits sagt: Ich bekenn mich zu dir, wieder und wieder, ein Leben lang.

        Und auch das ist wesentlich: Wer sich so zu dem HERRN bekennt, zu ihm kehrt, der tritt gleichzeitig zum Volk Israel hinzu. Es ist einer der großen Schäden in der Geschichte der Christenheit, dass man lange Zeit glaubte, den Gott Israels, den HERRN der Herrlichkeit bekennen zu können, zu ihm zu gehören, ohne gleichzeitig mit Israel zusammen zu gehören. Mit dem Volk seines Eigentums verbunden zu sein.

Manche Texte, die uns auf diesen Weg hätten leiten können, haben wir nie wirklich ernst und angenommen. So auch diesen: „Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt. Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden “eines” gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat.“(Epheser 2, 11 -14a)

Eine grundsätzliche Deutung füge ich noch hinzu:  „Unser Text zeigt, dass nach der großen Wende das Wirken Jahwes in der Geschichte und damit als die Geschichte Israels weitergeht. Dieses Wirken Gottes aber ist ein andersartiges: zu seinem rettenden Wirken tritt das segnende, zu dem einmaligen das stetige. In Israels Glauben gehört dies von Anfang an zusammen: der rettende Gott ist der segnende Gott; beides hat seine Zeit und seinen Ort, und das eine geht niemals im anderen auf.“ (C.Westermann, aaO.; S.111) Das zu sehen kann helfen, eigene Gotteserfahrungen ein wenig zu sortieren.

 

Mein Gott, darauf traue ich, dass ich Dein eigen bin, zu Dir gehöre, dass Du mich unter Schmerzen in Deine Hände eingezeichnet hast.

Darauf traue ich, dass Du Dir gefallen lässt, dass ich Dich zu Herzen nehme, Dich meinen Gott nenne, zu Dir rufe.

Das verspreche ich Dir, dass ich mit vielen anderen auf dem Weg, mit Deinem Volk, so zu leben versuche, dass es Dir  – hoffentlich – entspricht und ich Deinem Geist Raum lasse, mich zu führen und zu leiten. Amen