Götzen – tu, stumm, blind

Jesaja 44, 6 – 20

6 So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott. 7 Und wer ist mir gleich? Er rufe und verkünde es und tue es mir dar! Wer hat vorzeiten kundgetan das Künftige? Sie sollen uns verkündigen, was kommen wird!

             Es wirkt wie eine Bekräftigung dessen, was gerade zuvor gesagt ist: Es ist der HERR, der das Geschick Israels in Händen hast. Er ist der Erlöser. Was immer auch noch zu sagen sein wird – das steht in der Mitte: außer mir ist kein Gott. In einem Umfeld, in dem Könige, zumal Groß-Könige und Sieger-Typen  vergöttert werden konnten, haben diese Worte ihren eigenen Klang: Keine göttliche Verehrung für wen auch immer. Keine göttliche Huldigung für Rettergestalten in der Geschichte.

Und wieder die Herausforderung: „Wieder geht es um das, was in den Kommentaren nicht selten „Weissagungsbeweis“ genannt wird.“ (H.J.Kraus aaO.;,S.65) Wenn es andere, geschichtsmächtige Götter gibt, dann sollen sie doch Zukunft ansagen und durch ihr Wort heraufführen. Wenn sie das könnten, dann wären sie in Wahrheit gottgleich.

 8 Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht! Habe ich’s dich nicht schon lange hören lassen und es dir verkündigt? Ihr seid doch meine Zeugen! Ist auch ein Gott außer mir? Es ist kein Fels, ich weiß ja keinen.

             Aber da ist ja keiner im weiten Rund des Götterhimmels, der das kann. Keiner, der wie der Gott Israels spricht – und es geschieht. Keiner, der zukunftsmächtig ist. Es ist, als würde Gott um sich schauen und sehen: Da ist niemand. „Jahwe allein ist der in der Geschichte Handelnde: der Erste und der Letzte.“(H.J.Kraus, aaO.; S.66) Und dafür ruft er Israel als Zeugen auf. Da ist kein Gott außer mir. Der Götterhimmel ist leer, allen Sagen und Geschichten, die man sich erzählt, zum Trotz. 

  9 Die Götzenmacher sind alle nichtig; woran ihr Herz hängt, das ist nichts nütze. Und ihre Zeugen sehen nichts, merken auch nichts, damit sie zuschanden werden. 10 Wer sind sie, die einen Gott machen und einen Götzen gießen, der nichts nütze ist? 11 Siehe, alle ihre Genossen werden zuschanden; die Meister sind auch nur Menschen. Wenn sie auch alle zusammentreten, sollen sie dennoch erschrecken und zuschanden werden. 12 Der Schmied macht ein Messer in der Glut und formt es mit Hammerschlägen. Er arbeitet daran mit der ganzen Kraft seines Arms; dabei wird er hungrig, sodass er nicht mehr kann, und trinkt auch kein Wasser, sodass er matt wird. 13 Der Zimmermann spannt die Schnur und zeichnet mit dem Stift. Er behaut das Holz und zirkelt es ab und macht es wie eines Mannes Gestalt, wie einen schönen Menschen; in einem Hause soll es thronen. 14 Er haut Zedern ab und nimmt Kiefern und Eichen und wählt unter den Bäumen des Waldes. Er hatte Fichten gepflanzt und der Regen ließ sie wachsen. 15 Das gibt den Leuten Brennholz; davon nimmt er und wärmt sich; auch zündet er es an und bäckt Brot; aber daraus macht er auch einen Gott und betet’s an; er macht einen Götzen daraus und kniet davor nieder. 16 Die eine Hälfte verbrennt er im Feuer, auf ihr brät er Fleisch und isst den Braten und sättigt sich, wärmt sich auch und spricht: Ah! Ich bin warm geworden, ich spüre das Feuer. 17 Aber die andere Hälfte macht er zum Gott, dass es sein Götze sei, vor dem er kniet und niederfällt und betet und spricht: Errette mich, denn du bist mein Gott!

             Es folgt ein „Spottlied“ (D. Schneider, aaO.; S.107) Auf die, die Götter machen. Darauf läuft es hinaus: Der Gott Israels macht Geschichte, er allein. Während die Götter der Völker nichts machen, sondern gemacht werden. Es ist pure Ironie: Das Göttermaterial unterscheidet sich durch nichts vom Alltags-Material. Ob aus dem Holz Brennholz wird, Feuerholz für den Braten oder ein Götze, das liegt in der Hand des Meisters, der auswählt und über sein Material verfügt. Nicht die Götter verfügen über die Menschen, sondern Menschen über die Götter.

Mag sein, die so arbeiten, sind Facharbeiter. Vielleicht sogar Künstler. Ihr Handwerk ist Kunsthandwerk. Und ihre Produkte sind Kunstwerke, in ihrer Ästhetik verehrungswürdig bis zu uns heute. Es ist gut, dass das Spottlied kein Aufruf zum Bildersturm ist, zur Zerstörung der Götzen. Der IS mit seiner Kultur-Barbarei, der Zerstörung alter Heiligtümer in Palmyra, Nimrod und wer weiß wo noch, hat in den Worten Jesajas keine Rechtfertigung.

Aber das will Jesaja schon klar sagen: Die Götzenmacher sind alle nichtig; woran ihr Herz hängt, das ist nichts nütze. Was sie da schaffen, ist schön, aber wirkungslos. Nichtig, nutzlos, wenn es um Hilfe und Trost und neue Hoffnung geht.  Jesaja redet von den Götzenmachern, aber er meint die Götzen.

Die Anbetung vor solchen Götzen – so nennt sie Jesaja deutlich abwertend – geht ins Leere. Sie antworten nicht. Bekenntnisse zu ihnen wirken nicht. Hinter den Statuen steht keine transzendente Wirklichkeit. Da ist, jenseits der Bilder, nicht wirklich einer, der hört. Alle Hilferufe, die an sie gerichtet werden, gehen ins Leere.

Es ist mit Händen zu greifen, wie nahe die Worte des Jesaja den Psalmworten sind, die gleich doppelt überliefert sind – in Psalm 115 und Psalm 135:

Unser Gott ist im Himmel;                                                                                                          er kann schaffen, was er will.                                                                                                   Ihre Götzen aber sind Silber und Gold,                                                                                von Menschenhänden gemacht.                                                                                                Sie haben Mäuler und reden nicht,                                                                                       sie haben Augen und sehen nicht,                                                                                         sie haben Ohren und hören nicht,                                                                                          sie haben Nasen und riechen nicht,                                                                                           sie haben Hände und greifen nicht,                                                                                          Füße haben sie und gehen nicht,                                                                                          und kein Laut kommt aus ihrer Kehle.                                                                                     Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich,                                                                      alle, die auf sie hoffen.                               Psalm 115, 3 – 8

             Eine Kultliturgie, entstanden, um das Volk immer neu daran zu erinnern: Unser Gott ist anders als die Götzen. Er ist im Himmel, ungeschaffen, selbst aber der Schöpfer. „Die Entstehung der Liturgie in vorexilischer Zeit ist nicht ausgeschlossen, auch wenn die allgemeinen Formen des Psalms keine genaue Datierung ermöglichen.“ (A.Weiser, Die Psalmen II/Psalm 61-150, ATD 15, Göttingen 1963, S. 492) So ist es also durchaus möglich  zu sagen: Jesaja greift auf altes, vertrautes Sprachmaterial, auf alte Glaubenseinsichten zurück in seinem Spottlied auf ie Götzen und die Götzenmacher.

 18 Sie wissen nichts und verstehen nichts; denn sie sind verblendet, dass ihre Augen nicht sehen und ihre Herzen nichts merken können. 19 Er kommt nicht zur Einsicht; keine Vernunft und kein Verstand ist da, dass er dächte: Ich habe die eine Hälfte mit Feuer verbrannt und hab auf den Kohlen Brot gebacken und Fleisch gebraten und gegessen, und sollte die andere Hälfte zum Götzen machen und sollte knien vor einem Klotz?

Dies sich einzugestehen ist bitter. Und diese Einsicht verweigern die, die solche Götzen machen. Sie sind unvernünftig in ihrem Beharren darauf, dass ihre Bilder doch den Götterhimmel abbilden, dass hinter der Realität ihrer Bilder die Realität einer Götterwelt steht, die Menschen nur nicht sehen können, die sie nur indirekt verehren können. Aber auch das rettet nicht vor der Kritik, die Jesaja hier übt. Auf die Spitze getrieben, kann man so zusammenfassen: „Götzendienst ist Dummheit.“ (H.J.Kraus, aaO.;S.70)

Man kann es, so denke ich, gar nicht anders sagen: Die Argumentation der Religionskritiker aus dem 19. Jahrhundert, ob Feuerbach, Marx und auch der aus dem 20. Jahrhundert, inklusive Richard Dawkins in unseren Tagen, ist in der Sache nie wirklich über diese Kritik des Spottliedes des Jesaja hinaus gekommen. „Hier, an seinem Ziel zeigt der Dichter des Spottliedes am deutlichsten den Geist, aus dem er spricht: Es ist der Geist der Aufklärung.“(C.Westermann, aaO.; S.122) Das heißt doch im Umkehrschluss: die an den Gott glauben, wie ihn Jesaja bezeugt, müssen Religionskritik nicht fürchten, sondern können sie selbst treiben – all den falschen Göttern unserer Zeit gegenüber. Und sie können den Spott, der über den eigenen Glauben, den Glauben an den Gott der Väter, ausgegossen wird, ertragen, weil sie wissen: dieser Spott trifft nicht. Den Glauben nicht und uns nicht

 20 Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht und betört, sodass er sein Leben nicht erretten und nicht zu sich sagen wird: Ist das nicht Trug, woran meine Rechte sich hält?

             Ein Spottlied – und doch: hier schimmert so etwas wie Mitgefühl mit denen durch, die diesen Göttern vertrauen. Sie sind getäuscht und betört. Sie sind wie Leute, die Asche hüten, in der kein Feuer brennt. Aber sie sind regelrecht unfähig, ihre Täuschung zu durchschauen. Aufzuwachen und zu erkennen: Ich setze meine Hoffnungen auf Trug. Sie sind verleitete Leute, getäuscht und verführt.

Dieses Spottlied ist weit entfernt von dem, was wir Respekt vor dem fremden Glauben nennen würden, was wir uns auch abverlangen als Haltung. Wir versuchen, unter dem Leitwort Toleranz, auch im fremden Glauben noch die Sehnsucht zu sehen und ernst zu nehmen. Und hüten uns vor verletzendem Spott. So zurückhaltend ist Jesaja nicht. Aber er darf das vielleicht auch deshalb sein, weil er aus einer Position der Machtlosigkeit spricht, ohne tragende Organisation, zu einem Volk, das sich einer Übermacht glanzvoller in großartigen Gottesdiensten und Prozessionen kultisch verehrter Götter gegenüber sieht. In dieser Position äußerster Ohnmacht bleiben manchmal nur noch Spott und Satire.

Wir dagegen haben, selbst wenn wir nicht mehr die Monopolisten in Sachen „Religion“ im Lande sind, immer noch eine Position, die herabsetzenden Spott und ätzende Satire über den fremden, den anderen Glauben verbietet. Nicht aber die Auseinandersetzung um die Tragfähigkeit.

 

Mein Gott, gib mir, dass ich nicht falschen Göttern nachlaufe, mein Herz nicht an das hänge, was nichtig ist, nicht helfen und nicht trösten kann.

Gib Du mir auch, andere in ihrem fremden Glauben zu respektieren, auch dann, wenn ich ihren  Glauben für leer halte, wenn ich sie auf Irrwegen sehe.

Lass mich ihnen so begegnen, dass sie die Achtung spüren können, in der ich ihnen entgegen trete, aber auch den Glauben an Dich, der mich hält. Amen