Gottes unverdientes Geschenk

Jesaja 43, 14 – 28

14 So spricht der HERR, euer Erlöser, der Heilige Israels: Um euretwillen habe ich nach Babel geschickt und habe die Riegel eures Gefängnisses zerbrochen, und zur Klage wird der Jubel der Chaldäer.

             Dies ist ein Neueinsatz. Die Gerichtsszene wird überholt, geweitet durch das Wort an Israel. Noch einmal, wie einen Irrtum auszuschließen, stellt sich der Herr vor: euer Erlöser, der Heilige Israels. Und sagt in der Vorstellung zugleich, was ansteht. Erlösung. Die so angeredet werden wissen es noch nicht. Aber es ist schon im Gang, was die Situation Israels ändern wird. „Wie ein Bote ist der noch ungenannte Kyros vom Gott Israels nach Babylon geschickt worden, um dort im Auftrag des für ihn fremden Gottes etwas Entscheidendes auszurichten.“ (D. Schneider, aaO.;, S.93)

           Ein Wandel ohnegleichen wird eingeleitet. Gefängnistoren werden zerbrochen.  Siegerjubel wird zur Klage. Es ist Umsturz, die radikale Verwandlung der Verhältnisse. So wie ihn später eine junge Frau besingen wird:

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Lukas 1,52

Hier, in diesem Geschehen hat sie die Vorlage für ihr Lied. Es ist die Überzeugung Israels, die aus diesen Worten des Propheten erwächst: Gott handelt in die Geschichte hinein. Sie geht nicht einfach nur ihren Gang.  Die Mächte und Mächtigen müssen Gott zu Diensten sein. So zu glauben, könnte von mancher Bangigkeit auch heute frei werden lassen.

 15 Ich bin der HERR, euer Heiliger, der ich Israel geschaffen habe, euer König.

             Wie um jeden Irrtum auszuschalten, wer hier am Werk ist, werden jetzt Gottesprädikate regelrecht aufeinander gehäuft. Sie sind mehr als nur schmückendes Beiwerk, „rühmende Bildworte.“ (C.Westermann, aaO.;, S.103) Sondern sie erinnern Israel: Der jetzt, in dieser geschichtlichen Stunde,  am Werk ist, das ist der, der immer schon mit euch auf dem Weg war.

Es gibt ein Reden von Gotteserfahrungen, das nur den Augenblick hier und jetzt zu kennen scheint. Das ist nicht die Weise,  in der Jesaja von Gott spricht, auch nicht von seinem Handeln. Um zu wissen, mit wem man es zu tun hast, braucht es den Blick zurück, in die Geschichte. Weil Gott sich in seinem Handel treu bleibt, der Erlöser, der Israel das Leben geöffnet hat, darum wird er auch jetzt erkennbar als der, der treu ist und den Weg ins Leben öffnet.

16 So spricht der HERR, der im Meer einen Weg und in starken Wassern Bahn macht, 17 der ausziehen lässt Wagen und Rosse, Heer und Macht, dass sie auf einem Haufen daliegen und nicht aufstehen, dass sie verlöschen, wie ein Docht verlischt:

             Das neue Handeln des HERRN wird durchsichtig auf sein früheres Handeln. Wie der Durchzug durch das Schilfmeer wird der Zug durch die Wüste nach Jerusalem sein. Und wie die Ägypter im Meer liegenbleiben mit Ross und Macht, so werden auch jetzt die zurück bleiben müssen, die Israel aufhalten könnten. Die jetzt noch so voll Macht erscheinen, sind doch wie ein verlöschender Docht. Der Exodus wird zur Blaupause für die Heimkehr der Exilierten.

 18 Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! 19 Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.

             Aber, so gewaltig ist das Neue, das Gott heraufführt, dass es die Erinnerung fast überflüssig macht. Israel muss nicht mehr nur aus der Erinnerung leben! „Israel soll nicht mehr rückwärtsgewandt vor Jahwe leben, sondern nun nach vorne schauen.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990) Es wäre verweigerter Glauben, wenn es beim bloßen Erinnern an die großen Taten Gottes bleibe und daraus nicht Hoffnung und Handeln in der Gegenwart würde.

Das will dieses Wort: Augen auf für das, was im Gang ist. Für den, der jetzt handelt. Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Das ist eine Mahnung, die auch die Christenheit immer neu nötig hat. Wunderbar eingelöst durch Sören Kierkegaard:

                   „Ein Haufen schnatternde Gänse wohnt auf einem  wunderbaren Hof.  Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche  Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredtste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank denen die Gänse die Erdkugel überflogen.  

Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles.

Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher und ihr Leben bequem.” ( S. Kierkegaard, 1855)

20 Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße; denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten; 21 das Volk, das ich mir bereitet habe, soll meinen Ruhm verkündigen.

             So einschneidend ist der  neue Exodus, dass auch die Tiere von ihm berührt werden. Schakale und Strauße stimmen das Lob Gottes an. Die Wüste wird verwandelt. Immer noch schwingt mit, klingt nach, dass Israel blind und taub (43,8) war. Jetzt wird alles anders. Es wird eine regelrechte Prozession werden, dieser Heimweg nach Jerusalem. Kann da mein Volk,  können da meine Auserwählten, schweigen? Das wäre doch widersinnig.

22 Nicht, dass du mich gerufen hättest, Jakob, oder dass du dich um mich gemüht hättest, Israel. 23 Mir hast du nicht die Schafe deines Brandopfers gebracht noch mich geehrt mit deinen Schlachtopfern. Ich habe dir nicht Arbeit gemacht mit Opfergaben, habe dich auch nicht bemüht mit Weihrauch. 24 Mir hast du nicht für Geld köstliches Gewürz gekauft, mich hast du mit dem Fett deiner Opfer nicht gelabt.

             Dieser Neuanfang hat seinen Grund nicht in Israel. Allen Klagen und Fragen zum Trotz, die es im Exil gegeben haben wird, die Jesaja gekonnt hat. Klagen, wie sie ihren Niederschlag in den folgenden Worten gefunden haben.

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,                                                           wenn wir an Zion gedachten.                                                                                               Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.                                           Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen                                                und in unserm Heulen fröhlich sein:                                                                                  »Singet uns ein Lied von Zion!«                                                                                          Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?         Psalm 137, 1- 4

          Weit über den Kreis der Bibellesenden in Deutschland bekannt geworden durch den Schlager:

 “By the rivers of Babylon, there we sat down
Yea, we wept, when we remembered Zion.”          Boney M. 1978

Manchmal müssen säkulare Medien die Rolle übernehmen, die introvertierte Kirchen nicht mehr wirklich annehmen: Worte der Schrift unter die Leute bringen.

Also: es ist nicht das Volk, das Gott zum Handeln bringt. Es sind auch nicht ihre Gottesdienste. Gott hat sie nicht gefordert. Was da abgelaufen ist, war nicht das, was Gott gesucht hat. Die Worte hier erinnern stark an die Gottesdienstkritik früherer Propheten. „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“(Amos 5, 21 – 23) Was immer es an Gottesdienst im Exil gegeben haben mag „das ist nichts, worauf ihr euch Gott gegenüber stellen könnt, denn diese Gottesdienste haben doch nichts geändert.“ (C.Westermann, aaO.; S.108)Auch im Exil ist Israel nicht wirklich zu dem Volk geworden, das sich Gott „wünscht“.

Aber mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. 25 Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.

            Aber obwohl Israel ist, wie es ist, handelt Gott neu an ihm. Er nimmt dieses Volk auf sich wie eine Last. Er nimmt seine Taten auf sich, die ihm Mühe machen. Er nimmt all die Verfehlungen auf sich, die Irrwege und Abwege. Was für ein „schreiender Kontrast“!   (C.Westermann, aaO.; S.109) Dieses Wort der Vergebung ist durch nichts begründet. Es hat seinen Grund allein in Gott. Darum auch die Doppelung: Ich, ich.

26 Erinnere mich, lass uns miteinander rechten! Zähle alles auf, damit du Recht bekommst! 27 Schon dein Ahnherr hat gesündigt, und deine Wortführer sind von mir abgefallen. 28 Darum habe ich die Fürsten des Heiligtums entheiligt und Jakob dem Bann übergeben und Israel dem Hohn.

            Wird Gott, gegen seine Worte, rückfällig? Sieht er jetzt auf das, was früher, vorzeiten war? Gott hat sich nichts vorgemacht über dieses Volk seiner Wahl. Von Anfang an war da Unrecht, Schuld. Abfall. Jesaja könnte aufzählen: Abrahams Lügengeschichten, Jakobs Tricksereien, Davids Ehebruch, Salomos Götterdienst. Er lässt es. Nur das Ergebnis wird noch einmal genannt: Das Gericht, das sich an Jerusalem gezeigt hat, am Volk und am Königshaus – im Untergang 586. Erinnerung, damit die Vergebung jetzt, das unverhoffte Geschenk, der „unverdiente Freispruch“ (H.J.Kraus, aaO.; S. 62) umso heller strahlen kann.

Damit die Gnade nicht billig wird, nicht selbstverständlich, braucht es die Erinnerung an die Schuld, die gegen das Geschenk der Gnade steht. Nicht, um Menschen klein zu machen,  wohl aber, um die Dankbarkeit groß zu machen.

 

Wo ist ein Gott wie Du, unser Gott, der die Sünden vergibt, der uns nicht zerbrechen lässt an unserem eigenen Tun, der zurechtbringt, zurück führt auf den Weg des Lebens.

Ich kann nicht anders als staunen, wie oft Du neu anfängst, wie Du festhältst an uns, die Du doch durchschaust bis in die Tiefen unserer Seele

Ich lobe und preise Dich, Du Erlöser von alters her, Du Erbarmer, gnädig und barmherzig und von großer Güte. Amen