Die Zuflucht

Jesaja 41, 8 – 14

8 Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten, 9 den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -, 10 fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

             Mitten in der Gerichtsverhandlung wendet sich der HERR jetzt Israel zu. Das bis dahin irgendwie unbeachtet scheint. Jetzt aber, schon mit der Anrede, erneuert Gott uralte Zusagen, indem er an sie erinnert. An Jakob: „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“(1. Mose 28,15) An Abraham: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1.Mose 12,3) Wie sollte Gott den Spross Abrahams fallen lassen – würden doch damit seine Worte und Verheißungen auch fallen.

Was auch immer mit Jakob geschehen sein mag – es ist kein verworfenes Volk. Das ist auch ein Widerspruch gegen Worte und Gedanken, wie sie wohl im Volk umlaufen: `Wir sind von Gott verworfen, gottverlassen.´ Aber Gott hat sich nicht für immer abgewendet. Er gibt es nicht preis.  Sondern er hält es fest. Seine Wahl bleibt gültig.

Auch auf dem Hintergrund solcher Worte wird Paulus später sagen: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) 

  11 Siehe, zu Spott und zuschanden sollen werden alle, die dich hassen; sie sollen werden wie nichts und die Leute, die mit dir hadern, sollen umkommen. 12 Wenn du nach ihnen fragst, wirst du sie nicht finden. Die mit dir hadern, sollen werden wie nichts, und die wider dich streiten, sollen ein Ende haben.

             Es ist, als würde der Sprechende um sich sehen: Sie sind nicht mehr da, die sich gegen Israel gestellt haben. Das ist Blick in die Zukunft: Sie werden sich verkrümeln,. Sie haben nichts mehr vorzubringen. Alle Anklagen, die gegen Israel anzumelden wären, aller Spott, der ihm gelten könnte – Schweigen.

 13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir! 14 Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels.

             Gleich dreimal in kürzester Zeit: Fürchte dich nicht. Es ist ja viel Grund zur Furcht da für Israel. „Für die in Babylonien Gefangen ist die Situation der Furcht täglich gegeben.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 30) Aber alle Furcht muss weichen, wo der Herr auf dem Plan ist, wo er Partei ergreift, für sein Volk – und sei es auch nur wie ein Wurm, „klein und schutzlos und von jedermann zu zertreten.“ (H.J.Kraus, ebda.) Das ist das Mittel gegen die Furcht, damals und auch heutzutage, dass Gott festhält, dass er sich seiner Leute annimmt, dass er diese Welt nicht fallen und fahren lässt. Dass er sich nach unten beugt, zu denen, die im Machtpoker der Mächtigen nicht wirklich zählen. Bei ihm zählen sie, weil er sie zählt.

Noch deutlicher wird die Spitze dieser Worte, wenn ich den geschichtlichen Zusammenhang ansehe: Wie eine gewaltige Sturmflut überrollt Kyrus die alten Mächte, Babylon zuerst. Due hundert Jahre alte politische Ordnung wird destabilisiert. Es sind Zeiten voll Unruhe und Umwälzung, Zeiten voll Ungewissheit. Und immer wieder die Fragen: Wie standhalten? Was trägt, wenn alles im Fluss ist, in solchen unsicheren Zeiten? Manchmal kommt es mir so vor, als würde sich unsere Zeit des Wandels in diesen so alten Geschichten spiegeln. Denn die alten Fragen holen uns heute ein: Was trägt? Wie können wir standhalten? Wie der Furcht Einhalt gebieten, die um sich frisst wie ein Geschwür.

                       Mir erscheint es wichtig: Fürchte dich nicht ist kein Ruf in die Furchtlosigkeit. Aber es ist ein Ruf, der der Furcht den Boden entzieht. Es ist der Ruf in eine Beziehung, zu dem, der stärker ist als alles, was Fürchten lehrt. Damals und heute. Das ist das Herzstück dieser Aufforderung: Sie ist verbunden mit der Zusage und in ihr begründet: Ich bin bei dir. Ich helfe dir. Ich halte dich.  Es sind alte, geprägte Worte, die der Prophet hier neu vernimmt, aus dem Mund Gottes. Die er jetzt weitersagt, um zu stärken, um zu stützen, um zu helfen. Damit diese Worte nicht in der Luft hängen, braucht es den Hinweis auf den, der sie sagt:  Weil Gott Gott ist, der Erlöser, darum muss die Furcht weichen.

 

Wo finde ich Zuflucht, wo ist ein Bergungsort? Unter Deinem Schirmen, so höre ich als Antwort, als Hinweis auf Dich, mein Gott.

So geht es mir oft, dass mich tausend Ängste jagen, dass mir tausend Gründe einfallen, die mich sorgen lassen. Was schief gehen kann geht irgendwann schief.

Du aber willst mich ins Freie führen. Du willst der Furcht die Macht nehmen. Du willst mich aufatmen lassen, Hoffnung schöpfen in schwierigen Zeiten. Darum sagst Du es, wieder und wieder: Fürchte dich nicht.

Vielleicht werde ich es irgendwann nicht nur hören, sondern mich davon leiten lassen, weil ich mich Dir anvertraue. Amen