Wirkendes Wort

Jesaja 55, 6 – 13         

6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

             Noch einmal: Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Kein Aufschub. Es ist Zeit, damit man den Aufbruch nicht verpasst. Den HERRN suchen – das war in früheren Zeiten die Aufforderung zum Weg in den Tempel. Aber jetzt, wo der Tempel zerstört ist und Jerusalem weit weg – was ist das für die Hörer der Worte es Jesaja: den HERRN suchen?  Aus dem Kultruf wird die Zusage: „Jahwe lässt sich finden im Wort des Propheten. Und dieses Wort erwartet Antwort.“(H.J.Kraus, , aaO.;  S.163) Es ist kein zeitloses Wort, auch kein zeitloses Suchen, sondern jetzt, hier und heute gilt es. „Jetzt lässt er sich finden! Jetzt ist er nahe!“  (C.Westermann, , aaO.;, S.231)

             Dabei ist diese Einladung eindeutig: eine Einladung zur Umkehr, die verbunden ist mit dem Versprechen des Erbarmens. Kein „Weiter so! Alles ist schon in Ordnung! Ihr seid ok.“ sondern: Umkehr, weil die Vergebung Gottes den Raum zur Umkehr öffnet.

 8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

             Das ist es auch, was Gottes Gedanken von unseren Gedanken unterscheidet, Gottes Wege von unseren Wegen: Seine Vergebung. Vergebung ist unter Menschen ein Fremdwort. Vergeltung ist unser Wort. Ein Film-Titel hat es vor Jahren auf den Punkt gebracht: „Gott vergibt – Django nie!“ Wir Menschen sind Weltmeister im Zurückschlagen. Im Nachtragen. Im Aufrechnen. Darin, irgendwann doch die Rechnung zu präsentieren. Gott ist der Meister aller Welt in seinem Vergeben. Denn dieses Vergeben allein öffnet den Weg zu neuem Leben. „Wirkendes Wort“ weiterlesen

Umsonst

Jesaja 55, 1 – 5   

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

Das Bild, das Jesaja zeichnet: unter der heißen Sonne eine orientalischen Marktes steht Gott und ruft: Her zu mir, die ihr kein Geld habt. Her zu mir, die ihr Mangel leidet. Her zu mir, die ihr so hart schuften müsst. Bei mir  gibt es alles, was ihr sucht: Umsonst! „Formal gleicht das erste Stück den Rufen der Markthändler.“(H.J.Kraus, aaO.;S.161)

Das wirft sofort Fragen auf: Was ist das für ein Gott, der sich so ins Gewühl stürzt? Was ist das für ein Gott, der wie der „billige Jakob“ auf dem Jahrmarkt hinter seinen Leuten herschreit! Das sind seine Leute: die nichts haben, die fertig sind, die sich müde geschafft haben, die dastehen und nicht wissen, ob es denn für den nächsten Tag reichen wird. „Die babylonische Gefangenschaft ist nicht plötzlich zum Schlaraffenland geworden.“ (H.J.Kraus, ebda.) Aber das sagen diese Worte: Gott ist leidenschaftlich  daran interessiert, dass seine Leute leben können und genug zum Leben haben.

Gott ruft die Habenichtse, die mit leerem Magen und leerem Geldbeutel, mit leeren Händen und ohne Hoffnung, weil er ihnen geben will, schenken, was sie satt macht. Es wird wohl so sein: in diesen Worten steckt auch ein verborgener Hinweis darauf, dass der Weg zurück nach Juda, Jerusalem, zum Zion der Weg in das Land ist, „wo Milch und Honig fließt.“ (2. Mose 3,8)

Es ist ein Ruf heraus aus der Existenz, in der sie sich eingerichtet haben, aus dem Gefeilsche, aus dem Bedienen von Erwartungen und Ansprüchen der Herren in Babylon, auch aus dem Bedienen der Götter Babylons. Sie sind es ja, die Geld verlangen und dafür keine Gegenleistung bringen: Un-Brot geben sie und was sie geben, stillt keinen Hunger. Weder den des Magens noch den der Seele.   „Umsonst“ weiterlesen

Der Weg ist wieder frei

Jesaja 53, 6 – 12

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Das ist ein Bekenntnis, genauer, ein Schuldbekenntnis. Die hier das Wort führen, sprechen sich selbst schuldig. Wie Schafe, die sich auf der Suche nach Futter eigensinnig verlaufen, die Stimme des Hirten nicht mehr hören und ihr nicht mehr gehorchen, so sind wir. „Die große Verirrung des Gottesvolkes hat ihren Grund letztlich darin, dass jeder nur auf seinen eigenen Weg, sein eigenes Wohlergehen achtete.“ (H.J.Kraus, ,aaO.; S.159) Es ist die Schuld der vielen Einzelnen, die am Ende das ganze Volk verschuldet.

Dieses Schuldbekenntnis kann auch heute noch hellsichtig machen: Die Verirrungen im eigenen Land, die Ellenbogenmentalität, die wir gerne beklagen, die gefühlte Eiszeit, das vielerorts fehlende Interesse am Gemeinwohl kommt ja nicht schicksalhaft zu Stande. Es nährt sich aus Eigensucht und Rückzug, aus dem „erst komme ich“, aus dem – in meinen Augen – krankhaft übersteigenden Individualismus, der längst vielfach in blanke Egozentrik – und damit gepaart: völlig unterentwickeltes Unrechtsbewusstsein – umgeschlagen ist. Es sind kleine Hoffnungszeichen für einen Mentalitätswandel, wenn sich viele Freiwillige finden, die nicht mehr nur auf das eigene Wohlergehen, sondern auf das Wohl von Landfremden, von Flüchtlingen schauen.

Die Gegenbewegung wird von Gott eingeleitet: Er wirft den ganzen Müll dieser individualistischen Alleingänge auf ihn, den Knecht Gottes. „Die Schuldübernahme des einen gibt dem verirrten und in Einzelgänger zersplitterten Gottesvolk seine Einheit.“ (H.J.Kraus, ebda.) An die Stelle der alten Einheit der nicht eingesehenen oder auch geleugneten Schuld tritt Neues: Die Einheit des Gottesvolkes ist eine Einheit der entlasteten Sünder.

7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.

             Das ist der Weg des Knechtes. Er wird zum Gericht geführt. Stumm. Ohne ein Wort zu seiner Verteidigung. Ohne Klage. Und dort, wo ihm Recht werden müsste, vor Gericht, dort wird er abgeurteilt. „Es kommt offensichtlich nicht nur darauf an, dass Stellvertretung geschieht, sondern wie sie geschieht.“(D. Schneider, aaO.; S.219)

 Gericht und Verurteilung sind aber noch nicht der Tiefpunkt. Selbst der Tod noch nicht. Sondern über den Tod hinaus reicht sein Leid. Er wird bei Gottlosen und Übeltätern begraben. Bei denen, deren Weg wie im Wind vergeht. „Der Weg ist wieder frei“ weiterlesen

Der Knecht Gottes – Gottes letztes Wort für uns

Jesaja 52,13 – 53,5

13 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.

Es ist eine Vorwegnahme, eine Klarstellung: Alles, was folgen wird an Worten über den Knecht steht unter dieser Überschrift: Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen. Es ist wie eine eindringliche Ermahnung, sich nicht blenden zu lassen von dem, was anschließend erzählt  wird. Was wie die Geschichte einer Niederlage aussieht, ist doch in Wahrheit eine Siegesgeschichte. Dieser Auftakt zu dem vierten Gottesknechtlied nimmt das Ergebnis vorweg! Aus einem Grund: damit wir weiter schauen und nicht hängen bleiben an dem, was nur auf den ersten Blick vor Augen ist.

 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, 15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.

             Vor Augen ist eine Gestalt zum Fürchten zum Entsetzen. „Warum das Entsetzen der „Vielen“? Sie sahen ein (von Leiden und Krankheit) vollkommen entstelltes Wesen, das die Konturen einer menschlichen Gestalt verloren hat.“ (H.J.Kraus, , aaO.; S.148) Das ist doch kein Mensch mehr; das ist doch kein Leben mehr sagt, wer ihn sieht. Aber dieser Gottesknecht in seiner zerschlagenen Gestalt vegetiert nicht in einem finstern, unzugänglichen Kerker. Er wird nicht irgendwo in einer Folterzelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit entehrt. Sondern vor den Augen vieler. 

             Die ihn aber so sehen, halten sich entsetzt den Mund vor ihm zu. Und doch: Das Entsetzen wandelt sich in Staunen. Weil der, der so hingerichtet wird, aufgerichtet wird. θαυμσονται. ins Staunen versetzen gibt die Septuaginta das hebräische Wort jazzäh wieder. Und viele Übersetzungen heute folgen ihr (Einheitsübersetzung, Schlachter, Gute Nachricht Bibel usw.). dieses Staunen löst eine Botschaft aus – an die, die es nicht mitbekommen haben. Bis an die Enden der Erde. „So gewaltig ist dieses Werk der Erhöhung des Knechts, dass sie in den Weiten (Völker) und den Höhen (Könige) wahrgenommen wird.“  (C.Westermann, aaO.; S.209) „Der Knecht Gottes – Gottes letztes Wort für uns“ weiterlesen

Gottes Advent

Jesaja 52, 7 – 12

 7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

             Jetzt „sieht“ der Prophet, was kommen wird. Jetzt „hört“ er schon die Schritte, den Atem der eilenden Boten, und ihre Botschaft.  Es ist ihre Botschaft, die die Füße lieblich macht und die Boten schön. „Das Botenwort ist nicht Erläuterung: das Botenwort bringt die erlösende Kraft Gottes, die es ankündigt. Botenwort ist Kettenwort.“ (D. Schneider, aaO.; S.206) Es ist kein Kommentar zu einem Geschehen, sondern es löst das Geschehen aus.

In einem Satz wird die Freudenbotschaft zusammengefasst: Dein Gott ist König! Mehr Erlösung geht nicht. Mehr Befreiung geht nicht. Mehr gute Nachricht, Evangelium, geht nicht. Es ist wirklich so: „Das neutestamentliche Wort >Evangelium< hat bei Deuterojesaja seine entscheidende Vorgeschichte, wird hier geprägt.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.142) Evangelium ist Botschaft von Freudenboten, sagt Heil an, Gutes, Versöhnung, Erbarmen.

Was hier angesagt wird, ist weit mehr als ein regionales Ereignis. Mehr auch als die Ansage einer Heimkehr. Es ist die Proklamation des Herrn aller Herren, des Königs der Welt. Dazu greift Jesaja auf alte Worte zurück.

Der HERR ist König;                                                                                                                  des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln,                                         soviel ihrer sind.                    Psalm 97,1

 Singet dem HERRN ein neues Lied,                                                                                 denn er tut Wunder.                                                                                                                    Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.                             Der HERR lässt sein Heil kundwerden;                                                                                vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.      Psalm 98, 1 – 2

             Die ganze Welt soll es erfahren: Israels Gott tritt seine Herrschaft neu an. Zum Wohl der ganzen Welt. „Gottes Advent“ weiterlesen

Gottes Gabe: frei!

Jesaja 52, 1 – 6

1 Wach auf, wach auf, Zion, zieh an deine Stärke! Schmücke dich herrlich, Jerusalem, du heilige Stadt! Denn es wird hinfort kein Unbeschnittener oder Unreiner zu dir hineingehen. 2 Schüttle den Staub ab, steh auf, Jerusalem, du Gefangene! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion!

             Und wieder: Wach auf. Gleich zweimal. So dringlich ist der Ruf, an Zion gerichtet. Aber wie hat sich der Ton verändert! Keine Klage mehr, keine Erinnerung an vergangene Schuld. Nur noch der Blick nach vorne. Nur noch die Aufforderung: ergreife die Freiheit, die vor dir liegt. Das Geschenk der Freiheit will ergriffen sein.

Angeredet sind sehr direkt die Exilierten. Gleich zweimal steht hier šebijāh, Gefangene. Sie haben sich im Lauf der Jahre womöglich daran gewöhnt, dass sie unfrei sind. Sie tragen innerlich Fesseln, auch wenn man sie äußerlich vielleicht nicht sieht. Darum ist die Aufforderung umso dringlicher. Ergreife die Freiheit. Darum die Imperative, die regelrecht einer den anderen verstärken: Schmücke dich.. Schüttele den Staub ab… Mach dich los…. Diese Aufforderungen ändern ja nichts daran: der Neuanfang Jerusalems ist Geschenk! Gnade! „Gottes Gabe: frei!“ weiterlesen

Ein Weckruf

Jesaja 51, 9 – 16

9 Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen?

             Ein Aufruf, ein Aufschrei. Ein Weckruf. So tief ist die Not, dass sich das Volk nur noch mit solch einem Klageruf an Gott wenden kann. Sicher nicht, weil er schläft – so wie Baal: Als es nun Mittag wurde, verspottete sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache.“(1. Könige 18,27) – aber er schweigt. Zu lange schon. Schweigt seit fast siebzig Jahren. Ganzen Generationen fehlt das Wort, das ihnen den Rücken stärkt, fehlt ein Sehen der Hilfe Gottes.

Darum setzt das Klagelied darauf, Gott an seine großen Taten zu erinnern. Merkwürdigerweise aber zuerst an etwas, was in Israel sonst kaum eine Rolle spielt: an den Drachenkampf in der Urzeit. Als der Chaosdrache, hier Rahab genannt, bei den Babyloniern aber „Tiamat“, zerhauen wurde. Es ist der Sieg über die Chaosmächte vor allem Anfang, der hier dem Gott Israels zugerechnet ist. Und dem er dann in der Geschichte die andere Tat folgen lässt: Den Weg durch das Schilfmeer, auf dem sein Volk, die Erlösten, vor den Ägyptern fliehen konnte. Darauf zielt diese Erinnerung ab, dass auch die jetzige Generation durch Gott zu Erlösten wird. In beidem erweist er sich als mächtig. Das soll er jetzt wieder, sich mächtig erweisen für sein Volk in der Gefangenschaft.      „Ein Weckruf“ weiterlesen

Alles musss klein beginnen

Jesaja 51, 1 – 8

1 Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. 2 Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren.

             Hört mir zu. Ich übersetze: Achtung! Aber nicht für alles und jedes, sondern für die Worte, die auf den HERRN hinweisen. Es gibt wohl auch die anderen Stimmen, die Aufmerksamkeit erheischen, aber nicht für den HERRN, sondern für ihre Einsichten, für die Zeichen der Zeit, für ihre Lagebeurteilung. Diese Stimmen gibt es reichlich.

Aber sie führen in die Irre. Die, die wirklich nach Orientierung suchen, sind anders unterwegs. Sie sind Menschen, die dem Heil nachjagen, sich nach der Gerechtigkeit sehnen. Das hebräische Wort kann beides heißen – Heil und Gerechtigkeit.

Um diese Sehnsucht zu stärken, wird der Blick zurück gelenkt, auf den Anfang in Abraham und Sara. „Die Bilder vom Fels und Brunnenschacht sind Anspielungen auf uralte mythische Vorstellungen von der Geburt des Menschen.“ (C.Westermann, aaO.;S.191) Vielleicht steckt auch noch die Erinnerung mit drin, das diese Herkunft ja ganz und gar nicht mehr zu erwarten war, weil aus Felsen nicht selbstverständlich immer Wasser kommt und es auch leere Brunnenschächte gibt. Dass es Israel gibt, ist dem Handeln Gottes an Sara und Abraham zu verdanken.  

Und so wie Gott seine Geschichte mit diesem Einzelnen angefangen hat, so braucht er auch jetzt wieder einzelne, jeden Einzelnen und seine kleine Hoffnung, jede einzelne und ihr – und sei es noch so verzagtes und zitterndes  – Hoffen. Der Gott der kleinen, unscheinbaren Anfänge ist auch jetzt, in der Gegenwart Israels weiter am Werk. Und wir als Lesende, Jahrtausende später dürfen glauben: Er setzt seine kleinen, unscheinbaren Anfänge weiter fort, auch in unserem Leben. „Alles musss klein beginnen“ weiterlesen

Knecht Gottes – der Eine, der hört

Jesaja 50, (1 – 3).4 – 11

 1 So spricht der HERR: Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie entlassen hätte? Oder wer ist mein Gläubiger, dem ich euch verkauft hätte? Siehe, ihr seid um eurer Sünden willen verkauft, und eure Mutter ist um eurer Abtrünnigkeit willen entlassen.

             Was für eine absurde Situation: „Israel klagt seinen Gott an: Er hat den Ehebund gebrochen! Er hat seine Kinder verkauft!“ (H.J.Kraus, , aaO.;  S.123) Auf diese Anklagen antwortet Gott und weist sie zurück.  Gott hat sich nie von Israel geschieden. Es gab auch keinen, der ihn – als Gläubiger – hätte zwingen können zu so einem Schritt: sich selbst durch den Verkauf Israels freizukaufen.

Die Dinge liegen anders. Dass das Volk unter die Sklaverei, in die Fremde verkauft ist, das ist nicht Gottes Untat, sondern Folge der Taten Israels. Sie haben es sich selbst eingebrockt –  mit ihren Sünden, mit ihrer Abtrünnigkeit. „Es sind die Sünden Israels, die das Gericht Gottes herauf geführt haben.“ (C.Westermann, , aaO.; S.181) Das freilich bleibt unbestritten: Das Exil ist Gericht Gottes an seinem Volk. Sie haben „doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN.“(40,2)

2 Warum kam ich und niemand war da? Warum rief ich und niemand antwortete? Ist mein Arm nun so kurz geworden, dass er nicht mehr erlösen kann? Oder ist bei mir keine Kraft mehr, zu erretten?

             Das ist Gottes Situation; sein Rufen ist ins Leere gegangen. Sein Suchen war vergeblich. Es ist, als hätte das Volk ihn abgeschrieben. Als hätte es keinen Willen mehr verspürt, Gott zu suchen und auch keine Lust mehr, auf sein suchendes Rufen zu antworten. Das Volk treibt ein verhängnisvolles Versteck-Spiel mit Gott.

            „Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über und er sagte: So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“ (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim. Zürich 1949)       „Knecht Gottes – der Eine, der hört“ weiterlesen

Du wirst leben

Jesaja 49, 18 – 26

18 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. So wahr ich lebe, spricht der HERR: Du sollst mit diesen allen wie mit einem Schmuck angetan werden und wirst sie als Gürtel um dich legen, wie eine Braut es tut.

             Die Bedränger sind gegangen. Die ihren Mutwillen an Jerusalem ausgetobt haben auch. Jetzt sammeln sich andere. Die an Israel die Treue Gottes sehen. Die an Israel  die Güte Gottes sehen. Die an Israel die Kraft des Vergebens Gottes sehen, die Kraft zum neuen Anfang. Das sind einmal die Israeliten, die aus dem Exil und der Diaspora nach Hause kommen. Das mögen aber auch Menschen aus den Völkern sein, die genau dies sehen, wie Israel neu gesammelt wird und die sich in diese Bewegung mit hinein ziehen lassen.

Diese anderen aus den Völkern werden zum Schmuck Israels. „Die Herrlichkeit besteht nicht zuerst in Bauwerken, sondern in der Vielzahl herbeigeeilter Menschen; sie sind der Schmuck Jerusalems.“ (H.J.Kraus, , aaO.; S.120) Ich frage, weit über die Worte Jesajas hinaus, und doch in ihrer Spur, in unsere Zeit hinein: Wie könnte sich unser Blick auf die zu uns strömenden Menschen verändern, wenn wir sie so sehen würden: als Schmuck für unser Land, wie eine schönen Gürtel, den sich die erwählte Braut Deutschland anlegt? Lockt dieser Vergleich – oder macht er Angst?

 19 Denn dein wüstes, zerstörtes und verheertes Land wird dir alsdann zu eng werden, um darin zu wohnen, und deine Verderber werden vor dir weichen, 20 sodass deine Söhne, du Kinderlose, noch sagen werden vor deinen Ohren: Der Raum ist mir zu eng; mach mir Platz, dass ich wohnen kann.

             Was geschieht, ist unglaublich. Das Land, von dem sie sagten, es sei menschenleer geworden durch die Deportationen, wird mit neuem Leben gefüllt. Nicht mehr ein wüstes, zerstörtes und verheertes Land, sondern ein Land, in dem das Leben blüht. Die Stadt, die vom Aussterben bedroht war, kann die Menge der neuen Menschen kaum fassen.

Das unabwendbare Schicksal der Kinderlosen wandelt sich. Das, was einzelne Frauen in Israel als großen Schmerz und unerträgliche Schmach erlebt haben, war ja Bild für das Schicksal Zions geworden: Eine Stadt ohne Kinder. Ausgestorben, verödet. Ohne Zukunft.

Und jetzt, so sieht der Prophet schon die Zukunft als Gegenwart: Pulsierendes Leben. Platznot. Suche nach neuem Wohnraum. Die Leerstände werden neu gefüllt. „Du wirst leben“ weiterlesen