Sternenstaub in Gottes Händen

Jesaja 40, 12 – 31

12 Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage? 13 Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn? 14 Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?

Fragen über Fragen. Der ganze Abschnitt wird von solchen Fragen geprägt. Manche erscheinen wie „rhetorische Fragen“ (C.Westermann, aaO.; S.42), nicht wirklich echt, sondern nur um der Antworten willen gestellt. Was will man auf dieses „Wer“ antworten? Es liegt auf der Hand: Niemand. Keiner ist Gott gewachsen – und sich als Ratgeber Gottes zu fühlen, wäre die blanke Anmaßung.

Mir drängt sich Erinnerung an das Hiob-Buch auf. „Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?“ (Hiob 38, 1 – 5) Da wird Hiob mit diesen Fragen in seine Schranken verwiesen. Aber wer wird hier so gefragt? Und: Geht es hier auch um das Verweisen „unbotmäßiger Gedanken“ in die ihnen gebührenden Schranken. Vielleicht aber dient dieses Stakkato von Fragen im Gegenteil der Ermutigung! Alle Infrage-Stellungen des HERRN werden durch sein Fragen ausgekontert. Das wird sich zeigen müssen.

  15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. 16 Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer. 17 Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.

Man muss sich vor Augen halten: wie Schachfiguren, Bauern zumal, sind die Leute Gottes verschoben worden. Die Großmächte behandeln die Unterlegenen im Krieg wie Sandkörner, wie Wassertropfen. Dieses Bild der Mächtigen wird hier aufgenommen. Was ist das für eine Macht bei den Siegervölkern, Assyrern Babyloniern, Chaldäern? Es ist ein durch und durch ironisches Bild: diese Weltmächte: Tropfen am Eimer. Sandkörner. Vor ihm – ich ergänze. Vor dem HERRN, vor dem Gott Israels: nichts. Eitel. Wie von selbst erinnere ich mich: „Alles ist eitel.“ „Windhauch.“(Prediger 1,1) Ein hartes Urteil über alles Machtgebaren.  

In den Bildern steckt jedoch nicht nur Machtkritik, nicht nur Entlarvung. Sondern auch die Aufforderung, die Furcht vor den Mächtigen fahren zu lassen. sie sind ja an die gerichtet, die sich ducken, die sich klein fühlen, ausgeliefert, selbst wie Tropfen und Sandkörner. Auch, weil sie so behandelt worden sind. Sie sollen eine andere Sicht gewinnen – auf die Mächtigen, auf sich selbst – durch einen neuen Blick auf Gott.  

18 Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? 19 Der Meister gießt ein Bild und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran. 20 Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.

             Es wird sich noch mehrfach wiederholen: Die Götter der Völker sind Machwerke der Menschen. Jesaja ist ein früher Vorläufer Feuerbachs. Oder anders herum: Der Religionskritiker hat bei Jesaja gelernt! Ja, das ist so: Menschen denken sich ihren Gott zurecht und machen sich ihre Götterbilder aus Holz, aus Gold, aus edlem Material oder auch dürftig.

Wie viel Ironie steckt darin: Man muss darauf achten, dass man das Bild so anfertigt, dass es nicht wackelt. Dass es standfest ist. Belastbar. Wie viele Gespräche über Gott sind angstbesetzt, weil die, die ihren Gott verteidigen, davor Angst haben, dass ihr Bild ins Wanken gerät. Je eifriger sie ihren Gott verteidigen! Jesaja ist überzeugt: ein Gott, den man verteidigen muss, den man vor dem Wackeln bewahren muss, ist ein nichts. Ein Götze.

 21 Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde? 22 Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt; 23 er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: 24 Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.

             Statt dem Aufruf zur Verteidigung in einem dritten Frage-Komplex ein Rückruf. Erinnert euch an das, was ihr gelernt habt, was ihr gehört habt. Immer deutlicher wird: angeredet sind Menschen, die dabei sind, ihren Glauben zu verlieren, ihn nicht mehr für tragfähig zu halten. Ihnen halten diese Worte, hält Jesaja das Bild des Schöpfers vor Augen. Den Herrn des Himmels und der Erde. Er sagt Jesaja und alle wissen, wer er ist. „Er breitet den Himmel aus wie ein Zelt zum Wohnen.“ (F.J.Helfmeyer, Licht der Völker, Bibelauslegung für die Praxis, Bd. 11, Stuttgart 1978, S.96) Er macht die Welt zu einem Ort, an dem man leben kann.

Ganz nah ist das alles am Denken, wie ich es auch in den Psalmen finde.

Lobe den HERRN, meine Seele!                                                                                          HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich;                                                                                  du bist schön und prächtig geschmückt.                                                                              Licht ist dein Kleid, das du anhast.                                                                                        Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich;                                                                du baust deine Gemächer über den Wassern.                                                                    Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen                                                                  und kommst daher auf den Fittichen des Windes,                                                             der du machst Winde zu deinen Boten                                                                                      und Feuerflammen zu deinen Dienern;                                                                                   der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden,                                                   dass es bleibt immer und ewiglich.                           Psalm 104, 1 – 5

                    Und mit dem Blick auf die Größe Gottes verbunden ist die Erinnerung an die Vergänglichkeit. Was ist der Mensch angesichts dieser Größe? Auch Fürsten müssen doch dahin, von einem Augenblick zum anderen. Es ist eine, wenn man so will, gnadenlose Erinnerung: auch die Großen dieser Welt werden nicht ewig leben. Mit dem Machtantritt ist das Verfallsdatum schon gegeben. Angesichts der Aufgeregtheiten der Zeit – damals wie heute- ein Ruf, die wirklichen Größenordnungen zu Gesicht zu bekommen.   

 25 Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei?, spricht der Heilige. 26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

             Schaut den Himmel. Schaut die Sterne. Es ist wohl kein Zufall: So hat der HERR schon einem mutlosen Abraham, der keine Zukunft mehr glauben konnte, Mut gemacht.  „Und er ließ ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ (1. Mose 15,5) Wenn Sterne zu etwas taugen, dann sind sie Mutmacher für mutlose Leute.

Das sind Worte in einem Umfeld, das der Astrologie so große Bedeutung zumisst. „Diese Worte, in Babylon gesprochen, sind ein Angriff auf der ganzen Linie….Die Gestirne, die in Babylon die Herren sind als oberste Götter, sind Geschöpfe, nichts als Geschöpfe.“ (C.Westermann, aaO.; S.50) Alles, was da am Himmel glänzt und leuchtet und funkelt, folgt dem Rufen Gottes. Die Sterne haben keine Macht über das Leben. Sie werden gerufen, von dem, der der Herr ist.

Es ist Kinder-Theologie, die gut ist zur Entmythologisierung, zur Befreiung von Erwachsen aus ihrer Abhängigkeit von den Sternen:

Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl.                              W. Hey 1837, EG 511

 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

Jetzt geht der Sprechende ein auf Fragen, auf Klagen, auf die Angst des Volkes: wir sind preisgegeben. Wir sind vergessen. Gott hat sich abgewendet. Er sieht unsere Wege nicht mehr.  Jetzt nimmt er fragend ihre Fragen auf. Macht es einen Unterschied, ob sie ihm verborgen sind, weil Gott schlecht sieht oder weil sie ihn nicht mehr interessieren, er nicht mehr bei ihnen ist?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

Das ist Aufmerksamkeits-Ruf. Aufforderung zum Innehalten. Zum neu Hinhören und sich ins Gedächtnis Rufen. Wenn man einfach nur weiter macht, immer weiter so, dann gerät man unter die Räder. Das Volk, das sich so ausgeliefert fühlt, muss sich besinnen. Besinnen fängt mit einem neuen Hören und Wahrnehmen an – auf das, was immer schon gültig war. Ich lese es so, dass wir jetzt dem Zielpunkt der ganzen „Fragerei“ vom Anfang nahe sind.

Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

                         Die Antwort auf all die Fragen: Der HERR ist der ewige Gott. Unfassbar, unbegreiflich. Er ist nicht wie die Götter sind. Vom Baal konnte Elia sagen: „Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache.“(1. Könige 18,27) Gott aber, der HERR, dessen Namen Israel anruft, braucht keine Erholungspausen, er kennt als der Schöpfer keine Erschöpfung.

Es ist eine Herausforderung; Die Antwort auf alle Bangigkeiten dem Leben gegenüber liegt zuerst und zuletzt nicht in einem anderen Blick auf das Leben. Sondern sie liegt in einer anderen Blickrichtung: auf den ewigen Gott. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“(Lukas 21,28)

Und, um es täglich einzuüben:

Der Tag ist seiner Höhe nah. Nun blick zum Höchsten auf,
der schützend auf dich niedersah in jedes Tages Lauf.     J. Klepper 1938, EG 457

Es ist die andere Blickrichtung, aus der die Kraft erwächst. Weil es Kraft gibt, auf den zu schauen, der die Quelle aller Kraft ist – für Müde und Erschöpfte, für Alte und Junge, für die, die die Resignation angreift. Nicht auf die eigenen Kräfte trauen, sondern auf die Kraft, die verliehen wird. Von oben.

Die Adlers-gleich macht. Wer wie ich, J.R.R,Tolkien, die Geschichten vom Hobbit und dem Herrn der Ringe, liest und liebt, der weiß: Die Adler sind immer Signal für das Rettende. Wenn die Adler kommen, wird die Gefahr gewendet. Tolkien hat sich in seiner Sprache oft und gerne an der Bibel bedient.  Diese Kraft aus Gott macht nicht zu Überfliegern, aber sie macht zu Leuten, die auf den Wegen des Lebens in Richtung Rettung und Heil unterwegs bleiben können und nicht aufgeben. „Die Gotteskraft wirkt da, wo die natürliche Kraft nicht mehr vorhanden ist.“  (D. Schneider aaO.;,S.40) Es ist von da aus nicht weit zu dem Wort, das der Apostel empfängt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“(2. Korinther 12,9)

            Zurück zu Jesaja. Wieder zeigt sich die Größe Gottes in dem, was er gibt und wem er gibt: Den Müden Kraft, den Unvermögenden Stärke. Er ist nicht der, der den Reichtum der Reichen vermehrt, die Macht der Mächtigen stützt. Sein Geben gilt immer zuerst denen, die leere Hände haben, erschöpfte Seelen, mutlose Herzen.

 

Öffne mir die Augen, Gott. Rühre mein Herz an. Öffne mir die Augen für die Schönheit des Himmels, für das Heer der Sterne, für ihren nächtlichen Glanz, für ihr ewiges Zeugnis Deiner großen Schöpfungsordnung.

Keiner von uns geht Dir verloren. Keiner von uns ist ein unbedeutendes Sandkorn am Strand der Ewigkeit.

Wie den Großen Bären, wie den Polarstern, wie Castor und Pollux, Aldebaran und Rigel, so rufst Du auch uns. Und so wie sie kommen jeden Abend und jede Nacht, so werden auch wir kommen, wenn Du uns beim Namen rufst.

Berühre mein Herz mit dem leisen Ruf der Sterne, dass ich mich lassen kann, dass ich Deiner Kraft traue

.Ich kenne mich und weiß, wie schnell es vorbei ist mit dem Können, mit dem Wollen, mit der eigenen Stärke und es bleibt Straucheln, Aufgeben, liegen Bleiben.

Öffne mir das Herz, dass ich mich den Adlerflügeln lasse, die mich tragen wollen. Amen