Gegen die billige Gnade und die harschen Urteile

Judas 1 -16

1 Judas, ein Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus, an die Berufenen, die geliebt sind in Gott, dem Vater, und bewahrt für Jesus Christus: 2 Gott gebe euch viel Barmherzigkeit und Frieden und Liebe!

             Ein Briefanfang, wie er im Buch steht. Seinerzeit durchaus üblich. Und doch mehr als nur Floskel. Judas stellt sich vor. Doppelt – als Knecht Jesu Christi und als Bruder des Jakobus.

Das erste ist der Hinweis auf die Zugehörigkeit zu Jesus. Darin steht er neben Paulus (Römer 1,1) auch neben Jakobus (Jakobus 1,1) Die Selbstbezeichnung greift weit zurück – auf den „Knecht Gottes“, ebed jahwe.(Josua 24,29; Psalm 105,42, Jesaja 42,1)In ihr schwingt aber durchaus nicht Unterwürfigkeit mit, sondern Stolz, Selbstbewusstsein, Freude, Glück. „Knecht Gottes ist nicht sein Sklave, sondern sein Geliebter.“(W.Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15, Berlin 1974, S.23) Dieses, dass er ein Knecht Jesu Christi ist, verbindet ihn auch mit denen, an die er schreibt. Auch wenn er sie nicht so nennt.

Daneben tritt das andere: Bruder des Jakobus. Das kann wohl nur so gehört werden, dass Jakobus für die Leser des Briefes eine bekannte Persönlichkeit ist. Der Schluss liegt nahe: gemeint ist der Bruder Jesu. Dann aber wäre auch unser Briefschreiber ein Bruder Jesus. Von Jesus heißt es ja: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon?“(Markus 6,3) Wenn das zutreffen würde: Judas der Bruder des Herrnbruder Jakobus, dann fällt umso mehr auf, dass sich Judas nicht als Herrnbruder vorstellt.

Ist das Bescheidenheit? Erinnerung daran, dass die Familie Jesu ihm zu Lebzeiten doch eher distanziert gegenüber stand? Es könnte aber auch anderes mitschwingen: „Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.“(2. Korinther 5,16) Es gibt den Worten keine höhere Autorität, wenn man sich auf Augenzeugenschaft berufen kann oder auf die Verwandtschaft mit Jesus.

Ein wenig leiht sich Judas von der Autorität seines Bruders Judas. Verwandtschaftlich. Bei Jesus aber ist es nicht die Verwandtschaft, auf die er sich beruft. Da ist er nur Knecht. δολος. Sklave.   

Genug über Judas. Er redet seine Leser an als die Berufenen, die geliebt sind in Gott, dem Vater, und bewahrt für Jesus Christus. Sie haben einen Ruf gehört, dem sie gefolgt sind. κλητο. Sie haben sich nicht selbst zu Christen gemacht. Dazu passt, dass sie geliebt sind und bewahrt werden. Alles hängt daran, dass Gott, der Vater, an ihnen gehandelt hat und handelt.

Für Jesus Christus – darin mag anklingen: auf den Tag hin, an dem alle Welt offenbar wird vor ihm.  Beides – der Vater und das für Jesus Christus deuten auf ein Vertrauensverhältnis hin, dem Zuversicht eignet. Da ist keine Distanz von Gott, auch keine Angst vor dem kommenden Tag.  Sondern Zuversicht ist angesagt – erst recht angesichts der Gaben, die Gott gegeben hat und weiter gibt. „Ihr Christsein ist nicht abgeschlossen, sondern in Bewegung und Wachstum. Deshalb nimmt zu, was sie erfüllt: Erbarmen, Friede, Liebe.“ (W.Grundmann, aaO.;S.25)

 3 Ihr Lieben, nachdem ich ernstlich vorhatte, euch zu schreiben von unser aller Heil, hielt ich’s für nötig, euch in meinem Brief zu ermahnen, dass ihr für den Glauben kämpft, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist.

            Judas schreibt nicht aus Zeitvertreib. Sondern weil er genötigt ist. νγκη. Das gleiche Wort gebraucht Paulus, um zu sagen: Er muss das Evangelium weitersagen, aus innerem Zwang und im Gehorsam gegen den empfangenen Auftrag. So auch Judas. Fast wirkt es, als wolle er sagen: Während des Schreibens ist diese Nötigung noch gewachsen. Im Nachdenken ist alles noch dringlicher geworden.

Was er schreiben will: von unser aller Heil. Es geht um Rettung, σωτηρα. Um das, was durch die Zugehörigkeit zum Retter, zum Heiland geschenkt ist. Das Heil wird geschenkt, aber es stellt auch in einen Kampf. Dieses Heil zu bewahren und zu bewähren, das ist die Aufgabe, die Christen haben. Für den Glauben kämpfen – das ist nicht: gegen Menschen kämpfen. Aber darum ringen, dass aus den Sätzen des Glaubens Schritte des Glaubens werden. Aus dem, was an Geschichten und Wissen überliefert wird, eine Lebenspraxis erwächst.

Der hier auftauchende Glaubensbegriff im Sinne einer der Kirche anvertrauten feststehenden Summe endgültiger, festformulierter Glaubenssätze (depositum fidei) ist zweifellos der der sich ausbildenden frühkatholischen Kirche.“ (W.Schrage, Der Brief des Judas NTD 10, Göttingen 1973, S.222) Wobei „frühkatholisch“ nicht im Sinn von römisch-katholisch zu verstehen ist – es ist die allgemeine, umfassende, auch durch Ämter geordnete Kirche, die sich zu Wort meldet.  

Es ist eine doppelte Aufgabe: treu bewahren, was den Heiligen überliefert ist. παξ Einmalig, gültig für immer, unveränderlich. Daneben, genau so wichtig: Ins Leben übersetzen. „Das Ergreifen und Aneignen dieses Inhalts und der Glaubensvollzug muss von jedem einzelnen grundlegend und im Leben als Christ immer neu geschehen.“ (W.de Boor, Die Briefe des Petrus und Judas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.258) In dieser Spannung steht Christsein bis heute: die Inhalte bewahren und die Lebensvollzüge gewinnen. Oft genug erkämpfen, auch in der Auseinandersetzung mit sich selbst, eigenen Wünschen, Plänen, Begierden und Ängsten.

 4 Denn es haben sich einige Menschen eingeschlichen, über die schon längst das Urteil geschrieben ist; Gottlose sind sie, missbrauchen die Gnade unseres Gottes für ihre Ausschweifung und verleugnen unsern alleinigen Herrscher und Herrn Jesus Christus.

             Das ist der Auslöser, aus dem heraus Judas schreibt. Da sind Menschen in der Gemeinde, Nicht mehr Brüder,  sondern irgendwelche, gewisse Leute, τινες von denen er sagt: sie haben sich eingeschlichen. Sie gehören nicht wirklich zur Gemeinde. In einem anderen Brief im Neuen Testament klingt das dann so: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht alle von uns sind.“(1. Johannes 2,19)

Es kommt ein Leitwort des Judas-Briefes: Gottlose σεβες. Unfromm könnte man auch sagen. Aber: „Es handelt sich in keiner Weise um Gottesleugner.“ (W.de Boor, Die Briefe des Petrus und Judas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.260) Sie mögen sogar noch mit Gott rechnen, aber auf eine eigentümliche Weise: sie sehen in der Freiheit, „der alles erlaubt ist“(1. Korinther 6,12) das Ziel des christlichen Glaubens. Ihre Freiheit kennt keine Grenze und kein Gebot. Sie machen aus der Botschaft von der Gnade ein Recht zur Ausschweifung. Sie hören Vergebung und denken: Freibrief. Dann ist ja alles gut.

Es ist das schrecklichste Missverständnis, das vorstellbar ist: aus dem Glauben an den vergebenden Herrn wird die Erlaubnis, alles zu tun, was man will. Das Gesetz, das Gebot zu missachten, Nach Gottes Willen fragen? – Warum? Er vergibt doch sowieso!

Fast 2000 Jahre später schreibt in einer Kampf-Situation der Volkskirche ein junger Pfarrer: „Ich bin von der Nachfolge Jesu befreit – durch die billige Gnade, die der bitterste Feind der Nachfolge sein muss, die die wahre Nach­folge hassen und schmähen muss. Gnade als Voraussetzung ist billigste Gnade.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge 1937, S. 22) Das sieht er wie Judas: wer so mit der Gnade umspringt, als Freibrief, als Vorabentschuldung,  der verleugnet den Herrn Jesus Christus. Der zerstört das Heil für sich selbst.

Judas sieht die Gefahr einer solchen Haltung. Die Frage ist: wie begegnet er dieser Gefahr? Mit wem spricht er? Ich nehme vorweg: Es ist kein Brief an die, die er eingeschlichen sieht. Sie kommen bei ihm nur noch als dunkle Folie vor. Was ihm bleibt, ist Warnung,  Abgrenzung, Ablehnung. Die Frage, die mir im Judasbrief nicht beantwortet ist: Wer hat zuvor versucht, sie zurück zu gewinnen? Wer ist ihnen nachgegangen? Der Judas-Brief jedenfalls geht ihnen nicht nach, sondern er kennt nur das harte Urteil über sie.

  5 Ich will euch aber erinnern, obwohl ihr dies alles schon wisst, dass der Herr, nachdem er dem Volk das eine Mal aus Ägypten geholfen hatte, das andere Mal die umbrachte, die nicht glaubten. 6 Auch die Engel, die ihren himmlischen Rang nicht bewahrten, sondern ihre Behausung verließen, hat er für das Gericht des großen Tages festgehalten mit ewigen Banden in der Finsternis. 7 So sind auch Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, die gleicherweise wie sie Unzucht getrieben haben und anderem Fleisch nachgegangen sind, zum Beispiel gesetzt und leiden die Pein des ewigen Feuers. 8 Ebenso sind auch diese Träumer, die ihr Fleisch beflecken, jede Herrschaft verachten und die himmlischen Mächte lästern.

             Stattdessen: Judas greift in die Vergangenheit zurück, in die Geschichte Israels. Und sieht, dass die Gnade schon immer missbraucht worden ist, dass sogar die hohe Würde der Engel missbraucht werden konnte. Er sieht die warnenden Beispiele von Sodom und Gomorra. Laster überall. Und diese Leute sind auf dieser Spur.

 9 Als aber Michael, der Erzengel, mit dem Teufel stritt und mit ihm rechtete um den Leichnam des Mose, wagte er nicht, über ihn ein Verdammungsurteil zu fällen, sondern sprach: Der Herr strafe dich! 10 Diese aber lästern alles, wovon sie nichts verstehen; was sie aber von Natur aus kennen wie die unvernünftigen Tiere, daran verderben sie. 11 Weh ihnen! Denn sie gehen den Weg Kains und fallen in den Irrtum des Bileam um Gewinnes willen und kommen um in dem Aufruhr Korachs.

             Sie schrecken vor nichts zurück. Sie haben keine Ehrfurcht. Während Michael das Urteil über den Teufel dem Herrn überlässt, tun sie so, als wüssten sie alles und lästern in dieser Unwissenheit. Unwissend und triebgesteuert – so sind diese Menschen.

Es ist mit Händen zu greifen: das ist keine Auseinandersetzung mit Lehrinhalten. Nicht die gemeinsamen Sätze des Glaubens stehen in Frage. Die scheinen alle zu teilen. Mitzusprechen. Es ist das Leben, die Praxis dieser Leute, die Judas geißelt.

Was lehren sie, wenn sie überhaupt etwas lehren? Es wird nicht wirklich fassbar. Es ist eine Vermutung: sie proklamieren Freiheit als Konsequenz des Evangeliums. Grenzenlose Freiheit. „Ich bin so frei!“ Und vielleicht glauben sie doch nicht richtig an den einen alleinigen Gott und Herrn. Darauf könnte das so betonte  μνον δεσπτην hindeuten: sie verleugnen den einen Herrn. Weil sie viele Herrn haben?

 12 Sie sind Schandflecken bei euren Liebesmahlen, prassen ohne Scheu, weiden sich selbst; sie sind Wolken ohne Wasser, vom Wind umhergetrieben, kahle, unfruchtbare Bäume, zweimal abgestorben und entwurzelt, 13 wilde Wellen des Meeres, die ihre eigene Schande ausschäumen, umherirrende Sterne; deren Los ist die dunkelste Finsternis in Ewigkeit.

             Aber: allen diesen scharfen Worten zum Trotz: sie sind noch bei den Liebesmahlen präsent. Sie sind also nicht schon aus der Gemeinde ausgeschieden, noch nicht ausgeschlossen und auch noch nicht von selbst gegangen. Eine Belastung für die Gemeinde. Schandflecken. Und dann wieder harte Urteile in starken Bildern: Viel Schein, aber nichts dahinter. Wortgeklingel.

Die „Licht für die Welt““ sein sollten – nach dem Wort Jesu (Matthäus 5, 14) – sind Irrlichter und sie irrlichtern durch die Dunkelheit.  Sie haben längst den festen Boden unter den Füßen verloren. Es ist ein hartes Urteil: Nur noch wildes Rauschen ohne Sinn und Ziel.

Ich gestehe: es tut mir weh, das über Christinnen und Christen der zweiten oder dritten Generation zu lesen. So wie es mir heute weh tut, wenn ich die schnellen wechselseitigen Urteile lese und höre: über die, die gar nichts mehr glauben, über die Superfrommen, über die Evangelikalen und Fundamentalisten, über die, die das Evangelium verschleudern. Wo der Wille zum Verstehen der anderen nicht mehr spürbar ist, da geht in meinen Augen der Herzschlag des Evangeliums verloren: Das Erbarmen und die Liebe, die alles zum Besten kehrt. Ob diese Anfrage Judas trifft? Nur Judas?

14 Es hat aber auch von diesen geweissagt Henoch, der Siebente von Adam an, und gesprochen: Siehe, der Herr kommt mit seinen vielen tausend Heiligen, 15 Gericht zu halten über alle und zu strafen alle Menschen für alle Werke ihres gottlosen Wandels, mit denen sie gottlos gewesen sind, und für all das Freche, das die gottlosen Sünder gegen ihn geredet haben.

             Judas hat einen starken Kronzeugen für seine Sicht: „Henoch, der mit Gott  wandelte … Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg und er ward nicht mehr gesehen.“(1. Mose 5, 22.24) Er hat Gericht angesagt – ein Gericht, das Judas für diese Leute schon im Anzug sieht.

Es ist eine ziemlich einseitige Leseweise des Alten Testamentes, die Judas hier übt. Er liest, so scheint mir, nur unter dem Blickwinkel des Scheiterns, des Ungehorsams, des Lasters. Nur die Geschichte, die von Irrwegen erzählen. Die anderen Geschichten vom Erbarmen Gottes über die Irrenden überspringt er. Wie anders würde sein Brief wirken, wenn er auch von Abraham und Jakob erzählte, von David, mit denen Gott seine Geschichte vorwärts getrieben hat, obwohl sie die waren, die sie waren: Sünder, Leute, die sich in Widersprüche verstrickt haben, die nicht frei waren von Lüge, Betrug und Eigensinn und Eigennutz. Heilige mit Schmutzflecken auf der weisen Weste.

 16 Diese murren und hadern mit ihrem Geschick; sie leben nach ihren Begierden und ihr Mund redet stolze Worte, und um ihres Nutzens willen schmeicheln sie den Leuten.

Keine Hoffnung mehr auf Umkehr, auf Neuanfang. Sie sind gefangen in ihren Worten, leben nach ihren Begierden und reiten sich immer tiefer ins Verderben. Sie liefern sich ganz an die Zustimmung der Leute aus und verschließen sich den Fügungen Gottes, ihrem Geschick. Sie sind Rebellen „gegen Gottes Ordnung und auch „gegen die Gemeindeordnungen.“ (W.Grundmann, aaO.;S.43)Vielleicht würde Judas auch sagen: Leute, denen nichts mehr heilig ist als allein ihr Wollen und ihre Lebensgier. Viel negativer kann ein Blick auf Christinnen und Christen kaum ausfallen.

 

Mein Gott, manchmal erschrecke ich darüber, wie hart  und lieblos wir übereinander reden können, Christen über Christen, Menschen über Menschen. Da bleibt nichts mehr von Verstehen, kein Fragen mehr nach der Wahrheit der Anderen. Nur noch die eigene Sicht gilt

Hilf Du mir, dass ich auch dann noch nach Wegen suche zu verstehen, wenn ich beim Gegenüber nur Irrtum zu sehen meine, wenn mir der Lebensstil fremd ist, wenn ich genau weiß: So möchte ich nie leben

Wehre Du allem Verurteilen, das sich anmaßt, das letzte Wort schon jetzt sprechen zu können. Amen