So Gott will

 Jakobus 4,13 – 5,6

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, 14 und wisst nicht, was morgen sein wird.

             Wieder wird es gut sein, sich zu erinnern: Jakobus schreibt einen Brief an Christen, nicht an irgendwelche Heiden. Weltmenschen. Es gibt in der Gemeinde also Leute, die einen weit reichenden Terminkalender haben, langfristige Pläne aufstellen. Es gibt Leute, die viel geschäftlich unterwegs sind, über lange Monate hinweg. Geschäftigkeit ist keine Erfindung der Neuzeit. Auch Geschäfts-Tüchtigkeit nicht. Dass es so ist, konstatiert Jakobus relativ nüchtern.

Seine Kritik richtet sich auf die Folgen. Es gibt eine ziel-gerichtete, weil zielfixierte Blindheit. Ihr wisst nicht, was morgen sein wird. Diese Blindheit sieht nur noch die eigenen Planungen, aber nicht mehr den Tag heute. Auch nicht mehr, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Unverdient empfangen. Nicht selbst erworben. Sie traut auch nur noch den eigenen Planungen. Ich denke, die Worte richten sich nicht gegen vorsorgliches Handeln, wohl aber gegen die selbstgewisse Planungs-Sicherheit.

Es ist keine weltfremde Miesmacherei, die in manchen Liedern das Wort führt:

Wie eine Rose blühet, wenn man die Sonne siehet
begrüßen diese Welt,
die, eh der Tag sich neiget, eh sich der Abend zeiget,
verwelkt und unversehens fällt:

Wir rechnen Jahr auf Jahre; indessen wird die Bahre
uns vor die Tür gebracht.
Drauf müssen wir von hinnen und, eh wir uns besinnen,
der Erde sagen: Gute Nacht!
                                  A. Gryphius 1650, EG 527

Und ähnlich klingt es aus dem Mund einer Frau

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Hin geht die Zeit, her kommt der Tod;
ach wie geschwinde und behände kann kommen meine Todesnot.
Es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war;
solang ich leb auf dieser Erden, leb ich in steter Todesgefahr.                                                Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolfstadt 1688, EG 530

Bemerkenswert ist ihre Antwort auf die Einsicht in die Hinfälligkeit des Lebens:

Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut:
Mach´s nur mit meinem Ende gut.                                                                                                                                                                 
                         Die adlige Frau aus dem 16. Jahrhundert setzt nicht auf Unvergänglichkeit, auch nicht auf eigenes Planen. Sie setzt auf Christi Blut. Auf das Erbarmen, das sich in der Hingabe am Kreuz zeigt. Auf den Weg, den er, Christus darin geöffnet hat, durch den Tod hindurch. Das steht im starken Kontrast zu der Diesseitigkeit, in der Jakobus seine Gedanken fortführt. 

 Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. 15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun. 16 Nun aber rühmt ihr euch in eurem Übermut. All solches Rühmen ist böse.

 Stattdessen: Mit starken Worten verweist Jakobus auf die Vergänglichkeit. Es sind Worte, wie sie auch in den Psalmen anklingen. Da ist vom Vergehen des Grases die Rede, hier vom Rauch, der in der Luft hängt und vergeht. „Windhauch, alles Windhauch“ heißt es bei Prediger (Prediger 1,2, Einheits-Übersetzung)

Jakobus teilt das Wissen der Psalmen, dass unser Leben Fragment ist und bleibt. Darum fordert er Demut auch im Planen. Fordert, nicht so tun, als wären wir selbst die Herren unseres Lebens, die Herren der Zeit. Die berühmte Bedingung des Jakobus „So Gott will und wir leben“ ist eine Aufforderung zur Bescheidenheit. Zur Einsicht, dass wir bei allem Machertum eben doch nicht unsere Lebenszeit selbst in Händen haben.

Sie steht auch im Hintergrund des Liedes, das zum Jahreswechsel gerne angestimmt wird:

Der Du die Zeit in Händen hast,                                                                                           Herr, nimm auch dieses Jahres Last                                                                                    Und wandle sie in Segen.                  J. Klepper 1938, EG 64

Nur, dass Jakobus diese Einsicht auf die Zukunft angewendet sehen will – als Vorbehalt in allem Planen. Als Warnung und Bewahrung vor allem Übermut. Weil der Übermut allzu leicht vergisst, dass das Leben empfangen wird und nicht unser Besitz ist.

Wo es mit mir, mit uns hingehen wird, wie weit der Weg wird, wie viel Zeit mir bleibt – alles offene Fragen.  Gibt es Antwort? The answer, my friend, is blowin´ in the wind“ (B.Dylan) Aber wichtiger al seine Antwort auf „wie lange“ und „wohin“ ist mir die Zusage: mit all diesen offenen Fragen und den Ungewissheiten des Lebens bin ich doch in Gottes Händen. Geborgen.

17 Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.

Jakobus wäre nicht Jakobus, wenn er bei einer „philosophischen Überlegung über die Vergänglichkeit“ stehen bleiben würde.  Ihm geht es auch hier wieder ums Tun. Die Gefahr der langfristigen und großräumigen Planungen ist doch, dass sie blind machen kann für das Nächstliegende. Man kann das Gute versäumen über den eigenen hochfliegenden Planungen. Übersehen, was in unmittelbarer Nähe zu tun ist. „Nächstenliebe fängt zu Hause an“ (Mutter Theresa)

Es ist eine Gefahr, die nicht von der Hand zu weisen ist. Vor lauter berechtigtem und notwendigem Engagement für den fernen Nächsten kann es allzu leicht dazu kommen, dass der nahe Nächste am eigenen Küchentisch übersehen, vergessen, nicht wahrgenommen wird.  Es gilt – in der Ferne und der Nähe: „Wer sein Wissen um das Gute nicht in die Praxis umsetzt, dem wird diese Unterlassung als Sünde angerechnet.“(W.Schrage, aaO.; S.48)

Es ist eine mir unvergessliche Mahnung, die mir als jungem Pfarrer aus dem Mund eines alten Kirchenvorstehers „zuteil“ geworden ist, ganz im Sinne des Jakobus: „Die schlimmsten Sünden sind die Unterlassungs-Sünden.“

 5,1 Und nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! 2 Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. 3 Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in diesen letzten Tagen!

             Noch einmal: wir lesen einen Brief an Gemeinden. An Christinnen und Christen. Kein Pamphlet gegen irgendwelche anonymen Reichen im römischen Reich! Das zeigt doch: es gibt in dieser ersten Gemeinde Christen, die ziemlich begütert sein müssen. Die weit mehr haben als die anderen. Die in herrlichen Kleidern und mit goldenen Ringen(2,2) auftreten können und wohl auch häufig genug auftreten. Ist das Sozialneid, der Jakobus so reden lässt?

Es ist gut, sich zu erinnern: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.“(Matthäus 6,19) Die Bergpredigt und der Bergprediger steht hier „Pate“ für Jakobus. Es gibt eine tiefe Skepsis gegenüber dem offenkundigen Reichtum, der auch gerne offen gezeigt wird: „Man gönnt sich ja sonst nichts.“

Jakobus hält das für absurd. Wenn doch das Ende der Zeiten nahe ist – was soll da dieses Schätze Sammeln, dieses Anhäufen von Besitz, der doch vom Zerfall und Verfall bedroht ist, jetzt schon gezeichnet?

Man muss es wohl deutlich sagen: Es geht hier nicht darum, Leuten ihren Besitz madig zu machen. Sondern die Gefahr, die Jakobus sieht, ist, dass die Reichen ihrem Besitz trauen in der großen Krise der Welt und darüber vergessen, wer allein in dieser großen Krise retten kann.

 4 Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. 5 Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag.

Dazu kommt aber noch  das andere: dieser Reichtum ist angehäuft worden durch Ausbeutung. Durch Lohndiebstahl. Durch vorenthaltene Löhne. Was wir hier lesen ist eine prophetische Scheltrede in den Spuren des Amos. „So spricht der HERR: Um drei, ja um vier Frevel willen derer von “Israel” will ich sie nicht schonen, weil sie die Unschuldigen für Geld und die Armen für ein Paar Schuhe verkaufen. Sie treten den Kopf der Armen in den Staub und drängen die Elenden vom Wege. Sohn und Vater gehen zu demselben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entheiligen. Und bei allen Altären schlemmen sie auf den gepfändeten Kleidern und trinken Wein vom Gelde der Bestraften im Hause ihres Gottes. (Amos 1, 6-8) Es ließen sich leicht auch noch andere Prophetenworte hinzufügen.

Das Erschreckende wiederum: Es geht um Leute in der Gemeinde, nicht um eine, schon damals – und erst recht heute – berechtigte weltweite Kritik an Ausbeutung und Kapitalismus. Es geht um Menschen, die sich Christen nennen. Die den Schritt getan haben, sich zu dieser Minderheits-Religion, die die Christen zur  Zeit des Jakobus ja jedenfalls noch sind, zu bekennen.

Sie haben es sich gut gehen lassen – und weggeschaut. Weggeschaut, als sie hätten aufschreien müssen. Als sie hätten eingreifen können. Jakobus weiß: die Unrechtsgesellschaft des römischen Reiches – hier Patrizier, dort Plebejer, hier römische Bürger, dort Sklaven  -können diese Reichen nicht ändern. Aber in ihrem Einflussbereich sind sie handlungsfähig und ziehen es vor, nichts zu tun.

Wie ist das bei uns? Ich kann die Worte des Jakobus natürlich sozusagen stellvertretend für die „Super-Reichen“ lesen als Anklage an sie: all die Milliardäre und Millionäre, die zu viel haben, die sich ein schönes Leben machen, die auch einmal 100.000€ spenden, aber am System nichts ändern. Die Gewinner eines Ausbeutungs-Systems sind, das weltweit agiert.

Unter die Haut geht es mir aber erst, wenn ich frage: wie steht es bei dir selbst? Mit dem, dass Du in einer reichen Gesellschaft lebst und Teil hast an der Ausbeutung der Armen. Der Näherinnen in Pakistan. Der Landarbeiter auf den Kaffee-Plantagen. Der Obst-Bauern, die mit einem Hungerlohn abgespeist werden. Der Umwelt-Belastung durch dein Verkehrsverhalten.  Da erst wird für mich der Text hart. Zur Herausforderung, weil mein eigener Lebensstil zur Debatte steht.

6 Ihr habt den Gerechten verurteilt und getötet, und er hat euch nicht widerstanden.

Ein rätselhafter Schlusssatz. Wer ist „der Gerechte“?  Eine Lösung: „Der Gerechte ist der Arme, was auch der Tradition der Armenfrömmigkeit entspricht“(W.Schrage aaO.; S.51)Dann liefe der Satz darauf hinaus: Ihr geht in eurer Raffgier über Leichen, symbolisch gesprochen, auch wenn keiner von euch ein Mörder oder Totschläger ist. Keiner als Richter in einem Gericht sitzt. Aber diese Raffgier hast ihren Anhalt auch in der Realität, Ihr pflegt einen „mörderischen Lebenstil“.(Kirchenpräsident Dr. V. Jung, Predigt am 15. 10.2015 in Lauterbach) Es macht guten Sinn, so zu lesen und stellt, einmal in der Spur des Jakobus, die Frage nach der Verhaltensänderung.

Man kann, darüber hinaus, auch noch einmal anders lesen. Was, wenn der Gerechte Jesus wäre? Hingerichtet von einer Koalition aus Reichen, Machthabern und frommen Hierarchen. Er hat ja nicht widerstanden. Ganz richtig sagt mein Kommentar: „Das würde historisch nicht stimmen“ (W.Schrage, aaO;, S.51) Und meint zusätzlich: Auch in den Kontext nicht passen. In den Duktus, das Denken des Briefes

Da freilich widerspreche ich: Wie, wenn Jakobus sagt: Was ihr jetzt lebt und tut, betreibt das Geschäft derer, die Jesus gekreuzigt haben. Ihr tretet mit eurer Ausbeutung der Armen, mit eurem wirtschaftlichen Unrechts-System in ihre Fußstapfen. Ihr bringt den Gerechten um. Fromm wie ihr seid, lebt ihr nicht nur an ihm vorbei. Sondern tötet ihn. Ihr.

Ganz unmöglich ist es nicht, so zu lesen. Immerhin gibt es schon in der frühesten Zeit der Christen ja Sätze, die Jesus zugeschrieben werden: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan….Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“(Matthäus 25,40.45) Es könnte doch sein, dass Jakobus in der Weiterentwicklung dieser Worte zu dem Schluss kommt: Was den Armen angetan wird als Ausbeutung, als Schändung ihres Lebens, das widerführt Christus. So gelesen wären die Armen die wahren Stellvertreter Christi auf Erden, ihm nahe in ihrem Leiden.

So wird dieser Satz zur denkbar härtesten Anklage. Zu einer Anklage freilich, die ich wiederum nicht auf damals beschränken möchte, sondern die ich – vorsichtig fragend – auf uns heute beziehe: Ist dann unser „mörderischer Lebensstil“ (s.o.) nichts anderes als die Fortsetzung der Kreuzigung? Unser Konsumverhalten, Essverhalten, Verkehrsverhalten, unser Recht auf billig, das wir behaupten, die Ausbeutung der Umwelt – nichts anderes als ein Töten des Gerechten – und er, der ohnmächtige Christus widersteht uns nicht?

Mich treiben diese Fragen um, ohne dass ich schon zu sagen wüsste, wo das enden soll.

 

Mein Gott, ich erschrecke über diesen harten Worten, bin ich doch auch einer, der ein Leben lang geplant hat, Termine abgearbeitet, stolz darauf war, dass er gesucht und gefragt ist.

Ich erschrecke über die Worte, weil ich es ja sehe, wie tief hinein verstrickt ich bin in weltweite Ausbeutung, in die Plünderung unseres Planeten, in Unrecht, das Menschenleben kostet. Ich töte niemand. Ich verurteile niemand, aber ich bin Teil der Gewalt in der Welt.

Gib die Kraft, wenigstens winzige Schritte zur Veränderung zu tun, da, wo ich lebe und handeln kann. Amen