Mit den eigenen Worten achtsam sein

Jakobus 3, 1 – 12

1 Liebe Brüder, nicht jeder von euch soll ein Lehrer werden; und wisst, dass wir ein desto strengeres Urteil empfangen werden.

             Was für eine Warnung in einem Lehrschreiben. Es ist noch kein abgeschlossener Kreis von Lehrern, der der Gemeinde gegenüber steht. Vielmehr scheint es, dass die Aufgabe des Lehrens in der Gemeinde so attraktiv ist, dass sich manche, vielleicht sogar viele, danach drängen. Weil die Aufgabe mit Gewinn an Prestige verbunden ist?

Der Lehrer Jakobus weiß: mein Lehren ist vorläufig, halb fertig. Bruchstück. Und er weiß: „Gottes Wort im Menschenmund“ ist eine Riesenverantwortung.“ (F. Grünzweig, aaO.; S.98)  Es ist im Gedächtnis der Gemeinde, was Jesus sagt: Für jedes unbedachte, „unnütze Wort“(Matthäus 12,36) sind wir Rechenschaft schuldig.

Die Worte des Jakobus sind weit entfernt von einer Selbstsicherheit, die die eigenen Worte für unfehlbar hält. Die eigene Lehre für die letzte, verbindliche Weisheit. Sie sind eine Warnung an alle, sich davor zu hüten, die eigene Position zu absolut zu setzen. Spätestens im Himmel werden wir es sehen: Unser Lehren war nur Gestammel.

 2 Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten.

             Das gilt nicht nur für die Lehrer. Es gilt für alle. Wir alle sagen Worte, die wir besser nicht gesagt hätten. Wenn du doch geschwiegen hättest…. gilt nicht nur irgendwelchen vorlauten Leuten. Es ist die Gefahr aller und es ist die Herausforderung an alle: Sich im Wort nicht verfehlen – sich im Ton nicht vergreifen.

Wer das könnte, seine Worte bedenken, bevor er sie sagt, seine Rede zügeln, auch wenn es ihn noch so sehr drängt, der wäre weit auf dem Weg zu einem vollkommenen Mann. Ich würde gerne erweitern: zu einem vollkommenen Menschen.

             Das macht den Vollkommenen aus, dass er sich zügeln kann – seine Zunge, seine Gefühle, sein ganzes Wesen. Selbstbeherrschung nach allen Seiten. Jakobus ist offenkundig kein Freund der Parole: Lass raus, was dir auf der Zunge liegt. Lass es raus, bevor du daran erstickst. Sein Ideal ist anders.

 3 Wenn wir den Pferden den Zaum ins Maul legen, damit sie uns gehorchen, so lenken wir ihren ganzen Leib. 4 Siehe, auch die Schiffe, obwohl sie so groß sind und von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wohin der will, der es führt. 5 So ist auch die Zunge ein kleines Glied und richtet große Dinge an. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet’s an! 6 Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. So ist die Zunge unter unsern Gliedern: sie befleckt den ganzen Leib und zündet die ganze Welt an und ist selbst von der Hölle entzündet. 7 Denn jede Art von Tieren und Vögeln und Schlangen und Seetieren wird gezähmt und ist gezähmt vom Menschen, 8 aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel, voll tödlichen Giftes.

             Das ist eine erschreckende Meditation zum Thema Zunge. So klein sie auch ist, keiner kann sie bändigen. „Die Verse 3 – 11 entfalten die ungeheure, ja dämonische Kraft der Zunge und führen in einem rasanten Gefälle zu pessimistischen Aussagen.“ (D.Puttkammer, Glaube hat Früchte, Texte zur Bibel 6, Neukirchen 1990, S.69) Die Zunge züngelt und zündelt. Sie richtet Unheil an, schlägt Wunden. Selbst wenn alle Bestien zu zähmen sind – an der Zunge versagt diese Kunst.

Hier, in den Worten liegt oft genug der Anfang des Unheils. Mit der Abwertung von Menschen, die verbal anfängt, – ob „Bullen“ oder „Pinscher“, „blödes Schaf“ oder „dumme Sau“, „Kanaken“ oder „Untermenschen“, wird der Weg der Gewalt bereitet und legitimiert. Es gibt so etwas wie „mörderisches Gerede.“ Das sieht Jakobus – unausweichlich – und ist doch nicht bereit, es als unausweichlich zum Menschsein zugehörend zu entschuldigen. 

 9 Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind. 10 Aus “einem” Munde kommt Loben und Fluchen. Das soll nicht so sein, liebe Brüder.

             So soll es nicht sein. In der Gemeinde, so lese ich, soll eine andere Lebenspraxis und eine andere Redepraxis eingeübt werden. Ein anderer Gebrauch der Zunge. Nicht mehr doppelzüngig. Der Mund, der Gott lobt, soll nicht Menschen niedermachen.

In der Abendmahlsliturgie, wie ich sie gerne feiere, findet sich die Gebetsbitte:

Verleihe uns,  dass die Lippen,                                                                                                 die dich heute gepriesen haben,                                                                                           dich alle Zeit loben,                                                                                                                  dass die Ohren, die dein Wort gehört haben,                                                                 verschlossen seien für die Stimmen des Streites und des Unfriedens,                             dass die Augen, die deine große Liebe gesehen haben,                                              auch deine selige Hoffnung schauen.

             Und, als Alternative:

Verleihe uns,                                                                                                                                dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben,                                                                hinfort die Wahrheit bezeugen,                                                                                           dass die Füße, die in deinem Haus gestanden haben,                                               hinfort gehen auf den Wegen des Lichts,                                                                           dass wir, die an deinem lebendigen Leib  Anteil gehabt haben,                           hinfort in einem neuen Leben wandeln.                                                                               Dir sei Dank für deine unaussprechliche Gabe             .

Beide Male geht, ganz in der Spur des Jakobus darum, dass die Feier des Gottesdienstes ihre Fortsetzung findet in der Lebensweise der Feiernden.

Es liegt nahe, hier auch an Luther zu erinnern, seine Auslegung des 8. Gebotes: „Du  sollst  nicht  falsch  Zeugnis  reden wider  deinen  Nächsten. Was  ist  das? Wir  sollen  Gott  fürchten  und  lieben, dass  wir  unsern  Nächsten  nicht  belügen,  verraten,  verleumden  oder  seinen  Ruf  verderben, sondern  sollen  ihn  entschuldigen, Gutes  von  ihm  reden und  alles  zum  besten  kehren.“ Oder, ganz schlicht: Sich das schlechte Geschwätz verbieten,  den flotten Spruch herunterschlucken – und lieber – vermeintlich langweilig – loben, loben, loben.

Das alles überlegt sich ja noch leicht im Blick auf andere, im Blick auf das mediale Dauergeschwätz. Aber richtig gelesen habe ich doch erst, wenn ich mich selbst in Blick nehme: wie hältst du es mit dem Reden, mit dem Kritisieren, mit dem Aufspießen von Schwächen und Fehlern? Keine Frage, es kann nicht darum gehen, nichts mehr zu sagen, Kritikwürdiges nicht mehr zu beleuchten. Aber es wird schon um die selbstkritische Frage gehen müssen: wie oft rede ich nur, um billigen Applaus und begeisterte Lacher einzufahren, die auf Kosten anderer gehen? Wie oft vergesse und übergehe ich einfach, was ich doch schon als Konfirmand gelernt habe: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht aus Falschheit belügen, verraten, verleumden oder hinter seinem Rücken reden, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“(M.Luther, Erklärung zum 8. Gebot, Kleiner Katechismus)

11 Lässt auch die Quelle aus “einem” Loch süßes und bitteres Wasser fließen? 12 Kann auch, liebe Brüder, ein Feigenbaum Oliven oder ein Weinstock Feigen tragen? So kann auch eine salzige Quelle nicht süßes Wasser geben.

Kurz gesagt: es ist „widersinnig und naturwidrig“ (W.Schrage, aaO.;  S.40), was wir Menschen mit der Zunge anrichten können. Es widerspricht dem Schöpfer, wenn wir sein Bild, unseren Mitmenschen, mit der Zunge hinrichten. Gerade diese letzten Worte machen deutlich, dass Jakobus uns nicht an die Herrschaft der Zunge ausgeliefert sieht, sondern er will, dass wir den Kampf aufnehmen, um die richtigen Worte und das maßvolle Reden ringen.

Es stimmt wohl: Was Jakobus hier treibt, ist keine „hohe Theologie“. „Nicht einmal einigermaßen anspruchsvolle Predigt. Jakobus warnt eigentlich nur vor der zerstörerischen Macht des Daherredens…. Wer sich konkret um Gemeindegestaltung zu bemühen hat, weiß, wovon der Autor spricht.“ (R.Hoppe, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S.126f.)

Zu den todsicheren Tipps, wenn es darum geht, wie eine Gemeinde ruiniert wird, gehört: Viel übereinander reden statt miteinander. Die Fehler der anderen ins Gespräch bringen. Dafür sorgen, dass alle wissen, welche Leichen wer im Keller hat.

 

Heiliger Gott, ich bin verantwortlich für meine Worte. Du wirst mich einmal fragen, ob meine Worte aufgerichtet haben oder hingerichtet, ermutigt oder entmutigt, getröstet oder vernichtet.

Du wirst mich einmal fragen, ob ich meine Jahre zugebracht habe mit Geschwätz, ob ich viel Worte um nichts gemacht habe.

Lehre Du mich zu schweigen, wenn die Zeit des Schweigens ist, zu reden, wo ich im Deinetwillen reden muss, nicht zurück zu weichen, wenn der Widerspruch nötig ist, eintreten auch in Worten für die, die keine Stimme haben.

Gib Du mir die richtigen Worte zu ihrer Zeit. Amen