So lannge nur aus zweiter Hand

Hiob 42, 1 – 6

1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: 2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

             Immerhin: Hiob antwortet: Es ist ein Schritt weiter. Er hat verstanden. „Der Macht und den Möglichkeiten Gottes sind keine Schranken gesetzt.“       (A. Weiser, aaO.; S.263) Gott kann, was er will. Und, im Unterschied zu uns Menschen,  was er will, kann er auch.

Das hat Hiob „erkannt.“ Eingesehen. Aber es ist mehr als: ich habe verstanden. „Das Zeitwort erkennen (hebräisch jādaʽ) verdeutlicht, dass es um eine Erfahrung geht, die die ganze Existenz umfasst.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.255) Das gleiche Wort wird auch gebraucht, wenn „Adam seine Frau Eva erkennt“, wenn es zum Geschlechtsverkehr kommt. In dem Erkennen des HERRN geschieht eine Verwandlung des Hiob. Er ist nicht mehr der „alte Hiob“. Da beginnt Neuwerdung.

Was Hiob erkannt hat, ist schlicht gesprochen: Gott ist allem gewachsen. Gott hat sich mit seiner Schöpfung nicht übernommen. Es ist, als würde Hiob den Satz aus dem Schöpfungsbericht bestätigen: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“(1. Mose 1,31)

  3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. 4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

             Hiob hat zugehört. Gleich zwei Worte, Fragen aus der Gottesrede nimmt er in seiner Antwort auf. Worte, in denen Gott ihn befragt hat. Herausgefordert hat zu Antworten. Die Antwort, die Hiob jetzt gibt: Ich habe mich übernommen. Ohne Einsicht gesprochen. Ohne den Durchblick und Überblick, der nötig gewesen wäre. In aller Kritik und aller Klage ist Hiob ein Opfer seiner engen, menschlichen Sicht geworden.

“Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.”      E.
Eckert 1981, EG 584

Es ist das Menschenmaß seines Sehens, das ihm zum Verhängnis wird, ihn blind sein lässt für die Wirklichkeit Gottes. Es ist der durch das Leiden getrübte Blick, der blind ist für die Größe Gottes. Ich neige allerdings immer noch dazu, sehr vorsichtig zu sein. Ich will nicht gerne so weit gehen zu sagen, dass ihm „die Hybris, Gott mit den Mitteln der Menschenweisheit begreifen zu wollen, nicht nur als Irrtum, sondern als Urschuld des Menschen bewusst wird.“ (A. Weiser, aaO.;S.264) Mir genügt es, dass Hiob versteht, dass er zu kurz gedacht hat, vielleicht auch zu klein geglaubt, dass er gefangen war in Spuren, die er gelehrt worden ist.

5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

             Das ist sein Zentralsatz: Alles, was er früher über Gott gesagt hat, gedacht hat, war ein Wissen und Reden aus zweiter Hand. Der Tradition geschuldet. Der Lehre über Gott in Israel. Der Theologie. Den Worten der Väter.

Aber jetzt ist eine neue Situation:  nun hat mein Auge dich gesehen. Wenn ich den Text des Hiob-Buches ganz streng nehme – da ist nicht von eine Vision die Rede. Hiob sieht „nur“ einen Wettersturm. (38,1; 40,6) Was ihm zuteil wird, ist, dass er eine Stimme hört. Der HERR sprach. So wie es auch bei den Propheten ist – sie hören, auch wenn sie nichts sehen.

Aber dieses Hören ist Hiob ein „Sehen“. Bringt ihm Einsicht und macht ihn einsichtig. „Dass es vom Hörensagen zur eigenen Gewissheit wird, ist immer ein ganz anderer Vorgang. Das kommt über und wie eine Offenbarung, wie eine Erleuchtung, oder sie wächst geheimnisvoll verborgen in uns und ist plötzlich da.“ (W. Reiser, aaO.; S.194)

Mir fällt eine Szene aus dem Neuen Testament ein, wo es auch um diesen Wechsel geht, vom Hörensagen zum eigenen Sehen, vom Reden und Glauben aus der zweiten Hand zur eigenen Erfahrung: „Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.“ (Johanes 20,25) Und siehe, dieser Skeptiker, Frager Thomas, ein später Bruder des Hiob in seinem Fragen, erhält, was er erbittet: „Danach spricht Jesus zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20, 27-28) 

Darf ich, muss ich so weit gehen: Hiob steht, genau wie Thomas für alle, die nicht mit dem Glauben aufs Hörensagen hin zufrieden sein wollen, die mehr wollen, die ihren eigenen Augen und ihrer eigenen Erfahrungen trauen können wollen. An Hiob wird wahr, was er mitten in der tiefen Anfechtung gesagt hat: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.“ (19,25-26)

        Ich lese diese Worte auch als eine Bestätigung des Ringens Hiobs um eine Gottesbegegnung, eine Gotteserfahrung: Es gibt ein Recht  auf die eigene Erfahrung, das eigene Sehen – nicht als einen objektiven Rechtsanspruch, wohl aber als ein Recht, das Gott uns einräumt und schenkt und um das wir kämpfen dürfen.

6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Das so hartnäckige Warum Hiobs wird in dieser Antwort abgelöst, durch ein doppeltes Darum. Weil er so Gott erfahren hat, darum gibt Hiob auf, ohne klein beizugeben, spricht er sich schuldig. Mir gefällt die Übersetzung besser: Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche.(Einheitsübersetzung)Es ist das Eingeständnis: Alles von Hiob Gesagte ist unangemessen gewesen. Es hat hinten und vorne der Wirklichkeit Gottes nicht entsprochen. Aber mir ist schon wichtig: Hiob, der hier das Gefälle zwischen sich und Gott anerkennt, macht sich damit nicht klein. Er macht sich vielmehr menschlich. Und darin groß. Mir ist es immer ein Zeichen von Größe, dass jemand sagen kann, sich selbst eingestehen kann: ich habe etwas falsch gesehen, zu kurz gedacht. Ich war verblendet.

Hiob ist also nicht in irgendeinem moralischen Sinn schuldig. Es geht auch nicht um die Einsicht in die sündhafte Verfassung eines jeden Menschen. Sondern es geht schlicht um die Einsicht: Meine Worte konnten nicht zutreffen. Sie mussten Gott sozusagen zwangsläufig verfehlen. Ich bin in meinem Denken und Reden über Gott und auch zu Gott immer ein Gefangener meiner eigenen Lebens-Situation.

Zu der letzten Wendung: Ich tue Buße in Staub und Asche. ein kleiner Hinweis. Zur Ordnung des Bestattungsaktes gehört der dreifach Erd-Wurf, begleitet von den Worten „Erde zur Erde, Staub zum Staub, Asche zur Asche.“ Es ist ein Anerkennen: wir sind von Erde genommen und werden wieder zur Erde, ’ādām wird zur ’ādāmah.  In diesem Bußakt findet Hiob also dazu zurück, sein Menschsein anzuerkennen, zu akzeptieren. Das ist seine Umkehr, seine Buße, seine Einsicht.

„Ist Hiob etwa umsonst gottesfürchtig?“ So hat der Satan gefragt – und Gott damit herausgefordert.  Am Ende dieser Herausforderung steht die Einsicht Hiobs, die man auch Gottesfurcht nennen kann. Die Anerkennung, dass Gott der Schöpfer ist, der ganz Andere, der sich dem eigenen, zugreifenden Denken entzieht. Am Geschick Hiobs hat sich bis hierher nichts geändert. Seine Lebens-Situation ist immer noch der Aschehaufen. Aber er hat eine neue Sicht von Gott gewonnen, tiefer, abgründiger. Zwischen Gott und Hiob steht niemand. Nichts. Auch keine Lehre mehr.  Ja, Hiob ist umsonst gottesfürchtig. Ohne Gegenleistung Gottes. Aber gerade darin ist seine Gottesfurcht nicht vergeblich.

 

Mein Gott, wie oft habe ich so getan, als könnte ich Deine Wirklichkeit aussagen, so dass alle Fragen geklärt sind, so dass nichts mehr zu sagen bleibt. Wie oft bin ich der Illusion unterlegen, dass unsere Worte Dich fassen, dass unsere Bilder, wenn wir nur streng genug denken, doch übereinstimmen mit Deinem Bild.

Du aber lehrst mich, dass der richtig von Dir redet, der mit Dir ringt, nach Dir schreit, Dich anklagt und beschimpft, es Dich spüren lässt, dass er wütend ist auf Dich, verzweifelt.

Mein Gott, hilf Du mir, dass ich mich ausstrecke nach Dir, Dich suche, Dich in mein Leben hinein schreie. Hilf Du mir, dass ich nicht aufgebe, wenn Du schweigst, sondern so lange weiter schreie, bis Du antwortest – in mein Leben hinein. Amen