Sternenstaub in Gottes Händen

Jesaja 40, 12 – 31

12 Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage? 13 Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn? 14 Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?

Fragen über Fragen. Der ganze Abschnitt wird von solchen Fragen geprägt. Manche erscheinen wie „rhetorische Fragen“ (C.Westermann, aaO.; S.42), nicht wirklich echt, sondern nur um der Antworten willen gestellt. Was will man auf dieses „Wer“ antworten? Es liegt auf der Hand: Niemand. Keiner ist Gott gewachsen – und sich als Ratgeber Gottes zu fühlen, wäre die blanke Anmaßung.

Mir drängt sich Erinnerung an das Hiob-Buch auf. „Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?“ (Hiob 38, 1 – 5) Da wird Hiob mit diesen Fragen in seine Schranken verwiesen. Aber wer wird hier so gefragt? Und: Geht es hier auch um das Verweisen „unbotmäßiger Gedanken“ in die ihnen gebührenden Schranken. Vielleicht aber dient dieses Stakkato von Fragen im Gegenteil der Ermutigung! Alle Infrage-Stellungen des HERRN werden durch sein Fragen ausgekontert. Das wird sich zeigen müssen.

  15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. 16 Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer. 17 Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.

Man muss sich vor Augen halten: wie Schachfiguren, Bauern zumal, sind die Leute Gottes verschoben worden. Die Großmächte behandeln die Unterlegenen im Krieg wie Sandkörner, wie Wassertropfen. Dieses Bild der Mächtigen wird hier aufgenommen. Was ist das für eine Macht bei den Siegervölkern, Assyrern Babyloniern, Chaldäern? Es ist ein durch und durch ironisches Bild: diese Weltmächte: Tropfen am Eimer. Sandkörner. Vor ihm – ich ergänze. Vor dem HERRN, vor dem Gott Israels: nichts. Eitel. Wie von selbst erinnere ich mich: „Alles ist eitel.“ „Windhauch.“(Prediger 1,1) Ein hartes Urteil über alles Machtgebaren.  

In den Bildern steckt jedoch nicht nur Machtkritik, nicht nur Entlarvung. Sondern auch die Aufforderung, die Furcht vor den Mächtigen fahren zu lassen. sie sind ja an die gerichtet, die sich ducken, die sich klein fühlen, ausgeliefert, selbst wie Tropfen und Sandkörner. Auch, weil sie so behandelt worden sind. Sie sollen eine andere Sicht gewinnen – auf die Mächtigen, auf sich selbst – durch einen neuen Blick auf Gott.   „Sternenstaub in Gottes Händen“ weiterlesen

Es ist genug – Trostzeit!

Jesaja 40, 1 – 11

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.

Wie eine Überschrift lesen sich diese Worte. Über das ganze Werk dieses „Jesaja“? Oder doch nur über die nachfolgenden Worte? Beides ist möglich und beides in meinen Augen sinnvoll.

Auf Trost sind sie angewiesen, die nach Babylon Weggeführten. Die dort in der 2. oder 3. Generation leben. In der Fremde. Denen die Hoffnung auf Heimkehr, auf eine gute Zukunft schwindet. Die sich irgendwie einrichten müssen in einem Land, in das sie nie kommen wollten.

„Die Situation, in der das Volk Gottes sich befindet, ist für alle Kapitel in Jesaja 40 – 55 vorauszusetzen: Israel (Juda) lebt in der babylonischen Gefangenschaft. Zwischen dem Zweistromland (Euphrat und Tigris) und dem Land, aus dem das Volk deportiert worden war erstreckt sich die syrisch-arabische Wüste, ein unüberbrückbarer Korridor!“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.12)  

Auf Trost sind sie angewiesen, und sie werden nicht auf Vertröstung warten. Trost, der eine neue Perspektive eröffnet. Trost: die Knechtschaft wird ein Ende haben. Das ist Wende in der Lebenswirklichkeit: Nicht mehr abhängig von den Herren in Babylon. Nicht mehr unter fremdem Befehl. Nicht mehr nur Fußvolk, Sklavenvolk, Fremdarbeiter. Nicht mehr rechtlos. „In der Bibel ist Trost das von Gott selbst ausgehende machtvolle Wort der Ermutigung und Aufrichtung, Beginn einer weit- und tiefreichenden Schicksalswende.“ (H.J.Kraus, ebda.)

Es steckt schon in dieser ersten Aufforderung“ „Tröstet, tröstet also mit drin: Gott selbst wird sich seines Volkes annehmen. Und die Wiederholung des Wortes sagt: Ganz gewiss! „Immer, wenn Jesaja Gottes Wort in besonderer Dringlichkeit sagt, verdoppelt er seine Worte.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.17)

             Wo Trost ist, braucht es Gründe, festen Boden. Für Jerusalem ist das der Grund, auf dem neue Zukunft erhofft und erbaut werden kann:  ihre Schuld ist vergeben. Die Vergangenheit darf nicht mehr verklagen. Die Strafe ist abgegolten. Nicht: Ihr ist genug getan. Sondern: „Damit, dass Gott sich wieder vergebend seinem Volk zuwendet, ist alles gut.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.33) Er setzt den neuen Anfang. „Es ist genug – Trostzeit!“ weiterlesen

Nichts hab´ ich zu bringen…

Judas 17 – 25

17 Ihr aber, meine Lieben, erinnert euch der Worte, die zuvor gesagt sind von den Aposteln unseres Herrn Jesus Christus, 18 als sie euch sagten, dass zu der letzten Zeit Spötter sein werden, die nach ihren eigenen gottlosen Begierden leben. 19 Diese sind es, die Spaltungen hervorrufen, niedrig Gesinnte, die den Geist nicht haben.

             Hat Judas gemerkt, dass er auf einer Negativ-Spur unterwegs ist? Redet er darum seine Leser an: Meine Lieben? Ὑμεῖς ἀγαπητοί. Der Eindruck ist: er sucht ihre Zustimmung zur Basis für ein Leben, das dem Glauben entspricht. Darum: Erinnerung an die Worte der Apostel unseres Herrn Jesus Christus. Rückgriff auf die Lehre. Die Basis kann, so Judas, doch nur in dem sein, was in den Anfängen der Gemeinde gelehrt und geglaubt worden ist. In dem, was „ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist.“(3) So stellt Judas den neuen Wegen den alten Glauben entgegen, die Inhalte der apostolischen Lehre.

Es soll wohl ein Trost sein: die Apostel haben es angekündigt, dass Spötter auftreten werden, Leute, die nur ihre Überzeugungen kennen und gelten lassen. „Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen… Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.“ (Matthäus 24, 8.11)

           Spötter sind sie, weil sie sich allein leiten lassen von ihren Gedanken, die Judas Begierden nennt und damit nahe an irgendwelche Laster rückt: „Ihr Lebenswandel ist durch die Ausschweifung bezeichnet.“ (W.Grundmann, aaO.:S.45) Sie spotten der verbindlichen Botschaft der Apostel, weil sie sich selbst „fortschrittlich“ sehen, modern. Spötter nennt sie Judas auch deshalb, weil sie wohl über die Einfältigen spotten, die nichts haben als die Botschaft der Apostel. Keine Himmels-Erfahrungen, keine tiefen Einsichten in das Geheimnis der Welt, keine Freiheit, zu tun, was ihnen gefällt. „Nichts hab´ ich zu bringen…“ weiterlesen

Gegen die billige Gnade und die harschen Urteile

Judas 1 -16

1 Judas, ein Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus, an die Berufenen, die geliebt sind in Gott, dem Vater, und bewahrt für Jesus Christus: 2 Gott gebe euch viel Barmherzigkeit und Frieden und Liebe!

             Ein Briefanfang, wie er im Buch steht. Seinerzeit durchaus üblich. Und doch mehr als nur Floskel. Judas stellt sich vor. Doppelt – als Knecht Jesu Christi und als Bruder des Jakobus.

Das erste ist der Hinweis auf die Zugehörigkeit zu Jesus. Darin steht er neben Paulus (Römer 1,1) auch neben Jakobus (Jakobus 1,1) Die Selbstbezeichnung greift weit zurück – auf den „Knecht Gottes“, ebed jahwe.(Josua 24,29; Psalm 105,42, Jesaja 42,1)In ihr schwingt aber durchaus nicht Unterwürfigkeit mit, sondern Stolz, Selbstbewusstsein, Freude, Glück. „Knecht Gottes ist nicht sein Sklave, sondern sein Geliebter.“(W.Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15, Berlin 1974, S.23) Dieses, dass er ein Knecht Jesu Christi ist, verbindet ihn auch mit denen, an die er schreibt. Auch wenn er sie nicht so nennt.

Daneben tritt das andere: Bruder des Jakobus. Das kann wohl nur so gehört werden, dass Jakobus für die Leser des Briefes eine bekannte Persönlichkeit ist. Der Schluss liegt nahe: gemeint ist der Bruder Jesu. Dann aber wäre auch unser Briefschreiber ein Bruder Jesus. Von Jesus heißt es ja: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon?“(Markus 6,3) Wenn das zutreffen würde: Judas der Bruder des Herrnbruder Jakobus, dann fällt umso mehr auf, dass sich Judas nicht als Herrnbruder vorstellt.

Ist das Bescheidenheit? Erinnerung daran, dass die Familie Jesu ihm zu Lebzeiten doch eher distanziert gegenüber stand? Es könnte aber auch anderes mitschwingen: „Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.“(2. Korinther 5,16) Es gibt den Worten keine höhere Autorität, wenn man sich auf Augenzeugenschaft berufen kann oder auf die Verwandtschaft mit Jesus.

Ein wenig leiht sich Judas von der Autorität seines Bruders Judas. Verwandtschaftlich. Bei Jesus aber ist es nicht die Verwandtschaft, auf die er sich beruft. Da ist er nur Knecht. δολος. Sklave.    „Gegen die billige Gnade und die harschen Urteile“ weiterlesen

Der unerkannte Weltenrichter

Matthäus 25, 31 – 46

Keine einleitenden Worte, die sagen: ein Gleichnis. Wir lesen die „letzte ausführliche Unterweisung Jesu an seinen Jünger.“ (U.Luz,  aaO.; S.517) Und, soweit ich das sehen kann, die ausführlichste Schilderung dessen, was wir Weltgericht nennen.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

             Das Kommen des Menschensohnes wird anders sein als das Auftreten Jesu jetzt. Jetzt ist er einer wie wir, verwechselbar, ohne alle äußere Macht. Und die Selbstbezeichnung Menschensohn könnte fast einfach „ich“ bedeuten. Dann aber wird er kommen in Herrlichkeit und alle Engel mit ihm. Es ist die Majestät, die dem allmächtigen Gott eignet.

Er kommt – zum Gericht. Zum Gericht, das nicht irgendwo in einem Winkel stattfindet. Alle Völker werden vor ihm, vor dem Thron der Herrlichkeit versammelt. πντα τ θνη meint die ganze Völkerwelt, nicht nur die Christen, auch nicht nur die Heiden. Wirklich alle. Die gleiche Wendung wird am Ende des Evangeliums gebraucht werden: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“(28,19) Auch dort wieder πντα τ θνη. Darum schließe ich aus, dass nur die Heiden gemeint sein könnten, auch nicht nur die Christen. Es geht wirklich um alle.

Der richtende Menschensohn scheidet, unterscheidet, trennt. Sortiert nach links und rechts. Wie ein Hirte. Das gilt auch: die Schafe wissen nicht, wie ihnen geschieht. Das ist zugleich der einzige Satz im ganzen Text, der ein Gleichnis andeutet.

Man tut gut daran, eine inhaltliche Bedeutung, warum die Schafe rechts, die Böcklein oder Zicklein aber links zu stehen kommen, nicht zu überspannen. Es könnte auch genau anders herum sein. Es geht nicht um das Geschlecht der Tiere, auch nicht um ihre Farbe – Schafe weiß, Böcke schwarz, auch nicht um ihre Nützlichkeit, Schafe geben Milch, Böcke nicht. Die Verteilung nach links und rechts, nach Schafen und Böcken, ist schlicht der Erzählung geschuldet. „Der unerkannte Weltenrichter“ weiterlesen

Geschenktes Vertrauen

Matthäus 25, 14 – 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

         Das gibt es zur Zeit Jesu öfters: reiche Leute, die ihre Habe Verwaltern anvertrauen. Ihren Knechten. Ob seine Knechte, δοι δολοι, wirklich Sklaven sind, sei dahingestellt. Das Wort wird sonst allerdings vor allem so gebraucht. Vielleicht geht es auch „nur“ um das Abhängigkeitsverhältnis, das Gefälle in der sozialen Stellung.

Dieser Auftrag zur Vermögensverwaltung ist ein überaus großer Vertrauensbeweis des Herrn an die Knechte. An ihnen hängt jetzt sein Besitz. Sie sind jetzt Verwalter seines Vermögens. Das ist eine durchgreifende Änderung der bisherigen Situation. Als Knechte in Anwesenheit ihres Herren gibt es für sie nur den Gehorsam aufs Wort hin. Der Herr befiehlt und sie tun das Befohlene. Kein Knecht wird in der Anwesenheit des Herren ohne Auftrag handeln. Aber nun werden die Knechte durch den Weggang des Herren zu selbständig Handelnden. Und zwar ist es er selbst, der sie dazu macht. Er traut ihnen zu, dass sie seinen Besitz mehren, ordentlich verwalten, dass er Gewinn von ihrem Tun haben wird.

       Der Mensch, wie ihn hier Matthäus beschreibt, kennt und beurteilt seine Knechte und er vertraut ihnen nach ihren Fähigkeiten an. Auch noch dem, dem nur ein Talent anvertraut wird, wird damit unendlich viel gegeben. Diesen Vertrauensbeweis darf man im Bedenken der ganzen Erzäählung nicht aus den Augen verlieren. Sonst wird die ganze Geschichte irgendwie schief. Es geht in ihr um geschenktes und verweigertes Vertrauen. „Geschenktes Vertrauen“ weiterlesen

Sich nach der Freude ausspannen

Matthäus 25, 1 – 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

             Ein Himmelreichsgleichnis führt die Überlegungen weiter: wie kann der Einzelne, Christin, Christ, sich vorbereiten auf das Kommen Christi? Wie gelingt es, bereit zu sein? Es ist ein schönes Bild, das Jesus wählt: das Empfangskomitee der zehn Jungfrauen für den kommenden Bräutigam. Das erste Bild-Signal also: Es geht um ein Fest.

Ein Fest, bei dem die Feiernden sein werden wie die Träumenden: lachen vor Freude, tanzen und singen, dem Gastgeber danken und ihn loben. Im Bild der Hochzeit redet Jesus vom großen Tag Gottes und ruft uns, dass wir an ihm teilhaben sollen. In die Freude seines Reiches ruft er. In die Freude die darin liegt, mit ihm Hochzeit zu halten. Das ist unsere tiefste Bestimmung, die wir als Menschen haben: wir sind eingeladen zum Fest Gottes in seiner Ewigkeit, die er heraufführt. So zu lesen passt zur Praxis Jesu auf dem Weg durch Galiläa und nach Jerusalem, wo er immer wieder einkehrt, Feste feiert, selbst Gast zum Gastgeber wird.

Für mich ist kein Zweifel: wenn Jesus hier vom Bräutigam spricht, so spricht er von sich selbst. „Bräutigam ist im Alten Testament ein stehendes Bild für Gott in seiner Beziehung zu Israel. Verlobung bzw. Hochzeit stehen für den Bund, den er mit Israel schließt….. Aber für die nachösterliche Gemeinde und für Matthäus und seine Adressaten war klar, dass Jesus in diesem Gleichnis von sich selbst und seiner Wiederkunft sprach.“ (W.Klaiber, , aaO.;S.191f.) „Sich nach der Freude ausspannen“ weiterlesen

Wartend leben lernen

Matthäus 24, 45 – 51

45 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? 46 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

            Was heißt „wachen“ „bereit sein“? wie sieht das praktisch aus? Darauf antwortet Jesus mit seinem Bild-Wort. Von klugen und treuen Knechten spricht er. Die sich bewähren. Indem sie für die sorgen, die von ihnen abhängig sind.  Ihnen zu essen geben. Also das, was zum Leben nötig ist.

Knecht ist keine abwertende Bezeichnung. Sondern im Gegenteil – ein Würdename. „Knecht Jesu Christi“ nennt Paulus sich (Römer 1,1; Philipper 1,1),  nennt sich auch `Petrus´,  (2.Petrus 1.1) und der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Seher Johannes (Offenbarung 1.2). Ihnen allen ist gemeinsam: sie haben eine anvertraute Aufgabe. Das ist ihre Würde. Der suchen sie gerecht zu werden.

Ihre Aufgabe: Den Leuten des Herrn essen zu geben. Rechtzeitig. Genug. Im Bild ist das klar und für jeden Zuhörer Jesu einsichtig als Alltagserfahrung: Es gibt Sklaven, denen diese Aufgabe in einem Haushalt übertragen ist. Für die anderen zu sorgen. „Wartend leben lernen“ weiterlesen

Am Ende: Erbarmen

Matthäus 24, 29 – 31

29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

             Jetzt entsteht doch der Eindruck eines Zeitablaufes. Aber es ist ein Ablauf, der nicht mehr mit unseren Kategorien zu fassen ist. „Der Horizont der irdischen Geschichte wird hier gesprengt; der ganze Kosmos wird nun in das Geschehen einbezogen.“ (U.Luz,  aaO.; S.433) Die Zeit des Handelns von Menschen ist vorbei. Was jetzt geschieht, läuft ab als ein Handeln Gottes allein.

Es ist dramatisch. Sonne, Mond und Sterne – die Lichter, von denen der Schöpfungsbericht weiß: „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“(1. Mos 1,14 – 16) Diese Lichter verlieren ihr Licht, verlieren ihren Ort. Wird die Schöpfung zurück genommen? Zunichte gemacht?

Die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Erneut legt sich mir ein Rückgriff auf den Schöpfungsbericht nahe: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.“(1. Mose 1, 6-7) Die Stabilität der Welt löst sich auf. Der feste Boden und der weit gespannte bergende Himmel gerät ins Wanken, nicht mehr durch ein individuelles Unglück, sondern für alle, die ganze Schöpfung.

Das ist nicht die kosmische Katastrophe, die der Hochmut von Menschen heraufführt. Das ist nicht der Zusammenbruch des Klimagleichgewichts. Das ist vielmehr: „Das Ende der bisherigen Existenz dieser Welt mit all ihren Sicherheiten.“(W.Klaiber, aaO.; S.176) Es sind Bilder, für die uns jede Anschauung fehlt. Albtraumhafte Bilder. Bilder aus der Tradition apokalyptischer Texte, wie sie im Daniel-Buch begegnen, auch beim Propheten Sacharja. Uns fremd und doch zugleich – jede große Naturkatastrophe ist dafür Zeuge – bedrängend nahe. Bilder, die an tiefe Ängste rühren: Der Boden, auf dem wir leben, könnte endgültig und für alle ins Wanken geraten. Zerbersten.

Es sind archaische Bilder, Menschheitsbilder, die aber zugleich auch biographisch „eingefärbt“ werden. Wie oft haben wir das Gefühl, dass der Himmel einstürzt, dass die Erde ins Wanken geraten ist. Mutter Erde trägt nicht mehr. „Es ist nichts mehr, wie es war.“ höre ich als Reaktion auf die Anschläge in Paris und verstehe: Da bricht die Welt, wie sie uns Sicherheit gegeben hat, zusammen. Nicht nur die soziale Ordnung zerbröselt. Auch die Elemente, alles, was unerschütterlich stand – im Wanken. In Auflösung. „Am Ende: Erbarmen“ weiterlesen

Allezeit bereit

Matthäus 24, 32 – 44

32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

             Diese Worte knüpfen an frühere Worte, die Jesus an die Pharisäer gerichtet hatte, an: „Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“(16, 2-3) Auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu sollen sich als urteilsfähige Leute erweisen. Die die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen. So wie sie auch aus dem Blättern und Zweigen des Feigenbaumes ihre Schlüsse auf die bevorstehende Sommerzeit ziehen können.

             Er, der nahe vor der Tür ist – das ist der Menschensohn. Es ist die durchgängige Erwartung: Das Kommen Jesu ist nahe. So wie das Himmelreich in ihm schon nahe gekommen ist, herbei gekommen ist, so ist auch sein Kommen wieder nahe. Vor der Tür.

Das ist, mit aller Vorsicht gesagt, die Antwort auf die bis dahin nicht beantwortete Frage der Jünger: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (24,3) Jetzt also eine erste Antwort: Seht genau hin. Und: Vor der Tür. Nahe.

  34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

             Es ist herausgehobener, feierlicher Redestil. Wahrlich, ich sage euch. Und dann der Satz, an dem sich bis heute alle Ausleger mühen: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. „Die jetzt lebende Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Matthäus erwartet also die Parusie innerhalb eines Zeitraumes von allerlängstens einem Menschenleben“ (U.Luz, aaO.; S.443)

             Gilt diese Erwartung nur für Matthäus oder ist das auch die Erwartung Jesu? Und muss  man dann sagen: Jesus hat sich mit dieser Erwartung geirrt? Was daran aber, so frage ich, wäre schlimm? Wir bekennen: Jesus ist wahrer Mensch. Das schließt doch die Irrtumsfähigkeit ein. Das schließt auch Lernfähigkeit ein und eben nicht aus – so wie sie sich etwa in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau (15,24 – 28) zeigt. Ja – Jesus rechnet mit seinem (Wieder)-Kommen bald, in Kürze.  „Allezeit bereit“ weiterlesen