Gottes Gegenüber

Hiob 40, 1 – 5

1Und der HERR antwortete Hiob und sprach: 2 Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

           Es wirkt wie eine Wiederholung, ist aber eher wie ein Abschluss der Gottesrede zu lesen. Wie eine Zusammenfassung der Argumente. Wie kommt einer dazu, Gott zurechtweisen zu wollen. Ihm etwas vorzuschreiben. Mit dem Allmächtigen zu rechten? Eine dreifache Abweisung des Rechtes, Gott zu verklagen. Jedes Mal ist klar: das ist unangemessenes Verhalten Gott gegenüber. Dem Schöpfer gegenüber, dem Allmächtigen gegenüber.

Der Kläger Hiob, so wird in diesem kurzen „Statement“ deutlich, hat seine Grenze überschritten. Aus dem klagenden und fragenden Hiob wird durch die Gottesrede ab 38,1 einer, der in Frage gestellt wird. Aus dem Kläger wird der Beklagte, aus dem, der Gott angreift, wird selbst einer, der durch die Fragen Gottes angegriffen und gestellt wird. Zur Rechenschaft hat Hiob Gott gefordert: Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich Recht behalten werde. Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.“(13,18-19) Aber nun ist alles anders geworden. Nicht Gott muss sich verantworten vor Hiob, sondern Hiob muss vor Gott antworten. Sich vor Gott verantworten.

Ist dieser Rollentausch überzeugend? Ist er zwingend? Wenn man die Rede Gottes ganz liest, dann ist klar: hier stehen sich Schöpfer und Geschöpf gegenüber. Gott und Mensch. Sie sind nicht gleichwertig. Nicht in ihrem Wollen, nicht in ihrem Können, nicht in ihrem Wesen. Der ewige Gott und der sterbliche Mensch. Der Allmächtige, El Schaddai, und der Ohnmächtige, Hiob.

Was ich verstehe: Die Basis eines beide gleich verpflichtenden Rechtes, die Hiob suchte und setzen wollte, gibt es nicht. Der Versuch, eine Gerechtigkeit zu finden, die Gott wie den Menschen in gleicher Weise bindet, die über beiden steht, ist gescheitert. Zwangsläufig, weil Gott nicht mehr Gott wäre, wenn es ein Recht gäbe, dem er unterliegt, vor dem man ihn zur Rechenschaft ziehen kann.             

Das gilt wohl nicht nur für Hiob. Das gilt auch für alle modernen Versuche, ein Recht zu formulieren, an dem wir die Gerechtigkeit Gottes messen könnten. Ob es nun die Humanität unseres Zuschnittes ist, die Verteilungsgerechtigkeit, der wir huldigen. Oder ob es die große Katastrophen wie Tsunami, Vulkan-Ausbrüche und Erdbeben sind – bei denen wir immer fragen: Und wo ist Gott? Es gibt kein Recht, das wir gegen Gott ins Feld führen könnten. Was uns alleine bleibt, ist der Appell an ihn, an sein Recht, sein Erbarmen, seine Güte.

3 Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach: 4 Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. 5 Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.

             So fällt dann auch die Antwort Hiobs aus. „Vor der erdrückenden Wirklichkeit Gottes wird der Mensch seiner eigenen Wirklichkeit in ihrer ganzen erbärmlichen Ohnmacht bewusst.“ (A. Weiser, aaO.; S.250)Es ist, als würde Hiob hier von seinen eigenen Worten eingeholt:  „Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht “eins” antworten. Gott ist weise und mächtig; wem ist’s je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat? (9,3-4) So weit also war Hiob schon einmal.

Doch es ist ein Unterschied: Hiob hat seine ganze Aufregung, seinen ganzen Schmerz gegen Gott zur Sprache gebracht. Er hat nicht vor einem theologisch richtigen Satz kapituliert, mit ihm kapituliert. Ihn einfach so hingenommen. Sondern er hat diesen Satz bekämpft, mit aller Leidenschaft seines Lebens. Und wenn er jetzt „klein beigibt“, dann ist das anders als nur die Zustimmung zu einer theologischen Wahrheit. Er hat es gelernt, existentiell gelernt: „Im Rechtsstreit mit Gott ist der Mensch absolut chancenlos.“ (Hj. Bräumer aaO.; S.231)

Nach seinen Antworten gefragt, gesteht Hiob ein: ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich bin diesen Fragen nicht gewachsen. Ich bin Gott nicht gewachsen. Im Gegenüber zu Gott kommt Hiob zur Einsicht: Ich habe mich übernommen. Ich habe mich überschätzt. Ich habe vergessen, dass ich Mensch bin und nicht Gott.

Manchmal überfällt mich der Gedanke, wie viel oder wie wenig von dem, was ich über Gott gedacht, gesagt, geschrieben habe, wohl wirklich Gott  entspricht. Wie viele meiner Sätze werden in sich vergehen, wenn ich ihn sehen werde, von Angesicht zu Angesicht. Ihn, an den ich glaube, dem ich vertraue, in dessen Hände ich mich mit den Meinen berge.  Was sich vor Menschen vielleicht noch ganz gut anhören mag, hat doch im Gegenüber zu Gott selbst kaum Bestand. Totaliter aliter. Ganz anders ist Gott. Darauf aber vertraue ich, dass er, der ganz Andere, uns dennoch zugewandt ist.

Ich bin mir nicht so sicher, ob man das Sündenerkenntnis nennen darf, was Hiob hier erfährt. „Sein Blick war durch den Willen,  der nur das Eigene sucht, irregeleitet…. Als erste Wirkung des göttlichen Gerichtes ist in ihm die Erkenntnis seiner Sünde erwacht.“ (A. Weiser, aaO.;S.251) Ich finde das hier nicht – weder das Gericht, noch die Einsicht in die Sünde. Ich finde nur einen Menschen, der im Gegenüber zu Gott, das er erfährt und nicht nur denkt, Klarheit über sich selbst und seinen Status findet.

Mir gefällt, dass hier nicht allgemeine Sätze stehen. Wie es um den Menschen vor Gott bestellt ist. Dass der Mensch immer Gott gegenüber ein „Nichts“ ist. „Leicht, leichtgewichtig, klein, unbedeutend, geringfügig, verächtlich“alles Bedeutungen, die in dem hebräischen Wort qll mitschwingen, das hier mit „gering“ wieder gegeben ist.” (Hj. Bräumer, ebda,S.232)

             Mich berührt auch eine neutestamentliche Erinnerung: Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.”(Matthäus 18,10) So redet Jesus von den Kleinen, Unbedeutenden, Schwachen. Ταπεινόι.  Er redet so auch von den μικρόι, den Mickrigen. Die nie und nirgends Schlagzeilen machen. Die keine Lobby haben. Von denen gibt es so viele, dass sie nicht zählen, außer in der Statistik. So die Logik der Welt. Und es ist die Gefahr der Welt, dass man sie verachtet, auf sie herab sieht.

Wenn Hiob sich unter sie einreiht, dann ist das nicht einfach nur angesagte Demut. Nicht einfach nur jetzt endlich doch erlernte Bescheidenheit. Sondern dann ist das eben auch ein Festhalten: so klein ich sein mag – ich bin Gottes Gegenüber. Gewürdigt darin, dass er mir antwortet.

 

Mein Gott, Himmelweit sind wir unterschieden. Du der ewige Gott. Ich, Mensch unter Milliarden Menschen. Du der Eine, unvergleichlich. Ich einer wie so viele. Himmelweit sind wir unterschieden. Aber nicht himmelweit getrennt.

Du hast Dich auf den Weg gemacht zu uns, sprichst zu uns, lässt uns Deine Wirklichkeit erfahren. Und schließlich wirst Du einer wie wir, uns gleichgestaltet als Mensch, Menschensohn, damit wir es wissen und darauf vertrauen: Du lässt Dich nie von uns trennen. Amen