Fragen über Fragen

Hiob 38, 1 – 21

1 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

             Endlich, möchte man fast sagen. Nach diesen quälend langen Redeschlachten der Freunde mit Hiob, nach diesen so aufwühlenden Klagen und Anklagen, Unschuldsbeteuerungen Hiobs. Jetzt endlich antwortet der HERR. Nicht einfach aus heiterem Himmel. Aus dem Wettersturm.

Das ist die Andeutung einer Theophanie, einer Gotteserscheinung.

Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt;                                                                        in schwarzen, dicken Wolken war er verborgen.                                                             Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen.              Der HERR donnerte im Himmel,                                                                                              und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen.                               Psalm 18,12-14

 In vielen biblischen Texten ist das Erscheinen Gottes mit einem Sturm verbunden. Mit Donner und Blitz, Erdbeben und Feuer. Wir sprechen von „Gotteserscheinung“ – aber zu sehen ist hier nur der Sturm, nicht Gott selbst. Ein kleiner Hinweis: Jede Offenbarung Gottes ist zugleich eine Verhüllung. Denn den „nackten Gott“ könnten wir Menschen nicht aushalten. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2.Mose 33,20) So also zeigt sich Gott in den Sturm verhüllt.

 „Jetzt erst, wo Gott selbst in Erscheinung tritt, wird er mit dem Namen Jahwe genannt….Erst jetzt wird das wahre Wesen Gottes, um das es im Streit der Meinungen ging, enthüllt; nur wo Gott sich selbst offenbart, gibt es eine gültige Antwort auf die Gottesfrage.“  (A. Weiser, aaO.; S.243)Das ist ein ernüchterndes Urteil über den langen Diskussionsgang zuvor. Er ist nur ein Tasten nach dem Weg, nach Gott. Der Weg aber, Gott selbst ist in diesem Streit immer noch verborgen. Das ist auch eine Mahnung zur Bescheidenheit, zur Demut im Blick auf das eigene Erkenntnis-Vermögen.    

  2 Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? 3 Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

             Hiob hat Gott zum Rechtsstreit gefordert. Er hat ihm seinen Reinigungseid vorgelegt. Er hat ihn aufgefordert, sich dem kritischen Urteil zu stellen. Auf diese Forderungen Hiobs antworten jetzt die Worte Gottes. Jetzt fordert der Herr Hiob. Stelle dich wie ein Mann! Und es steckt im ersten Satz schon eine Wertung: Alles, was bislang gesagt wurde –  Worte ohne Verstand. Nicht angemessen.  Nicht von weitem hinreichend. Das Dunkel, das Hiob über den –Wegen Gottes beklagt hat, ist in Wahrheit sein Dunkel. Er hat den Ratschluss – hebräisch: ʽeāh –  nicht erkannt, nicht ergründen können. Weil er Mensch ist. Kein Gott.

 4 Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! 5 Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? 6 Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, 7 als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne? 8 Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, 9 als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, 10 als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore 11 und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«? 12 Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt, 13 damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden? 14 Sie wandelt sich wie Ton unter dem Siegel und färbt sich bunt wie ein Kleid.

             Frage auf Frage prasselt auf Hiob nieder. Immer nur von dem einen Gedanken geleitet: Bist Du, Hiob der, der die Erde geschaffen hat? Bist du Schöpfer? Hast Du die Macht, ins Leben zu rufen? Die Macht, den Naturgewalten zu gebieten? Bist du es, der die Zeit geschaffen hat?

Wo warst du, als ich die Erde gründete? Es geht um Welterfahrung von Anfang an. Und in jeder Frage wird es Hiob demonstriert, dass seine Sicht zu kurz ist, sein Arm zu schwach, sein Wille an Grenzen stößt. „Ganz klein wird der Mensch, wenn sich vor seinen Gedanken die Weite der Welt auftut.“ (A. Weiser, Das Buch Hiob, ATD 13, Göttingen 1968, S.245) In diesen Fragen wird Hiob der enge Horizont seines Denkens und Lebens aufgezeigt.

Man kann fragen: Ist das fair, die vielen Fragen Hiobs an Gottes Weg so mit einem Fragenschwall regelrecht wegzuschwemmen. Ist es fair, einfach nur die eigene Macht zu demonstrieren. Ich bin der Schöpfer – wer bist du, Menschlein? Oder anders gefragt: „Wo bleibt in dieser Antwort das Elend Hiobs?“ (W. Reiser, aaO.; S.185)

 Was bedeutet es, dass Gott zum Leiden Hiobs schweigt? Es wird wohl kaum bedeuten, dass es ihn nicht interessiert, dass es ihm gleichgültig ist. Es könnte sein, dass Gott schweigt, weil es anders gar nicht geht. „Hätte das Leiden in der Welt einen fest umrissenen Platz, geriete es sofort in den Erklärungszwang unseres Verstandes.“ (W. Reiser, Hiob. Ebda. )

 Auch daran darf ich doch erinnern: in der Mitte der Botschaft des Neuen Testamentes steht die Leidensgeschichte Jesu. Da wird davon erzählt, dass er bis in den Tod geht, bis in die Hölle der Gottesferne. Da wird das Leiden nicht erklärt, aus der Warte Gottes. Sondern da nimmt Gott das Leiden auf sich und tritt an die Seite der Leidenden, wird Teilnehmer am unbegreiflichen Elend, das Menschen Menschen antun können. Das ist keine Lehre über das Leiden als Antwort. Das ist Gott selbst, der sich gibt, sich selbst gibt als Antwort: ich bin bei euch. Auch da, ganz unten.

  15 Und den Gottlosen wird ihr Licht genommen und der erhobene Arm zerbrochen werden. 16 Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt? 17 Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis? 18 Hast du erkannt, wie breit die Erde ist?

             Dann noch dazu an Hiob, der die Ungerechtigkeit Gottes beklagt hat, der Hinweis: es ist doch Gott, der die Gottlosen bändigt, der ihnen das Licht nimmt, damit die Möglichkeiten zu ihrem Tun entzieht. Es ist Gott, der auch den Toren des Todes gebietet, der sie öffnen kann. Und die lichtlose Finsternis – Hiob hat sie doch nie gesehen. Auch wenn er das Dunkel der Welt noch so sehr beklagt.

             Mir fällt Gandalf aus dem „Herrn der Ringe“ ein. Er stürzt im Kampf mit dem Ungeheuer der Urzeit, dem Balrog in die abgründige Tiefe der Erde. Der Autor Tolkien aber widersteht der Versuchung, über diesen Abgrund auch nur eine Silbe mehr zu schreiben als dass es ihn gibt. Es gibt Finsternisse, die sind. Aber die wir noch nie gesehen haben.

 Sage an, weißt du das alles? 19 Welches ist der Weg dahin, wo das Licht wohnt, und welches ist die Stätte der Finsternis, 20 dass du sie zu ihrem Gebiet bringen könntest und kennen die Pfade zu ihrem Hause? 21 Du weißt es ja, denn zu der Zeit wurdest du geboren, und deine Tage sind sehr viel!

             Gleich zweimal: Sage an, weißt du das alles? Du weißt es ja. Es ist offenkundig: diese Gottesrede führt Hiob sein Nichtwissen vor, die Begrenztheit seiner Einsichten. Es fehlt an allem: am Wissen, an der Macht, am Können. Salopp gesagt: Hiob wird auf sein Menschenmaß zurück gestutzt. Es ist der Blick auf die Schöpfung, auf ihren Reichtum, der hier vorgeführt wird, mit dem einen Ziel: Hiob daran zu erinnern. Du bist Geschöpf. Nicht weniger, aber eben auch: nicht mehr.          

             Es ist auch eine Zurückweisung dessen, was Hiob in seinen Klagen behauptet hat, das die Erde ein undurchsichtiges Chaos sei, dass es nicht gerecht zugehe, dass die Willkür herrsche und Gott sich wie ein Despot aufführe. Diese Klagen werden so zurück gewiesen, dass auf die Schöpfung verwiesen wird, auf ihre innere Ordnung, auf die Grenzen für die Chaosmächte, auf die Vielfalt, die sich in der Schöpfung zeigt.

             Diese Gottesrede lässt sich in keiner Weise direkt auf die Argumentation des Hiob ein. Sie geht nicht wirklich auf seine Klagepunkte, schon gar nicht auf seine Anklagepunkte ein.  Aber: diese Rede führt auch keinen Schuldbeweis gegen Hiob vor. Kein Wort über eine verborgene, vielleicht unbewusste Schuld oder Sünde. Es geht nirgends um den Zusammenhang von Tun und Ergehen. Es ist, als würde Gott die ganze menschliche Diskussion über Gerechtigkeit, über Willkür, über die Eindeutigkeit seiner Wege, über das Unverständnis seinem Handeln gegenüber zur Seite schieben.

Was Gott allerdings macht, ist fragen, fragen und nochmals fragen. Den Fragen Hiobs stellt er seine Fragen an Hiob entgegen. Und in diesen Fragen zeigt er die Schöpfung als sein  souveränes und großartiges Werk, das Hiob in keiner Weise erfassen kann. Die Gottesrede räumt Hiob mit seinem Klagen auch nicht den kleinsten Funken Recht ein. Man könnte es bildlich auch so sagen: Gott spielt in einer völlig anderen Liga als Hiob. Er ist der, an den alles Fragen des Menschen Hiob nicht heranreicht.

 

Vor aller Zeit hast Du die Welt gegründet, mein Gott und Herr. Vor aller Zeit hast Du die Ordnungen gesetzt, die dem Leben dienen. Vor aller Zeit hast Du in den Lauf der Welt Deine Liebe gelegt, Deine Treue, Dein Erbarmen.

Ich sehe das nicht immer, weil ich oft nur sehe, was vor Augen ist, dass es Unheil gibt und Unglück, dass Menschen Opfer werden, dass der Schmerz manchmal alles Helle des Leben ins Dunkel stürzt.

Dann frage ich, klage ich, schreie ich nach Dir, klage Dich an. Ich will keine Antworten, keine Erklärungen. Ich will nur, dass Du da bist, unbegreiflich, schweigend, aber da. Amen