Mein Erlöser lebt

Hiob 19, 21 – 29

 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

             Irgendwann geht Hiob die Luft aus. Auch die Widerstandskraft gegen die Worte der Freunde. Was er braucht, ist Erbarmen, ist Solidarität, Beistand. Was er erfährt, sind Angriffe auf ihn, die den Angriff Gottes fortsetzen. Wenn schon die Hand Gottes ihn getroffen hat, schwer auf ihm liegt, müssen dann auch noch ihre Worte für ihn Last sein?

Hiob „klagt die Freunde an und stellt sie in eine Linie mit Gott. Beide sind wie Raubtiere, die den angeschlagenen Menschen verfolgen und zerfleischen, bis er schließlich tot ist.“ (P. Deselaers, aaO.;,S.102) Würden sie doch sehen – das wäre in Hiobs Augen schon Erbarmen – dass er unschuldig ist! Könnten sie doch aufhören, ihm immerzu die Schuld an seinem Geschick zuzuschieben.

Es ist erschütternd: Hiob ist am Ende. Nicht nur, weil das Leben ihn mit Schicksalsschlägen hart getroffen  hat. Sondern vor allem, weil es für ihn immer deutlicher wird: Gott hat sich mit seinen Schlägen gegen ihn gewandt. Der ihm da so entgegentritt und ihn ins Leiden stürzt, ist Gott, dem er sich anvertraut hatte. Hiob kennt die Abmachungen im Himmel nicht, weiß nichts von der Probe, der er ausgesetzt wird. Aber es nimmt ihm alle Kraft zum Leben, dass er Gott als den erfährt, er sich ihm feindlich entgegenstellt. Wie naiv klingt nach all diesen Sätzen und Gesprächen, was er seiner Frau gesagt hatte: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“(2,10) Da glaubt er Gott noch als den der ihm nicht über die Kräfte Böses auferlegen wird.

Die Freunde sind ihm kein Beistand, sondern sie stellen sich auf die Seite Gottes, stellen sich gleichfalls gegen ihn. Was bleibt von Hiob noch übrig? Am Anfang konnte er noch sagen: „Der Name des Herrn sei gelobt.“(1,21)Am Anfang konnte er noch auf die Nähe der Freunde hoffen, sieben Tage und Nächte lang. Aber jetzt: Gott ist ihm feind und die Freunde verurteilen ihn. 

 23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

             Letzte Worte haben immer eine besondere Bedeutung. In meinen Ohren klingen diese Sätze wie der Versuch, über den Tod vor Augen doch festhalten zu können: Wenn ich meine Unschuld nicht mehr beteuern kann, so soll sie doch wenigstens schriftlich überliefert werden. Es soll für spätere Zeiten feststehen; ich habe bis ans Ende daran festgehalten: Ich bin unschuldig!

Mir gehen die Berichte durch den Sinn von zum Tod Verurteilten, die ihre Unschuld beteuern, noch auf dem elektrischen Stuhl. Manchmal werden solche Beteuerungen zynisch abgetan als Versuch, ein Selbstbild aufrecht zu erhalten, das pure Täuschung ist. Aber manchmal stellt sich erst später heraus: es war die Wahrheit. Und die Hinrichtung folglich nichts anderes als Justizmord, getarnt und beschönigt als Justiz-Irrtum.

Es ist die Angst des Hiob, dass seine Unschuld in Vergessenheit gerät.

 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

             Was für ein Wechsel. Woher er kommt – unerklärlich. Was ihn auslöst – ungesagt. Es gibt keinen Übergang von den vorhergehenden Worten zu dem, was Hiob jetzt sagt. Keine Brücke, keine Erklärung, keine psychologische und theologisch tragfähige Entwicklung.

Aber. Als ob ihn ein Blitz getroffen hätte. Als ob ihm ein Licht aufgegangen wäre. „Ijob ist plötzlich von einer unerwarteten und unzerstörbaren Gewissheit durchdrungen.“ (P. Deselaers, ebda, S.102 ) Mir kommt es vor, dass Hiob außer sich ist, dass nicht mehr er spricht, sondern es spricht in ihm. Er ist auf einmal über sich hinaus.  „Es ist ein unfassbares Geheimnis, wenn ein Mensch auf einmal spüren und plötzlich sagen kann: „Ich weiß, er ist da. Ich weiß, es ist so. Ich bin gewiss, dass mich nichts von ihm scheiden kann.“ Diese tiefste Erfahrung kann nur als Geschenk, als Widerfahrnis empfunden werden.“ (W. Reiser aaO. S.127 )

Da meldet sich Hoffnung in dem Hoffnungslosen. Nicht; Am Ende wird alles gut. Aber: Am Ende ist einer für mich da. Für mich, der ich jetzt isoliert bin von Gott und den Menschen, einsam geworden bin, zurückgeworfen auf mich selbst, nur noch den Tod vor Augen. Am Ende steht mir einer bei.

Mein Erlöser lebt. „Löser, (hebräisch goʼēl) wird im Volk des Alten Bundes der jeweils nächste Verwandte des Menschen genannt. (Hj. Bräumer, Das Buch Hiob, 1.Teil, 1 – 19, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1992,S.302) Das kann als Vorstellung auch auf Gott übertragen werden: „Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“(Jesaja 63,16)

Ganz nahe ist dieses Wort des Jesaja am Wort des Hiob. Beide Male geht es darum, dass jemand keinen Beistand mehr hat, isoliert ist von aller menschlichen Nähe. Was tragen könnte, trägt nicht mehr. In dieser hoffnungslosen Lage wird Gott, der Vater, als der Erlöser angerufen. Es ist die Flucht vor Gott zu Gott. Zum Vater vor einem Gott, der nur noch als Feind erfahren worden ist.

Es passt zu Hiob: Dieser Erlöser muss seine Unschuld retten. Unschuld, die nicht einmal mehr in Blei geschrieben und in Fels gehauen, überdauern würde. Sie braucht den Einsatz eines, der lebt. Der das Wort ergreift. Der die Unschuld Hiobs und ihren Aufweis zu seiner Sache macht.

Es wird die Sache dieses Erlösers, dieses Anwaltes und Beistandes Hiobs sein, das letzte Wort in der Causa Hiob zu sprechen. Das Wort, das bleibt.

 26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

             Hier gewinnt die Hoffnung Hiobs noch einmal ein anderes Gesicht. Sie gewinnt das Gesicht Gottes selbst. Es geht nicht mehr nur um Unschuld. Es geht auch nicht mehr nur um einen Helfer. Es geht um das, was jetzt zerstört ist, um Gemeinschaft. Gott, der Hiob im Dunkel verschwunden ist, unsichtbar geworden in der Finsternis seiner Leiden, seinen Augen entzogen, seinem Blick entstellt – der wird ihm neu zum Gegenüber.

Gott schauen – das ist die Erfüllung des Lebens. Das ist Heil schlechthin. Es ist die Erfüllung des Bundesschlusses am Sinai: „Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist.Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen Israels. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.“(„. Mose 24, 9 – 11) Es ist die Bitte des Mose: Mose sprach: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“(2. Mose 33, 18)  Es ist die Sehnsucht, die in Israel Menschen Jahr um Jahr aufbrechen lässt zur Pilgerfahrt nach Jerusalem: „Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.“(Psalm 84,8)

Es ist das Heil, das den Weg durch die Zeit erfüllt, alles Warten an sein Ziel bringt:  „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“(Lukas2, 29-30) Es ist die Erfüllung des Lebens: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“(Matthäus 5,8)

Das alles sieht dieser am Boden zerstörte Mann auf dem Aschehaufen vor sich. Das ist seine Hoffnung. Hiob ist – das bewegt mich sehr – auch angesichts seines tiefen Elends immer noch ein sehnsüchtiger Mensch. Wie sehr muss er das Leben lieben!

Diese Worte haben ihr Echo gefunden im Lied der christlichen Gemeinde, aufgeschrieben in schweren Zeiten. Und sie haben sich bewährt, oft genug in Zeiten, in denen Menschen die Tränen näher waren als das Lachen, der Schmerz die Freude verschlingen wollte.

Dann wird eben diese haut mich umgeben, wie ich gläube,
Gott wird werden angeschaut, dann von mir in diesem leibe,
Und in diesem fleisch werd’ ich Jesum sehen ewiglich.

Dieser meiner augen licht wird ihn, meinen Heiland, kennen,                                    Ich, ich selbst, kein fremder nicht, werd’ in seiner liebe brennen;                             Nur die schwachheit um und an wird von mir sein abgethan.                                             Otto von Schwerin, 1653, zit. nach: Gesangbuch der Evangelischen Kirche: herausgegeben von der Deutschen Evangelischen Synode von Nord-Amerika (1908)

 28 Wenn ihr sprecht: Wie wollen wir ihn verfolgen und eine Sache gegen ihn finden!, 29 so fürchtet euch selbst vor dem Schwert; denn das sind Missetaten, die das Schwert straft, damit ihr wisst, dass es ein Gericht gibt.

             Nach dieser Einsicht, nach diesem Überschritt über die Qual hinaus wendet sich Hiob an seine Freunde. Stellt endlich eure Suche nach meiner Schuld ein. Hört auf, wie Spürhunde hinter mir her zu sein. Ihr werdet nichts finden. Aber ihr werdet selbst in diesem Suchen schuldig werden. Weil ihr nicht Gott folgt, weil ihr nicht offen seid für ihn und sein Erbarmen, sondern ihn festlegt, zum Erfüllungsgehilfen eurer Urteile macht. Ihm seine Freiheit absprecht.

Seltsam genug: Hiob, der sich damit abmüht, das, was ihm widerfährt, als Willkür Gottes zu beklagen und anzuklagen, der verteidigt seinen Freunden gegenüber die Freiheit Gottes. Es geht nicht an, Gott auf die Urheberschaft des Tun-Ergehens-Zusammenhanges zu reduzieren.  Er ist frei, auch unserem Tun gegenüber frei. Diese Freiheit Gottes aber verliert aus den Augen, wer ihn nur noch Echo unseres Tuns sein lässt. Die Freunde sind überzeugt, dass die Wurzel für das Unglück des Hiob in Hiob zu finden ist. Hiob setzt dagegen: die Wurzel ist, wie für alles Geschehen, in Gott.  Das zu sagen, ist Gott als Richter anerkennen und wissen: es gibt ein Gericht.      

 

Gott, Du Geheimnis der Welt. Wie könnten wir Dich je begreifen. Wie könnten wir Dir je standhalten. Aber auch: Wie könnte ich je ohne Dich leben. Ohne die Hoffnung auf Deine Güte, Dein Erbarmen.

Am Ende aller Wege, am Ende aller Klagen bleibt mir nur: Dennoch bleibe ich stets an Dir, dennoch halte ich fest, dass Du meine Hoffnung bist, dass mein Leben in Dir sein Ziel haben muss, dass ich nichts anderes weiß als dies: Ich möchte bei Dir sein, immer und ewig. Amen