Gegen die Hoffnungslosigkeit

Hiob 12, 1 – 6; 14, 1 – 12

 1 Da antwortete Hiob und sprach: 2 Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

             Manchmal bleibt nur noch Ironie. Hiob ist physisch und psychisch fast am Ende. Aber das macht ihn noch nicht wehrlos, noch nicht gefühllos. So antwortet er auf die Attacken der Freunde, auf ihre Verhaltung mit einem Gegenangriff. „Wofür haltet ihr euch eigentlich?“ lese ich zwischen den Zeilen. „Die Freunde sollen nur nicht glauben, die Leute zu sein, die die Weisheit gepachtet haben.“(Hj. Bräumer, aaO.;S.197) Hiob treibt es auf die Spitze: ohne euch und eure Weisheit wäre die Welt ein dunkles Loch!

 3 Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

             Ohne Umschweife: ich bin nicht dümmer als ihr. Ich bin nicht weniger bewandert in den Schriften wie ihr. Ich kann auch denken. Es wirkt, als würde Hiob sich darauf berufen, dass die Leute ihn doch kennen, dass es doch dieses Bild von ihm gibt: „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“(1,1) Hiob kann sich durchaus sehen lassen, auch mit seinem Verstand, seinem Verstehen und Begreifen.   

 4 Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein. 5 Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt! 6 Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

             Aber – wie auch immer Hiob sich selbst sieht, andere sehen ihn anders. Er ist zum Gespött geworden. Er ist in den Augen der Freunde einer, der mit seiner Frömmigkeit und Gerechtigkeit gescheitert ist. „Hohlkopf“ hat ihn Zofar genannt und damit auf den Punkt gebracht, was sie wohl alle drei denken: Das, was sie jetzt vor Augen haben, Hiob auf seinem Aschehaufen, sagt, was ist: sein Leben ist nichts mehr wert. Seine Überzeugungen sind widerlegt. Alles, was er gesagt, getan, geglaubt hat, ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Ein einziges Trümmerfeld – sein Leben, sein Glauben. Und sie sind dabei, ihm den letzten Stoß zu versetzen.

„Die sich des Tun-Ergehen-Zusammenhang so sicher sind, leben nach dem gemeinen Grundsatz: „Was fallen will, das soll man auch noch stoßen“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.198) Da ist kein Mitgefühl, kein Mitleid, vielleicht auch keine klammheimliche Schadenfreude. Aber sie sind himmelweit entfernt von dem, was die Schrift als die Art Gottes zeichnet. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“(Jesaja 42,3) Sie, die so stolz die Gerechtigkeit Gottes zu kennen behaupten, werden doch Gott in keiner Weise gerecht. 

14, 1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

             Hiob hat sehr wohl aus der Glaubenstradition Israels gelernt. Er kennt sich aus, nicht weniger als die Freunde. Er weiß, dass der Mensch vergänglich ist. Jeder, auch er selbst. Darüber macht er sich nichts vor. Er sagt, wie  es ist: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit – und sagt es wie ohne Bedauern. Nüchtern: So steht es um uns, um mich.

Wir sind alle nur für kurze Zeit hier Gast auf Erden. Schattenhafte Gestalten, wenn man auf das Ganze der Welt und Zeit sieht. Ein nichts angesichts der Größe des Alls, angesichts der Millionen Jahre, die die Welt ist. Es besteht kein Anlass zur Selbstüberschätzung.

  3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

             Und doch: Gott sieht auf dieses vergängliche Wesen. Hat ein Auge auf ihn. Achtet auf ihn. Einmal mehr erweist sich Hiob als einer, der den Psalmen nahe ist:

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                                und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?                                                         Führe ich gen Himmel, so bist du da;                                                                                bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.                                      Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,                             so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.                                                Psalm 139, 8-10 

             Der Unterschied: Im Psalm ist die unausweichliche Gegenwart Gottes beängstigend und tröstend in gleicher Weise. Ambivalent, zwiespältig. Sie kann erdrücken, aber eben auch schützen. In den Worten Hiob ist sie nur noch beängstigend: Gott ist nur so gegenwärtig, dass er vor Gericht zerrt.  Anders vermag ihn Hiob nicht mehr zu sehen.

4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

Dabei ist es ja unausweichlich, Schicksal. Von Anfang an, vom Wesen des Menschen her. Was die Freunde ihm als Anklage vorhalten, was sie aus ihrer Dogmatik ableiten, dass er doch ein Sünder sein muss, unrein und alle seine Unschuldsbeteuerungen nur Selbstbetrug, das bringt Hiob jetzt vor – aber als Klage gegenüber Gott.

Hiob ist weit davon entfernt, zu leugnen, was ist. „Er kennt das Gefangensein des Menschen in der nicht abreißenden Kette der Sünde.“ (A. Weiser, aaO.; S.102) Er kennt diese Not. Aber er hält es Gott vor, dass er diese Not zur Anklage gegen ihn, gegen Hiob wendet.

5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Nun noch eine Sehnsucht hat Hiob: dass Gott wegschaut. Dass der Richter ihn aus den Augen lässt. Dass er Ruhe hat, bis der Tag des Sterbens kommt. Mitten in der Bibel, die das Leben als die höchste Gabe Gottes preist, diese ergreifende Klage: es gibt Leben, das so schrecklich ist, so verwundet, verletzt, zerbrochen, dass nur noch die Hoffnung auf den Tod bleibt. Das selbst die Gottesferne ihren letzten Schrecken verliert. „In gefährlichen schönen Bildern scheint er in das faszinierende Lied von der Nichtigkeit des menschlichen Lebens einzustimmen… Die Absolutheit des Todes scheint ihn geradezu vergänglichkeitssüchtig zu machen.“ (W. Reiser, aaO.;, S.104)

Es ist keine abstrakte Klage. Kein theoretische Erörterung, wann das so ist. Es sind, das darf man beim Lesen dieser Worte nie außer Acht lassen, die Worte eines Menschen, dem wirklich alles genommen worden ist. Die Kinder, der Reichtum, sein Lebensglück, das Ansehen, die Gesundheit. Einer, der bei lebendigem Leib und Geist verfällt. Der aber nie, wirklich nie, auch nur annäherungsweise den Gedanken erwägt, sich selbst ein Ende zu setzen.

7 Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. 8 Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, 9 so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

So hoffnungslos ist für Hiob die eigene Situation, dass er sagen muss: Selbst für einen gefällten Baum gibt es noch Hoffnung. Aber für mich?

„Wir sägten Holz, griffen dabei nach einem Ulmenbalken und schrien auf. Weit im vorigen Jahr der Stamm gefällt wurde, war er vom Traktor geschleppt und in Teile zersägt worden, man hatte ihn auf Schlepper und Lastwagen geworfen, zu Stapeln gerollt auf die Erde geworfen – aber der Ulmenbalken hatte sich nicht ergeben! Er hatte einen frischen grünen Trieb hervor gebracht – eine ganze künftige Ulme oder einen dichten, rauschenden Zweig. Wir hatten den Stamm bereits auf den Bock gelegt, wie auf einen Richtblock; doch wir wagten nicht, mit der säge in seinen Hals zu schneiden. Wie hätte man ihn zersägen können? Wie sehr er doch leben will – stärker als wir“ (A. Solschenizyn, Im Interesse der Sache, Neuwied 1970) 

Umso härter die Klage Hiobs, seine Hoffnungslosigkeit.

10 Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? 11 Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, 12 so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

Mag sein, in der Natur und im Jahreskreislauf gilt: Stirb und werde! Für den Menschen gibt es keine Wiederkehr. Keinen Ort jenseits des Todes. Das Totenreich, nach dem sich Hiob sehnt, ist ihm nicht wirklich ein Ort. Sondern ein Nicht-Ort, eine Utopie. Das erst, diese Leere, dieses Nichts macht sichtbar,  wie tief die Verzweiflung Hiobs ist. Da ist kein Raum für eine Hoffnung auf ein Handeln am Menschen, das neue Zukunft öffnet. „Es gibt vom Menschen her keine Hoffnung über den Tod hinaus, weder in dem Sinn, dass der Mensch selbst aus den Todesschlaf einmal  erwachen würde, noch dass es irgendjemand gäbe, der ihn daraus erwecken könnte – außer Gott selbst.“ (A. Weiser, aaO.; S,104 )

 

Mein Gott, flüchtig und nichtig ist unser Leben, ein paar Jahre sind wir da und nehmen uns so wichtig. Mein Gott, weil Du Deine Augen auf mich richtest, halte ich mich für einen angesehenen Menschen. Weil ich Dir wert bin, bin ich mir wert. Weil ich Dein Achthaben auf mich glaube, über jedem Leben, will ich achten und achtsam sein für mich, für uns, über  allem Leben.

Ich glaube nicht, dass das Ziel des Lebens das große Dunkel ist, das Nichts. Ich glaube, dass Du selbst uns am Ende das große weiße Tor öffnest, die Pforten der Ewigkeit, die Tür zum Vaterhaus. Amen