Sieben Tage

Hiob 2, 11 – 13

11 Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten.

             Hiob ist auf seinem Aschehaufen nicht vergessen. Trotz allem Unglück gibt es Menschen, die seine Freunde sind. Die nicht auf Abstand gehen. Sich nicht zurückziehen von dem, der so geschlagen ist durch sein Unglück, durch seine Krankheit. Nicht innerlich auf Abstand gehen, als sie hören, was ihm widerfahren ist. Ihr Hören ist kein folgenloses Höre, so wie manche Information über die Schrecken der welt an uns folgenlos abperlt, sondern es wird ein Hören, das sie in Bewegung setzt.

Sie machen sich zu ihm auf – jeder aus seinem Ort. Weit voneinander entfernt wohnend haben sie doch von Hiobs Unglück erfahren. Wie spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass sie kommen. Wichtig ist auch, warum sie kommen: um ihn zu beklagen und zu trösten. Darin sind sie sich einig. Ob es sich deshalb gleich um ein „koordiniertes Treffen“ (Hj. Bräumer, aaO., S.86) handeln muss, wage ich nicht zu beurteilen.

Was sie vorhaben, ist ein Stück menschliche Solidarität. „Mitleid ist nicht zuerst eine Sache der Worte, sondern der sich bis in Körperliche auswirkende Ausdruck der Betroffenheit.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.87)Sie kommen also schlicht, um ihm nahe zu sein und ihn in dieser Nähe Trost erfahren zu lassen. Es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was für ein harter Weg dies für die Ftreunde ist. Und je näher sie Hiob kommen werden, umso härter wird es auch für sie.

 12 Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt 13 und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.

             So hart ist Hiob von seinem Geschick betroffen, dass er für die Freunde nicht mehr zu erkennen ist. Er ist nicht nur gezeichnet, sondern „durch seine Krankheit entstellt“ (A. Weiser, aaO., S.37), regelrecht ein Anderer geworden. Seine Gestalt des Jammers ist ihnen fremd. Es ist nicht mehr der Hiob aus glücklichen Tagen, den sie zu Gesicht bekommen. Es ist, als sehen sie einen Fremden namens Hiob. Den „alten“ Hiob gibt es nicht mehr.

             Es beginnt eine Klage, die fast schon wie eine Totenklage wirkt. „Hiobs Freunde wagen es, auch die Fassung zu verlieren. Ihnen ist noch nicht eingetrichtert worden, dass Männer nicht weinen dürfen.“(W.Reiser, aaO., S.29)Die zerrissenen Kleider, der Staub, der zum Himmel geworfen wird und auf ihre Häupter fällt – das alles passt zu diesem letzten Schmerz, dass ein Mensch nicht mehr da ist. Das ist nicht mehr der Hiob, den sie kannten: fromm, reich und glücklich, den sie vielleicht sogar ein wenig beneideten.

Jetzt sitzen sie neben ihm. Die Klage ist verstummt. Die Worte fehlen. Es bleibt nur: Aushalten. Stillhalten. Ein Abgrund des Verstummens und Schweigens, ein Abgrund des Schmerzes. Sieben Tage und sieben Nächte.

Das gibt es immer wieder, dass wir in ein Leid hineingeraten, ob es uns nun selbst betrifft oder wir betroffen sind, weil es Freunde trifft, auch weil es Ferne trifft, das uns die Worte raubt. Das alle Worte leer erscheinen lässt. Wie Geschwätz. Leichtfertig dahin gesagt. Es ist eine große Kunst und harte Arbeit, sich die Flucht in die Worte zu versagen. Es auszuhalten, dass es nichts zu sagen, schon gar nichts zu erklären gibt. Manchmal gibt es nur „eine schweigende Annahme des Unverstehbaren.“ (P. Deselaers aaO., S.32) Manchmal aber auch nicht einmal mehr das. Da ist nichts mehr zu verstehen und auch nichts mehr anzunehmen. Da ist nur noch Schmerz.

Es ist eine der Bibelstellen, die mich tief beeindrucken: Sieben Tage und sieben Nächte halten die Freunde bei Hiob aus. Schweigend. Stumm. Ohne dass sie Worte haben. Brüder im Schmerz. Wie geschwätzig ist dem gegenüber unsere Zeit. Wir sehen Bilder von Sterbenden, Bilder von Verschütteten, Bilder von der Zerstörung des Krieges. Der Moderator, die Moderatorin holt Luft: „Und jetzt die Zahlen des DAX. Und jetzt die Sportergebnisse des Tages.“ Dieser Übergang zur Normalität ist eine Obszönität ganz eigener Art. 1972, nach dem Massaker in Fürstenfeldbruck, das sich in diesen Tagen wieder einmal jährt, nach einem Tag innehalten: The Games  must go on.

Als die beiden Töchter meines Patenonkels mit dem Ehemann der Älteren zusammen in einem PKW tödlich verunglückten, da kam der Pfarrer zu ihm und seiner Frau und hat eine Nacht lang mit ihnen geweint. Kein Wort des Trostes. Nur geteilte Zeit und geteilte Tränen.

Wir, so denke ich, trauen uns schon lange nicht mehr in die Tiefe des Schweigens und des Schmerzes,  wie es die Freunde Hiobs in diesen sieben Tagen und sieben Nächten tun. Vielleicht lernen wir das Dasein für Andere und das Dabeisein in der Tiefe erst wieder, wenn wir das Schweigen neu lernen, den Verzicht auf die Worte. Wir müssen nicht zu allem etwas zu sagen wissen.

 

Heiliger barmherziger Gott, gib mir die Stärke zu schweigen, wenn das Leid keine Worte zulässt. Gib mir die Geduld zu warten, Zeit zu teilen mit dem, der meine Nähe braucht. Gib mir die Fähigkeit zum Mitleiden, wo der Schmerz alles andere zudeckt. Gib mir die Liebe, die sich zuwendet, wo der Schmerz und das Leid alle Liebe begraben, alles Begreifen ersticken, alle Zukunft verschlingen. Amen