Hiobs-Botschaften

Hiob 1, 13 – 22

13 An dem Tage aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,  14 kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, 15 da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

             Es ist wie in einem Film, einem Horror-Film. Eben noch wird der Blick auf ein Fest gerichtet, friedlich, unbeschwert, sorglos. Die Söhne und Töchter Hiobs sind zusammen bei dem Erstgeborenen und feiern. Sie machen Party.

Der Vater ist zu Hause. Ein Bote nach dem anderen trifft bei ihm ein. Der erste: Räuber fallen über die Leute her, die bei der Feldarbeit sind. Sie erschlagen die Knechte und rauben die Tiere, fünfhundert Rinder und fünfhundert Eselinnen. Nur einer entkommt. Um die Botschaft zu überbringen. Hiob hört. Keine Reaktion.

 16 Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

             Liegt  es daran, dass der erste Bote sogleich von einem zweiten regelrecht „überstimmt“ wird? Und der wieder von einem dritten und dieser von einem Vierten? „Wie eine Besatzungsmacht, die fremden Befehlen folgt, wirkt diese Serie.“ (P. Deselaers, aaO., S.23) Der zweite Akt der Serie: Die Schafherde und  die Knechte bei ihr hat es getroffen. Diesmal nicht menschliche Bösartigkeit, sondern Feuer Gottes. Blitzschlag. Siebentausend Schafe und ihre Hirten – verloren.

 17 Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

             Es geht weiter, Schlag auf Schlag. Diesmal wieder ein feindlicher Überfall. Die Chaldäer haben angegriffen,„räuberische Beduinenstämme aus der syrischen Wüste“ (Hj. Bräumer, aaO., S.60) Dreitausend Kamele und die Knechte, geraubt und erschlagen. Wieder entgeht nur einer dem Gemetzel, dem Überfall, ein Unglücksbote.          

18 Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, 19 und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

             Als wäre es noch nicht genug, kommt ein vierter Bote. Und berichtet von einem großen Wind aus der Wüste, einem Schirokko, der das Haus eingerissen und alle Kinder Hiobs unter den Trümmern begraben hat. Wie von selbst stellen sich Bilder ein, von Erdbeben, Orkanböen, Windhosen. Von der unfassbaren Gewalt der Natur, die alles niederreißen kann.

Und wieder: einer ist entronnen, dass ich dir´s ansage. „Viermal – und das will im Anklang an die vier Himmelsrichtungen sagen: von allen Seiten – treffen ihn Hiobsbotschaften.“  (P. Deselaers, aaO.; S.23) Was für ein Kontrast:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.      Psalm 139,5

                           Hier: Von allen Seiten hagelt es Unheils-Botschaften. Hiobsbotschaften. Hiob ist vom Unglück umstellt und unwillkürlich fragt man sich: und wo ist Gott jetzt? Der Satz der  Boten, der sich ja unheimlich gleichförmig wiederholt: ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte. erweckt und verstärkt den Eindruck: Das alles geschieht um Hiobs willen. Man möchte schreien: nein, um Gottes willen, nein. Aber es ist wohl die Absicht des Erzählers: So wird Hiob geprüft.

So rasch prasseln die Botschaften auf ihn nieder, dass Hiob gar nicht zur Besinnung, zu Worten kommt, auch gar nicht dazu kommt, sich zu erheben, sich zu stellen. Der ganze Reichtum Hiobs – an einem Tag dahin.

20 Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief 21 und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! –

Endlich steht Hiob doch auf. Stellt sich seinem Unglück. Es ist ein Trauer-Ritus, der hier sichtbar wird. Tief verborgen in dem Ritus die Emotionen. Geschützt und gestützt. Und dann, zu Boden geworfen, endlich Worte. Worte voller Schicksalsergebenheit? Aller seiner Habe und seiner Kinder beraubt sieht Hiob sich nackt – wie am Anfang. So wird auch das Ende sein.

Dem Mutterleib entspricht der Erdboden, der die Toten aufnimmt. Es ist das Wesen des Lebens, aufs Äußerste reduziert: „Wie einer nackt von seiner Mutter Leibe gekommen ist, so fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und trotz seiner Mühe nimmt er nichts mit sich in seiner Hand, wenn er dahinfährt.“(Prediger 5,14)Man kann fragen: Ist das Resignation, Schmerz, der sich das Klagen verbietet oder ist das eine, zumal in Hiobs Situation, geradezu erschütternde Nüchternheit?

Und dann das andere Wort: Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! – allzu oft als rasches Trostwort missbraucht. „Ich kann den Spruch Hiobs nicht anders als in der Ich-Form hören und nachstottern. Es ist ein persönliches Bekenntnis, nicht ein Dogma. Es ist nicht einmal ein Glaubenssatz, der übertragbar wäre. Es gibt keine generelle Antwort. Gott ist keine Erklärung für alles, was geschieht.“ (W. Reiser, aaO., S.20) Wohl wahr: dieser Satz Hiobs gehört zu den Sätzen, die man nur für sich selbst sagen kann, die man nicht anderen sagen darf, die sich eben nicht als Trostsatz für andere eignen.

Getroffen und geschlagen: Vom Leben gebeutelt. Zu Boden geworfen. Und dennoch: der Name des Herrn sei gelobt. Hiob „tut das direkte Gegenteil von dem, was der Satan erwartet.“ (Hj. Bräumer, aaO., S.68) Er segnet Gott, wo der Satan Fluch erwartet hätte. Oder Absage an Gott. Abwendung.

Mir kommt die Frage, ob es stimmt, dass diese Worte Hiob als einen demütigen Dulder zeigen. Der sich widerspruchslos unter das Schicksal beugt. Sich ergibt. Vielleicht aber haben seine Worte nichts mit seinem Gemütszustand zu tun, taugen nicht für eine Analyse seiner Emotionen.  Sie könnten ja auch einfach sagen, wie Hiob – und der Hiob-Erzähler- das Leben und sein Geschick sieht.

Leben ist Gottes Gabe. Die Güter des Lebens sind Gottes Leihgabe. Er kann sie auch wieder nehmen. Auch das Nehmen des Lebens ist Gottes Recht und Gottes Tat. Ganz nahe ist dieses Sicht an den Worten des Predigers: „Alles unter dem Himmel hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit. Sterben hat seine Zeit.“(Prediger 3,1.2)Es mag sein, das klingt nach Fatalismus. Auch nach Resignation.

Zuhause, in der kargen Landschaft des Westerwaldes, bin ich gelehrt worden: Man muss sich schicken in das, was ist. Das ist nicht gerade die Parole, aus der Rebellen schöpfen. Aber es ist ein Satz, der hilft, weiterzumachen. Tapfer den nächsten Schritt zu gehen.

22 In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.

Es ist die Tugend der „Aphatia“, die hier sichtbar wird. Distanz, Unabhängigkeit von dem, was gerade ist, mich zu Boden wirft. Eine Tugend, die die Wüstenväter hoch preisen, während uns die Apathie mehr wie ein Krankheitszustand vorkommen will. Apathia meint: „Ich schaue meine Gedanken und Gefühle an, aber ich identifiziere mich nicht damit.“ (A. Grün, Der Himmel beginnt in dir. Das Wissen der Wüstenväter für heute. Freiburg 1994, S.105) Hiob bleibt, so lese ich diesen Satz, seltsam frei, obwohl er doch so tief getroffen ist.

Mich beschäftigt ein Gedanke: Manchmal erzählt die Bibel ja wie im Zeitraffer-Stil. Was sich über lange Zeit hin abspielt, wird in wenige Sätze zusammengepresst. Schlag auf Schlag treffen die Hiobs-Botschaften ein. Auf einen Tag. Und dies suggeriert: Am gleichen Tag noch sagt Hiob sein: Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! – So rasch. Zu rasch?

Aber wäre es denn einfacher für uns Lesende heute, wenn Hiob sein Wort erst nach Jahren sagen würde? Nach einem langen und schmerzhaften Trauer-Prozess? Nach einem inneren Ringen, nach langen Gesprächen mit Freunden, deren Zeugen wir werden? Wäre es wirklich einfacher, wenn diese Worte erst am Ende des Hiob-Buches stünden, in Kapitel 42, nach den Aufschreien, Klagerufen, Zornesausbrüchen?  Auch da könnten sie stehen und hätten ihren sinnvollen Platz – als Ergebnis eines Trauerweges, den wir nachvollziehen können, auch wenn wir ihn nicht teilen.

Mein Eindruck: dieses Wort bleibt eine Herausforderung, ob es nun den Anfang oder das Ende eines Trauerweges markiert. Und es fragt mich an: wie hältst du es mit den Schicksalsschlägen, den guten und den schweren? Sind es deine Worte, können sie es werden – oder sind es nur Worte in einem uralten Poesie-Album?

Frei – und vor Gott. Das Ziel dieser Prüfungen, das Ziel der Schicksalsschläge ist aus der Sicht Satans verfehlt, aus der Sicht Gottes aber erreicht. „Obwohl sich für Ijob alles drastisch verändert hat, obwohl die Grundlage seines Glücks zerstört ist, bleibt er Jahwe treu. Darin ist er der vollkommene Weise.“ (P. Deselaers aaO., S.25) Es scheint, als würde das Menschenvertrauen Gottes belohnt.

 

Mein Gott, wenn mich das Leben als Schmerz trifft, Leiden, sind alle meine Sinne wie betäubt, habe ich keine Worte mehr, weiß ich nicht mehr aus noch ein.

Was mir bleibt: stillhalten, manchmal auch nur sich selbst verschließen, nicht wahr haben wollen, weil die Wahrheit zu schrecklich ist. Um Fassung ringen, um Haltung, damit ich vielleicht doch irgendwann wieder erfahre: Du hältst mich. Tausend Klafter über dem Abgrund. Aber Du hältst fest. Amen