Vom Vertrauen Gottes

Hiob 1, 1- 12

 1 Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

             Es fängt wie ein Märchen an: es war einmal… Es wird aber ganz und gar nicht märchenhaft weitergehen. Es ist auch völlig offen, ob hinter den kargen Sätzen eine geschichtliche Persönlichkeit (Hj. Bräumer, Das Buch Hiob, 1.Teil, 1 – 19, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1992, S.22)steht oder ob in Hiob eher ein „Typus und Beispiel, in dem zugleich des Dichters eigene Erfahrungen zu Worte kommen“ (A. Weiser, Das Buch Hiob, ATD 13, Göttingen 1968, S.27), zu sehen ist.

Weil das Land Uz nicht geographisch zu greifen ist, weil es so vage anfängt, ist es gut, sich einfach auf die Worte zu konzentrieren. Der Namen des Landes wird darauf hindeuten: Hiob ist kein Israelit, keiner aus dem Samen Abrahams, keiner, auf dem die Verheißungen des Segens liegen.

Aber trotzdem erscheint er wie das ideale Bild eines Gerechten Israels: fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Dennoch kann es verwundern, dass er so hervorgehoben wird: „Wenn dann diese drei Männer im Lande wären, Noah, Daniel und Hiob, so würden sie durch ihre Gerechtigkeit allein ihr Leben retten, spricht Gott der HERR.“ (Hesekiel 14,14) Hier wird Hiob in einem Atemzug genannt mit dem Gerechten Noah und dem Propheten Daniel.

Hiob ist einer, so die knappe Charakterisierung, der gut mit Menschen umgeht und der darauf achtet, dass er auch Gott entspricht, sich an seine Ordnungen hält. Seine Gottesfurcht lässt ihn sich ethisch sorgfältig verhalten. Nicht furchtsam, sondern bedacht.

  2 Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, 3 und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

Das ist das Bild eines reichen Menschen. Eines glücklichen Menschen. „Ein intakter Mensch in einer intakten Welt….Das tönt so einfach, wie wenn es selbstverständlich wäre, dass ein Mensch so ist.“ (W. Reiser, Hiob. Ein Rebell bekommt Recht, Stuttgart 1991, S.8) Es hört sich nach heiler Welt an. Wer würde mit diesem Mann und seiner Lebens-Situation nicht tauschen wollen. Söhne, Töchter, Reichtum, Glück – kurz: Wohlstand. Um Hiob steht es gut.

  4 Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. 5 Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.

             Es sind Szenen, die einen besorgten, sorgsamen Vater zeigen. Einen, der seinen Söhnen und Töchtern Freiheit lässt, ihnen ihre Feste gönnt, sie nicht ängstlich einengt. Wohl aber sich selbst in der Pflicht sieht: für sie einzustehen. Seine Opfer sind Fürbitte für die Söhne, sind eine Art Stellvertretung. Wenn sie gottvergessen sein könnten, so will er das für sie nachholen. „Ijob weiß sich selbst für seine Kinder verantwortlich und stellt die bei den Gelagen möglicherweise gestörte Ordnung durch Opfer regelmäßig wieder her.“ (P. Deselaers, in: Sehnsucht nach dem lebendigen Gott. Das Buch Hiob; Bibelauslegung für die Praxis 8, Stuttgart 1983,S.18 ) Es ist das sympathische Bild eines Vaters, der seine Kinder nicht anpredigt, nicht fromm malträtiert, sondern betend und opfernd für sie eintritt.

 6 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen.

Szenenwechsel – aus Uz  in den Himmel. Oder vorsichtiger: vor den HERRN. Dort sind die Göttersöhne in einer Art Ratsversammlung zusammen und unter ihnen der Satan. Es ist wichtig, sich klar zu machen. Hier redet ein alter Text, in dem es noch keine ausgeprägte und ausgefeilte Vorstellung vom Satan gibt. Wohl aber das Wissen, dass er eine Rolle wahrnimmt, die Rolle des Anklägers. Man könnte auch sagen: die Rolle des Anwaltes der Heiligkeit Gottes. Man darf bei dem Stichwort Satan nicht gleich an den  Widersacher Gottes denken, der ihm die Welt abluchsen will. Es genügt, dass er, wie sich im Gespräch zeigen wird, sein Widerpart ist, der ihm widerspricht.

 7 Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 8 Der HERR sprach zum Satan: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

             Es entspannt sich ein Dialog, in dem Gott sich stolz zeigt – nicht auf sich selbst und sein  gelungenes Werk, sondern auf Hiob. Was für eine Vorstellung – und wie fremd für christliche Ohren: Gott ist stolz auf seinen Menschen, voller Wohlgefallen an einem von ihnen. Er sieht einen und sagt: unvergleichlich. Einer, wie ich ihn mir gedacht habe, in der Schöpfung: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“(1.Mose 1,27)Und greift zur Beschreibung Hiobs zurück auf die Worte des Erzählers: fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Was die Leute über Hiob sagen, stimmt – sagt der HERR.

 9 Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?  10 Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. 11 Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!

             Der Satan, Widerpart Gottes, Realist, hält dagegen. Ein Skeptiker, wenn es um die selbstlose Frömmigkeit von Menschen geht. Es lohnt sich doch auch für ihn. Er ist doch einer, von dem gilt: Du hast das Werk seiner Hände gesegnet. Es geht ihm gut – und weil es ihm gut geht, ist er fromm. „Seine Frömmigkeit ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.“ (Hj. Bräumer, Das Buch Hiob, 1.Teil, 1 – 19, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1992,S.46)

Das ist die Gegenthese zu dem, was fromme Leute heute gerne sagen: `Den Leuten geht es zu gut, deshalb sind sie nicht mehr fromm. Ginge es ihnen schlecht, würden sie wieder nach Gott fragen. Not lehrt beten. Wohlstand macht die Kirchen leer.´ Mich macht nachdenklich, dass der Satan so auf die Not setzt, um Hiob von Gott abzubringen, auf den Schmerz, auf das Leid.

Es ist eine Anfrage an Konzeptionen, die bis heute in Schwang sind: Glaube ist dadurch gerechtfertigt, dass er nützt. Er muss sich nicht in Heller und Pfennig rechnen, nicht in Karrieregewinnen und Lebenssteigerung, Aber muss sich lohnen. Wie oft habe ich das selbst gesagt: Ich habe durch den Glauben eine Zuflucht, eine Adresse für meine Fragen und Klagen. Einen Ort, an dem ich geborgen bin. Glaube lohnt sich, nicht unbedingt materiell, aber auf jeden Fall existentiell.

Damit aber gehe ich dem Satan auf den Leim. Das ist ja seine Unterstellung: Hiob glaubt nur, weil und solange es ihm etwas bringt. Gott allein um Gottes willen, Gaube, der nichts nützt, nichts bringt – das gibt es nicht.

Es ist eine offene Frage, die wohl jede und jeder für sich beantworten muss: Ist mein Glauben an Gott nur ein Gauben für gute Tage? Oder ist es ein Glaube, der mich standhalten lehrt? Auch wenn es „durch das Todesschatten-Tal“ (Psalm 23,4) geht? Gefährdet mein Besitz mein Gottvertrauen oder führt er mich in eine Dankbarkeit, die sich nicht am Besitz, sondern an Gott festmacht, festhält?

Satan fordert Gott heraus: wenn du so auf Hiob baust – stelle ihn doch auf die Probe. Lass sehen, ob er dabei bleibt: Gott ist gut, wenn du ihn antastest, seinen Besitz, seine Habe, sein Ein und Alles.

Keine Wette, aber eine Probe. Wie standfest ist Hiob mit seinem Glauben? „Ob Gott wirklich allein der Herr, Motiv und Ziel der Frömmigkeit ist, kann und muss sich erst erweisen, wenn die schützende Mauer fällt; wenn der Mensch, aller Güter beraubt, noch an Gott als seinem einzigen Gut festhält, dann ist Gott gerechtfertigt.“ (A. Weiser, aaO., S.31) So steht also nicht nur Hiob vor einer Probe, sondern Gott selbst wird auf die Probe gestellt: Macht Gott sich etwas vor über die Qualität seines Menschen? Über diesen Vorzeigemenschen Hiob? Es gehört zur tiefen Sicht des Buches Hiob: Mit dem Menschen  und seiner Bewährung steht immer auch Gott und seine Klarheit mit auf dem Spiel.

12 Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.

Gott aber lässt sich darauf ein, dass Hiob „geprüft“ wird. Alles, was er hat. Sein Hab und Gut. Seine Kinder, Söhne und Töchter. Wie nebenbei wird deutlich: sie sind Habe des Vaters. So vermögen wir heute nicht mehr zu denken Und doch sagen auch wir „mein Sohn, meine Tochter“, als wären sie unser Besitz.

Das ist Gottes Gegenposition zu der These des Satans: Gott setzt auf Hiob. Er wird festhalten, auch wenn es nichts nützt, nichts bringt. Er glaubt an mich, hängt an mir, aus dem einen Grund: um meinetwillen. Es ist Hiobs Glaube:

 Wenn ich nur dich habe,  so frage ich nichts nach Himmel und Erde.   Psalm 73,25 

Es ist unheimlich: was wir lesen, ist Hintergrund, von dem Hiob nichts weiß. Nie etwas erfährt. Dass er Gegenstand eines Dialogs im Himmel ist, dass das Vertrauen Gottes auf ihm ruht, das weiß Hiob nicht. Es ist verrückt, aber vielleicht genau das, was wir hier lesen können: Gottes Zutrauen zu uns ist größer, als wir es je wissen und vermuten können.

Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.

             Jetzt kann der Satan handeln. Er hat freie Hand. Es ist mehr als nur ein „Zulassen“, dieses Wort Gottes an den Satan. Es hat etwas von einer Ermächtigung. „Satan macht sich unverzüglich ans Werk; und das Unheil schreitet schnell.“ (A. Weiser, aaO., S.31)

 

Gott, mich erschreckt der Gedanke, dass Du mich so auf die Probe stellen könnest, mein Zutrauen zu Dir, meine Frömmigkeit, mich selbst als Mensch und Christ.

Aber es lässt mich auch staunen, dass Du so damit rechnest, dass sich Frömmigkeit bewährt, dass wir festhalten an Dir, dass wir Dein Vertrauen nicht enttäuschen werden, wenn das Leben uns prüft. Danke für Dein Vertrauen. Amen