Schein-Heilig

Matthäus 23, 1 – 22

1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach:

             Das Gespräch mit den Pharisäern ist zu Ende. Zurück bleiben Jesus, die Jünger und das Volk. Zu ihnen spricht Jesus nun – in einer langen Rede über die Pharisäer und die Schriftgelehrten. Ob auch die Pharisäer noch anwesend gedacht werden müssen, ergibt sich für nicht aus diesen ersten Sätzen. Klar ist nur: Es ist das letzte Mal, dass sich Jesus auch an das Volk wendet.   

 Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen.

             Jesus beginnt mit einer Feststellung. Schriftgelehrte und Pharisäer beanspruchen die Lehrautorität, beanspruchen, dass sie es sind,  die Mose richtig auslegen. Es mag sein, dass sich das auch äußerlich auf herausgehobene Sitze in den Synagogen bezieht, aber im Kern geht es doch wohl um die Auslegung des Gesetzes, der Torah.

Es wirkt überraschend: die Hörer sollen alles halten, was die Pharisäer lehren, aber sich nicht an ihrem Tun orientieren. Es wird noch schwieriger, wenn ich weiterlese: das, was sie lehren, legt den Menschen schwere Lasten auf die Schultern. Und dennoch soll man ihren Lehren folgen?

Es ist gut, sich zu erinnern, was Jesus  von sich und seinem Lehren sagt:  „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (11,29-30) Es kann also, so die logische Schlussfolgerung, doch nicht wirklich gelten: Alles, was sie euch sagen, das tut. 

Wo ist der Ausweg? Man kann exegetisch zu retten versuchen: Es sind keine Worte Jesu, sondern spätere Bildungen.  Aber das überzeugt mich nicht, denn auch für Matthäus, wenn er denn diese Worte gebildet hätte, gilt doch, dass er den inneren Widerspruch in diesen Worten bemerkt haben muss.

Eine mögliche Lösung: der erste Teil der Aufforderung Jesu ist nicht ganz ernst gemeint, der zweite aber umso ernster. Also: lasst sie reden, was sie wollen, aber folgt auf keinen Fall ihrem Handeln. Ahmt sie nicht nach. Denn sichtbar ist der Zwiespalt, in dem sie leben: Sie reden anders als sie leben. Sie kommen mit ihrem Leben nie ihren Reden nach. Salopp formuliert: sie predigen Wasser und saufen Wein.

Heinrich Heine hat es, als Kritik an allem heuchlerischen Verhalten, wohl auch und gerade im Blick auf Kirchenmänner poetisch formuliert:

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, Ich kenn auch die Herren Verfasser;  Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.                        H. Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen 1844

 Es ist wichtig, sich diese Kritik nicht vom Hals zu halten.  Sich ihr als Kirchen zu stellen. Weil die Worte Jesu zwar historisch auf die Pharisäer zielen mögen. Aber sie sind gleichzeitig eine Warnung an alle, die in Sachen Glauben und Leben das Wort nehmen. Sich darum zu mühen, dass der Zwiespalt zwischen den Worten und dem eigenen Leben nie so groß wird, dass die Worte durch das Leben widerlegt werden. Meine Überzeugung: Um den Zwiespalt kommen wir nicht herum. Unser Leben bleibt immer zurück hinter dem, was wir sagen, was wir fordern. Von anderen, aber auch von uns selbst.

  5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan bei Tisch und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden.

            Es folgt eine weitere Attacke auf die Pharisäer: sie sind öffentlichkeitsbewusste Leute. Sie sind aus auf den schönen Schein. Sie ringen, ja buhlen um Ansehen, um Ehre, Anerkennung. Sie suchen nach Ehrentiteln. Deshalb lieben sie es, wenn sie Rabbi genannt werden.

Das sind harte Vorwürfe. Und so pauschal, wie sie hier erhoben werden, gegen die ganze Gruppe der Schriftgelehrten und Pharisäer, sind sie wohl auch unfair. „Es wird deutlich, dass Matthäus die Schriftgelehrten und Pharisäer in ihrer überwiegenden Mehrheit sehr ungerecht behandelt.“ (U.Luz, aaO.; S.304) Immerhin, möchte man fast sagen: dieser Vorwurf geht an den Verfasser des Evangeliums, aber nicht an Jesus selbst. Weil es nicht sein kann, dass Jesus so pauschal über Gegner spricht?

Ich überlege: wäre es verwunderlich, wenn er, der doch auch wahrer Mensch ist, irgendwann ermüdet durch die Auseinandersetzungen  Worte wählt und findet, die über das Ziel hinaus schießen? Die nicht ganz gerecht sind? Ist es so völlig jenseits unserer Vorstellungkraft, dass der, der den Tempel säubert und dabei nicht zimperlich ist, auch hier einmal die Fassung verliert. Die gebotene Differenzierung vermissen lässt. Es ist leicht, am Schreibtisch zu differenzieren. Im Getümmel der Auseinandersetzungen, unter dem Schatten des Kreuzes, ist das wohl nicht mehr so leicht. Mir jedenfalls hilft es, die Menschlichkeit Jesu in den Blick zu nehmen, wenn ich mir vorstelle, dass wirklich er so gesprochen haben könnte.

8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus      

 Auffällig, wie jetzt neue Adressaten in den Blick genommen werden. Aus den harschen Worten über die Pharisäer wird eine Mahnrede an die Jünger – und doch wohl auch an die lesende Gemeinde. Vor allem an die in der Gemeinde, die schriftkundig sind, bewandert in den Schriften, begabt im Lehren. Die Vermutung liegt nahe: es gibt auch in der Gemeinde, die das Matthäus-Evangelium liest, schriftgelehrte Leute.

Und die Lebenserfahrung lehrt: Es wird „auch in der Gemeinde die Neigung zur Hierarchisierung und Titelsucht  gegeben haben.“ (U.Luz, aaO.; S.307) Man ist nicht durch die Zugehörigkeit zur Christenheit wie durch Zauberhand von den Versuchungen frei, sich Anerkennung zu verschaffen, außenorientiert zu leben, darauf aus zu sein, Spitzenplätze zu gewinnen.

Dem wehren diese Worte mit dem Verbot, sich „Ehrentitel“ zuzulegen oder zulegen zu lassen: Rabbi, Vater und Lehrer. Beide Male verbunden mit dem Hinweis: diese Titel sind schon exklusiv vergeben – an den Vater im Himmel und an Christus. An den einen, der euer Meister ist – hier steht griechisch: διδσκαλος.  Das Wort, das die Pharisäer bevorzugen, wenn sie Jesus anreden. „Jede Benennung, die in irgendeiner Weise „Leiter“ und Untergeordnete unterscheidet, soll in der Gemeinde ausgeschlossen sein.“ (U.Luz, aaO.;,S. 308)

Es ist der antihierarchische Zug der ersten Christenheit, der sich hier zeigt:  ihr aber seid alle Brüder. Aber es ist zu wenig, hier nur  antihierarchisches Denken zu konstatieren. Ich glaube, dass sich hier ein Modell von Gemeinde zeigt, dass auf Leitung deshalb verzichten will, weil es sich allein der Leitung  Gottes anvertraut. Lukas würde wohl sagen; Weil es dem Geist Gottes zutraut, dass er die Gemeinde leitet. Es geht um die geschwisterliche Gemeinde – so wie sie auch bei Paulus sichtbar ist:  „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28)

11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.

             Das kennt der Bibelleser schon – als Wort an die Jünger, ausgelöst durch den Vorstoß der Zebedäus-Söhne, sich die besten Plätze reservieren zu lassen. (20, 26)  Geschwisterlichkeit zeigt sich im Dienen. Wahre Größe auch.

Es ist wie eine weitere Erinnerung: Was ihr aus euch selbst macht, ist alles Vorletztes. Auch die eigene Größe. Das eigene Ansehen. Sondern es ist Gottes Sache, zu erhöhen und zu erniedrigen. Und er tut es ganz gewiss – aber nicht nach unseren Maßstäben. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ (Lukas 1,52)

Diesen Abschnitt lesen und den gewaltigen Abstand zur Praxis aller Kirchen durch die Zeiten hindurch zu spüren ist eins. Wir reden von „geistlichen Vätern und Müttern“, wir kennen die „Wüstenväter“, ja den „Heiligen Vater“. Wir reden völlig unbefangen von „geistlichen Lehrern“. Das fängt im Übrigen schon im Neuen Testament selbst an: „Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.“(Hebräer 13,9) Da steht verräterischer Weise das Wort γουμνοι, – die den Zug anführen, die Leiter sind, Führer.

Wir sind „himmelweit“ entfernt von dem, was Matthäus fordert. Ich höre die Versuche zu beschwichtigen: aber es geht doch nie um Herrschaft, nie um Höherstellung, nie um den Anspruch auf Macht. Doch, sage ich: die real existierende Kirche ist auch ein System von Herrschaft und Macht, unten und oben, Selbsterhöhung – und, Gott sei es geklagt, oft genug auch Selbsterniedrigung. Vor den Autoritäten und ihren Ansprüchen.

Und der Ausweg? Ich weiß ihn nicht. Aber er wird sich nicht öffnen, wenn wir diese unbequemen Worte nicht wenigstens zu hören anfangen.

13-14 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.15 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, damit ihr einen Judengenossen gewinnt; und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr.

             Es folgen Weh-Rufe. Sieben insgesamt.. Damit verbunden ist die Botschaft: Das Maß ist voll. Diesmal direkt andressiert an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Dass sie direkt an sie gerichtet sind, setzt dann wohl ihre Anwesenheit voraus.

Ausgelassen ist im neuen Luther Text der Satz Vers 14: »Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Häuser der Witwen fresst und zum Schein lange Gebete verrichtet! Darum werdet ihr ein umso härteres Urteil empfangen« Er findet sich nur in einzelnen Handschriften und ist – vielleicht – aus Markus 12,40 übernommen. Ein Angriff auf ein geistliches Schmarotzertum, das sich durch Frömmigkeit ausgerechnet an den Armen und seelisch Abhängigen bereichert.

Es sind harte Vorwürfe: sie versperren anderen den Zugang zum Himmelreich. Weil sie es exklusiv für sich beanspruchen? Nein, sondern weil sie durch ihre Gesetzesauslegung Hindernisse aufbauen. Mehr wohl noch: selbst mit ihrer Haltung Hindernis sind. Sie werben für den Glauben, wollen Judengenossen gewinnen. Aber in Wahrheit stürzen sie die, die sie so gewinnen in die Hölle. Nicht, weil sie schlimmere Heuchler wären, sondern weil sie sie binden unter ihre Auslegung, unter ihr Gesetz, das unerträgliche Bürde(23,4) ist.

16 Weh euch, ihr verblendeten Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold des Tempels, der ist gebunden. 17 Ihr Narren und Blinden! Was ist mehr: das Gold oder der Tempel, der das Gold heilig macht? 18 Oder: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf liegt, der ist gebunden. 19 Ihr Blinden! Was ist mehr: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heilig macht? 20 Darum, wer schwört bei dem Altar, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. 21 Und wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. 22 Und wer schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

             Der nächste Weh-Ruf  ist, in meinen Augen, ein Angriff auf Haarspaltereien. Auf ein Umgehen mit dem Schwören, das sich in Kleinigkeiten verliert und nur geeignet ist, Skrupel zu erzeugen. Es geht um Differenzierungen, die in Wahrheit aber völlig hirnrissig sind. Ich kann nur vermuten: Es geht um eine „Inflation von Beschwörungs- und Bekräftigungsformeln.“ (U.Luz, aaO.; S.327)

 „Beim Leben meiner Mutter!“-„ Beim Bart des Propheten!“-„ Bei allem, was mir heilig ist.“ Macht das Worte glaubwürdiger? Es ist eine Polemik gegen eine Praxis, die in sich hohl ist. Auch nicht der Heiligkeit Gottes entspricht.

Die radikale Konsequenz hatte Jesus schon in der Bergpredigt gezogen: Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“(5,34-37)

Auch hier wieder: Es sind Wehe-Rufe in eine bestimmte historische Situation hinein. Geprägt auch von Polemik gegenüber den Gegnern und Konkurrenten um die Herzen von Menschen. Umso mehr ist es an uns, sorgfältig zu prüfen: wie steht es mit unserem Verhalten? Wo treffen diese Wehe-Rufe uns als Kirche, mich als Christenmensch. Prüfen, damit es „anders und besser werden kann.“ (U.Luz, aaO.;,S. 310) Bei uns, bei mir.

 

Jesus, es ist zum Erschrecken, wie Du hier Wehe rufst, weil ich mich selbst entdecke  in denen, die Du da anklagst, deren Frömmigkeit Du geißelst, deren verlogenes Leben Du entlarvst.

Herr, wie oft achte ich auf das Erscheinungsbild meines Lebens, dass es gut aussieht und weiß doch nur zu genau, dass es im Inneren drunter und drüber geht, das Chaos herrscht.

Jesus, schaffe Du in mir ein neues Herz. Gib mir einen neuen gewissen Geist, der sich Dir ganz anvertraut, die Freude am Gehorsam gegen Dein Wort, Wahrhaftigkeit, die auch zu der eigenen Unvollkommenheit steht, weil Du doch Dein Leben schenkst, wo wir uns in unserer Schwäche Dir öffnen. Amen