Es ist genug

Matthäus 19, 27 – 30

27 Da fing Petrus an und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?

             Petrus steht noch ganz unter dem Eindruck des vorher Gesagten. Und holt doch tief Luft. Ist hier, wie so oft der Sprecher für alle Jünger, auch für alle, die später diesen Weg des Glaubens gehen werden. Siehe sagt Petrus. Jesus sagt oft Siehe – immer, wenn er Aufmerksamkeit erreichen will. So klingt das Siehe des Petrus auch – als ein Aufmerksamkeits-Zeichen an Jesus! Als ob der es nicht wüsste, vor Augen hätte: wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

 Sie haben getan, was der junge Mann verweigert hat. Sie haben das Unmögliche (19,26) getan. Oder müsste man besser sagen: der Ruf Jesu hat sie über sich selbst hinausgerufen, hat das Unmögliche an ihnen gewirkt. Dass sie sich ganz Gott anvertrauen. Das Vertrauen auf den Vater im Himmel zu lernen begonnen haben.

Und dann die Frage, die wir verlernt haben. Was wird uns dafür gegeben? Theologisch wohlbegründet lehnen Evangelische so etwas ab. Ganz fromm: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.“ (W.Löhe) Wir dienen nicht um Lohn. „Der Gedanken an einen himmlischen Lohn ist dem Juden und Jesusjünger Matthäus selbstverständlich.“ (U.Luz, aaO.;S.128)

 Wir mögen als Pfarrer/Pfarrerinnen mit noch so guten theologischen Gründen gegen den Lohngedanken argumentieren. Ihn verwerfen, gar verteufeln. Man kann sagen, dass er den reinen Glauben verdirbt. Aber Menschen fragen bis heute so: Lohnt sich denn das Christsein? Was bringt es denn, an Gott zu glauben? Ändert es etwas zum Guten im Leben, wenn ich an Gott glaube? Wie antwortet Gott auf die Hingabe, die seinen Willen sucht und seinen Weg zu gehen versucht?

Wenn wir ehrlich sind – wir selbst stecken in diesem Gedanken auch mit drin. Unvergesslich das Gespräch mit einem lieben Kollegen. „Wenn ich da oben ankomme, dann möchte ich schon, dass einer sagt: das hast du gut gemacht.“ Lob als Lohn. Weniger sollte es doch nicht sein! 

Es ist der Satan, der in der Hiobsgeschichte diesen Gedanken einspielt: Glauben, Gottvertrauen, Gehorsam ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande.“(Hiob 1,9-10) Ein ganzes biblisches Buch kreist um diese Frage, ob sich Gottesfurcht rechnet, ob einer auch dann an Gott festhält, wenn der Glaube nichts nützt.

Wenn man bösartig ist, unterstellt man also Petrus, dass er eine Rechnung aufmacht. Wir haben alles verlassen. Wir haben Wanderung ohne Obdach, ohne festes Auskommen, ohne unsere Familie auf uns genommen. Wir haben vollen Einsatz gezeigt. Und jetzt, am Ende ist doch nicht alles umsonst? Nur für Gotteslohn?

  28 Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.

             Bevor wir Petrus unmöglich finden, müssen wir es zur Kenntnis nehmen: Kein Tadel von Jesus für die Frage des Petrus. Kein Wort, das ihn zurechtweist. Wie kannst du nur! Keine Zurückweisung; `Du fragst nur, was allzu menschlich ist. Du müsstest es doch gelernt haben zu fragen,  was göttlich ist.´(vgl. 16,23!) Sondern Jesus geht auf die Frage des Petrus ein. Und sagt: Es lohnt sich. Ihr werdet belohnt werden.

Zuerst die Zwölf: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, Keiner von ihnen hatte am Anfang gefragt, was es denn wohl bringen würde. Aber jetzt enthüllt Jesus: Ihr werdet Euren Platz finden. Nicht unten an der Tafel im Himmel. Auf Thronen. Herrschaftsstühlen. Richterstühlen. Und sie werden richten. Israel. Die zwölf Stämme. Richten. Nicht: es verdammen.

Ich übersetze für mich: dass sie in der Nähe des Thrones der Herrlichkeit auftreten, sitzen, das wird Israel vor Augen führen, was es versäumt hat, was es bedeutet hätte, dem Christus nachzufolgen, seinem Wort Vertrauen zu schenken. Ich vermag nicht zu sehen, dass die Jünger sozusagen Justiz-Angestellte des Himmels werden mit eigenem Urteilsvermögen und eigener Urteilskompetenz. Sondern an ihnen wird sichtbar, welche Entscheidung richtig und welche falsch war, welche das Leben aufschließt, darum auch Wiedergeburt, und welche ohne Ewigkeits-Perspektive ist.       

29 Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.

             Das zweite Lohnversprechen. Jesus vertröstet nicht auf den St. Nimmerleinstag. Nicht auf das Jenseits. In die Zukunft. Sondern schon jetzt. Die ihre Häuser, Vater und Mutter, die Kinder, den Besitz verlassen, werden hundertfach empfangen. An die Stelle der natürlichen Familienbande tritt die Gemeinde. An die Stelle der natürlichen Geschwister treten Brüder und Schwestern im Glauben. Der Weg aus den familialen Primär-Bindungen um Jesu willen ist kein Weg in die Einsamkeit, sondern ein Weg in eine neue, tragende Gemeinschaft.

Und am Ende das dritte Versprechen: das ewige Leben. Leben, das bleibt. Auf das kein Schatten des Todes mehr fällt. Leben mit freiem Zugang zum Angesicht Gottes. Von Angesicht zu Angesicht. Kein Lohn, der ausgezahlt wird.  Auch keiner, der ausgerechnet wird. Sondern zugeteilt. Geschenkt. So dass er für immer bleibt. Das leuchtende Angesicht über dir. Was der Segen zusagt, wird Wirklichkeit für immer. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 30 Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.

Schließlich: „Der große Umschwung im Endgericht.“(U.Luz, aaO.;S.130) Eine Warnung an alle, die nach den ersten Plätzen streben. Die glauben, dass den Siegern die Welt gehört. Eine Warnung an alle, die den Erfolg vergöttern und dem Geld nachlaufen. Geld regiert die Welt und wer viel Geld hat, hat auch viel Einfluss. Und Ansehen.

Gerade, weil es nicht sicher auszumachen ist, wer die Ersten sind, auch nicht, wer die Letzten sind, ist es gut, diesem Wort nicht auszuweichen. Sich nicht in Sicherheit zu wiegen: die Ersten, das sind ja die, die wie der reiche Jüngling die Nachfolge verweigert haben. Die wirklich Reichen. Die Mächtigen. Wir aber sind weder reich noch mächtig. Wir sind kleine Leute. Die da oben müssen sich hüten. Merkel und Obama, Putin und Hollande. Oder eben die Albrecht-Brüder und Schweinsteiger. Vettel und Schumacher und Bill Gates und Dietmar Hopp, Christine Lagarde und Madonna und wie sie alle heißen. Die mit dem dicken Bankkonto.

Die Letzten – das denke ich schon, sind identisch mit den Kleinen, den Armen, den Niedrigen, denen, die nicht zählen. Und wie von selbst höre ich, was ein anderes Evangelium als Lied im Mund eines jungen Mädchen überliefert:

Seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht                                  bei denen, die ihn fürchten.                                                                                                   Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,                                                               die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                                          Er stößt die Gewaltigen vom Thron                                                                               und erhebt die Niedrigen.                                                                                                Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                                   und lässt die Reichen leer ausgehen.                                                                              Er gedenkt der Barmherzigkeit                                                                                         und hilft seinem Diener Israel auf.               Lukas 1, 50 – 54

Es ist noch nicht ausgemacht, wo wir stehen, wir aus dem reichen Land Bundesrepublik und den reichen Kirchen, die bis heute nicht richtig zu wissen scheinen, wohin mit dem vielen Geld. Ich kann nur hoffen. Hoffen, dass wir an unserem Reichtum nicht ersticken. Sondern ihn teilen lernen mit den Habenichtsen der Welt, die bei uns auf der Matte stehen. Und will nicht aufhören zu hoffen.

In einem Buch, das ich sehr liebe, finde ich die folgende Passage, die den Schluss-Satz Jesu erhellen kann.

„Gabriel, der vor dem Angesicht Gottes steht, war ganz bis herunter zum Strand gekommen, um das Schiff in Empfang zu nehmen.

„Ihr seid ja im inneren Land mächtig beschäftigt.“ sagte ich. „Es dröhnt und hämmert und klopft den ganzen Tag.

Er lächelte sein liebes Lächeln. „Du hörst hier nur die, die dir am nächsten sind. Sie ordnen die auf Erden gewonnene Weisheit ins Archiv ein. Sie wird hier gleich am Anfang abgelegt.“ 

„Sind das alle die Bücher über Geschichte und Geographie?“

„Ich sagte Weisheit,“ antwortete er.

„Aha,“ sagte ich, „Atomkerne, Relativitätskoeffizient, die Quadratur des Kreises und die Abstammung des Menschen von den Affen…“

„Wissenschaft ist nicht Weisheit,“ unterbrach er mich. „Die Menschen sind übrigens merkwürdig inkonsequent. Wie können sie meinen, dass sie von den Affen abstammen und gleichzeitig an den Fortschritt glauben? Nein, Weisheit findest du bei den Menschen, wie ich sie heute abholen will.“

„Waren es Bischöfe?“ fragte ich ehrerbietig.

„Es sind alte Krankenschwestern,“ sagte Gabriel. Er setzte sich und sein Blick glitt  weit hinaus. Seine Augen singen von allem, was sie sehen. 

(R. Hendriksen, Sternenglanz in der Pfütze, EVA, o. J., S. 51f.)

 

Jesus, es ist genug, dass ich mit Dir leben darf, dass Du mir vergibst, was gegen mich spricht, dass Du Dich neben mich stellst, auch vor mich, wenn die Klagen kommen.

Es ist genug,. dass Du mir Brüder und Schwestern zur Seite gestellt hast, Weggefährten und Weggefährtinnen, die mich manchmal korrigiert haben, oft getröstet, oft genug für mich geglaubt haben, wenn mir das Vertrauen schwer geworden ist.

Es ist genug, dass ich glauben darf: Im Himmel wird mir der Platz frei gehalten an Deinem Tisch. Du hältst ihn frei. Amen