Suchen der verirrten Kinder Gottes

Matthäus 18, 10 – 14

10-11 Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.

             Jesus bleibt immer noch bei seinem Thema. Den Kleinen, Unbedeutenden, Schwachen. Den Mickrigen. Die nie und nirgends Schlagzeilen machen. Die keine Lobby haben. Von denen gibt es so viele, dass sie nicht zählen, außer in der Statistik. So die Logik der Welt. Und es ist die Gefahr der Welt, dass man sie verachtet, auf sie herab sieht.

Aber bei Jesus geht es nicht nach der Logik der Welt. Er sieht, was den Augen der Welt verborgen ist: Jeder von diesen unzähligen, zahllosen Kleinen hat seinen Engel im Himmel. Vor dem Angesicht meines Vaters im Himmel. Die auf Erden nicht zählen, haben im Himmel ihre ständige Vertretung. An höchster Stelle. An der Stelle, von der das Erbarmen ausgeht.

Die heutzutage so sehr geliebten Schutzengel haben hier ihre biblische „Begründung.“ Aber in einer sehr eigenen Art. Diese Schutzengel schützen nicht vor allem möglichen irdischen Unbill. Aber sie schützen sehr wohl, indem sie vor dem Sternenthron einstehen für die, die sie vertreten. Sie schützen, indem sie wert achten und wert halten, vor dem Angesicht meines Vater im Himmel. Ihr Eintreten reicht weit über den Tag hinaus – in die Ewigkeit hinein.

Einmal mehr: statt des blassen Art- und Sammel-Begriffes „Gott“ das so persönlich gefärbte mein Vater im Himmel. Es ist, als würde Jesus sich neben sie stellen, auf sie zeigen vor den Vater und sagen: meine Schwestern, meine Brüder!

Die Kleinen sind Menschen mit Ewigkeits-Wert. Das ist ihre Würde, die ihnen niemand nehmen kann und an der herum zu tasten sich jeder hüten muss. Wer sie anrührt, vergreift sich an denen, die zu Gottes Augäpfeln zählen „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.“ (Sacharja 2,12) Antasten fängt mit verachten, gering schätzen an.  

Diese Mahnung ist an die Jünger gerichtet, also an die Gemeinde. Eine Mahnung nach innen. Offensichtlich gibt es die Gefahr, dass Gruppen in der Gemeinde gering geschätzt, wenig geachtet werden. Weil sie nicht so toll sind, ihre Gaben und Begabungen nichts hermachen, sie auch keine besondere Ausstrahlung haben. Keine Glaubensstärke, an der andere sich ein Beispiel nehmen können.

Übersehene Gruppen in der Gemeinde –  das ist kein Problem erst heute. „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“(Apostelgeschichte 6,1) Die Frage stellt sich schon: wen übersehen wir? Die Jungen, die Alten,  die nicht so gut reden können, die sich nicht lautstark zu Wort melden? Lange Zeit hat die Kirche das Proletariat, die Arbeiter übersehen, allenfalls als Leute angesehen, um die man sich kümmern muss. So ist es zur Abwendung weiter Kreise der Arbeiter von der Kirche gekommen: Da zählen wir nicht.

Bei uns doch nicht! Höre ich. Aber ich kenne den geradezu beschwörenden Satz: „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.“ Und ich kenne die Schlussfolgerung: Dass da lauter Alte im Gottesdienst sitzen, zeugt nicht von der Attraktivität der Veranstaltung. Natürlich: niemand wird sagen: ich achte die Alten nicht. Aber das beständigen Schielen nach den Jungen, das unentwegte sich Ausrichten an dem, was sie wohl locken könnte, die Beschwörung, dass wir für die Zukunft der Kirche doch andere Wege und Modelle brauchen, sprechen eine deutliche Sprache.

Es gibt eine kirchliche Missachtung derer, die da sind, sich einladen lassen, immer wieder kommen, die treu sind, und sei es nur aus Tradition, möglicherweise auch aus Trostbedürftigkeit, also der sogenannten „Kirchentreuen“, indem man sich dauernd auf die hin orientiert, die sich schon lange abgewendet haben oder ein wenig desinteressiert sagen: Mal sehen, was als nächstes Lock-Angebt kommt.

Den „Kirchentreuen“ im kirchlichen Jargon entsprechen die „Gutmenschen“ im journalistischen Alltag. Beides hat einen abwertenden Klang. Und übersieht, wie arm wir da stünden ohne diese Menschen. Die Kirche ohne die Kirchentreuen und die Zivilgesellschaft ohne die Gutmenschen.

12 Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn es geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.

Jetzt erzählt Jesus die Geschichte, die den Wert eines dieser Kleinen herausstellt. Jedes Einzelnen dieser Kleinen. Was ist das schon, ein Schaf? Für jemanden, der hundert Schafe hat? So denken die, die im Überfluss leben. Aber nicht die Glieder einer Mangelgesellschaft, in der Armut nicht weit weg ist, sondern Tür an Tür wohnt.

Jesus rechnet offensichtlich mit Zustimmung seiner Zuhörer zu seiner Frage: Ja, so wird ein Hirte handeln, dem an seinen Schafen liegt. Ihm liegt eben nicht nur an der ganzen Herde, sondern an jedem einzelnen Schaf. Und deshalb wird er auch weite Wege auf sich nehmen, wenn sich ein Schaf verlaufen hat.

Gleich dreimal in wenigen Zeilen: verirrt. Das griechische Wort πλανάομαι redet von einem gefährliche Irrweg, von wirklichem Verlaufen. Von großer Gefahr. Aber eben noch nicht von einer Verlorenheit, aus der es keine Rettung mehr gibt. Ohne Bild: es geht wohl um Fehlverhalten vor Gott, aus dem die völlige Abwendung von Gott werden könnte. Was für eine Freude, wenn jemand, der auf solchen Abwegen ist, wieder gewonnen werden kann.

14 So ist’s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.

             Das ist das Resümee: eine Aufforderung, die darauf beruht, dass an den Willen Gottes erinnert wird. Euer Vater im Himmel will nicht, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren geht. Jetzt steht da das Wort, das von der ewigen Verlorenheit spricht, πόλλυσθαι. Das ist das Ende, das es abzuwehren gilt. Ewiges Verlorensein.

Es ist die Aufgabe, die dieses Gleichnis in der Matthäus-Fassung zeigt: die Gemeinde soll vor den irdischen Sackgassen, vor dem Verlaufen bewahren. Und wo das nicht gelingt, soll sie die suchen, die sich verlaufen haben. Es ist ihre Verantwortung, ihnen nachzugehen. Sie darf sich nicht damit zufrieden geben: Da sind ja immer noch neunundneunzig da.

Die Gemeinde des Christus, der die Verlorenen und Verirrten sucht, kann nicht anders, als gleichfalls zur Suchbewegung zu werden: nach allen, die sich verrannt haben, die den Weg nicht mehr finden.  Es ist eine Gemeinde, die keinen allein lässt, keinen preisgibt, keinen fallen lässt, wie tief er sich auch verrannt und verlaufen haben mag. Keinen von diesen Kleinen, Mickrigen, die in den Augen der Welt nun doch gar nichts mehr zählen.

 

Jesus, Du gehst den übersehenen Kindern Gottes nach.Du suchst die, die sich verlaufen haben. Du lässt keinen einfach da stehen, wohin er sich verirrt hat.

Hilf Du doch dazu, infiziere uns mit Deinem Sucher-Geist, dass wir auch nicht aufhören, nach denen zu sehen, heim zu suchen, die nichts mehr mit uns anfangen können, die den Glauben für einen Irrweg halten und deshalb ihres Weges gehen, oft genug ziemlich allein und allein gelassen.

Mache uns zu Leuten, die nachgehen, keinen aufgeben, auch wenn unser Suchen lange erfolglos bleibt. Amen