Die Größen-Falle

Matthäus 18, 1 – 9

 1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten:

 Immer noch ist Kapernaum der Ort des Geschehens. Es ist der Ort, an dem sie zu Hause sind. Der Ort, an dem man darauf hoffen kann, dass alles klar ist und sich klären lässt. Es ist eine „ideale“ Situation, eine günstige Gelegenheit: die Jünger haben ein Problem und erhoffen sich Klärung bei Jesus. Deshalb fragen sie bei ihm nach.

Wer ist doch der Größte im Himmelreich?

Man kann angesichts dieser Frage versonnen selbst ins Fragen kommen: Haben sie nach den langen Wegen mit Jesus immer noch nicht verstanden, dass das die falsche Frage ist? Aber es ist die Frage, die in der Welt allemal die richtige Frage ist. Die vielerorts die wichtigste Frage ist – ohne den Zusatz Himmelreich: Wer ist der Größte? Wer ist die Schönste? Wer ist die Beste? Wer ist der Frömmste? „Die `Großen´ in einem Königreich sind die Statthalter und Minister.“ (U.Luz Das Evangelium nach Matthäus (18 – 25) EKK 1/3, Zürich 1997, S.12)Fragen nach dem Spitzenplatz sind die Fragen, die antreiben, die Kräfte konzentrieren lassen, die dem Ehrgeiz entsprechen. Wer nichts mehr werden will, wird nichts.

             Warum sollen diese Fragen ausgerechnet für das Himmelreich unzulässig sein, wenn sie doch das Leben auf der Erde allgegenwärtig prägen? Hinter der Frage mag die Überzeugung stehen: wenn wir die Kriterien kennen, nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, die entsprechenden Schritte tun.

 2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

             Merkwürdig und auffallend: Jesus kritisiert die Frage nicht als völlig falsche Frage. Er antwortet allerdings auch nicht direkt auf ihre Frage. Sondern er tut etwas. Er stellt ein Kind in ihre Mitte. So wie dieses Kind muss man sein, um überhaupt ins Himmelreich nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, dieenzu kommen. Dazu braucht es ein Umkehren. Kehrtmachen. „Eine grundsätzliche Änderung des üblichen Lebens.“ (U.Luz, aaO.; S.12)

             Weil Jesus nicht allgemein bleibt, sondern die Jünger anredet – ihr – wird die ganze Sache persönlich. Was bei den Jüngern als Bitte um eine Auskunft zur Sache anfängt, wird jetzt zur Zumutung an sie. Es geht um eine „Wende“  – so das Wort στρέφω im eigenen Leben. Um einen Ausstieg aus dem, was sie ein Leben lang gelernt haben. Damit auch um ein Aussteigen aus der Frage nach der Größe und der Rangordnung, die so ur-menschlich ist.

Noch einen Schritt weiter: Es wird nicht gehen, ohne sich klein zu machen, wie Kinder klein sind. Ταπεινός meint aber nicht einfach nur klein, noch nicht ausgewachsen oder kleinwüchsig. Sondern bei „klein“ schwingt immer mit: „niedrig, unbedeutend, machtlos, schwach.“ Es geht um ein Einwilligen in Lebensverhältnisse, die alles andere als toll sind. Bei Paulus klingt das so: Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Philipper 4, 12-13) Ein Leben, das dem Weg Jesu entspricht, der sich selbst erniedrigte – auch hier wieder das gleiche Wort!

Es geht um die Lebensbewegung nach unten. Nicht hinauf. Eine Lebensbewegung, die allem widerspricht, was wir von Natur aus wollen und durch Sozialisation gelernt haben und gelehrt worden sind. „Hinab führt Christi Weg, nicht hinauf.“

Und, wie zur Bestätigung: Dort unten begegnet Christus. In den Kleinen, den Niedrigen, den Schwachen. Es ist der lang vergessene Weg geistlicher Erfahrungen, von Erfahrungen der Gegenwart Christi: sich den Armen zuzuwenden. Das ist nicht nur ein lobenswertes diakonisches Programm, geboten durch das Wort Jesu. Sondern es ist zugleich der zweite Weg zur Christus-Erkenntnis. In der Umkehr zu den Kleinen geschieht die Hinkehr zu Christus.

Oder, anders gesagt: „Wer in Gott eintauchen will, wird bei den Ärmsten auftauchen.“ (P.M. Zulehner) So gehen geistliche Erfahrungen!

Es ist mir schon wichtig: hier wird nicht ein wenig romantisch davon gesprochen, dass Kinder noch die besseren Menschen sind, unschuldig, rein. Es geht nicht um ihr Wesen, das angeblich besser sei, ihre lautere Art. Der Vergleichspunkt ist deutlich die soziale Position. Ihre Machtlosigkeit und Abhängigkeit. Ihr Angewiesen-Sein. Und darum eben um die Solidarität mit ihnen.      

  6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. 7 Weh der Welt der Verführungen wegen! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Abfall verführt!

            Hier werden zum wiederholten Mal von Matthäus Worte verwendet, die für ihn durch das Evangelium hiin eine große Rolle spielen: σκανδαλζειν und σκνδαλον. „Zur Falle werden, zum Absturz bringen, ein Ärgernis werden.“ Skandal. Alles ist besser als unser verführen, weil es hier nicht um Missbrauch geht, schon gar nicht um sexuellen Missbrauch. Sondern es geht darum, dass jemand –  in der Gemeinde! –  so mit anderen umgeht, dass den anderen der Weg zum Glauben versperrt wird, sie diesen guten Weg verlassen und verlieren, sie irre werden an der Botschaft vom Erbarmen Gottes.

Dazu braucht es nicht den Missbrauch. Das kann genauso gut gnadenlose Härte sein, der unbarmherzige Umgang mit Fehlern, das Malen eines Bildes von Gott, in dem nur der Richter zu sehen ist und nicht der barmherzige Vater und das mütterliche Erbarmen. Vielleicht sogar nur ein Männer-Gott, bei dem Frauen Menschen zweiter Klasse zu sein scheinen.

Kurzum: „Wer verursacht, dass andere in ihrem Glauben zu Fall kommen und an Jesu irre werden, lädt schwere Schuld auf sich.“(W.Klaiber, aaO.;S.37) So schwer, dass die schrecklichsten Strafen angemessen erscheinen.

Nur, um es nicht zu übersehen: es ist die einzige Stelle in den drei Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas, die so direkt formuliert: die an mich glauben. Das gibt diesen Worten aber auch zugleich ihr besonderes Gewicht. Es macht Menschen kostbar, auch und gerade die Kleinen, die μικρόι, – man könnte lautmalerisch sagen: die Mickrigen – dass sie an Jesus glauben.

Aber sie leben in einer Welt, die nicht ideal ist. Die ihre Fallen hat, ihre Tücken. In der man zu Fall kommen kann. Weil der Weg des Lebens in Sackgassen führt. Weil der Schmerz nicht zu tragen ist. Weil das freundliche Angesicht Gottes hinter den Ereignissen verschwindet, die auf der Seele lasten.  Weil Menschen Fallen stellen, ins Stolpern bringen, bewusst und auch unbewusst, ohne böse Absicht, manchmal aber auch bösartig.

Wird hier auf einmal der Weg des Erbarmens verlassen – in diesen Strafandrohungen? Plötzlich ist ein unerbittliches Gericht im Blick? Es gibt in der ersten Christenheit eine Diskussion, ob es eine zweite Buße gibt. Einen Rückweg für Abgefallene. Oder ob der Abfall den Weg zu Gott endgültig versperrt. In dieser Diskussion gibt es auch die Stimmen, die den Weg offen halten, den Rückweg, wieder und wieder. Die widersprechen, wenn von der Unmöglichkeit der zweiten Buße gesprochen wird.

Diese Stimmen möchte ich auch hier nicht überhören, sondern sie ihre Botschaft weitersagen lassen, weil Jesus selbst sie ja weiter gesagt hat: Es gibt die Chance eines Neuanfange für jede und jeden. Auch für die, die zum Abfall verführt haben, die anderen zum Stolperstein geworden sind.

Aber, daran liegt Matthäus: das darf nicht zur Verharmlosung führen. Nicht zu einem „Stell dich nicht so an“. Nicht zu einem: „Man muss auch einmal fünf gerade sein lassen.“ Wer anderen zum Skandal wird, zum Grund, den Glauben wegzuwerfen, der hat schwere Schuld. Und wird schwer an ihr zu tragen und zu leiden haben.

8 Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dich zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass du lahm oder verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das ewige Feuer geworfen. 9 Und wenn dich dein Auge zum Abfall verführt, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass du einäugig zum Leben eingehst, als dass du zwei Augen hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Hätte man die vorangehenden Worte noch lesen können unter der Überschrift: `So übel gehen andere mit mir um´ und sich als Opfer sehen, willenlos und hilflos ausgeliefert, so wechselt jetzt die Sicht. Diese Worte führen aus der Opfer-Rolle heraus. Selbst wenn das Leben und die Welt sind,  wie sie sind. Du bist nicht nur Opfer.

Es gibt, so lese ich, auch Fallen, die in mir selbst liegen. Hand und Fuß sind ja Gliedmaßen am eigenen Leib. Es gilt, auch sich selbst vor den Wegen zu bewahren, die vom Glauben wegführen. Der Logik zu widerstehen, die Hand und Fuß zu haben scheint, aber in Wahrheit nur der Welt verhaftet ist. Der Frage nach der eigenen Größe, dem eigenen Erfolg, dem eigenen Ansehen.

Ich glaube nicht, dass es um falsche Freunde geht: Um vor denen zu warnen, um zu raten, sich von ihnen zu trennen, gibt es zwar in der griechischen Umwelt das Bild von der Amputation. Aber hier ist nicht von fragwürdigen Freunden als Verführern die Rede. Das ist ein Thema im Jakobusbrief, aber nicht bei Matthäus. Eher schon mag es um falsche Freuden gehen. Um ein Nachlaufen hinter dem Geld her, hinter dem Ansehen. Das war auch schon in der Bergpredigt verhandelt worden. Ob es hier also nur aufgefrischt wird?

Diese Tatsache freilich, dass diese Worte fast wortgleich schon einmal in der Bergpredigt verwendet werden, gibt ihnen ein großes Gewicht. Sie sind mehr als eine Gelegenheitsäußerung, diesmal halt im Rahmen der Gemeinde-Rede. Sie weisen hin auf eine grundsätzliche Sicht und eine Gefährdung im Grundsätzlichen

Ich halte diese Worte für eine sehr ernsthafte Mahnung: die eigene Unversehrtheit, das unverletzte eigene Ich, ist kein Ziel christlichen Lebens. Der Glaube ist nicht dafür da, dass ich eine abgerundete Persönlichkeit werde. Glauben als das ultimative Programm zur  Ich-Werdung, zur Selbstentfaltung – das scheint mir hier deutlich in Frage gestellt. Damit auch eine Spiritualität, die nur der Entwicklung des Ich dienen soll. „Das Ideal des spirituellen Menschen gleicht dann einem Solitär.“ (M. Nüchtern, in: M. Herbst, Spirituelle Aufbrüche, Göttingen 2003, S. 15) Er ist sich selbst in seiner Vollkommenheit Ziel und auch selbst genug.

Demgegenüber gibt es für Jesus nur ein Ziel: Zum Leben eingehen. In den Himmel zu kommen. In die Gegenwart Gottes. Auch um den Preis, dass das eigene Leben hier nur wie ein Fragment aussieht. Für immer ein Fragment bleibt, mit Brüchen und Wunden, mit ungelebten Anteilen. In der Ewigkeit aber wird, was hier arm, klein, gebrochen, mickrig, Bruchstück war verwandelt – in die bleibende Herrlichkeit der Kinder Gottes.

 

Jesus Du wendest Dich denen zu, die gering sind, übersehen werden, nicht zählen im Geschäft und Konzept der Großen. Du willst uns davor bewahren, dass wir an die eigene Stärke glauben, die eigene Größe suchen, uns wichtiger nehmen als alles andere und glauben, dass wir so den Himmel gewinnen würden. Aus eigener Kraft.

Du willst es uns lehren: Der Weg in den Himmel wird nur so frei, dass wir uns den Zutritt schenken lassen, dass wir uns an Dich anschließen und hinter Dir her freien Zugang haben. Ganz gleich, ob wir es zu eigener Größe gebracht haben, bedeutende Leute geworden sind oder ob unsere Namen nie Geschichte geschrieben haben.

Dass Du uns vor Dich stellst, in die Mitte Deiner Gemeinde, Dich vor uns stellst, genügt. Amen