Du bist da

Matthäus 14, 22 – 36

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.

 Jesus schickt seine Jünger aufs Meer hinaus. Er behält sie nicht bei sich. Das Volk ist noch da, aber auch das wird er gehen lassen. Entlassen. Wegschicken. Mir wirkt es ein wenig weit hergeholt: „Ob dabei an einen Reisesegen gedacht ist, erfahren wir nicht“ (W.Klaiber aaO.,  S.297) Das ist mehr kirchliche Wirklichkeit von heute als Frömmigkeit von damals.

Jesus schickt sie alle weg. Er will allein sein. Gleich zweimal wird allein hervorgehoben. Er will Zeit haben zum Beten. Zeit für sich allein mit dem Vater. Darum steigt er auf einen Berg, den Ort, wo man dem Himmel nahe ist. Welcher Berg das ist, spielt keine Rolle. Es zieht sich durch den Hintergrund des Evangeliums wie ein roter Faden: Jesus sucht immer wieder das Gebet, die Zeit vor Gott, Zeit zum Klären der nächsten Schritte, zum Stärken des eigenen Vertrauens.

  24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

 Die Jünger, weggeschickt, ins Boot getrieben, fahren hinaus in die Nacht – ohne ihn. Mitten aufs Meer, weitab vom festen Land. Da geschieht, was Seeleute kennen, auch auf dem See Genezareth mit seine tückischen Fallwinden: die Wellen schlagen hoch über ihnen zusammen. Sie erfah­ren, dass die Fahrt über das Meer gefährlich ist, dass sie Angst macht.

 Man muss nicht allzu viel Phantasie haben, um diese Situation auch als Bild für das eigene Leben zu erspüren. Wir sind auf der Fahrt durch das Meer des Lebens. Und oft genug schlagen die Wellen über uns zusammen. Wir werden nicht fertig mit dem, was uns bedrängt. Wir suchen das Schiff des Lebens auf Kurs zu halten, aber der Wind, der uns ins Gesicht bläst ist stärker als wir. Solche Wellen und Stürme kennen wir – und jeder kann hier seine Geschichte, seine Stürme in dieses Bild hineindenken.

 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.

              Spät in der Nacht, in der Zeit des Morgengrauens zwischen drei und sechs Uhr, mitten auf dem Meer, mitten im Sturm kommt Jesus. Auf sie zu. Wandelnd über dem Meer. Er kommt, wo ihn keiner erwartet hatte. Er erscheint da, wo ihn keiner der Jünger auf der Rechnung hat. Er ist da, wo dieser verzweifelte Satz sich in einem Herzen festgefressen hat: Da kann mir jetzt niemand mehr helfen.

Uns heute stürzt das ein wenig in Verlegenheit: er ging auf dem See. Die Suche nach rationalen Auswegen ist lang: Man kann π τς θαλσσης auch so übersetzen: „Er ging zum Meer.“ Dann wird aus dem Seewandel ein Gang am Ufer. Oder man behilft sich, indem man die Szene ins seichte Gewässer verlegt, am Nordufer, bei der Jordanmündung.

Näher liegt mir: „Das Gehen über dem Wasser hat in der Antike die Menschen – nicht nur und nicht primär die Juden – sehr beschäftigt. Es war ein Traum, ein faszinierender Gedanke. Es ist Menschen unmöglich und Gott vorbehalten, es sei denn, Menschen seien in besonderer Weise Göttersöhne.“ (U.Luz, aaO., S.408) So gelesen werden diese Worte zu einem Zeugnis: Jesus ist mehr als ein Mensch. In ihm haben wir es, ich formuliere vorsichtig, mit der göttlichen Wirklichkeit zu tun.

Dazu passt, dass er zu der Zeit kommt, die die Zeit des helfenden Eingreifens Gottes ist. „Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer.“ (2. Mose 14,24) Oder, jedem Juden aus seiner Gebetspraxis vertraut: „Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.“(Psalm 46,6) Darauf kommt man beim Nachdenken am sicheren Schreibtisch, aber nicht in der Not, auf dem Meer, im Wellengang der Nacht.

Wie wenig die Jünger mit ihm gerechnet hatten, erkennt man am der Schrei der Angst: Ein Gespenst. Φντασμά, eine Einbildung, ein Phantasie-Gebilde. So wenig rechnen sie mit ihm, dass sie ihn für eine Sinnestäuschung halten

27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Da ist noch das Entsetzen in den weit aufgerissenen Augen. Aber er, Jesus, den sie für ein Phantasiebild halten, gibt sich zu erkennen: Seid getrost, ich bin’s! Θαρσετε, γ εμι· Schon einmal hieß es: sei getrost!(9,2) Nur im Munde Jesu kennt Matthäus dieses Wort. Es ist der Anfang von Heilwerden.

Und direkt daneben: Ich bin`s. Das ruft dem mit der Hebräischen Bibel Vertrauten in Erinnerung, wie sich Gott am Dornbusch zu erkennen gibt: „Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ich-bin-da»“ (2. Mose 3,14, Einheits-Übersetzung). Und es schwingt mit: Wo ich bin, da muss die Angst weichen. Wo ich bin, da darf euch das Meer nicht verschlingen. Wo ich bin, dass muss der Sturm euch freigeben. Darum: Fürchtet euch nicht.

 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her!

 Dieses Wort, genauer: diese Gegenwart Jesu, macht Petrus mutig. Sie macht ihn mutig, das bergende Boot zu ver­lassen: Herr, bist Du’s, so befiehl mir, zu dir zu kommen – und er sagt: komm.

Seltsamer Dialog: Petrus bittet um einen Befehl, um einen Auftrag. Ohne diesen Befehl würde er sich nicht trauen. Es ist einmal mehr der Hinweis über die erzählte Szene hinaus an die Leserinnen und Leser: Im Wissen um einen  Auftrag Jesu kannst du gehen. Handeln. Aber diesen Auftrag brauchst du. Du kannst ihn aber erbitten. Mag sein, Matthäus hat früher Erzähltes mit im Sinn: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“(9,38)

Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

Als er das komm her hört, verlässt er die unsichere Geborgenheit des Schiffes. Da wagt er, sich heraus­zuwagen aus dem, was sein Leben doch noch ein wenig geschützt hat. Er wagt den Weg ins wilde Meer, nicht auf eigene Faust, nicht im Vertrauen auf die eigene Stärke, sondern im Vertrauen auf den Herrn und sein Wort.

Mit all seiner Angst und mit seinem Vertrauen geht Petrus los – und macht eine überwältigende Erfahrung: er kann gehen auf dem Weg, der von Sturm und Angst bedroht ist. Er kann gehen auf dem Weg, der über die Grundlosigkeit führt. Er kann gehen mit dem Blick auf Jesus.

30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!

 Aber dann erlebt er sogleich: auch in der Gegenwart Jesu ist der Sturm noch da, sind die Wellen noch stark, greift die Angst noch nach ihm und macht das Herz eng. Mitten in das frisch gewonnene Vertrauen bricht die Anfechtung ein und er droht zu sinken. Petrus auf den Wellen des Meeres bleibt Mensch wie eh und je – angefochten, schwach und angstbesetzt.

Die Wellen des Lebens schlagen auch über denen zusammen, die auf Jesus hören, die zu ihm kommen wollen im Sturm des Lebens. Keiner von uns kann über den Wellen schweben. Keiner von uns wird davor bewahrt, Wasser zu schlucken und Angst zu erfahren.

31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.

Jesus aber – um seinetwillen erzählt Matthäus diese Geschichte. Er ist  der Haltepunkt, nicht nur für Petrus. Jesus steht mitten im Sturm und hält Petrus fest. Die Hand Jesu hat ihn ergriffen und hält ihn. Der sin­kende Petrus ist gehalten. Er, der sich im Vertrauen auf Jesus in den Sturm gewagt hat, nicht leichtsinnig, sondern von ihm gerufen – er wird auch von ihm gehalten.

Das ist die Botschaft an die Leser – damals und an uns heute: Wenn die Last der Welt Dir zu schaffen macht: Er hält dich fest. Wenn die Wellen des Lebens über Dir zusammenschlagen: Er hält dich fest. Wenn der Schmerz über dich hinwegspült und dir den Schrei nach Hilfe im Mund ersticken will: Er hält dich fest.

Eine Szene wie diese findet ihren Niederschlag in einem modernen Text:

Was Jesus für mich ist? Einer, der für mich ist.                                                           Was ich von Jesus halte? Dass er mich hält.                                                                                                 L.Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 2000; S. 126

 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

             Denen im Boot gehen über diesem Geschehen die Augen auf. Und der Mund geht ihnen über: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! Das ist das Bekenntnis, das diese Erfahrung auslöst. Ich denke, dass Matthäus uns genau das sagen will: dieses Bekenntnis zum Gottes Sohn braucht die Erfahrung seiner Gegenwart. Manchmal überraschend. Aber immer rettend.

Auch das unterstreicht die Erzählung: Dieses Bekenntnis ist immer eingebunden in einen Akt der Anbetung. Sie fielen vor ihm nieder. Proskynese. Nie nur das Hersagen dogmatischer Wahrheiten. Das Bekenntnis entsteht aus dem Überwältig-werden und zeigt sich in der Hingabe, dem Niederwerfen, der Anbetung. Matthäus weiß sehr wohl: Die Anbetung steht allein Gott zu. Wenn er das hier von Jesus erzählt, dann stellt er ihn damit neben Gott. Ganz nah. Unverwechselbar nah.

 34 Und sie fuhren hinüber und kamen ans Land in Genezareth. 35 Und als die Leute an diesem Ort ihn erkannten, schickten sie Botschaft ringsum in das ganze Land und brachten alle Kranken zu ihm 36 und baten ihn, dass sie nur den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten, wurden gesund.

 Als sie an Land kommen, ist es, wie es immer ist: Aus allen Ecken des Landes werden die Kranken zu ihm gebracht. Es gibt regelrechte Nachrichtendienste: Er ist wieder da. „Sie organisieren Krankentransporte aus der ganzen Umgebung.“ (W.Klaiber, aaO., S.302) Die zu ihm gebracht werden, strecken sich nach ihm aus. Ihn berühren – das wird schon reichen, so wie bei der Frau mit dem Blutfluss (9,20).

Nach der Konfliktgeschichte in Jerusalem und der bedrohlichen Erzählung vom Ende des Täufers jetzt ein helles Bild. „Alle Wolken scheinen sich verzogen zu haben; alle Konflikte sind wie weggeblasen. Matthäus zeigt den frommen  Juden Jesus inmitten eines ihm freundliche gesinnten Volks. Jesus wendet sich seinem Volk zu und heilt alle seine Kranken.“ (U.Luz, aaO., S.413)

 Er hat nicht übertrieben, als er sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“(11,28) Bei ihm ist wirklich Hilfe und Halt und Rettung.

 

Herr, wir sind unterwegs in Ängsten, in Nächten, in Stürmen, in unsicheren Zeiten. Woran kann ich mich halten in unsicheren Zeiten? Ich halte mich an das, was ich kenne, was bis hierher geholfen hat. Ich halte mich an die, die mit mir unterwegs sind im gleichen Boot mit den gleichen Ängsten.

Das ist schon viel – Ein Boot im Sturm, Weggefährten in der Angst.

Aber dann kommst Du. Fürchte dich nicht. Sei getrost.

In meiner Angst lasse ich Dich nicht aus den Augen, sinke und rufe nach Dir, strecke die Hand aus. Du kommst mir näher. Ich habe Angst und Du kommst mir näher. Ich schreie und Du kommst mir näher. Ich sinke und Du hältst mich fest. Immer sinke ich in Deine Hände. Amen