Berge versetzen?

Matthäus 21, 18 – 22

18 Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn. 19 Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.

             Eine merkwürdige Geschichte. Ein verärgerter Jesus, der einen Feigenbaum verflucht. Weil er an ihm für seinen Hunger nach Früchten sucht, aber keine findet. Was an für sich in der Jahreszeit – Frühjahr! – kein Wunder ist, auch keine Verweigern von Frucht. Um diese Jahreszeit kommen erst die ersten Blätter. Aber sie sind nur Vorboten der zukünftigen Frucht.

Was für eine Reaktion! „Ein infantiler Racheakt, ähnlich den Strafwundern, von denen die sogenannten Kindheitsevangelien berichten.“ (W.Klaiber, aaO.; S.101) So soll „Jesus in einem Wutanfall den Sohn des Annas wie einen Baum verdorren haben lassen, weil der Junge ihn beim Spielen störte.“(Kindheits-Evangelium des Thomas 1,4) Auf den ersten Blick wirkt es so. Es würde auch passen zur unbeherrschten Reaktion auf das bunte Tempeltreiben am Vortag.

Nur: Das Matthäus-Evangelium hat überhaupt kein Interesse an der psychischen Verfassung Jesu. Es ist auch kein Protokoll über Taten, die sich entsprechend auslegen lassen. Es erzählt vom Weg Jesu nach Jerusalem. Von seiner Suche nach dem Volk, von seiner Suche nach Frucht, nach dem Tun des Willens des Vaters im Himmel bei denen, die ihm begegnen.

Das könnte ein Hinweis sein: der Feigenbaum, so real er auch dort herumstehen mag, fruchtlos, ist doch zugleich ein Symbol. Für die Fruchtlosigkeit, die er im Volk findet. Der Feigenbaum taucht „biblisch mehrfach als Bild für Israel und Feigen als solches für Israelit/Israelitin auf.“ (U.Luz aaO.; S.201)Dann hätten wir es in dieser Verfluchung mit einer zweiten Zeichenhandlung nach der Tempelreinigung zu tun. Die Fruchtlosigkeit Israels wird festgestellt – für immer. In Ewigkeit. Aber nicht nur festgestellt in dem Sinn, dass sie konstatiert wird, sondern in dem Sinn, dass sie verhängt wird. Das Wort Jesu, so bezeugt es ja diese Geschichte, ist wirkendes Wort. „Berge versetzen?“ weiterlesen

Raum schaffen

Matthäus 21, 12 – 17

12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler 13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

             Merkwürdig: Matthäus hält sich nicht bei dem Stadtgespräch auf. Die „Fans von Jesus“ (W.Klaiber, aaO.; S.95) bleiben unter sich, allein gelassen, zurück in der Stadt. Es wirkt beiläufig, wie er weiter erzählt.  Jesus geht in den Tempel. Betritt er ihn allein? Jedenfalls steht er im Geschehen, das folgt, im Mittelpunkt. Alles konzentriert sich auf ihn.

Was sich da im Folgenden abspielt, findet wohl kaum im eigentlichen Tempel statt, sondern auf dem Tempelgelände, vielleicht im Vorhof der Völker. Das ist ein riesiges Areal, fast 10 Hektar groß, um ein Mehrfaches also größer als der gewiss nicht kleine Platz vor dem Petersdom in Rom. Dort haben Geldwechsler und Viehhändler ihre Stände aufgeschlagen. Sie werden benötigt, um den Opfer-Betrieb am Tempel sachgerecht durchführen zu können. Sie haben eine wichtige Rolle für den kultisch korrekten Ablauf der Tempel-Aktivitäten. Sie sind unersetzliche Mitwirkende.

Unter ihnen richtet Jesus Chaos an. Vertreibt sie. Stößt ihre Tische um. Bringt ihr Geschäft zum Erliegen. Das Ganze nicht als stumme Aktion, sondern deutlich kommentiert: Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

 Es ist eine Szene, die manche lieben: Jesus als radikaler Kritiker des Kult-Betriebes. Wunderbar anwendbar auch auf heutige Kirchen- und Kultkritik. Jesus in der Rolle des Revolutionärs.

Ernsthaft: Es hat den Versuch gegeben, erstmals im 18. Jahrhundert, diese Szene als eine im Kern politische Aktion Jesu zu beschreiben. Er versucht die Macht-Übernahme als messianischer Heilskönig. Das aber ist politisches Handeln, weltlicher Machtanspruch. Und erst, als dieser Versuch am Kreuz scheitert, wird sein ganzes Handeln nachträglich umgewertet. So gelesen, sind die Evangelien das Produkt einer grandiosen Geschichtsfälschung, die aus dem Scheitern durch Umschreiben doch noch etwas zu machen versucht. Der „historische Jesus“ aber wollte nicht den Glauben, sondern den Umsturz. „Raum schaffen“ weiterlesen

Einzug

Matthäus 21, 1 – 11

 1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

             Der Weg von Jericho nach Jerusalem, durch das Wadi Kelt, ist geschafft. Vor den Jüngern und Jesus liegt Jerusalem, nahe am Ölberg das Dörfchen Betfage. Dorthin sendet Jesu zwei Jünger voraus. Nicht um Quartier zu machen, sondern ein Reittier zu organisieren. Eine Eselin samt ihrem Fohlen.

Es ist wieder einmal unerklärliches Vorauswissen Jesu, Hellsichtigkeit, die hier aufleuchtet. Er weiß, dass die Jünger die Tiere finden werden. Er weiß, dass die Erklärung  Der Herr bedarf ihrer, genügen wird, damit der Besitzer sie den Jüngern überlässt. „Jesus beansprucht hier also fremden Besitz, wie ein König denjenigen seiner Untertanen.“ (U.Luz, aaO.;S.180)

             Es ist gerne darüber spekuliert worden, ob der Besitzer nicht ein Verbindungsmann Jesu in Betfage sein könnte, ähnlich wie bei dem „jemand“(26,18), der später in Jerusalem den Abendmahlsraum zur Verfügung stellen wird. Mir leuchtet das nicht ein. Vielmehr spricht alles in der Art des Erzählens dafür: Jesus ist hier der, der souverän handelt und seinen Einzug regelrecht „inszeniert.“

 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

             Das Zitat, das Matthäus anführt, unterstützt diese Sicht. Jesus erfüllt die Schrift. Πληρόω ist ein Erfüllen, das mehr als nur „nachmachen“ meint. Durch dieses Tun wird die noch unvollendete Schrift ganz, erfüllt, an ihr Ziel gebracht. Jetzt ist sie „voll“. Zugleich gibt Jesus durch sein Tun einen Hinweis, wie er gesehen werden will: Als der König, der sanftmütig kommt, demütig, als Friedenskönig, hatte er doch von sich selbst gesagt: denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (11,29) „Einzug“ weiterlesen

Jericho

Matthäus 20, 29 – 34

29 Und als sie von Jericho fortgingen, folgte ihm eine große Menge.

             Man kann fragen: Hat die Szene mit den Zebedäus-Söhnen sich in Jericho abgespielt? Und das, was jetzt folgt, geschieht am Ortsrand von Jericho? Bevor sich der Weg über die Berge nach Jerusalem wendet. Eben noch waren nur die Jünger Jesu im Blick. Jetzt aber eine große Menge, ein Haufen Volks. Die ihm folgen. Einmal mehr das so hoch besetzte Wort für das äußerliche hinter Jesus her laufen. Auch jetzt noch, auf dem Weg nach Jerusalem ist es so: das Volk geht Jesus nach. 

 30 Und siehe, zwei Blinde saßen am Wege; und als sie hörten, dass Jesus vorüberging, schrien sie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

             Am Weg zwei Blinde. Warum sie dort sitzen, erfahren wir nicht. Ob sie immer dort sind, blinde Bettler, angewiesen auf Almosen, auch das wird nicht gesagt. Sie sind einfach da und hören, wer vorüber geht. Und fangen an zu schreien:  Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

  31 Aber das Volk fuhr sie an, dass sie schweigen sollten. Doch sie schrien noch viel mehr: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

             Das Volk – die, die Jesus nachlaufen, will sie zum Schweigen bringen. Warum eigentlich? Warum stören sie sich denn an diesem Rufen? Jesus wird doch durch ihr Schreien als Herr – κριε – und als Sohn Davids –  υἱὸς Δαυδ – hoch geehrt.

Man könnte auf die Idee kommen: Genau darum geht es. Dieses Rufen nach Jesus, dieses ihn um Hilfe Bitten, diese Anerkennung in den Anreden, geht denen zu weit, die nur ein wenig neugierig auf Jesus sind. Es stellt womöglich das Volk in seiner Unentschiedenheit in Frage, dass hier zwei so genau „wissen“, wen sie da vor sich haben. Es kann auch sein, in diesem Anfahren meldet sich die Erfahrung der Gemeinde, die in ihrem Umfeld oft genug angefahren wird, kritisch betrachtet wird, dies manchmal zu hören bekommt: `Macht doch nicht so ein Geschrei um diesen Jesus. Der ist auch nur ein Mensch.´ „Jericho“ weiterlesen

Lösegeld

Matthäus 20, 17 – 28

17 Und Jesus zog hinauf nach Jerusalem und nahm die zwölf Jünger beiseite und sprach zu ihnen auf dem Wege: 18 Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen 19 und werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tage wird er auferstehen.

             Jetzt beginnt endgültig der Weg nach Jerusalem. Jesus mit den Zwölfen. Wie um sie vorzubereiten, wie um ihnen die Möglichkeit zu nehmen, das, was er schon zweimal angekündigt hat, weiter zu verdrängen, zum dritten Mal: eine fast minutiöse Ankündigung dessen, was geschehen wird. Auslieferung, Verurteilung, Verspottung, Kreuzigung. Und am dritten Tag wird er auferstehen.

             Übergenau wird der Ablauf der Ereignisse in Jerusalem vorweg genommen. War in den früheren Leidensansagen nur vom „töten“ die Reden, so wird es jetzt präzise benannt: sie werden ihn kreuzigen.

             Man hat gerne ableiten wollen: Das alles ist erst im Nachhinein Jesus in den Mund gelegt. Aus dem tatsächlichen Ablauf der Ereignisse seien Ankündigungen ex eventu, vom Ausgang her, formuliert geworden. Ich vermag mich nicht damit anzufreunden, sondern mir scheint es schlüssig: Jesus, der seine Gegner kennt, der weiß, dass er es mit erbitterten Feinden zu tun hat, auch, dass er die Ordnung, auch die staatliche Ordnung stört, wäre einigermaßen naiv gewesen, wenn er mit jubelnden Empfängen in Jerusalem gerechnet hätte. Er, der von Anfang an sich als den sieht, der das Volk Gottes sammeln soll, der den Kleinen, den Niedrigen, den Armen das Evangelium zuspricht, sollte nicht gewusst haben, dass das im schreienden Gegensatz zu allen Interessen von Macht und Politik und religiösem Einfluss steht? Er, der den Ungehorsam Israels gegen seinen Gott aus den Büchern der Hebräischen Bibel kennt, der die Lieder vom Gottesknecht wieder und wieder gelesen hat, wie sollte er dessen Geschick nicht auf sich und seinen Weg beziehen?      „Lösegeld“ weiterlesen

Kein Neid

Matthäus 20, 1 – 16

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

             Nach den Diskussionen und kurzen, aber scharfen Worten jetzt ein Gleichnis. Ein Himmelreich-Gleichnis. Einmal mehr zeigt sich: „Alles Irdische ist gleichnisfähig.“ Das macht seine Würde aus, die Würde des Alltags. Er ist durchsichtig auf die Wirklichkeit Gottes hin. Wenn ihn einer wie Jesus durchsichtig macht. Hier also: Einstellung von Tagelöhnern.

Man muss sich hüten, erst recht bei einer so langen Gleichnis-Erzählung, Zug um Zug auszulegen. Jede kleine Einzelheit gleich gewichtig zu betrachten. Aber immerhin: hier werden Arbeiter für einen Weinberg angeworben. Jeder jüdische Zuhörer hört also mit: Der Weinberg ist Bild für Israel, für das Gottesvolk.

 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

             Jesus lässt seine Zuhörer Zeugen von Einstellungsgesprächen, Lohnverhandlungen werden. Es sind keine Spezialisten, die gesucht werden – Tagelöhner. Keine Alleskönner, auch nicht unbedingt Spitzenkräfte, Ausnahmebegabungen, sondern normale Menschen. So wie sie im Weinberg gebraucht werden. Der ausgehandelte Lohn ist fair: Er sichert „die Summe, die man brauchte, um eine Familie für einen Tag zu ernähren.“(W.Klaiber, aaO.;S.75)

             Der Vorgang wiederholt sich, bis auf den letzten Drücker, möchte man fast sagen. Auffällig genug: Der Hausvater klagt keinen an: Warum warst du nicht schon am frühen Morgen da? Er stellt keinen zur Rede: Wo hast du dich herum getrieben, als ich zum ersten Mal nach Leuten gesucht habe. Er sucht, ruft und stellt ein. Er gibt Leuten, die nichts mit sich anfangen können, eine Chance, eine Perspektive: Ich kann dich brauchen! Morgens in der Früh, drei Stunden später, sechs Stunden später, neun Stunden später – nur mit dem Versprechen: ich will euch geben, was recht ist. Sogar noch kurz bis vor Feierabend. Aber dann ganz ohne Lohnabsprachen. „Kein Neid“ weiterlesen

Es ist genug

Matthäus 19, 27 – 30

27 Da fing Petrus an und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?

             Petrus steht noch ganz unter dem Eindruck des vorher Gesagten. Und holt doch tief Luft. Ist hier, wie so oft der Sprecher für alle Jünger, auch für alle, die später diesen Weg des Glaubens gehen werden. Siehe sagt Petrus. Jesus sagt oft Siehe – immer, wenn er Aufmerksamkeit erreichen will. So klingt das Siehe des Petrus auch – als ein Aufmerksamkeits-Zeichen an Jesus! Als ob der es nicht wüsste, vor Augen hätte: wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

 Sie haben getan, was der junge Mann verweigert hat. Sie haben das Unmögliche (19,26) getan. Oder müsste man besser sagen: der Ruf Jesu hat sie über sich selbst hinausgerufen, hat das Unmögliche an ihnen gewirkt. Dass sie sich ganz Gott anvertrauen. Das Vertrauen auf den Vater im Himmel zu lernen begonnen haben.

Und dann die Frage, die wir verlernt haben. Was wird uns dafür gegeben? Theologisch wohlbegründet lehnen Evangelische so etwas ab. Ganz fromm: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.“ (W.Löhe) Wir dienen nicht um Lohn. „Der Gedanken an einen himmlischen Lohn ist dem Juden und Jesusjünger Matthäus selbstverständlich.“ (U.Luz, aaO.;S.128)

 Wir mögen als Pfarrer/Pfarrerinnen mit noch so guten theologischen Gründen gegen den Lohngedanken argumentieren. Ihn verwerfen, gar verteufeln. Man kann sagen, dass er den reinen Glauben verdirbt. Aber Menschen fragen bis heute so: Lohnt sich denn das Christsein? Was bringt es denn, an Gott zu glauben? Ändert es etwas zum Guten im Leben, wenn ich an Gott glaube? Wie antwortet Gott auf die Hingabe, die seinen Willen sucht und seinen Weg zu gehen versucht?

Wenn wir ehrlich sind – wir selbst stecken in diesem Gedanken auch mit drin. Unvergesslich das Gespräch mit einem lieben Kollegen. „Wenn ich da oben ankomme, dann möchte ich schon, dass einer sagt: das hast du gut gemacht.“ Lob als Lohn. Weniger sollte es doch nicht sein!  „Es ist genug“ weiterlesen

Was muss ich tun?

Matthäus 19, 16 – 26

16 Und siehe, einer trat zu ihm und fragte: Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?

 Einmal mehr wechselt der Schauplatz. Die Kinder sind verschwunden und auch die, die sie gebracht hatten. Stattdessen tritt  – ein wenig unbestimmt – einer zu Jesus und fragt. Meister redet er Jesus an. Διδσκαλε. Das ist schon noch ehrfürchtig. Aber es ist nicht die Anrede der Gemeinde, der Jünger, derer, die Jesus nachfolgen. Die sagen: Herr.

Seine Frage aber hat es in sich: Was soll  ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? Es geht um den Weg in den Himmel: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ Wie sieht diese Frömmigkeit aus? Was gehört dazu? Opfer, Almosen, Gesetzestreue? Was ist das Gute, das den Himmel eröffnet?

Es steht offensichtlich außer Frage: Es geht ums Tun. Nicht um richtiges Bekenntnis,  auch nicht um Gläubigkeit, um eine innere Haltung. Nicht um Frömmigkeits-Übungen. Die Frage unterstellt: Es gibt Gutes, γαθν,  das getan werden soll, das den Weg zum Himmel öffnet.  Davon geht der Fragende aus: Jesus kann über dieses Gute Auskunft geben. Er, der ein Lehrer ist.

In der Frage meldet sich eine Sehnsucht, die er nicht in sich selbst hineingelegt hat, die auch nicht anerzogen ist  – diese Sehnsucht kommt aus Gott. Es ist die Sehnsucht nach dem Leben, das gültig ist, auch wenn es durchkreuzte Hoffnungen und Pläne gibt, das bleibt, auch wenn wir loslassen müssen, was uns wichtig war, das seine Erfüllung findet über die Zeit hinaus, in der Ewigkeit bei Gott. In der Sehnsucht nach diesem Leben spüre ich mich verwandt mit dem Fragenden. „Was muss ich tun?“ weiterlesen

Für alle

Matthäus 19, 13 – 15

13 Da wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er die Hände auf sie legte und betete.

Das Bild wechselt. Nicht mehr Debatte, sondern Geschehen. Eltern, vielleicht auch nur Mütter oder Großmütter, bringen Kinder zu Jesus. Wer sie bringt, ist nebensächlich. Wichtig ist nur, dass sie zu Jesus gebracht werden. Gebracht muss nicht heißen: getragen. Es müssen also nicht nur Kleinkinder sein, die noch nicht laufen können. Aber das griechische παιδα wird vorzugsweise für Kinder bis zum Alter von sieben Jahren verwendet.

Während aber im Blick auf Eltern und Kinder vieles unbestimmt bleibt, ist die Absicht umso klarer benannt, in der die Kinder gebracht werden: damit er die Hände auf sie legte und betete. „Die Hände aufzulegen ist eine Geste, mit der in der Bibel die Weitergabe von Segen oder Vollmacht vollzogen wird.“(W.Klaiber, aaO.; S.63) So wird erzählt, dass der sterbende Jakob die Söhne Josefs, seine Enkel, unter Handauflegung segnet. So kann also in der Bitte derer, die kommen, alte Tradition mitschwingen: „die Segnung der Kinder durch die Ältesten am Versöhnungstag.“ (E.Schweizer, aaO.; S.251) So, wie auch heute noch manches Kind auch mit der Begründung getauft wird, „dass die Oma es so will“ oder „weil es so schön feierlich ist.“ Ein schöneres Willkommen im Leben als es nur eine Geburtsurkunde vom Standesamt signalisiert.   

 Es geht nicht nur um ein schönes Ritual, sondern um wirkliches Geschehen. Wenn Jesus das tut, für die Kinder betet, mit ihnen betet, dann geschieht etwas. Sie werden in die Gegenwart Gottes gestellt. Sie bekommen Anteil an seiner Lebenskraft, an seiner Macht. Sie werden von Jesus sozusagen mitgenommen vor den Thron seines Vaters im Himmel. Es ist zum Verstehen dessen, was hier geschieht, gut sich an frühere Worte Jesu zu erinnern: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(18,20) Diese Gegenwart Jesu schließt Kinder mit ein.  „Für alle“ weiterlesen

Was Gott zusammen fügt

Matthäus 19, 1 – 12

 1 Und es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, dass er sich aufmachte aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordans; 2 und eine große Menge folgte ihm nach und er heilte sie dort.

             Der Satz Und es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, begegnet so ähnlich auch nach der Aussendungsrede (11,1) als Überleitung zu dem, was folgt. Die „Gemeinderede“ in Kapitel 18 ist abgeschlossen. Es fängt Neues an, auch durch den Wechsel der Orte gekennzeichnet. Jesus verlässt Galiläa und bricht nach Judäa auf. Es wird ein Abschied für immer. Wenn auch nicht ganz: Der Auferstandene wird seinen Jüngern in Galiläa neu begegnen! (28, 16)

             Es ist offen, wie genau zu lesen ist: Folgt ihm eine große Menge aus Galiläa nach Judäa? Eine regelrechte Völkerwanderung – viele Volksscharen. Oder ist es so, dass er auch in Judäa viele findet, die sich zu ihm halten, ihm folgen, ihn suchen? Auch wenn das in der Schwebe bleibt, sichtbar wird: er setzt seinen Weg als Helfer, als der, der sich der Not von Menschen annimmt fort. Wenn man so will: seine Arbeit ist noch nicht getan. Er setzt sie aber – zunächst – nicht fort als Lehre, sondern als „Heiltätigkeit.“ Matthäus hat keine Scheu davor, das Bild Jesu als das Bild des Heilers, des Heilandes zu zeichnen.

  3 Da traten Pharisäer zu ihm und versuchten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, dass sich ein Mann aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheidet?

             In diese Szene treten, plötzlich, Pharisäer hinein. Nicht als Leute, die Hilfe suchen, sondern die Klarheit wollen. Eine Klarheit, die Matthäus wertet: πειρζοντες. Versuchen, Prüfen, auf die Probe stellen. Sie sammeln Beweispunkte, könnte man lesen. Aber auch: Sie wollen wissen, woran sie mit ihm sind. So wie es auch schon bei den Zeichenforderungen war.

Wie hält Jesus es mit dem Gesetz? Das ist ihre Frage, die sie schon seit den ersten Begegnungen und Debatten über den Sabbat umtreibt. Diese Frage wird erneut gestellt, diesmal angeheftet an das Problem Ehescheidungen. Es gibt zur Zeit Jesu, grob gesagt, zwei Richtungen, die jüdische Lehrer vertreten: Für die einen reicht schon als irgendein Grund das angebrannte Essen aus, um eine Frau wegzuschicken. Die andere ist strenger. Für sie ist nur der Ehebruch der Frau ein zulässiger Scheidungsgrund. Zu welcher Seite neigt Jesus? „Was Gott zusammen fügt“ weiterlesen